69 Tage Hoffnung

2010 haben wir an den Fernsehschirmen geklebt, nun findet die Geschichte um die 33 verschütteten Bergarbeiter in Chile ihren Weg auf die große Leinwand. Leider zehrt 69 TAGE HOFFNUNG nicht von der Emotionalität der Geschichte, sondern spult das übliche Repertoire vergleichbarer Katastrophendramen ab. Mehr dazu in meiner Kritik.69 Tage Hoffnung

Kritik

2010 richteten sich die Augen der gesamten Welt auf Chile, als dort beim Einsturz einer Gold- und Kupfermine 33 Bergleute lebendig begraben werden. In den folgenden 69 Tagen bemüht sich ein internationales Team verzweifelt und unermüdlich, die eingeschlossenen Männer zu retten. Unterdessen warten in banger Hoffnung nicht nur ihre Familien und Freunde, sondern Millionen Menschen, die sie gar nicht kennen. Doch 200 Stockwerke unter der Erdoberfläche wird die Zeit aufgrund mangelnder Verpflegung schnell knapp. In den tiefsten Abgründen der Erde erschließen sich die privaten Schicksale der Männer, die aufgrund dieser seelischen Belastung von Tag und Tag schwächer werden. Es braucht großen Mut, um hier, gefangen im Stollen, nicht aufzugeben…

Kritik

Spoiler sind der moderne Todfeind eines Film- und Serienkonsumenten. Wer vorab verraten bekommt, wie eine Geschichte endet, der wird eines unvoreingenommenen Seherlebnisses beraubt. Überraschungen verpuffen, das Erstaunen ob einer Wendung verliert seine Wirkung und die Faszination für ein bestimmtes Projekt kann sich nicht so entfalten, wie es jenen Zuschauern möglich ist, die nicht vorher schon wissen, was sie erwartet. So sind gerade Filme, die auf allgemein bekannten Tatsachen beruhen, umso stärker von einem guten Skript, vor allem aber von einer effektiven Regieführung abhängig. Dass die Geschichte um die 2010 in Chile verschütteten Bergarbeiter damals ein gutes Ende fand, bekam jeder mit, der zu dieser Zeit nicht voll und ganz auf seinen Medienkonsum verzichtete. Trotz dieser Kenntnis kann sich aus den Ereignissen, die sich in diesen 69 Tagen unter der Erde abspielten, immer noch interessanter Filmstoff ergeben. Schließlich kennen wir zwar die Bilder von der Bergung, trotzdem ist uns nicht im Detail bekannt, was damals genau unter den 33 Bergleuten vor sich ging, die für über drei Monate dazu gezwungen waren, auf engstem Raum miteinander zusammen zu leben.

69 Tage Hoffnung

Die mexikanische Regisseurin Patricia Riggen („Girl in Progress“) nimmt sich in „69 Tage Hoffnung“ des schwierigen Kraftakts an, den dokumentarischen Roman „Deep Down Dark“ von Hector Tobar im Rahmen eines Spielfilms auf die Leinwand zu bringen. Das gelingt ihr auch, sofern man als Zuschauer ausschließlich das erwartet: ein verfilmtes Buch. Würde man „69 Tage Hoffnung“ auf das Medium der akustischen Unterhaltung übertragen, so müsse man den Vergleich aufstellen, dass man es hier nicht mit einem aufwändig produzierten Hörspiel, sondern lediglich mit einem zwar solide inszenierten, aber doch recht spannungsarm 1:1 übertragen Hörbuch zu tun hätte. Bedächtig nimmt das Skript von Mikko Alanne („5 Days of War“), Craig Borten („Dallas Buyers Club“) und Michael Thomas („Scandal“) den Zuschauer mit von relevanter Station zu Station. Manchen Tagen widmet sich das Drehbuch über eine Viertelstunde lang, dann gibt es teilweise Zeitsprünge von mehreren Wochen. Fast scheint es so, als hätten die Macher erkannt, dass die Geschichte in der hier dargebrachten Form keinen Film trägt, der über zwei Stunden dauert. Es wird geredet, geflucht, geweint, gebangt – aber bei aller Tragik bleiben die Gefühle der Eingesperrten dem Zuschauer seltsam fern. Das könnte vor allem daran liegen, dass „69 Tage Hoffnung“ zwar durchaus mit einer sehenswerten Besetzung (Antonia Banderas, Rodrigo Santoro, James Brolin…) aufwartet, das Skript es jedoch nicht vorsieht, auch nur einem der Bergleute ein Profil zuzugestehen. Die Figuren definieren sich über ihre mit Todesangst einhergehende Hoffnung. Besondere Charakterzüge müssen da vermutlich gar nicht zum Tragen kommen, um auch so als Triebfeder für das Handeln der Männer zu funktionieren. Lediglich in einer Traumsequenz, in welcher sich die Herren ein Abendmahl mit ihren Frauen vorstellen, springt aufgrund der inszenatorischen Verträumtheit kurz ein emotionaler Funke zum Zuschauer über.

Selbst visuell sind die Männer irgendwann kaum mehr zu unterscheiden. Aufgrund der Zustände unter der Erde mergeln die Arbeiter allesamt ab, die Bärte wachsen, die Haut wird dreckiger. Das trägt zwar durchaus zu einem Gefühl von Authentizität bei, für das Seherlebnis ist das allerdings nicht unbedingt zuträglich. Als sich die Autoren schließlich dafür entscheiden, die Hälfte der Laufzeit über der Erde spielen zu lassen und parallel zum Leidensweg der Verschütteten auch den der Angehörigen aufzuzeigen, erhält „69 Tage Hoffnung“ immerhin ein wenig Dynamik. In Bezug auf die Figuren gibt es hier allerdings dieselben Probleme. Trotz Darstellerinnen wie Juliette Binoche („Die Wolken von Sils Maria“) oder Cote de Pablo („Navy CIS“) erfährt man über die leidenden Frauen, Schwestern oder Mütter genauso wenig wie über deren Gatten, Brüder und Söhne. „69 Tage Hoffnung“ bleibt trotz seiner tragischen, wahren Geschichte ein über weite Teile emotionsloser Film, der sich nicht einmal über seine Story selbst definieren kann – denn genau diese ist uns ja allen bekannt.  Was sich dem Film allerdings nicht vorwerfen lässt, ist das optische Erscheinungsbild. Die Regisseurin kreiert für ihren Film absolut authentische Settings, die unter dem wachsamen Auge von Kameramann Checco Varese („The Strain“) so beklemmend wie möglich daherkommen. „69 Tage Hoffnung“ profitiert nicht von einem Budget, mit welchem gängige Hollywood-Katastrophenfilme ausgestattet sind. Das bekommt man auch in den ersten zehn Minuten zu spüren, wenn die Explosion, die den Ausgang des Stollens versperrt, zwar nicht bombastisch, wohl aber glaubwürdig aussieht.

Die aus „Navy CIS“ bekannte Cote de Pablo fiebert in „69 Tage Hoffnug“ der Rettung ihres Mannes entgegen.

Fazit: „69 Tage Hoffnung“ ist der filmgewordener Lexikoneintrag über ein Ereignis, das man auch mit großem Budget und internationaler Besetzung nicht so intensiv nacherzählen kann, wie es zu Zeiten der Geschehnisse tatsächlich war. Katastrophendrama-Business as usual as possible.

„69 Tage Hoffnung“ ist ab dem 11. Februar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen. 

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