It Follows

David Robert Mitchell gelingt mit seinem Genredebüt IT FOLLOWS etwas, was man im Horrorgenre heutzutage kaum mehr erwartet hat. Sein Film über ein „Ding“, das seine Opfer tagelang verfolgt, eh es sie umbringt, schürt pure Angst, die von einer herausragenden technischen Machart noch vielfach unterstrichen wird. Nicht nur deshalb ist sein Projekt der beste Horrorfilm des Jahres. Mehr dazu in meiner Kritik.

It Follows

Der Plot

Schon immer hat sich die 19-jährige Jay (Maika Monroe) einen schmucken Typen an ihrer Seite gewünscht. Mit dem attraktiven Hugh (Jake Weary) scheint dieser Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Nach obligatorischem Händchenhalten, romantischen Kinobesuchen und leidenschaftlichen Küssen schlafen beide miteinander. Doch die Romantik löst sich rasch in Luft auf. Für Hugh war der Beischlaf kein bloßer Ausdruck seiner Liebe, sondern Mittel zum Zweck. Beim Sex hat er etwas auf Jay übertragen, von dem nur eines sicher ist: Der, der es in sich trägt, wird so lange verfolgt, bis er auf qualvolle Weise stirbt, oder „es“ selbst an jemand anderen überträgt. Von nun an lebt Jay in ständiger Angst, denn „es“ kann alles sein – ein Greis, ein Riese, vielleicht sogar ihr bester Freund. Doch Jay hat ein noch viel größeres Problem: Sie ist einfach überhaupt nicht der Typ, der mir nichts, dir nichts einen x-beliebigen Typen ins Bett zerrt. So bleibt ihr nur die Flucht vor dem „Ding“ und die Hoffnung, dass sie und ihre Freunde einen Ausweg aus dieser Misere finden.

Kritik

„Innovation“ – ein Zauberwort, ein nie erreichtes Optimum, der Schlüssel zum Erfolg. Das zumindest wird uns weisgemacht, denn ohne jenes Prädikat scheinen gerade im Genresegment jedwede Produktionen automatisch zum Scheitern verurteilt. Kein Wunder: Schließlich ist alles irgendwie schon mal dagewesen. Schocks und Suspense funktionieren immer nach denselben Prinzipien. So braucht es entweder eine besonders beklemmende Atmosphäre oder überaus effektive Fratzen, Monster, Wunden, um das Publikum heutzutage noch zu erschrecken. Doch das Jahr 2015 scheint sich diesbezüglich neue Wege erschlossen zu haben. Nicht nur Jennifer Kents düster-melancholische Trauerarbeitsparabel „Der Babadook“ ließ Horrorfans auf der ganzen Welt frohlocken, jetzt erreicht auch der Indiefestival-Hit „It Follows“ endlich heimische Gefilde. David Robert Mitchells Debüt in der horrenden Filmsparte ist das Paradebeispiel eines von Genies wie David Lynch geprägten, surrealistischen Albtraums, der etwas zu schüren vermag, das im massentauglichen Genrekino bereits ausgestorben schien: Angst. Pure Angst!

It Follows

Schon in Mitchells aller erster Regiearbeit „The Myth of the American Sleepover“ ließ der Filmemacher seine Faszination für das Seelenleben US-amerikanischer Teenager durchblitzen. Sein Coming-of-Age-Drama erfasste das pubertäre Chaos der Heranwachsenden mit einem beeindruckenden Fingerspitzengefühl, das sich stilsicher auch in „It Follows“ wiederfindet. Mitchell geht es nicht um das Formen typischer Horrorfilm-Stereotypen. Das gerade im Genrekino so gern zur Hand genommene Reißbrett, das für das Entwerfen effektiver Klischees einfach zu verlockend erscheint, schmeißt der 41-jährige Independentfilmer mit Genuss über Bord. Seine Protagonisten haben nicht nur absolut keinerlei Bezug zu gerade für den Horrorfilm typischen Charakteristika; hier gibt es weder Zickenterror, noch Alkoholeskapaden. Mitchell, der auch das Skript verfasste, gesteht seinen Hauptfiguren gar solch individuelle Züge zu, dass sich „It Follows“ auf ungeschriebene Genregesetze gar nicht erst anwenden lässt. Lediglich an der Oberfläche mutet der Plot bekannt an, doch kratzt man jene weg, offenbart sich der kluge Unterwanderungsgedanke des Regisseurs.

Sex als Auslöser für Horrorfilmqualen ist ein Element, dessen sich schon lange vor dem Teenie-Slasher der Neunziger ein gewisser Roman Polanski bediente. Filme wie „Scream“ oder „Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast“ begründeten den Gedanken, dass wahllos vögelnde, Alkohol und Drogen konsumierende Jugendliche die geringsten Überlebenschancen innerhalb eines Genrefilms haben, doch im Grunde war es „Rosemary’s Baby“, der den Beischlaf erstmalig als gar nicht schönste Nebensache der Welt innerhalb des cineastischen Universums etablierte. Nun möchte man meinen, „It Follows“ käue eben doch nur bekannte Formeln und Schemata wieder, doch David Robert Mitchell geht mit seinem Werk den alles entscheidenden Schritt weiter: Seine Hauptfiguren würden ohne Sex zwar gar nicht erst in den „Genuss“ von dem kommen, das im Laufe der rund 100 Minuten vielfach sein Erscheinungsbild ändert und dadurch von durch und durch unberechenbarem Charakter ist, sondern müssen ein unverbindliches Schäferstündchen sogleich auch als einzigen Lösungsweg in Betracht ziehen. In „It Follows“ ist Sex Urheber allen Übels und Rettungsanker zugleich. Und weil Mitchell seine Protagonisten als denkende Individuen zeichnet, deren vielschichtige Charaktere direkten Einfluss auf die Story nehmen, funktioniert der nun eingangs recht simpel anmutende Handlungsfaden eben doch nicht mehr auf eine solch banale Weise.

It Follows

Da die Geschichte von „It Follows“ auf ein schnörkelloses, wenn auch extrem effektives Konzept setzt, hat die technische Umsetzung einen noch größeren Stellenwert als in Genrebeiträgen, deren Story von Unmengen an Twists und Handlungsfäden geprägt ist. Kameramann Mike Gioulakis bewies schon mit „John Dies at the End“ seinen Hang zum Makaberen und treibt seine genaue Beobachtungsgabe mit „It Follows“ auf die Spitze. Der Bilderkünstler schürt eine permanent paranoide Atmosphäre, unterstützt von den paralysierenden Synthie-Klängen Rich Vreelands. Sein auf unangenehme Weise berauschender Sound lässt Erinnerungen an das von „Halloween“ und „Freitag, der 13.“ geprägte Slasher-Kino der Achtzigerjahre wach werden und geht dem Zuschauer ins von Gänsehaut übersäte Mark über. So traut man sich bisweilen kaum mehr, zu atmen, wenn die phänomenal aufspielenden Newcomer einfach nur eine Straße entlang gehen. Das Böse ist da, denn auch, wenn man es gerade nicht sieht, könnte es hinter jeder Ecke lauern. Taucht es auf, braucht es keinen dreidimensionalen Sprung in die Kamera. Die Erkenntnis darüber, dass uns das faszinierende Skript durchgehend an der Nase herumführt, ist Urheber eines Horrorfilm-Meilensteins. Und wir alle sind Zeuge, wie direkt vor unseren Augen Kinogeschichte geschrieben wird!

Fazit: „It Follows“ ist nicht nur aufgrund seiner kreativen Grundidee der Horrorfilm des Jahres, sondern schafft mit seiner klugen Unterwanderungen gängiger Klischees das absolute Genre-Optimum: Er ist einzigartig! Ein Muss für Fans und alle, die es werden wollen!

„It Follows“ ist ab dem 9. Juli bundesweit in den Kinos zu sehen.

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