Regression

Nachdem der Spanier Alejandro Amenábar seine Karriere als Gruselfilmregisseur begann, sagte er sich einige Jahre lang vom Genrekino los, um nun mit REGRESSION zu jenem zurückzukehren. Der Psychothriller erzählt von einem Mädchen, das von seinem Vater missbraucht wurde. Doch je mehr sich der ehrgeizige Detective Kenner mit dieser Tat befasst, desto stärker werden seine Zweifel ob dieses Verbrechens. Er forscht nach und kommt einer okkulten Sekte auf die Spur. Wie gelungen ist dieser mit Ethan Hawke und Emma Watson namhaft besetzte Thriller? Das verrate ich in meiner Kritik zum Film.Regression

Der Plot

Eine Kleinstadt in Minnesota im Jahr 1990: Detective Bruce Kenner (Ethan Hawke) ermittelt im Fall der jungen Angela Gray (Emma Watson), die ihren Vater John (David Dencik) des sexuellen Missbrauchs bezichtigt. Als sich dieser unerwartet und ohne sich überhaupt an die Tat erinnern zu können, schuldig bekennt, wird der renommierte Psychologe Kenneth Raines (David Thewlis) hinzugezogen, um Johns verdrängte Erinnerungen mit Hilfe einer Regressionstherapie wieder hervorzuholen. Dabei tritt allmählich ein Geheimnis von ungeahntem Ausmaß zutage. Angela scheint nicht nur das Opfer ihres eigenen Vaters, sondern auch einer satanischen Sekte geworden zu sein. Kenners Ermittlungen in diese Richtung bringen den Polizisten bald um den Verstand. Er wird von Wahnvorstellungen und Albträumen heimgesucht. Wer treibt hier sein böses Spiel?

Kritik

Der Spanier Alejandro Amenábar wurde dem breiten Publikum im Jahr 2001 durch den Mystery-Thriller „The Others“ bekannt. Im Fahrwasser von M. Night Shyamalans „The Sixth Sense“ etablierte sich der melancholische Twistride mit Nicole Kidman als eines der überraschendsten Filmereignisse in den frühen 2000ern. Daraufhin wurde es im Mainstream-Kino still um ihn. Auf Filmfestivals blieb der Inszenator von „Das Meer in mir“ und „Agora – Die Säulen des Himmels“ jedoch ein gern gesehener Gast. Mit dem Sektenthriller „Regression“ kehrt Amenábar nun nicht bloß zu seinen Genrewurzeln zurück, sondern richtet sich ganz klar wieder an die breite Zuschauermasse. Dabei hat der Regisseure aufgrund des Themas leichtes Spiel: Sekten und okkulte Verbindungen lösen bei den meisten Menschen automatisch Unbehagen und Furcht aus. Insofern bräuchte sich Amenábar lediglich auf seine Thematik verlassen und könnte sich bei der Inszenierung jener entspannt zurücklehnen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Zwar verzichtet der Filmemacher mit Ausnahme einiger fieser Albtraumsequenzen konsequent auf Jumpscares und greift auch sonst nur zurückhaltend auf das Repertoire eines herkömmlichen Horrorfilms zurück. Doch in Anlehnung an seine früheren Arbeiten spielt Amenábar hervorragend die leisen Töne der Gruselfilmklaviatur und sorgt mit spektakulären Wendungen und einer tiefgreifenden Aussage für konsequente Anspannung.

Ethan Hawke

Den Filmtitel „Regression“ leitete sich Alejandro Amenábar von der in den USA ursprünglich weit verbreiteten Regressionstherapie her. Diese umstrittene und wissenschaftlich nicht belegte Variante der Hypnose beschreibt das langsame Zurückfinden in die eigene, teilweise auch vorgeburtliche Lebenszeit, um so auf verborgene oder vom Unterbewusstsein verschüttete Erinnerungen zurückzuholen und damit nicht bewältigte Erlebnisse aufzulösen. Anfang der 90er-Jahre stellte die Regressionstherapie eine beliebte Behandlungsmethode von Psychotherapeuten an ihren Patienten dar. Welche Nebenwirkungen dieses umstrittene Verfahren jedoch zutage fördert, damit beschäftigt sich „Regression“ immerhin am Rand, denn trotz der mehrmaligen Betonung zu Beginn und am Schluss des Films, der Thriller basiere auf einer wahren Begebenheit, ist Amenábar sichtlich interessierter daran, die Faszination für diese Behandlungsmethode als Grundlage eins Suspense-Stückes zu verwenden, denn sich ernsthaft mit dem tieferen Sinn dahinter zu beschäftigen. Das ist jedoch vollkommen in Ordnung. Der Filmemacher verzichtet geflissentlich auf ein beliebiges Schocker-Sammelsurium. Stattdessen erzählt er bedächtig und intensiv. Der Regisseur, der auch das Drehbuch zum Film verfasste, fährt das inszenatorische Tempo in „Regression“ bewusst zurück. Vorbilder wie „Sieben“ oder auch sein eigener Gruselhit „The Others“ hinterlassen hier klar ihre Spuren. Dies geht vor allem auf die Kosten jener Zuschauer, die sich hier ein blutiges Spukintermezzo erhofft haben. Für jene Zuschauer, die besonderen Wert auf eine Story legen, erweist sich „Regression“ hingegen als außerordentlich lohnenswerte Alternative zum aktuell herkömmlichen Leinwandhorror.

Die Besetzung für seinen Thriller, der auf horrorfilmtypische Kamerafahrten und Spielereien mit plötzlich hervorspringenden Katzen, aufkommenden Spiegelfratzen oder anschwellende Musikuntermalung verzichtet, erweist sich als ideal. In der Hauptrolle agiert Ethan Hawke, der sich nach seinem Stelldichein im ersten Teil von „Sinister“ hier erneut auf Genreparkett beweist. Seine bekannte aber nicht allzu populäre Person funktioniert hervorragend in kleineren Filmprojekten der Marke „Regression“. Darüber hinaus erweist sich seine kantige Attitüde als bestens geeignet für eine solch ambivalente Figur wie die des Detective Bruce Kenner. Kenner ist ein aufopferungsvoller Detective mit sich selbst vernachlässigenden Zügen. Seine innere Zerrissenheit zwischen Rationalität und Aufgeschlossenheit gegenüber eventuell übersinnlicher Ereignisse vereint Hawke hervorragend in sich, wenngleich sich seine Gegenspielerin Emma Watson („The Bling Ring“) als noch ausgereifter erweist. Den ehemaligen „Harry Potter“-Star umgibt in „Regression“ eine Aura der Unnahbarkeit, die Hawkes Figur in Teilen zu durchdringen vermag, um die sich jedoch stetig Geheimnisse ranken. Die Interaktion beider Darsteller ist glaubhaft von Misstrauen, aber auch von Anziehung geprägt. Gegen dieses einnehmende Spiel kann auf Nebendarstellerebene lediglich David Dencik („Serena“) als Angelas verzweifelter Vater anspielen, der sich in seinen kurzen Szenenauftritten als eine der größten Bereicherungen in „Regression“ erweist.

Regression

Neben der Geschichte, die sich nicht alleine auf die Wirkung eventueller Twists verlässt, sondern sich auf ihr Dasein als großes, ganzes Mysterium konzentriert, ist ein weiterer Vorzug die paralysierend-beklemmende Stilistik von „Regression“. Kameramann Daniel Aranyó („7 Tage in Havanna“) kleidet den Mysterythriller in ein unheilvolles Gewandt aus Dunkelheit, Schatten und schwache Kontraste. Ein Großteil der Handlung spielt sich in den späten Abendstunden ab. Die genaue Kulissenwahl ist ein weitere Pluspunkt: Es gibt nur eine Handvoll Handlungsorte, die trotz ihres unaufgeregten Daseins nichts an Effektivität einbüßen. Mithilfe einfacher Mittel werden eine alte Scheune, das Kaminzimmer von Detective Kenner oder die Knastzelle von Angelas Vater zu Szenerien purer Angst. Und die Jumpscares? Davon gibt es exakt zwei, die Alejandro Amenábar bewusst überhöht inszeniert respektive in die surrealistisch inszenierten Albträume Kenners einarbeitet. Der Score von Roque Baños hängt hingegen durchgehend wie ein bedrohlich vibrierendes Damoklesschwert über „Regression“ und erfüllt seinen spannungssteigernden Zweck immer dann, wenn sich Amenábar auf die Wirkungskraft seiner technischen Inszenierung verlässt und den insgesamt recht dialoglastigen Film für eine Weile pausieren lässt.

Fazit: Der stark gespielte und effektvoll inszenierte Psychothriller „Regression“ dürfte thematisch noch mehr in die Tiefe gehen, funktioniert jedoch hervorragend als düsterer Einblick in eine Welt, die uns allen hoffentlich für immer verborgen bleibt. Ethan Hawke und Emma Watson ergänzen sich in ihrer ganz unterschiedlichen Spielweise hervorragend und Alejandro Amenábar beweist einmal mehr, was für ein unberechenbarer Filmemacher er ist. „Regression“ ist die beste Alternative zur aktuell in den Kinos gastierenden Blumhouse-Stangenware und fesselt ebenso sehr, wie er beklemmt.

„Regression“ ist ab dem 1. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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