Unfriend

Einmal mehr beweist das deutsche Genrekino, dass es sich vor jenem aus Übersee nicht zu verstecken braucht. Mit UNFRIEND liefert „Männerherzen“-Regisseur Simon Verhoeven einen pfiffigen Gruselschocker ab, der den Zuschauer da packt, wo es weh tut – bei seinen Internetgewohnheiten. Mehr zum Film in meiner Kritik.Unfriend

Der Plot

Die beliebte Studentin Laura (Alycia Debnam-Carey) führt ein zufriedenes College-Leben. Sie hat einen liebevollen Freund, ihre Clique hält fest zusammen und ihre Noten sind nicht die schlechtesten. Eines Tages nimmt sie unbedarft die Facebook-Freundschaftsanfrage ihrer geheimnisvollen Kommilitonin Marina (Liesl Ahlers) an. Das dunkelhaarige Mädchen, das sich stets in die hinterste Ecke des Hörsaals verzieht, gibt sich fortan ganz der Obsession hin, in Laura eine beste Freundin gefunden zu haben, muss jedoch enttäuscht feststellen, dass ihre Gefühle nicht erwidert werden. Zum Entsetzen aller begeht sie Selbstmord und hält diese schreckliche Tat mit ihrer Webcam fest. Während sich Laura und ihre Freunde langsam von diesem Schrecken erholen, entwickelt das Facebook-Profil von Marina ein merkwürdiges Eigenleben. Marina ist – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht totzukriegen. Nach und nach schwinden nicht nur die Anzahl von Lauras virtuellen Kontakten, sondern auch ihre eigenen Überlebenschancen…

Kritik

Aktuellen Studien zufolge sollen sich spätestens im Jahr 2060 mehr tote als lebendige User im sozialen Netzwerk Facebook tummeln. Schon heute gehören über 30 Millionen Accounts solchen, die das Zeitliche längst gesegnet haben. Nachdem sich bereits vor einigen Monaten Leo Gabriadzes innovatives Found-Footage-Projekt „Unknown User“ (der übrigens nur aus purem Zufall zeitgleich zu  „Unfriend“ entstand) der gruseligen Konfrontation von Tod und Internet widmete, nähert sich der deutsche Regisseur und Schauspieler Simon Verhoeven dem Thema nun von einer anderen Seite. Sein visuell faszinierend aufbereitetes Spukstück beleuchtet die Verschmelzung unseres Online-Ichs mit dem Real Life und rückt im Besonderen eine Tat in den Mittelpunkt, die, auf das Wesentliche herunter gebrochen, nichts anderes beschreibt als die abrupte Beendigung einer (virtuellen) Freundschaft. Ebenjener moderne Begriff des „Entfreundens“, der erst in den letzten Jahren in unseren Wortschatz übergegangen ist, dient zugleich auch als Titel: „Unfriend“. Es ist ein Phänomen der Moderne, der mit dafür verantwortlich ist, dass sich die heutige Kommunikation grundlegend verändert hat. Denn früher, da ließ sich ein Kontakt, geschweige denn eine Freundschaft nicht auf Knopfdruck beenden. Mittlerweile besitzt hingegen genau dieser rigorose Schritt das Potenzial dazu, dunkle Abgründe innerhalb der menschlichen Seele offenzulegen.

Unfriend

Wenngleich sich die mittlerweile insgesamt vier Filme des 43-jährigen Filmemachers in ihrer Thematik zum Großteil unterscheiden, so eint sie doch allen voran die äußerst genaue Beobachtungsgabe im Hinblick auf bestimmte Gesellschaftsgruppen. War es in seinem unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufenen Debüt „100 Pro – Heute Nacht geht was“ noch das Münchner Nachtleben und seine Genießer, dessen Eigenheiten der Regisseur mit einem Augenzwinkern hervorzukehren wusste, drehte sich in den Kassenschlagern „Männerherzen“ sowie der Fortsetzung „Männerherzen und die ganz, ganz große Liebe“ alles um das Seelenleben unterschiedlicher Männertypen. Mit „Unfriend“ begibt sich Simon Verhoeven nun erstmals auf Horrorfilmterrain. Sein genauer Blick für Details, denen im Alltag kaum mehr einer Beachtung schenkt, findet sich jedoch auch hier wieder. Verhoeven gelingt mit seinem Genredebüt nicht nur ein sehenswerter Gruselschocker. Gerade zwischen den Zeilen ist „Unfriend“, der zu internationalen Vermarktungszwecken auf Englisch gedreht wurde, eine interessante Studie über unsere modernen Kommunikationsgewohnheiten, in der Praktikabilität und Risiko wie selbstverständlich Hand in Hand gehen.

Gerade im Horrorsegment hat es sich im Laufe der Jahre eingebürgert, Figuren lediglich am Reißbrett zu entwerfen. Die Charaktere reichen selten über altbewährte Modelle hinaus: Da gibt es den Gelehrten, den Athleten, die Hure, den Narren und die Jungfrau, die wiederum in den meisten Fällen zum Final Girl avanciert. In „Unfriend“ sieht das Ganze ein wenig anders aus. Das Skript (Matthew Ballen, Philip Koch, Simon Verhoeven) zeichnet die Protagonisten-Clique als Querschnitt durchschnittlicher College-Studenten und verzichtet dabei auf die Verwendung von Stereotypen. Sämtliche Figuren sind mit einer angenehmen Bodenhaftung ausgestattet, besitzen weder Modelmaße noch karikatureske Spleens. Stattdessen zeichnen die Autoren sie als echte Typen, deren Eigenheiten nicht aufgesetzt wirken und der Story obendrein Würze verleihen. Dies erstreckt sich auch auf die Zeichnung der geheimnisvollen Marina, deren Attitüde trotz Vorliebe für okkulte Themen nie in eine abgehobene Richtung abdriftet. Sämtliche Figuren in „Unfriend“ haben somit jene Seele, die es braucht, um mit ihnen mitzufiebern. Dass sie obendrein von Schauspielern zum Leben erweckt werden, mit denen nur eingefleischte Fans bereits in Berührung kamen, kommt der Authentizität ebenfalls zugute.

Unfriend

Liesl Ahlers spielt Marina, die versucht, über Facebook eine Freundin zu finden.

Serienstar Alycia Debnam-Carey („Fear the Walking Dead“, „The 100”) schlüpft in die Rolle der Laura, mit der die Handlung steht und fällt. Ihre Figur repräsentiert die beliebte, mit vielen Freunden ausgestattete Studentin, die mit jedem irgendwie klarzukommen scheint, jedoch weder von ihrer enormen Anzahl an Facebook-Freunden zehrt, noch vollkommen frei von psychischen Belastungen ist. Wenngleich es für den Handlungsverlauf nicht von großer Relevanz ist, zeichnet das Skript sie als Halbwaise; ein Faktor, der einmal mehr das Menschliche unterstreicht und sämtliche Personen in „Unfriend“ nahbar macht. Debnam-Carey lädt mithilfe ihres unbedarften Spiels sofort zur Identifikation ein. Ihr zwischen Furcht und Neugier chargierendes Spiel passt hervorragend zu ihrer Figur, die sich mit ihren Kolleginnen Brit Morgan („Graceland“), William Moseley („The Royals“), Connor Paolo („Gossip Girl“), Brooke Markham („Dying to Kill“) und Sean Marquette („Fosters Haus für Fantasiefreunde“) gut ergänzt.

Unfriend

Ausschließliches Schauspielerkino ist „Unfriend“ dann allerdings nicht. Stattdessen erweist sich der Horrorfilm als mit viel Fingerspitzengefühl inszenierter Balanceakt zwischen einer durch und durch aktuellen Thematik sowie der Besinnung auf klassisch okkulte Elemente. Letztere seien aus Spoiler-Gründen an dieser Stelle nur marginal umrissen, denn als hauptsächliches Alleinstellungsmerkmal erweist sich in „Unfriend“ ohnehin der Umgang mit den modernen Komunikationsmedien. Ohne Effekthascherei zu betreiben – die Einblendung von Lauras langsam schwindenden Facebook-Freunden erweckt zum Beispiel nie den Eindruck eines nahenden Super-GAUs, sondern stellt lediglich den Zusammenhang zwischen den Geschehnissen im Real Life und denen im World Wide Web dar – nutzt Simon Verhoeven das Internet zur Verbreitung des Schreckens wie einst Hideo Nakato respektive Gore Verbinski das Videoband in „Ringu“ / „Ring“. Besonders auf visueller Ebene gelingt Kameramann Jo Heim („Männerherzen“) und einem Trio aus Cuttern die hervorragende Verschmelzung aus einer überhöht-eleganten Schwarz/Weiß-Stilistik und der unverfälschten und mitunter von der Technik geprägten Realität, was zu jenen Motiven passt, mit welchen Verhoeven das Social-Media-Thema gewitzt auf okkulte Ereignisse überträgt, die mit Online-Stalking mehr gemeinsam haben, als man es ihnen bisweilen zutrauen möchte.

Mithilfe einiger punktgenau platzierter Überraschungsmomente, welche die Erwartungshaltung des Publikums immer wieder unterwandern, setzt „Unfriend“ weniger auf den schnellen Schock, denn vielmehr auf eine beklemmende Atmosphäre. Die vereinzelt in die Story integrierten Jump-Scares verlassen sich indes nur selten auf bekannte Szenerien. Insbesondere die einzelnen Todesfälle zeugen von einer enormen, teils sehr blutigen Kreativität, die unter Zuhilfenahme gelungener CGI-Effekte auf chice Weise in die Tat umgesetzt werden können. Auch für eine Prise Humor ist Platz. Simon Verhoeven wandelt hier sichtlich auf den Spuren eines frühen Wes Craven („The Last House on the Left“), dessen Spezialität es zu Lebzeiten war, seinen Horrorfilmen mithilfe zielgerichteter Pointen, die sich zum Teil sogar nur auf eine einzelne Figur beschränkten, eine allzu beklemmende Wirkung zu nehmen. Im Falle von „Unfriend“ ziehen die in den Mordfällen ermittelnden Polizisten dieses Los. Die fragwürdige Arbeitsmoral der Cops ergänzt den Film um stimmige Schmunzler, immerhin handelt es sich im Falle von „Unfriend“ immer noch um einen Teenie-Schocker, der es sich durchaus erlauben darf, sich in manchen Momenten nicht allzu ernst zu nehmen. Dass sich da auf der Zielgeraden einige Dialoge als nicht ganz so lebensecht erweisen, sei an dieser Stelle lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt. Was bleibt, ist schließlich der rundum gelungene Gesamteindruck eines Films, der es trotz des Aufgreifens bekannter Elemente schafft, für sich selbst zu stehen. Nicht zuletzt weil die Macher gerade in die Storyauflösung viel Kreativität gesteckt haben.

Welches Geheimnis steckt hinter der mysteriösen Marina?

Welches Geheimnis steckt hinter der mysteriösen Marina?

Fazit: „Unfriend“ ist ein feiner Horrorfilm, der ein Thema beleuchtet, das uns alle angeht. Die unendlichen Weiten des Internets könnten gruseliger nicht sein – vermutlich hätte sich das kultige Brunnenmädchen Samara heute genau so ihren Weg in unser Leben gebahnt. Absolut sehenswert!

„Unfriend“ ist ab dem 7. Januar bundesweit in den Kinos zu sehen.

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