Ich und Earl und das Mädchen

Die auf dem gleichnamigen Roman basierende Tragikomödie ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN schwimmt im Fahrwasser des immens erfolgreichen Teenie-Dramas „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Regisseur Alejandro Gomez-Rejon versucht sich ganz auf die individuellen Stärken und Schwächen seiner Figuren zu konzentrieren, doch der eigentliche Vorzug des Films sind nicht etwa die Charaktere, sondern die Geschichte selbst. Mehr zum Film in meiner Kritik.Ich und Earl und das Mädchen

Der Plot

Greg (Thomas Mann) will sein letztes Schuljahr möglichst unauffällig durchziehen. Sogar Freundschaften meidet er, nur um das soziale Minenfeld, genannt Teenagerzeit, einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Er geht sogar so weit, seinen besten Freund Earl (RJ Cyler), mit dem er Kurzfilmparodien von Filmklassikern dreht, als Arbeitskollegen vorzustellen. Bis Gregs Mutter (Connie Britton) darauf besteht, dass er Zeit mit Rachel (Olivia Cooke) verbringt – einem Mädchen aus seiner Klasse, bei dem Krebs diagnostiziert wurde – und er feststellen muss, wie wertvoll echte Freundschaft sein kann. Gemeinsam mit Earl macht Greg das, was er am besten kann und beginnt, einen Film für Rachel zu drehen…

Kritik

Im vergangenen Jahr war die Romanverfilmung des Teenager-Krebsdramas „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ der Überraschungshit an den deutschen Kinokassen. Die Filmadaption des Bestsellers lockte über eine Million Zuschauer in die Lichtspielhäuser. In heutigen Zeiten vermögen es zumeist nur Sequels oder Filmreihen, eine solch große Fanbase um sich zu scharen. Doch die Geschichte um die unheilbar kranke Hazel Grace und ihre große Liebe Augustus ging als einer der traurigsten Filme aller Zeiten in die Geschichte ein. Kein Wunder also, dass im Fahrwasser dieser Erzählung Dramaproduktionen wie „Wenn ich bleibe“ oder jetzt eben „Ich und Earl und das Mädchen“ folgten. Während ersterer sich als aufgrund seiner Oberflächlichkeit äußerst ärgerliches Unterfangen erwies, ist der dieser Tage in den Kinos erscheinende Film weitaus weniger unkreative Kopie denn vielmehr eine inhaltlich differenzierte Geschichte mit ganz eigenem Flair, auch wenn der Vergleich naheliegt, mit „Ich und Earl und das Mädchen“ so etwas wie die Indie-Version von „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ zu Gesicht zu bekommen. Erneut geht es um Jugendliche, die sich mit dem Sterben auseinandersetzen müssen. Erneut ist Krebs der Auslöser dafür. Weshalb uns die Produktionsfirma in der deutschen Übersetzung das „Dying“ im Originaltitel „Me and Earl and the Dying Girl“ unterschlägt, ist angesichts der so vielleicht um einiges höher einzustufenden Marketingmöglichkeiten also nicht ganz nachzuvollziehen. Ganz schön makaber, darüber nachzudenken, dass der Tod einen Film besser verkaufen könnte, als das Leben…

Molly Shannon

Im Mittelpunkt von „Ich und Earl und das Mädchen“ steht ähnlich wie in „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ ein nur schwer zugänglicher Charakter. Greg ist ein Eigenbrödler wie er im Buche steht, der soziale Beziehungen scheut, damit aber hervorragend zurechtkommt. Der Protagonist ist also mitnichten ein Außenseiter, sondern hat sich bewusst für das Leben eines einsamen Wolfes entschieden. Damit etabliert ihn das Skript von Jesse Andrews, der schon den Roman verfasste, als zwar unnahbare aber durchaus sympathische Person. Die Charakterisierung der beiden „Kollegen“ Greg und Earl ist unkonventionell, wie so ziemlich alles in „Ich und Earl und das Mädchen“. Die bewusste Weigerung vor Allgemeinplätzen und simplen Handlungssträngen wirkt bisweilen verkrampft, doch hat gerade aufgrund ihrer zwanglosen Dynamik auch viele Vorteile. Wohin die Reise der später als Dreierclique fungierenden Heranwachsenden gehen wird, das lässt sich bis zum Schluss vor allem deshalb nicht erahnen, weil das Drehbuch wie schon der Bestseller selbst falsche Fährten legt und mit einigen (glaubhaften) Twists nicht geizt. So erweisen sich anders als das schon vielfach zum Vergleich zurate gezogene „Schicksal“ nicht etwa die Figuren als der große Vorzug des Films, sondern die Geschichte selbst.

Durch die fokussierte Weigerung vor zu simplen Charakterisierungen und dem Streben nach ganz individuellen Helden macht es einem „Ich und Earl und das Mädchen“ nicht immer leicht, mit den Figuren zu sympathisieren. Greg und Earl sind zu keinem Zeitpunkt schwierige Zeitgenossen, obwohl sich gerade Greg vor seiner Umwelt verschließt. Trotzdem bleiben sämtliche Filmcharaktere dem Zuschauer fern. Dies gilt insbesondere für eine eigentlich zuckersüße Olivia Cooke („The Signal“), die trotz ihrer so wichtigen Rolle überraschend selten auf der Leinwand zu sehen ist. Stattdessen wird viel öfter über statt mit ihr gesprochen, was dem Film nicht gut tut. Während jede Figur ihre eigene kleine Ego-Tour fährt, bleibt die Kommunikation innerhalb der Gruppe auf der Strecke. Das macht die Charaktere zwar zu interessanten, nicht aber zu nahbaren Figuren. Trotzdem macht es „Ich und Earl und das Mädchen“ seinem Publikum einfach, Interesse an der Geschichte zu entwickeln. Denn diese ist mit so vielen kleinen Feinheiten versehen, dass die Tragikomödie trotz jener Defizite eine runde Sache ist.

Vielmehr als andere Filme seiner thematischen Gattung fordert „American Horror Story“-Regisseur Alfonso Gomez-Rejon sein Publikum zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Themen Krankheit, Krebs und Tod auf. So setzt er mithilfe seiner verschrobenen Erzählweise, die neben dem Plot um die kranke Rachel auch filmhistorische Schmankerl bereithält, wenn es darum geht, dass Greg und Earl diverse Filmklassiker parodieren, nicht auf eine platte Tränendrüsendrückerei. Durch die Abgrenzung von Greg, die er Rachel gegenüber lange Zeit hegt, wird auch der Zuschauer dazu aufgefordert, über die Ursachen und den Wert von Mitleid und Mitgefühl nachzudenken. Gomez-Rejon bringt gekonnt die Abstufungen zwischen jenen Ausdrücken von emotionaler Involvierung in derartige Geschehnisse zum Ausdruck und erweist seiner Leinwandpatientin dadurch einen viel größeren Dienst, als geheuchelte Kitsch-Produktionen der Marke „Wenn ich bleibe“. Trotzdem ist es notwendig, sich auf eine augenscheinlich schroffe Inszenierung, die mit ihren Protagonisten nicht zimperlich umgeht, einzulassen. Trotz einer rührenden Message und eines stets optimistischen Tonfalls ist „Ich und Earl und das Mädchen“ nämlich alles andere als Wohlfühlkino.

Auf darstellerischer Ebene wird „Ich und Earl und das Mädchen“ in Gänze von seinen jungen Hauptdarstellern getragen. Zwar sind in Nebenrollen Schauspielgrößen wie Connie Britton („Sieben verdammt lange Tage“), Jon Bernthal („Sicario“) oder Molly Shannon („Life After Beth“) zu sehen, doch der eigentliche Fokus liegt auf Thomas Mann („Hänsel und Gretel: Hexenjäger“), RJ Cyler („Second Chances“) sowie Olivia Cooke. Die drei Hauptdarsteller ergänzen sich hervorragend in ihrer Attitüde und sind darstellerisch absolut auf einem Niveau. Sie alle verleihen ihren Figuren einen komplexen Charakter, deren Schichten erst nach und nach offengelegt werden. Diese bewusste Abgrenzung von Hollywood-Stereotypen verleiht „Ich und Earl und das Mädchen“ eine erfrischende Unangepasstheit. Schade, dass die Macher es nicht schaffen, das Optimum aus den Figuren herauszuholen und mit der Zeit der Eindruck entsteht, die drei würden lediglich zusammen zu ihren Stärken finden und wären alleine nicht in der Lage, das Potenzial aus ihnen herauszuholen.

Greg und Earl sind keine Freunde - sie sind Kollegen!

Greg und Earl sind keine Freunde – sie sind Kollegen!

Fazit: Alejandro Gomez-Rejon inszeniert seine Tragikomödie „Ich und Earl und das Mädchen“ als freigeistig-unangepasste Coming-of-Age-Story, die mit verschrobenen Charakteren und einer visuell verspielten Inszenierung überzeugt. Durch die konsequente, bisweilen ein wenig zu bemühte Weigerung vor Stereotypen und Klischees bleibt in Ansätzen jedoch auch die Authentizität auf der Strecke.

„Ich und Earl und das Mädchen ist“ ist ab dem 19. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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