My Friend Dahmer

Jeffrey Dahmer fand als Serienkiller zu zweifelhafter Berühmtheit. Ein Wegbegleiter in Jugendjahren verfasste eine Graphic Novel um den undurchschaubaren Außenseiter, die unter demselben Namen MY FRIEND DAHMER nun verfilmt wurde. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Den Teenager Jeffrey Dahmer (Ross Lynch) an seiner High School als Außenseiter zu bezeichnen, wäre noch zu viel des Guten: Für den zurückhaltenden Blondschopf interessiert sich niemand und deshalb besteht seine Freizeit vor allem darin, Tierkadaver aufzulesen und anschließend zu präparieren. Sein Vater (Dallas Roberts) heißt diese Entwicklung nicht gut. Nach einem Streitgespräch, in welchem er die chemischen Utensilien seines Jungen zerstört, bemüht sich Jeff in der Schule um Anerkennung, indem er regelmäßig Krampfanfälle vortäuscht und merkwürdige Laute von sich gibt. Damit imponiert er einigen Mitschülern, die sich plötzlich als Gruppe um ihn herum formieren. Doch ob die Jungs tatsächlich seine Freunde sein wollen, oder sich nur wieder über ihn lustig machen wollen, kann Jeff lange nicht durchschauen…

Kritik

Einen Film über einen Serienkiller zu drehen und dabei nicht in eine Wertung zu verfallen, ist schwierig, denn ein Urteil ist schnell gefällt. Die nachgewiesenen Verbrechen eines Verurteilten abzumildern oder gar zu heroisieren, das kann man sich nur in Einzelfällen erlauben und auch nur dann, wenn es sich dabei nicht um Menschen handelt, die die Leben anderer auf dem Gewissen haben (Stichwort: „Barry Seal“ oder „The Wolf of Wall Street“). Ein Biopic über einen Mörder ist da eine ganz andere Hausnummer. Jeffrey Dahmer gehört dazu, der zwischen 1978 und 1991 mindestens 17 Männer getötet und teilweise verspeist hatte. Im Gefängnis fand er als Opfer eine Schlägerei schließlich seinen Tod, doch es ist interessant, wie sehr die Person Jeffrey Dahmer Kriminalwissenschaftler und Psychologen bis heute fasziniert. Die Diskrepanz zwischen dem zurückhaltend-freundlichen Außenseiter, dem psychopathischen Killer und dem im Anschluss glaubhaft geläuterten Verurteilten ist einfach zu groß. Insofern wundert es nicht, dass sich einer von Dahmers früheren Wegbegleitern dazu hinreißen ließ, die Erfahrungen mit diesem Menschen an die Öffentlichkeit zu bringen: Die Graphic Novel „My Friend Dahmer“ schildert sachlich und nüchtern von den Erlebnissen an Dahmers ehemaliger High School; so, wie sie Dahmers kurzzeitiger Schulfreund Derf (Alex Wolff) damals miterlebte. Das Ergebnis ist ein nur allzu beklemmendes Drama, denn mit dem Hintergrundwissen um Dahmers späteren Lebensweg legt sich ein Gefühl des Terrors über den gesamten Film.

Jeffrey Dahmer (Ross Lynch) trainiert auf Geheiß seines Vaters.

Als Geschichte ist „My Friend Dahmer“ nur schwer greifbar. Natürlich kann man die Taten rückwirkend nicht beschönigen; Täter bleibt Täter und darüber hinaus stand nie zur Debatte, ob Jeffrey Dahmer die ihm zur Last gelegten Verbrechen tatsächlich begangen hat. Im Gegenteil: Der unscheinbare Typ gab nach der Verhaftung sogar noch mehr Morde zu, als man ihm vorwarf. Trotzdem ist die in „My Friend Dahmer“ eingenommene Perspektive befremdlich, denn obwohl der Verfasser der Graphic Novel lediglich die Ereignisse in der Schule aus erster Hand miterlebte, konstruierte er rund um die Hauptfigur ein Gefüge aus recht banalen Indizien darauf, dass hinter dem schweigsamen Jeffrey etwas Dunkles schlummert. Zwar ist nachgewiesen, dass die Hauptfigur in Jugendjahren Tierkadaver in Balsamierflüssigkeit einlegte und täglich auf den Straßen nach neuen Opfern suchte, um sie anschließend zu sezieren, doch in „My Friend Dahmer“ wirken solche Momente entsprechend aufgesetzt. Es ist einfach viel zu naheliegend, dass ein späterer Menschenmörder früher an Tieren „geübt“ hat, auch wenn es bei Jeffrey Dahmer nicht bloß genau so war, sondern sich darin obendrein auch das nette Detail findet, dass der junge Mann daran wohl nie so etwas wie Freude oder Luststeigerung empfunden hat. Dennoch fehlt es solchen Momenten an Nähe – man merkt einfach, dass diese Informationen nicht aus erster Hand kommen. „My Friend Dahmer“ hat seine Stärken stattdessen auf anderer Seite.

Wirken die Momente in Dahmers eigenen vier Wänden wie ein generisches Sammelsurium typischer Serienkiller-Porträts, wird „My Friend Dahmer“ in jenen Momenten so richtig stark, wenn es um die Beobachtungen in der Schule geht. Hier zeigt sich eine Komplexität des zweifelhaften Protagonisten (von jedweder Anschuldigung spricht sich Regisseur Marc Meyers frei, indem er bei seiner Inszenierung den Part des stillen, nicht wertenden Beobachters übernimmt), denn wie sich dieser in seinem Verhalten in einer Tour widerspricht, löst zweifellos eine soghafte Anziehung aus. Jeffrey Dahmer wird so zu einem uneinschätzbaren Faktor, dem man das liebenswürdige, in seiinem Handeln lediglich missverstandene Mauerblümchen genauso abnimmt, wie den gefährlichen Mörder, der am Straßenrand plötzlich nicht mehr bloß Tiere, sondern auch den täglich an seinem Haus vorbei joggenden Nachbarn mächtig interessant findet. Als Jeffrey in einer Szene einen Hund mit in den Wald nimmt, um ihn offenkundig zu erschießen, bleibt so ein Moment vollkommen unberechenbar – wird er nun schießen, oder kommt am Ende doch sein offenbar immer noch vorhandenes, gutes Herz durch?

Die Familie von Jeffrey Dahmer wird im Film nur am Rande beleuchtet.

Es ist schon riskant, wie Marc Meyers („Ein letzter Sommer – Harvest“) seine Erzählung anlegt und auch Teeniestar Ross Lynch („Austin & Ally“) geht bei seiner passiven Performance bis an die provokante Schmerzgrenze, wenn er mit seiner apathischen Ausstrahlung immer wieder kurz davor ist, Mitleid beim Zuschauer zu erregen. Die Frage, ob man das darf, sei an dieser Stelle gar nicht aufgeworfen. Vielmehr ist es ein faszinierendes Spiel mit dem Vorwissen des Zuschauers, wodurch „My Friend Dahmer“ von einer handelsüblichen Außenseiterstudie zu einer emotional fordernden Tour de Force wird. In den Köpfen des Publikums findet zu jedem Zeitpunkt eine Wertung des Gezeigten statt – und wie sehr wir den in der Schule verspotteten und daheim allenfalls geduldeten Jeffrey wünschen, dieses Martyrium möge zur Rettung aller Beteiligter schnell ein Ende haben, bleibt ganz alleine uns überlassen. Im Hinblick darauf bleibt die Zeichnung von Dahmers Umfeld – vor allem des späteren Autoren Derf – überraschend oberflächlich. „My Friend Dahmer“ konzentriert sich ganz allein auf die titelgebende Hauptfigur und verzichtet in letzter Instanz sogar auf eine detaillierte Schilderung der eigentlichen Taten. Das ist mutig, denn so findet die unheilvolle Stimmung nie ihre vollständige Entladung. Aber letztendlich geht es in diesem Film auch gar nicht um den Killer Jeffrey Dahmer, sondern, so absurd es klingt, um den Jugendlichen dahinter.

Fazit: „My Friend Dahmer“ ist ein etwas anderes Serienkillerporträt, das mehr Fragen aufwirft, als sie zu beantworten und dadurch einen ganz besonderen Reiz entwickelt.

„My Friend Dahmer“ ist in diesem Jahr auf dem Fantasy Filmfest zu sehen.

FRANKFURT: Freitag / 22.09.17 / 18:30h / Cinestar Metropolis BERLIN: Freitag / 22.09.17 / 20:45h / Cinestar Sony Center KÖLN: Mittwoch / 27.09.17 / 18:15h / Residenz Astor Film Lounge NÜRNBERG: Donnerstag / 28.09.17 / 20:30h / Cinecitta

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