Anchorman – Die Legende kehrt zurück

In Amerika ist er ein Volksheld, der es selbst in den Spind der Soldaten in „Lone Survivor“ schafft. Hierzulande hat sich der Kult im Ron Burgundy bislang noch nicht ganz erschlossen. Dennoch hat sich eine kleine Fanbase um den exzentrischen Nachrichtensprecher gescharrt. Mit ANCHORMAN – DIE LEGENDE KEHRT ZURÜCK ist das Sequel zur Komödie ab 5. Juni auf DVD und Blu-ray im Handel erhältlich. Anlässlich des Heimkino-Starts habe ich einen Blick auf die Blödelbarden geworfen. 

Der Plot

Er trägt die glamouröseste Föhnfrisur und den heißesten Schnauzer, der jeden Hipster vor Neid erblassen lassen würde. Dabei beweist er jede Menge Taktgefühl, Stil, Klasse und Eloquenz. Wer ist bloß dieser charismatische Hengst in diesem fantastischen burgunderroten Anzug? Es ist RON BURGUNDY (sprich: Ronn Böörg’ndi) – der legendärste Nachrichtensprecher aller Zeiten! Mittlerweile ist der umwerfend gut aussehende News-Gott allerdings am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen: Ron moderiert eine Delfin-Show in einem Themenpark. Als plötzlich der neue 24-Stunden-Nachrichtensender GNN ihn beauftragt, das glorreiche „Action-4-News-Team“ wieder zu vereinen, schöpft Ron frischen Mut. Er kehrt San Diego und den Delfinen den Rücken, um in New York zu neuem Ruhm und Reichtum zu gelangen. Der Anzug ist gestriegelt, der Scheitel sitzt, die Stimme ist geölt und der Schnauzer perfekt in Form gebracht – Ron Burgundy, das charismatischste Aushängeschild der amerikanischen News-Branche, ist wieder da! Und so wollen er, Außenreporter und Ladie’s Man Brian Fantana (Paul Rudd), der unterbelichtete Wetterfrosch Brick Tamland (Steve Carrell), der eher schlagkräftige als schlagfertige Sportreporter Champ „Kawumm“ Kind (David Koechner) und seine bezaubernde Co-Sprecherin und Ehefrau Veronica Corningstone (Christina Applegate) ihre Legende für immer zementieren. Nicht von ihrer Seite weicht Baxter, ein cleverer und verfilzter Terrier, den Ron Burgundy so liebt, dass er ihn nur knutschen, knutschen, knutschen möchte. Ist der Big Apple bereit, diesem Smart-Pack ein Denkmal zu setzen?

Kritik

Manche Dinge funktionieren nur innerhalb einer bestimmten Reichweite. Brachialcomedy mit Tom Gerhardt der Marke „Die Superbullen“ findet über die kölschen Grenzen hinaus wenig Anklang, den niederländischen Haudegen von „New Kids“ gelang der Durchbruch in Deutschland nicht und auch das Achtziger-Nachrichtenidol Ron Burgundy, um das in den USA ein absoluter Kult entbrannte, sorgte 2004 nicht einmal für vierstellige Besucherzahlen in den deutschen Kinosälen. Umso erstaunlicher ist es da, dass die Fortsetzung des sich erst auf DVD einem größeren Publikum erschlossenen Schnurrbartträgers auch hierzulande in den Lichtspielhäusern zu sehen sein sollte; wenngleich der Film erwartungsgemäß nicht zum Zuschauermagneten avancierte. Dabei entgeht dem Publikum dadurch nicht nur ein spitzfindiges Pointen-Feuerwerk der Extraklasse, sondern vor allem eine genau beobachtende und die Branche genau kennende Nachrichtensatire, die kein Blatt vor den Mund nimmt und gerade dadurch ordentlich Salz in die Wunde all derer streut, die das Fernsehprogramm tagtäglich mit sinnvollen Nachrichten bestücken müssen.

Dachte man nach der Sichtung der 2004 von „Saturday Night Live“-Legende Adam McKay inszenierten Nachrichtensatire „Anchorman“ noch, das komödiantische Potenzial des exzentrischen Kauzes Ron Burgundy sei bereits ausgeschöpft, belehrt uns der Filmemacher und Drehbuchauor („Die Qual der Wahl“) im Sequel zu „Anchorman“ eines besseren. Der Streifen, der in den USA das dreieinhalbfache seiner Produktionskosten wieder einspielte, endete mit einer Liebschaft zwischen dem bärtigen Antihelden und seiner Angebeteten Veronica Cornungstone. „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ spinnt die kuriose Liebesgeschichte zwischen dem wenig attraktiven Egomanen und der hübschen Blondine weiter und kreiert eine Lovestory, die alsbald zum Scheitern verurteilt ist. Als das verliebte Paar beim Senderchef vorstellig wird, erhält Veronica eine Beförderung – und Ron wird dem Sender verwiesen. Auf Basis dieser Prämisse erzählt McKay vom Wiedersehen des alteingesessenen Nachrichtenteams, das derweil unter anderem als Kätzchen-Fotograf und Fledermaus-Bräter Karriere machte und schickt die Vier erst auf einen kurzen Roadtrip, auf dem Kameramann Oliver Wood („2 Guns“) beeindruckende Bilder eines in Zeitlupe zelebrierten Autounfalls einfängt, um dem kuriosen Gespann innerhalb eines neuen TV-Senders alle anarchischen Freiheiten zu gewähren, wie es ihm nur irgendwie möglich ist.

Dabei zieht nicht nur Steve Carrell („Foxcatcher“) alle komödiantischen Register. Sein zum Liebhaben naiver Idiot, der in einer göttlichen Szene auf die ihm intellektuell nicht überlegende Chani Nachnamé (zum Knuddeln: Kristen Wiig) trifft, agiert erneut so jenseits des guten Geschmacks, dass es eine Freude ist, ihm vor allem bei der Interaktion mit seinen Schauspielkollegen zuzuschauen. Was muss Carrell beim Lesen des Drehbuchs wohl gedacht haben, als er erfahren musste, dass seine Figur auf ihrer eigenen Beerdigung auftaucht und nicht bemerkt, dass er gar nicht tot ist? Das Skript von Will Farrell und Adam McKay ist voll von derartiger Anarchie, die auch auf Paul Rudd („Immer Ärger mit 40“) und David Koechner („Get Smart“) übergreift. Wenn Koechners Champ erklärt. weshalb er in seinem Chicken-Imbiss lieber Fledermaus frittiert und Rudd sich an den Fotografien echter „Pussys“ (in diesem Fall Katzenbabys) aufgeilt, bleibt kein Auge trocken, sofern das Publikum derart plakativem und dementsprechend auch recht plattem Humor nicht abgeneigt ist.

Mit viel Fingerspitzengefühl würzt das Autorenduo seine Story jedoch auch mit allerhand Anspielungen auf die Mechanismen der Fernsehbranche und kehrt auf bitterböse Weise den in den Achtzigern vorherrschenden Rassismus und Chauvinismus hervor, der hinter den Kulissen der Medienbranche regelmäßig an den Tag gelegt wurde. Höhepunkt dessen ist ein gemeinsames Abendessen Ron Burgundys zusammen mit der afro-amerikanischen Familie seiner neuen Freundin Linda (tough: Megean Good), das sich als ein Fest für Freunde der Political Incorrectness entpuppt, für welche die „Anchorman“-Filme so bekannt sind – und das wissen die für die Dialoge zuständigen Autoren ebenso sehr wie die Darsteller. Wenn das Nachrichtenteam im letzten Drittel des Streifens schlussendlich zur aller ersten Live-Verfolgungsjagd vor amerikanischen Fernsehschirmen schaltet (welche in der Realität übrigens mit O.J. Simpson bestückt war), wird dem findigen Publikum schnell klar, wie es Senderchefs gelingt, seine Zuschauer Tag für Tag vor den Bildschirm zu holen. Will Farrell kreiert seinen „Aufklärungsfilm“ eben als laute Brachialkomödie. Dass sich ein Publikum dafür findet, zeigt in Übersee das Einspiel von etwas mehr als 127 Millionen Dollar. Hierzulande fanden nicht einmal 100.000 Besucher den Weg in die Kinos.

Will Farrell und Christina Applegate sind seit „Anchorman“ ein Paar – zumindest im Film.

Fazit: „Anchorman – Die Legende kehrt zurück“ ist mit Sicherheit eine Frage des Humors, allerdings keine Frage des guten Geschmacks. Vollgestopft mit Zynismus, Chauvinismus und derben Sprüchen lässt die Komödie dabei jedoch nie außer Acht, dass hinter der urkomischen Idee auch ein recht ernster Gedanke steckt, der uns allen vor Augen führt, wie unser TV-Konsumverhalten funktioniert. Wenn zum großen Finale dann eine Heerschar an prominenten Gaststars buchstäblich aufs Feld tritt, ist dieser Gedanke – zugegeben – dann aber auch für einen kurzen Moment nebensächlich.

Erschienen bei IOFP.de