Mr. Holmes

Wer dachte, aus Sir Arthur Conan Doyles berühmten Detektivgeschichten ließe sich auf der Leinwand auch eben nichts Anderes zaubern, der wird mit dem melancholischen Altersdrama MR. HOLMES eines Besseren belehrt. Ausgerechnet ein „Twilight“-Regisseur lässt in dieser Hommage an den größten Meisterdetektiv aller Zeiten Genregrenzen verschwimmen und inszeniert eine liebevolle Verbeugung vor dem Älterwerden. Mehr dazu in meiner Kritik.Mr Holmes

Der Plot

England 1947: Der berühmte Meisterdetektiv Sherlock Holmes (Ian McKellen) ist mittlerweile 93 Jahre alt. Mit seiner neuen Haushälterin Mrs. Munro (Laura Linney) und deren elfjährigem Sohn Roger (Milo Parker) lebt er zurückgezogen auf seinem Landsitz in Sussex und kümmert sich um seine Bienen. Beunruhigt stellt das einstige Mastermind fest, dass ihn sein legendäres Gedächtnis langsam aber sicher im Stich lässt. Vor allem plagt ihn, dass er sich nicht mehr an den Fall erinnern kann, der ihn vor 30 Jahren dazu brachte, sich aus dem Detektivgeschäft zurückzuziehen. Er weiß nur noch, dass es um eine schöne Frau ging. Mehr und mehr gelangt Holmes zu der Überzeugung, dass er unbedingt herausfinden muss, was damals wirklich passiert ist. Und so macht Sherlock Holmes sich auf, seinen letzten großen Fall zu lösen.

Kritik

Manche Literaturerzeugnisse sind einfach zeitloser als andere. Besonders zu spüren bekäme das dieser Tage der britische Schriftsteller Sir Arthur Conan Doyle, der mit den Geschichten rund um Meisterdetektiv Sherlock Holmes und seinen Assistenten Dr. John Watson vom Ende des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts Krimis schrieb, die noch in der Gegenwart immer wieder regelmäßig neu entdeckt und zu Trends gemacht werden. 2009 manövrierte der britische Star-Regisseur Guy Ritchie („Codename U.N.C.L.E.“) das Ermittlerduo erstmals in Blockbusterform auf die große Leinwand, ehe im Rahmen dieser Reihe zwei Jahre später ein zweiter Film, „Spiel im Schatten“, entstand. 2010 musste sich die Pfeife rauchende Kultfigur direkt von zwei Serienschöpfern einer Generalüberholung unterziehen lassen: Für „Sherlock“ schlüpfte Benedict Cumberbatch („The Imitation Game“), für „Elementary“ Jonny Lee Miller („Dark Shadows“) in die Rolle des Sherlock Holmes. Und der Trend, sich im neuen Jahrtausend nach wie vor an den Geschichten Doyles zu bedienen, reißt nicht ab. Gleichwohl widmet sich „Breaking Dawn“-Regisseur Bill Condon der Vorlage einmal auf eine ganz andere Weise. Für sein melancholisches Alzheimerdrama „Mr. Holmes“ wird Ian McKellen („Der Herr der Ringe“-Trilogie) zum mittlerweile 93 Jahre alten und im Ruhestand befindlichen Detektiv, der aus eine gewissen metafiktionalen Distanz auf seine Vergangenheit blickt und für den sein eigenes Leben zu seinem letzten großen Fall werden soll. Ein inszenatorisch bisweilen etwas schwerfälliges, dafür aber beeindruckend authentisches und überraschend berührendes Filmprojekt.

Mr Holmes

In „Mr. Holmes“ geht es im Grund genommen um drei verschiedene Dinge. Da wäre zum einen die in den vergangenen Jahren immer stärker fortgeschrittene Alzheimererkrankung von Sherlock Holmes, der sich im Alltag damit auseinandersetzen muss, dass er vom Lauf der Zeit mehr und mehr in die Knie gezwungen wird. Daraus entsteht der zweite Handlungsstrang: Mühlselig versucht der alternde Ermittler die Scherben seines Gedächtnisses wieder zusammenzusetzen, um sich an einen Fall zu erinnern, mit dem er in seiner aktiven Zeit konfrontiert wurde und der ihn bis heute nicht los lässt. Dieser Plot erinnert am ehesten an das, was gemeinhin unter einer „Sherlock-Holmes-Geschichte“ verstanden wird; Bill Condon begibt sich auf Krimi-Terrain, funktioniert seine Hauptfigur vom tattrigen Greis zum engagierten Ermittler um und wirft dem Publikum häppchenweise Anhaltspunkte dafür vor, was Holmes damals widerfuhr. Hier arbeitet das Drehbuch von Jeffrey Hatcher („Die Herzogin“) mit falschen Pfaden, unterschiedlichen Verdächtigen und orientiert sich stark am Aufbau einer klassischen Whodunit-Geschichte. Das Einzige, was sie von herkömmlichen (TV-)Krimis dieser Art unterscheidet, ist die sichtbare Reduktion des Tempos. Im Hinblick auf die in „Mr. Holmes“ arg in den Hintergrund gerückten Ermittlerfähigkeiten des Protagonisten böten die Ausmaße des Falles allenfalls Erzählstoff für etwa eine halbe Stunde. Doch das Skript bettet die auf der Zielgeraden äußerst mitreißend inszenierten Geschehnisse so zurückhaltend auf, während er sie zeitgleich in die persönlichen Umstände des Detektivs integriert, dass sie einen 100 Minuten langen Spielfilm ausfüllen können, ohne künstlich in die Länge gezogen zu wirken.

Den dritten Handlungsfaden in „Mr. Holmes bildet das Verhältnis zwischen Sherlock Holmes, seiner um ihren Chef besorgten, mit dessen teils unvorsichtigen Gehabe aber nicht ganz zufriedenen Haushälterin Mrs. Monroe (Laura Linney) und ihrem Sohn Roger. Auf den ersten Blick gerät der von „Gespensterjäger“-Star Milo Parker sensibel verkörperte Roger zwischen die Fronten zwischen Sherlock Holmes, der sich wie ein Mentor um den aufgeweckten Jungen sorgt, sowie seiner Mutter, die sich im Laufe der Geschichte gar entschließt, die Arbeit für ihren Chef aufzugeben, um in eine andere Stadt zu ziehen. Bill Condon inszeniert diese Zwiespalt nie als aktive Auseinandersetzung. Stattdessen lässt er zwischen den Zeilen besinnliche Töne anklingen, die innerhalb dieses Zusammenlebens komplexe, differenzierte Emotionen aufkommen lassen. Hier möchte Niemand jemanden dem anderen madig machen. Doch insbesondere Milo Parkers Roger sieht sich in seiner Position als Kind mit der Frage konfrontiert, wie beeinflussbar er ist, sein darf (und muss), ohne sich selbst zu verleugnen.

Mr Holmes

Das Thema der Beeinflussbarkeit zieht sich wie ein roter Faden durch „Mr. Holmes“, der trotz seiner sehr gesitteten Inszenierung nie langweilig wird. Die einzelnen Faktoren greifen in dieser Genremischung aus Altersdrama, Krimi-Abenteuer und komödiantischen Ansätzen hervorragend ineinander und machen aus „Mr. Holmes“ einen komplexen Film, der viele Themen streift, ohne überladen zu wirken. Das liegt insbesondere an den sehr filigran konzipierten Dialogen, die „Mr. Holmes“ zu einem solchen Film machen, in dem auf der Leinwand nicht viel passiert. Das Drama ist kein Film großer Schauwerte (Kameramann Tobias A. Schliessler findet in seiner Arbeit trotzdem über alle Maße elegante Bilder), sondern eine sensible Charakterstudie, die in den richtigen Momenten von sich ablässt, um die Szenerie mit jenen Dingen aufzupeppen, mit denen Sir Arthur Conan Doyle seinen Detektiv einst so bekannt machte: mit unkonventionellen Ermittlermethoden. Doch gerade bei der Wahl, sich der Figur Sherlock Holmes zu nähern, indem man sie als Ruheständler dokumentiert, bietet obendrein allerhand Möglichkeiten der Selbstreflexion. Wenn der von Ian McKellen mit einer enormen Würde verkörperte Detektiv im Kino die Verfilmungen seiner bekanntesten Fälle verfolgt – John Watson hat während der aktiven Zeit als Ermittler schließlich brav Tagebuch geführt und die Geschichten schließlich meistbietend verkauft – begibt sich „Mr. Holmes“ raus aus seinem Status als simple „Sherlock Holmes“-Adaption. So steckt schlussendlich viel, viel mehr in Bill Condons Film, als man es ihm auf den ersten Blick zugetraut hätte.

Fazit: Bill Condons hochelegant in Szene gesetzte Regiearbeit „Mr. Holmes“ ist eine erfrischende Mischung aus Drama, Krimi und Komödie, die uns Sherlock Holmes aus einer völlig neuen Perspektive zeigt. Für Ian McKellen ist diese Hauptrolle obendrein wie ein Bewerbungsschreiben für die kommenden Filmawards.

„Mr. Holmes“ ist ab dem 24. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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