Captive

Filme mit kirchlich-religiöser Thematik laufen immer Gefahr, zu verklären, zu propagieren, nicht zu hinterfragen. Die Trailer zu CAPTIVE kündigen ein eben solches Szenario an. Das Krimidrama erzählt die Geschichte einer Frau, die durch eine Entführung aus ihrer eigenen, katastrophalen Lage herausgerissen wird. Anstregend oder spannend? Das verrate ich in meiner Kritik.Captive

Der Plot

Zwei Menschen – Zwei Schicksale: Während die drogenabhängige Mutter Ashley (Kate Mara) halbherzig alles Mögliche unternimmt, um das Sorgerecht ihrer kleinen Tochter wiederzuerlangen, unternimmt der inhaftierte Vergewaltiger Brian Nichols (David Oyelowo) am anderen Ende der Stadt einen Ausbruchsversuch. Dieser gelingt. Doch auf dem Weg in die Freiheit hinterlässt Nichols, der von sich immer wieder behauptet, unschuldig zu sein, ein Blutbad. Auf der Flucht vor der Polizei entdeckt er das Haus von Ashley, die in diesem Moment droht, rückfällig zu werden. Brian nimmt die junge Frau als Geisel. Zunächst bemächtigt er sich ihr mit Gewalt, doch schon bald entsteht eine merkwürdige Bindung zwischen den beiden verlorenen Seelen. Ashley liest Brian aus einem religiösen Lebensratgeber vor, den man ursprünglich ihr selbst ans Herz gelegt hatte, um endlich von den Drogen loszukommen. Im Gegenzug lässt Brian Ashley frei im Haus herumlaufen und fährt ihr gegenüber seine Aggressionen zurück. Doch die Polizei unter Führung von Detective John Chestnut (Michael Kenneth Williams) ist Brian dicht auf den Fersen…

Kritik

Wenn Filme längere Zeit im Giftschrank der Produktionsfirma verbringen, bedeutet das selten Gutes. Zwar bestätigen Ausnahmen wie der kultige Meta-Horrorfilm „The Cabin in the Woods“ die Regel, aber in den meisten Fällen wissen die Filmschmieden ganz genau, weshalb sie den Start einer Produktion so weit wie möglich hinauszögern. Genau so verhält es sich auch mit dem religiösen Krimidrama „Captive“, das schon Ende 2013 abgedreht wurde und erst jetzt – knapp zwei Jahre später – in die internationalen Kinos kommt. Ob es nun am gesteigerten Marktwert von „House of Cards“-Star Kate Mara liegt, die momentan nicht nur in der gescheiterten Comicadaption „Fantastic Four“ zu sehen ist, sondern ab Oktober auch eine wichtige Rolle in der Romanverfilmung „Der Marsianer“ spielen wird, oder ob es Paramount Pictures ganz einfach Leid ist, „Captive“ weiterhin als gescheitertes Filmprojekt zu führen, ohne ihm überhaupt eine reelle Chance gegeben zu haben: Jerry Jamesons („Walker Texas Ranger“) neunte Kino-Regiearbeit wird so oder so auf zwiespältige Reaktionen stoßen. Denn obwohl „Captive“ auf wahren Ereignissen beruht und sich der Filmemacher sichtlich Mühe gibt, die religiösen Schwingungen innerhalb seines Projekts möglichst niedrig zu halten, läuft sein Film Gefahr, aktiv nichtgläubiges Publikum zu vergraulen. Insofern kann Jameson es zwangsläufig niemandem Recht machen, doch die lohnenswert-bodenständigen Ansätze machen aus seinem Film ein unspektakuläres, aber immerhin nicht fehlgeleitetes Krimidrama.

Dank Filmen wie „Die Passion Christi“, „Den Himmel gibt’s echt“ oder „Gespräche mit Gott“ hat sich dem US-amerikanischen Kino eine ganz neue Zielgruppe erschlossen. Die Rede ist vom aktiv seinen christlichen Glauben auslebenden Publikum, das Kirchen-Kitsch ebenso wenig hinterfragt, wie religiöse Propaganda. Der Trailer von „Captive“ ließ den potenziellen Zuschauer nicht um Unklaren darüber, dass man es hier mit ebensolchem Stoff zu tun bekommt. Die Frage war nur, wie radikal die Richtung sein würde, die Regisseur Jameson einschlägt. Die Antwort darauf erstaunt ein wenig: Von jedweder Form der christlichen Radikalität sagt sich „Captive“ von Anfang an los. Mehr noch: Drehbuchautor Brian Bird („The Ultimate Life“) hat in der Vergangenheit zwar schon so einige Drehbücher zu derartigen Glaubensfilmen beigesteuert, seine neueste Arbeit erweist sich auf diesem Gebiet allerdings als harmlos. Zwar basiert „Captive“ auf den Memoiren der Hauptfigur Ashley  Smith, die selbst aktive Christin ist und in ihrem Buch  „Der unverhoffte Engel“ von der Geiselnahme berichtet, in die sie im Jahre 2005 verwickelt war. Doch das Skript setzt nur in wenigen Momenten auf die Erwähnung von Ashleys religiös motivierter Taten. Das mag daran liegen, dass die Protagonistin zum Zeitpunkt der Filmereignisse noch gar keinen religiösen Glauben besaß. Stattdessen erwies sich jenes Entführungsszenario als entscheidendes Moment für die einst drogenabhängige Mutter, ihr Leben neu zu ordnen und fortan nach christlichen Werten zu führen.

Wie stark das Ereignis die junge Frau geprägt hat, beweist eine Schlusssequenz, in welcher Ashley bei Operah Winfrey zu Gast ist und über die Entführung spricht. Die Betonung ihrer Dankbarkeit an Gott und an die Umstände, die aus der Fixerin eine Vorzeigemutter machten, grenzt in seiner Eindimensionalität und mangelnden Hinterfragung durchaus an christliche Propaganda. Allerdings lässt Jerry Jameson jene Szene vollkommen unkommentiert. Stattdessen setzt er eine Infotafel dahinter, in welcher er darauf hinweist, dass sein Film den Todesopfern Brian Nichols‘ gewidmet sei. Das beendet die Geschichte mit einer realistischen Erdung und sagt Ashley Smith von jedwedem Heldenstatus los. Gleichwohl bleibt so selbstverständlich ein merkwürdiger Beigeschmack. Schließlich wird der Zuschauer mit jenen letzten Bildern aus dem Kinosaal entlassen. Entscheidend für die Qualität von „Captive“ als nicht-christliches Crimedrama ist allerdings die Inszenierung der gesamten eineinhalb Stunden. Und hier legt Jameson keine vollkommene Neutralität an den Tag, fährt die religiöse Thematik jedoch auf ein Mindestmaß zurück. In den Fokus rückt er stattdessen das von einer schlafwandelnden Kate Mara und einem einmal mehr eine großartige Präsenz an den Tag legenden David Oyelowo („Selma“) getragene Kammerspielszenario der Entführung.

Captive

Mit Anleihen an das Stockholm-Syndrom, in welchem sich ein Entführungsopfer mit der Zeit in seinen Entführer verliebt, spielt „Captive“ mit den Erwartungen des Zuschauers. Ohne das Wissen um den Ausgang der Geschichte inszeniert Jameson zwar weitestgehend genrekonform, aber immer auch offen. Worauf genau seine Story hinausläuft, darüber lassen die Macher ihr Publikum lange im Unklaren. Die Inszenierung lässt sowohl ein positives, als auch ein negatives Ende zu, die aufgrund ihrer unterschwelligen Religionsthematik gar Platz für mythische Einschübe böte. Doch Jameson konzentriert sich ganz auf das zwischenmenschliche Drama. Jenes gewinnt vor allem aufgrund der beeindruckenden Leistung von David Oyelowo an Substanz, doch leider ist Kate Mara mit ihrer gelangweilten Attitüde kein ihm ebenbürtiger Gegenspieler. Die Entwicklungen zwischen den beiden Figuren sind zwar interessant, aber Mara kann die emotionalen Fallhöhen ihrer Figur spielerisch nicht untermauern. Interesse an ihrer Figur kommt kaum auf. Stattdessen liegt der Fokus von „Captive“ auf dem Bösewicht. Die Grenzen zwischen Pro- und Antagonist gestaltet das Skript fließend. Dass Brian Nichols im richtigen Leben tatsächlich mehrere Menschen ermordet hat, rückt immer mal wieder in den Hintergrund, wenn „Captive“ die menschliche Seite der Figur hervorhebt. Da der Film die Taten Nichols‘ nicht beschönigt, erweist sich diese Erzählrichtung als interessant. Insgesamt ist „Captive“ jedoch ziemlich ecken- und kantenlos.

Dies liegt vor allem an der trägen Inszenierung. Obwohl das Drehbuch zwei Handlungsschauplätze eröffnet und neben den Geschehnissen in der Wohnung auch die Ermittlungsarbeit der Cops thematisiert, fehlt es „Captive“ an der notwendigen Dynamik, um den Zuschauer dauerhaft bei der Stange zu halten. Wenngleich all die Ereignisse auf wahren Gegebenheiten beruhen, so könnte Hollywood die Geschichte doch besser nicht erfinden. In mehreren Szenen legt Jerry Jameson einen verklärenden Blick auf die Realität an den Tag. Die weichgezeichnete Bildsprache (Kamera: Luis David Sansans) und der säuselnde Soundtrack, dessen Abschluss mit seinem Kirchenchoral klischeehafter kaum sein könnte, untermauern die ungenaue Inszenierung, bei der nicht eindeutig ersichtlich wird, ob es Jameson denn tatsächlich darum ging, den Opfern ihr Tribut zu zollen, oder das Verbrechen eben doch nur als Aufhänger einer kirchlichen Selbstbeweihräucherung benutzt. Vermutlich liegt die Antwort irgendwo in der Mitte. Der wichtigste Faktor ist aber: Bei all diesen Kritikpunkten ist „Captive“ die meiste Zeit über durchaus sehenswert, woran allen voran David Oyelowos Schauspielleistung Schuld ist. Auf der Kinoleinwand muss das Krimidrama allerdings nicht zwingend genossen werden. Ein Gang in die Videothek reicht bei dieser ungewöhnlichen Produktion allemal.

Ashley Smith, gespielt von Kate Mara, liest ihrem Entführer Brian, gespielt von David Oyelowo, aus einem Buch vor.

Ashley Smith, gespielt von Kate Mara, liest ihrem Entführer Brian, gespielt von David Oyelowo, aus einem Buch vor.

Fazit: Da die Inszenierung von „Captive“ den Faktor der religiösen Erkenntnis erst spät thematisiert, ist Jerry Jamesons Film nicht ganz so weichgepült-harmonisch, wie es der Trailer ankündigt. David Oyelowo spielt hervorragend, doch durch die träge Inszenierung steht sich der Film auf halber Strecke selbst im Weg. Das Thema ist interessant, die großen Erkenntnisse bleiben allerdings aus.

„Captive“ ist ab dem 17. September in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

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