Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis

Nimmt Hollywoodstar Jake Gyllenhaal in NIGHTCRAWLER – JEDE NACHT HAT IHREN PREIS Kurs auf seinen ersten Oscar? Zu gönnen wäre es ihm. Unter der Leitung von Drehbuchautor und Regiedebütant Dan Gilroy liefert der Charaktermime eine atemberaubende Tour de Force ab, die hinter die tiefschwarzen Kulissen des US-amerikanischen Nachrichtenfernsehens blickt. Lest mehr zum Film in meiner Kritik.

Der Plot

Der arbeitslose Lou Bloom (Jake Gyllenhaal) schleppt sich von Bewerbungsgespräch zu Bewerbungsgespräch, doch das Glück ist ihm schon lange nicht mehr hold. Aus der Not heraus besorgt er sich Videokamera und Mikrophon und versucht, sich ein eigenes Standbein als Nightcrawler aufzubauen – jener zwielichtigen Katastrophenreporter, die bei ihrer Arbeit buchstäblich über Leichen gehen müssen. Immer auf der Suche nach dem explosivsten Bildmaterial begibt er sich auf die nächtlichen Straßen von Los Angeles, um bei Unfällen, Schießereien und anderweitig brutalen Gewalttätigkeiten als Erster vor Ort zu sein und das Geschehen mit der Kamera festzuhalten. Als der sich stets in der Grauzone zwischen Legalität und Straftat bewegende Lou mit einem großen Fernsehsender endlich einen Abnehmer für seine Arbeit findet, stellt er nicht nur einen, wie er sagt, Praktikanten ein, sondern findet immer mehr Gefallen an dem ominösen Geschäft mit dem Leid anderer Menschen. Wie weit wird er für diese für sich entdeckte Berufung gehen?

Kritik

Der 33-jährige US-Amerikaner Jake Gyllenhaal kann auf eine beispielhafte Schauspielkarriere zurückblicken. Angefangen als Nischenfilmdarsteller in „Donnie Darko“ über sein Engagement im klassischen Blockbusterkino der Marke „Prince of Persia – Der Sand der Zeit“ ist der US-Mime mittlerweile längst zum Charakterdarsteller aufgestiegen. Das Entführungsdrama „Prisoners“, in welchem der kantige Akteur zuletzt an der Seite von Hugh Jackman brillierte, stellt nach „Brokeback Mountain“ das zweite Oscar-nominierte Spielfilmprojekt dar, an welchem Gyllenhaal als Darsteller mitwirkte. Sich dessen bewusst wählte Drehbuchautor Dan Gilroy niemand Geringeren als den 33-jährigen Academy-Award-Nominee für die Darstellung der Hauptfigur seines Regie-Debüts. Nach seiner zuletzt doppelbödig-intensiven Darbietung im Mysterythriller „Enemy“ schlüpft Gyllenhaal in „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ einmal mehr in die Rolle eines manisch-unberechenbaren Eigenbrödlers. Besser hätte es Gilroy mit diesem Besetzungscoup nicht treffen können: Der intensive Thriller entpuppt sich sukzessive als eine One-Man-Show des Schauspiel-Wunderkindes, was „Nightcrawler“ über die ein oder andere Drehbuchschwäche hinweghilft.

Nightcrawler

Immer wieder hört man in den aktuellen Nachrichten von fehlender Zivilcourage. Menschen werden zu Tode geprügelt, während die Umstehenden zusehen, Staus entstehen in den allermeisten Fällen nicht durch den Unfall an sich, sondern aufgrund der langsam am Geschehen  vorbeifahrenden Gaffer und eh man heutzutage den Notruf wählt, wird das Smartphone lieber zum Filmen des Ereignisses gezückt. Nicht zuletzt aufgrund derlei verschobener, moralischer Prinzipien kommt „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ mit einer gesellschaftspolitischen Brisanz daher, wie sie wohl nur das US-amerikanische Independentkino hervorbringen könnte. Hierfür verantwortlich zeichnet mit Dan Gilroy zwar kein Unbekannter, nach Skripts für Popcornproduktionen wie „Real Steel“ oder „Das Bourne Vermächtnis“ schlägt sein Regiedebüt jedoch nicht unbedingt in dieselbe massentaugliche Kerbe. In visuell enger Anlehnung an den Neo-Noir-Kultfilm „Drive“ und straight vorangetrieben, als säße man in einem artverwandten Actionthriller à la „Training Day“ kombiniert Schreiber und Regisseur Gilroy verschiedene, inszenatorische Ansätze und macht seinen „Nightcrawler“ zu einem von vielen Seiten inspirierten Film, ohne dabei zu vergessen, ihm einen Originalitätsstempel aufzudrücken. Zwar verliert Gilroy mehr als einmal die vielen Handlungsstränge aus den Augen, doch nicht umsonst kann sein Film von einem Hauptdarsteller zehren, für den es ein Leichtes ist, die roten Fäden schnell zusammenzusammeln.

Gyllenhaals Lou umwabert von Anfang an eine merkwürdige Aura. Sein Dauergrinsen kann nie über die emotional-aggressiven Gefühlsausbrüche des schwer einschätzbaren Zeitgenossen hinwegtäuschen. Und doch ist Lou kein unangenehmer Mensch. Von seiner Umwelt an den Rand der Gesellschaft gedrängt, findet er seine Berufung darin, Situationen festzuhalten, die ihn aus seiner Lethargie herausreißen und ihm aufzeigen, dass es Leute gibt, denen es schlechter geht als ihm. Dabei verschieben sich die moralischen Werte Lous nach und nach ins Abnormale und seine Sichtweise aufs Geschehen entwickelt sich in eine gefährliche Richtung. Als der Nightcrawler mit Rick, solide dargeboten von „Dead Set“-Star Riz Ahmed, eine helfende Hand ins Boot holt, erhält nicht nur Lou Hilfe, sondern auch das Publikum bekommt mit dem ebenso charismatischen wie schüchternen Schönling eine ideale Identifikationsfigur an die Hand. Die Vorsicht, die Rick bei seiner Arbeit an den Tag legt, steht im krassen Kontrast zur überbordenden Leichtsinnigkeit, mit welcher Lou ans Werk geht. Dabei gelingt es Gyllenhaal gekonnt, Lous nahezu euphorischen Rausch Nacht für Nacht hervorzuheben. Dass ausgerechnet die Interaktion zwischen Gyllenhaal und Ahmed die Story immer wieder ausbremst, ist schade. Besonders in den dynamischen Momenten auf der Straße erhält der Zuschauer den perfekten Eindruck von der Chemie des Duos. Mehrere im Drehbuch platzierte, längere Dialogmomente können die sich vorab aufgestaute Spannung nicht aufrechterhalten und bremsen das Geschehen aktiv aus. Ein Glück, dass Gyllenhaal das Innere seiner Figur besonders in diesen Szenen stark hervorkehren kann.

Nightcrawler

Als besäße die Charakterentwicklung von Lou Bloom nicht genug Zugkraft, um „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ allein zu einem spannenden Stück Suspensekino zu machen, eröffnet Dan Gilroy in seinem Regiedebüt insgesamt drei Schauplätze, um seine Story darzubieten. Neben der Figurenformung seitens Gyllenhaal und dem stechend satirischen Blick auf die sensationsgeilen Mechanismen des internationalen Nachrichtenfernsehens platziert der Regisseur eine ebenso konfuse wie schwer durchdringbare Lovestory im Geschehen. Die zuletzt in „Thor“ und „Thor – The Dark Kingdom“ zu sehende Rene Russo gefällt sich sichtlich in der Rolle der unnahbaren Femme Fatale und Senderchefin Nina, deren Verbindung zu Lou mit fortschreitender Laufzeit immer weiter über das Geschäftliche hinaus geht. Wenngleich die zwischenmenschlichen Entwicklungen des offenkundig nur schwer zusammenpassenden Mann-Frau-Gespannes voll von erotischer Spannung sind, verläuft die Darstellung dieser Beziehungsentwicklung im Sande und erweist sich in ihrer Dialoglastigkeit ebenfalls als Bremse. Gott sei Dank hat auch dieser Storyabschnitt die Darsteller auf seiner Seite.

Seine Stärken hat „Nightcrawler“ unübersehbar dann, wenn Dan Gilroy durch Taten anstatt durch Worte auffällt. Vor der zumeist nächtlichen Kulisse der niemals ruhenden Stadt Los Angeles kreiert Kameramann Robert Elswit, dessen dreckig-unverfälschter Stil bereits in Filmen wie „8 MM – Acht Millimeter“ zu bestaunen war, betörend rauschhafte Bilder. Die beengte Kulisse von Lous Wagen perfekt ausnutzend bleibt Elswit stets ganz nah am Protagonisten, behält auch in den hektischsten Momenten den Überblick und macht nicht den Fehler, in eine allzu dokumentarische Sichtweise abzurutschen. Nur selten bekommt der Betrachter Bilder aus Gyllenhaals Perspektive respektive von seinem gefilmten Material zu sehen. Das unterstreicht den allzu fiktiven Charakter von „Nightcrawler“ und lässt eine gesunde Distanz zum Geschehen zu. Ergänzt werden diese visuellen Vorzüge durch die Arbeit von James Newton Howard. Der Komponist, der demnächst auch für „Die Tribute von Panem – Mockingjay“ verantwortlich zeichnet, hält sich zumeist angenehm zurück und stiehlt dem Leinwandgeschehen nicht die Show. Sein Sound treibt voran und fesselt.

Jake Gyllenhaal hungerte sich für seine Rolle auf Haut und Knochen herunter.

Jake Gyllenhaal hungerte sich für seine Rolle auf Haut und Knochen herunter.

Fazit: Trotz anklingender Vorschlaghammer-Satire ist „Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ auch dank des bravourös aufgelegten Hauptdarstellers ein interessantes Regiedebüt, das die Einflüsse aus Indie- und Hollywoodkino munter in sich vereint und damit eine Geschichte erzählt, wie sie brisanter nicht sein könnte. Die unterschiedlichen Ansätze wirken bisweilen unentschlossen. Auch die wenig dankbar platzierten Dialogpassagen fordern vom Publikum immer wieder Sitzfleisch. Sehenswert ist „Nightcrawler“ jedoch allemal.

„Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis“ ist ab dem 13. November bundesweit in den Kinos zu sehen.