Die Haut, in der ich wohne

Üblicherweise gelten die Filme des spanischen Regisseurs Pedro Almodóvar als melodramatische Meisterwerke, die mit kuriosen, unerwarteten Wendungen auftrumpfen und gleichzeitig ein Gefühl der beunruhigenden Unbekümmertheit ausstrahlen. Oftmals fällt die Wahl der Protagonisten auf Randfiguren der Gesellschaft, mit denen sich zu beschäftigen sonst kaum ein Filmemacher für angebracht hält. Vielleicht sogar deshalb, weil sich kaum einer traut. Somit sind Almodóvars Filme, zu denen unter anderem auf Zelluloid gebannte Absurditäten-Kabinette wie „Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs“ (1988) und „Zerrissene Umarmungen“ (2009) gehören, mehr Liebhaberstücke denn massentaugliche Publikumsmagneten. Sie zielen weniger auf das Gefallen der Allgemeinheit ab, sondern versuchen vielmehr, Nischenbedürfnisse zufriedenzustellen. So ist auch sein neuster Film eine Ansammlung an obskuren Thematiken, die – alle in einem Film verpackt – ein hohes Maß an Konzentration erfordern und voraussetzen, dass der Zuschauer sich allem öffnet, was ihn erwarten mag.

Der Plot

Der spanische Professor Robert Ledgard (Antonio Banderas) ist Chirurg in der spanischen Kleinstadt Toledo im Jahre 2012. Nach dem Unfalltod seiner Frau Gal, die durch einen Großbrand entstellt wurde und sich in Verzweiflung über ihren Zustand das Leben nahm, ist er besessen von der Idee, eine neue robustere Haut für die Menschen zu züchten. Obwohl er es gegenüber seinen Chirurgenkollegen leugnet, ist Ledgard in seiner Testphase bereits weit über die Versuche an Tieren hinaus und beherbergt in seiner großen Villa eine geheimnisvolle Frau namens Vera (Elena Anaya), die allem Anschein nach als lebendes Testobjekt gehalten wird. Unter ihrem Ganzkörperanzug trägt sie ebenjene neuartige Haut, die ihr in einem schmerzhaften Verfahren Schicht für Schicht transplantiert wird. Immer in Angst um ihre Haut und ihre Person gestattet Robert es Vera nicht, ihr Zimmer zu verlassen und beobachtet sie tagein, tagaus über Monitore. Doch nach einem Selbstmordversuch Veras wird nicht nur Ledgards Haushälterin Marilia (Marisa Peredes), die Vera so gut wie nie zu Gesicht bekommt, hellhörig: Wer ist die geheimnisvolle Frau, die keine Vergangenheit zu haben scheint und Roberts verstorbener Ehefrau so unheimlich ähnlich sieht? In Rückblenden wird klar: Vera Cruz ist mehr, als nur ein menschliches Versuchsobjekt für Robert Ledgards perverse Forschungen. Sie ist sein Eigen. Seine Erfindung. Sein Heiligtum.

Kritik

Pedro Almodóvar gelingt mit seinem neusten Werk eine beunruhigende Charakterstudie über einen Chirurgen, der – besessen von einer Idee, die ihren Ursprung in der totalen Verzweiflung fand – konsequent sein sich selbst gestecktes Ziel verfolgt, ohne sich um die Grenzen der Legalität zu scheren. Alles beginnt mit dem versuchten Selbstmord der geheimnisvollen Vera. Sie wird beunruhigend nüchtern, dabei jedoch intensiv von Elena Anaya („Lucia und der Sex“, „Van Helsing“) gespielt, die wenig effektvoll, dafür umso eindringlicher ihre Verzweiflung über ihr seltsames Dasein zum Ausdruck bringt. Zierlich, fast schon hager erscheint Vera, die zu Beginn kaum spricht, aber mithilfe von punktgenauem Mimikwechsel und wohlgewählten Sprachfetzen schnell zu einer Figur wird, die gleichermaßen bemitleidenswert wie tough anmutet.  In ihrer Gefangenschaft einzugehen scheint sie nicht. Stattdessen verkörpert sie eine starke Frauenfigur, die den Selbstmord lediglich als Anklage gegen ihren Peiniger nutzt und damit vor allem Gefangene ihrer selbst ist; weniger Gefangene Ledgards. Dieser ist in seinem Auftreten sowohl konsequent als auch ungeheuer zerbrechlich und vermittelt kaum das Bild des skrupellosen Entführers – zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, zu dem der Zuschauer sich über die Herkunft Veras noch nicht im Klaren ist.

Da „Die Haut, in der ich wohne“ das gern genommene „Aufklärung durch Rückblenden“-Schema verfolgt, ändert sich die Grundstimmung besonders im Hinblick auf den immer mehr zum Antagonisten aufgebauten Chirurgen Ledgard konsequent. So könnte man fast meinen, ab etwa der Hälfte des Films fände ein Genrewechsel statt: aus der durch und durch tragischen Geschichte  um die ominöse Existenz Veras wird im Verlauf der Handlung fast eine altmodische Horrormär aus Zeiten der Hammer-Gruselfilme. Auf der einen Seite der verrückte Wissenschaftler, der sich eine Gestalt baut, wie einst Frankenstein sein Monster schuf. Auf der anderen Seite eben jenes Wesen, das im wahrsten Sinne des Wortes nicht aus seiner Haut kann und schwankt: sich dem Schicksal ergeben und das Beste daraus machen, oder eine Revolte gegen jenen Mann starten, der sie in diese Lage brachte?  Durch diese Fragestellung richtet sich die spanische Charakterstudie in vielen Momenten direkt an den Zuschauer, der sich früher oder später mit der Frage konfrontiert sieht, was er an Stelle Veras machen würde.

Die wenigen Nebencharaktere sind allesamt so schwammig gezeichnet, dass sie für den Handlungsverlauf keine Rolle spielen. Dafür rücken sie das agierende Hauptrollenpaar noch mehr in den Fokus der Geschichte. Dennoch hat die bloße Existenz einiger Figuren durchaus ihre Berechtigung – weniger aufgrund der Interaktion mit den Protagonisten, denn vielmehr als eine besondere Form der bewegten Kulisse. „Die Haut in der ich wohne“ möchte kein Kammerspiel sein. Almodóvars Ziel war es nicht, Beklemmung durch Enge zu erzeugen. Die Kulissen sind weit und die Villa ausschließlich in hellen Tönen gehalten. Dies legt den Fokus auf das Gefängnis, in welchem sich Vera wirklich befindet: die Haut, in der sie wohnt. Und aus ihrer Haut fahren, ist der Gefangenen im wahrsten Sinne des Wortes nicht möglich. Während die Rückblenden sich zum Großteil an verschiedenen Orten außerhalb des Gebäudes abspielen und die Vergangenheit der Figuren beleuchten, spielt das Jetzt fast ausschließlich innerhalb dieser weißen vier Wänden von Lerdgards Villa. Nie sind mehr als drei Personen auf einmal in einer Szenerie zu sehen und trotz der allgegenwärtigen Spannung scheint es nie hektisch zuzugehen. Selbst eine Art Verfolgungsjagd besitzt durch die farblosen, fast hypnotischen Bilder immer eine ungeheure Ästhetik und innere Ruhe. Die Szenerie wirkt fast wie betäubt – eine weitere Parallele zum medizinischen Kontext, der sich wie ein roter Faden durch die zwei Stunden Laufzeit zieht und an einigen Stellen mehr als deutlich hervorlugt.

Der extravagante Regisseur verzichtet auf schnelle Schnitte, auffällige Musik, verwirrende Licht- oder Farbspiele. Passend zu den sterilen Operationssälen in Krankenhäusern, so wie auch Ledgard einen eigenen besitzt, wird alles, was sich innerhalb Ledgards vier Wänden abspielt, dabei aber nichts mit den Hauptfiguren zu tun hat, nahezu ausgeblendet. Dies sorgt für eine ungeheure Dialoglastigkeit des Streifens. Dennoch bilden hierzu vor allem die mit einer wesentlich höheren Geschwindigkeit gesegneten Rückblendeszenen einen passenden Ausgleich. In diesen füllt die Geschichte all die Wissenslücken auf, die der Film bislang hinterließ und die den Zuschauer daran hindern, hinter das Geheimnis der Existenz von Ledgards Versuchskaninchen zu kommen. Ein Blick auf den Tod von Ledgards Frau gehört ebenso dazu, wie die Entführungsgeschichte von Vera und ihre Verwandlung von einer unscheinbaren Person zum größten  Kunstwerk des gestörten Wissenschaftlers.

Wie es für seine Filme üblich ist, kann auch „Die Haut, in der ich wohne“ wieder mit einem unheimlich intensiven wie spannenden Twist aufwarten, der den Zuschauer mit einem unwohlen Gefühl in der Magengegend aus dem Film entlässt. Im Grunde genommen ist der gesamte Streifen ein einziger Twist – verwoben in eine Geschichte, die aus zwei parallelen Sichtweisen erzählt zu einem großen, unheimlichen, aber faszinierendem Ganzen wird. Und erst von Weitem betrachtet kann der Zuschauer beginnen, die einzelnen Puzzlestücke zusammenzusetzen, um zu begreifen, was in den letzten zwei Stunden passiert ist.