Leviticus
Vielleicht ist LEVITICUS der brutalste Film des Jahres. Denn in einem Jahr, in dem „Ice Cream Man“ und „Evil Dead Burn“ die Blutfontänen nur so spritzen, liegt der wahre Schmerz nicht da, wo Blut vergossen wird. Sondern dort, wo Liebe zu Selbsthass wird.
Darum geht’s
Nach dem Tod seines Vaters zieht Naim (Joe Bird) mit seiner Mutter (Mia Wasikowska) in eine streng religiöse Kleinstadt in Victoria. Während er versucht, in der neuen Umgebung Fuß zu fassen, verliebt er sich heimlich in den gleichaltrigen Ryan (Stacy Clausen). Doch als Naim beobachtet, wie Ryan Hunter (Jeremy Blewitt) den Sohn des örtlichen Pastors, Hunter, küsst, reagiert er eifersüchtig und verrät die beiden – mit fatalen Konsequenzen. Ryan und Hunter werden daraufhin einem religiösen „Befreiungsritual“ unterzogen, das ihre homosexuellen Gefühle auslöschen soll. Doch schon bald geschehen in der Kleinstadt immer unheimlichere Dinge. Ryan scheint von einer mysteriösen Präsenz verfolgt zu werden, die bald auch Naim in ihren Bann zieht.
Kritik
Der Filmtitel „Leviticus“ steht für das dritte Buch der Bibel, auch bekannt als das 3. Buch Mose. Darin finden sich zahlreiche Regeln, die das Leben der Gläubigen bestimmen sollen und solche Fragen stellen (und beantworten) wie: Was ist rein, was ist unrein? Was ist erlaubt, was ist Sünde? Und mittendrin stehen sie. Jene Verse, die bis heute immer wieder dazu herangezogen werden, gleichgeschlechtliche Liebe als etwas Verwerfliches zu brandmarken. Für einen Film wie diesen – das Spielfilmdebüt des Australiers Adrian Chiarella – könnte es wohl kaum einen passenderen Titel geben. Denn „Leviticus“ erzählt von einer Welt, in der zwei Heranwachsende lernen sollen, dass ausgerechnet das, was sich für sie am natürlichsten anfühlt, falsch ist. Dann wird eben aus der Liebe die Sünde und aus Verlangen eine Schuld. Und aus dem Versuch, diese Gefühle im wahrsten Sinne des Wortes auszutreiben, der blanke Horror. Doch er liegt nur bedingt in den Motiven, die für die Bebilderung dessen herangezogen werden. Denn das wirklich Verstörende an „Leviticus“ ist nicht das, was sich irgendwann hinter den Jungs auftut. Und ja: Gewisse Parallelen zu David Robert Mitchells „It Follows“ sind übersehbar. Stattdessen ist es das, was sich zuvor bereits in ihnen festgesetzt hat: die Scham und die Angst, falsch zu sein. Und irgendwann vielleicht sogar der Hass auf sich selbst, weil man gelernt hat, etwas zu verabscheuen, das man eigentlich nur lieben wollte. Also laufen sie immer weiter weg von dem, was sie sind. In der Hoffnung, irgendwann dort anzukommen, wo sie sich selbst nicht mehr sehen müssen.
Dabei beginnt der Film mit einer ganz eigenen Form von Zärtlichkeit. Wenn Naim und Ryan sich langsam näherkommen, äußert sich ihre aufkeimende Anziehung zunächst nur selten in dem, was wir gemeinhin als romantische Gesten begreifen würden. Stattdessen raufen die beiden miteinander, schubsen sich, messen ihre Kräfte – eben auf jene Art, wie Jungs miteinander umgehen können, ohne dass irgendjemand darin etwas Verdächtiges sehen würde. Vielleicht ist schon das bereits eine Form von Selbstschutz: Körperliche Nähe zwischen Jungs ist erlaubt, solange sie als Wettbewerb oder Rauferei gelesen werden kann. Romantische Gefühle hingegen sind es nicht. Und wenn man ihnen früh genug einredet, dass das eigene Begehren falsch ist, sucht man sich womöglich ganz automatisch jene Formen der Nähe, die niemand hinterfragen muss. Und trotzdem – oder gerade deshalb – liegt in diesen Szenen eine ungeheure Zärtlichkeit. Chiarella bringt uns Naim und Ryan nicht über große Liebeserklärungen näher, sondern über kleine Verschiebungen in ihrer Körpersprache. Joe Bird („Talk to Me“) und Stacy Clausen („Thrash“) schaffen es mit ihrem subtilen Spiel, die zwischenmenschliche Verbindung der beiden in unscheinbaren Momenten greifbar zu machen; Sodass man spürt, wie zwei Menschen hier gerade erst herausfinden, was sie füreinander empfinden. Aber vielleicht noch viel stärker, dass sie überhaupt erst lernen müssen, diesem Gefühl einen Namen zu geben.
„Wenn man ihnen früh genug einredet, dass das eigene Begehren falsch ist, sucht man sich womöglich ganz automatisch jene Formen der Nähe, die niemand hinterfragen muss.“
Was für eine wundervolle Liebesgeschichte hieraus entstehen könnte. Chiarellas Beobachtungsgabe, zwei junge Menschen dabei zu begleiten, sich einander vorsichtig anzunähern, ohne ihre Gefühle direkt in große Gesten übersetzen zu müssen, lässt in einem die Hoffnung aufkeimen, dass er sich mit seinem nächsten Projekt doch bitte an eine klassische Coming-of-Age-Geschichte zu wagen. Doch Naim und Ryan leben nicht in einer Welt, die ihnen dafür den nötigen Raum ließe. In der strenggläubigen Gemeinde des australischen Victoria ist ihre Liebe kein Aufbruch, sondern eine Abweichung, die korrigiert werden muss. Also wird ein sogenannter „Befreiungsheiler“ gerufen. Und was dann folgt, ist eine Art umgekehrter Exorzismus, in dem nicht ein Dämon aus dem Körper eines Menschen vertrieben werden soll, sondern etwas, das in ihm selbst als dämonisch betrachtet wird. Und als hätte „Leviticus“ für diese Grausamkeit noch eine besonders perfide Entsprechung finden wollen, bleibt es nicht bei körperlicher und seelischer Gewalt. Der Film belegt die vermeintliche „Heilung“ mit einem Fluch, der kaum grausamer sein könnte: Das, was man am meisten liebt, wendet sich gegen einen. Plötzlich wird aus dem Menschen, dessen Nähe eigentlich Trost verspricht, eine Bedrohung. Und je verzweifelter Naim und Ryan versuchen, diesem Schicksal zu entkommen, desto deutlicher zeichnet sich ab, dass „Leviticus“ nicht nur davon erzählt, was andere Menschen einem antun können. Sondern auch davon, was passiert, wenn man den Hass auf sich selbst irgendwann so tief verinnerlicht hat, dass man beginnt, sich selbst zu zerstören.
Denn „Leviticus“ ist vor allem ein Film über Selbstzerstörung. Und vielleicht steckt in keinem Satz so viel von dem Schmerz, den Chiarella seinen Figuren zumutet, wie in Ryans verzweifeltem Eingeständnis: „Wenn ich damit leben muss, will ich nicht, dass es wie irgendein anderer Idiot aussieht. Ich will, dass es wie du aussieht.“ Die Wucht dieses Satzes ist brachial. Denn Ryan spricht hier nicht einfach über seine Angst vor dem Wesen, das ihn verfolgt. Er spricht darüber, dass selbst seine größte Sehnsucht inzwischen von der Gewalt überlagert wird, die man ihm als Antwort auf diese Sehnsucht beigebracht hat. Das, was er liebt, wird zur Bedrohung. Und schlimmer noch: Er kann sich dieser Bedrohung nur stellen, indem er sie mit dem Gesicht des Menschen versieht, den er eigentlich nie verlieren möchte. Für einen Moment droht alles um einen herum zusammenzustürzen. Denn hier liegt er: der wahre Horror von „Leviticus“. Nicht etwa in dem die Jungs verfolgenden Wesen selbst. Und auch nicht in den (ohnehin nur rar gesäten) Schockmomenten oder kurzen Einschüben physischer Gewalt. Er liegt in der Erkenntnis, dass ein Mensch dazu gebracht werden kann, das Schönste an sich selbst als etwas Zerstörerisches zu empfinden. Dass „Leviticus“ dennoch als klassischer Horrorfilm vermarktet wird, also mit seiner Prämisse und nicht zuletzt dem offensichtlichen „It Follows“-Echo durchaus entsprechende Erwartungen weckt –, ist deshalb vielleicht die eine, große Schwäche, die man dem Film zuweisen könnte, sofern man allzu stark in Genreschubladen denkt.
„Irgendwann wird aus dem Wesen als klassischem Antagonisten eine körpergewordene Erinnerung daran, dass Ryan und Naim gelernt haben, ihre eigene Liebe zu fürchten. So verpuffen selbst die wenigen Schockmomente nie in bloßer Genrefunktionalität. Sie tun weh, weil wir wissen, warum diese Figuren verfolgt werden.“
Wer ohne zumindest rudimentäres Vorwissen einen konventionellen Horrorvertreter erwartet, könnte enttäuscht darüber sein, wie wenig sich Chiarella tatsächlich an den vertrauten Regeln des Horrorkinos orientiert. Denn er will uns nicht erschrecken, er will uns wehtun. Natürlich gibt es auch in „Leviticus“ Momente, in denen der Film ganz bewusst die Sprache des Genres bemüht: Wenn sich in der Dunkelheit eine unsichtbare Präsenz ankündigt oder die Kamera (Tyson Perkins) einen verdächtig leeren Raum länger beobachtet, als es einem angenehm wäre, weiß Chiarella sehr genau, wie man Unbehagen erzeugt. Auch über die Tonspur werden Geräusche zu Vorboten von Unheil und Stille zur Bedrohung. Ein sichtbares Monster könnte eine solche Intensität kaum erreichen. Doch selbst in solchen Momenten interessiert sich Chiarella für den Schrecken hinter dem Schrecken. Irgendwann wird aus dem Wesen als klassischem Antagonisten eine körpergewordene Erinnerung daran, dass Ryan und Naim gelernt haben, ihre eigene Liebe zu fürchten. So verpuffen selbst die wenigen Schockmomente nie in bloßer Genrefunktionalität. Sie tun weh, weil wir wissen, warum diese Figuren verfolgt werden. Und so unterläuft „Leviticus“ seine eigenen Genreversprechen auf eine paradoxe Weise: Je weniger er versucht, ein klassischer Horrorfilm zu sein, desto eindringlicher wird er als solcher. Denn was nützt der effektivste Jumpscare, wenn der eigentliche Schrecken längst in einem selbst wohnt? Vielleicht besteht die einzige Möglichkeit, diesem Schrecken irgendwann zu entkommen, darin sich über die eigene Angst zu erheben. Über die eigene Traurigkeit. Über all das, was einem eingeredet hat, man müsse sich für sich und das eigene Leben schämen.
Fazit: Der australische Regienewcomer Adrian Chiarella braucht für sein unendlich emotionales Horrordrama „Leviticus“ keine Armada aus Monstern und Schockmomenten. Er braucht zwei Jungs, die sich lieben, und eine Welt, die ihnen beibringt, sich dafür zu hassen. Das ist nicht weniger Horror. Es ist schlimmer.
„Leviticus“ ist der Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests 2026.



