Saint Maud

Eine Frau, ein Gott und die ganz große Eskalation – Newcomerin Rose Glass liefert mit SAINT MAUD ein Regie- und Drehbuchdebüt ab, das nicht nur mit einer ungeheuren Stilsicherheit überzeugt, sondern auch mit dem Mut, dorthin zu gehen, wo es richtig wehtut. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

OT: Saint Maud (UK 2019)

Der Plot

Nach einem schweren Schicksalsschlag findet die aufopferungsvolle Krankenschwester Katie (Morfydd Clark) Unterstützung in ihrem Glauben an Gott. Einige Monate später nennt sie sich Maud und arbeitet fortan als persönliche Pflegekraft für Schwerkranke. Ihre neue Patientin Amanda (Jennifer Ehle) war einst eine berühmte Tänzerin und Choreographin. Mit ihrem Wissen, schon bald an Krebs zu sterben, lebt isoliert in einem großen Haus an der Küste. Zunächst ist Amanda fasziniert von dieser zuvorkommenden, streng-religiösen Frau, die die verbitterte Kranke von ihren Qualen ablenkt. Maud wiederum glaubt in Amanda eine Art Gottesprüfung erhalten zu haben, die sie „retten“ muss. Als die junge Frau zunehmend von Visionen und Botschaften heimgesucht wird, die ihrer Auffassung nach von Gott persönlich stammen, nimmt das Schicksal seinen Lauf und Maud verliert mehr und mehr die Kontrolle über ihren Glauben und ihr Leben…

Kritik

Je nachdem wen man fragt, hat das Thema Religion ja schon von Natur aus einen unheimlichen Beiklang. Für die Einen ist der Glaube an eine höhere Macht mit einem Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit verbunden. Wenn es zur eigenen Lebensphilosophie gehört, dass alles einen Grund respektive Zweck hat, kann das helfen, Schicksalsschläge besser und schneller zu verarbeiten. Nicht umsonst finden Menschen häufig in Krisenzeiten zu einer Religion. Für die Anderen, Atheist:innen, dagegen ist der Glaube an Gott nicht mehr als die Anbetung eines Fantasiewesens. Und wenn man sich einmal vor Augen führt, was für wilde Blüten Religionsfanatismus treiben kann, ist es auch kein Wunder, dass die Debatte „Religion, ja oder nein?“ deutlich hitziger geführt wird als jene zu vielen anderen „Geschmacks- (oder besser: Glaubens-)fragen“. Auch im Horrorkino ist Religion seit jeher Thema. 1973 kam mit „Der Exorzist“ einer der bis heute meistgeschätzten Genrefilme in die Kinos, in dem ein junges Mädchen von einem Dämon besessen wird und sich ein Priester anschickt, ihre Seele zu retten. Seither sind zahlreiche artverwandte Filme erschienen; Exorzismushorror ist längst zum eigenen Subgenre geworden. Davon abgesehen tangieren noch viele weitere Horrortitel das Thema Religion, mitunter jedoch wesentlich subtiler. Das Slasherkino der späten Siebziger- und Achtzigerjahre etwa folgte mit seinen Motiven des ‘Final Girls‘ (also des reinen, braven Mädchens, das am Ende übrigbleibt) und dem Verfolgen solcher „Sünden“ wie Sex, Drogen- und Alkoholkonsum einer zutiefst konservativen Moralagenda. Dadurch und auch durch den Auftritt zahlreicher geistlicher Figuren, die in vielen fiktionalen (oder wie im Falle von „Conjuring“ in „von realen Ereignissen inspirierten“) Geschichten als potenzielle Retter auftreten, war der religiöse Subtext jüngst vorwiegend positiver Natur.

Maud (Morfydd Clark) glaubt an Gott. Ganz, ganz fest…

Das Debütwerk von Regisseurin und Drehbuchautorin Rose Glass widmet sich kompromisslos der hässlichen Seite religiösen Glaubens; irgendwo zwischen „First Reformed“, „The Witch“ und „Regression“. Es geht um den Wahn, um Fanatismus, um Abhängigkeit. Trotzdem setzt die Geschichte keine grundsätzliche Verteufelung des Themas voraus. So fand Protagonistin Maud etwa im Glauben an Gott einst die Kraft, sich emotional aus einer tiefen Krise heraus zu befreien. Gleichwohl zeigt „Saint Maud“ seine Protagonistin als psychisch labile Persönlichkeit, die sich mehr und mehr in ihrem religiösen Eifer verliert, Ereignisse fehlinterpretiert und sich alsbald in ihrer ganz eigenen Wahrnehmungswelt wiederfindet. Newcomerin Morfydd Clark („David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück“) geht in der Rolle der Maud vollends auf und verhilft einer auf den ersten Blick am Rand des Klischees angesiedelten Figur zu einer bemerkenswerten Doppelbödigkeit. Sowohl optisch als auch im Umgang mit ihren Mitmenschen entspricht Maud dem Stereotyp des introvertierten grauen Mäuschens, das abseits seines Glaubens wenig Bezug zur modernen Realität hat. Doch wenn der Film Maud in der zweiten Hälfte dabei zeigt, wie sie in einer Bar Männer aufreißt, keinerlei Berührungsängste beim Sex hat und sich entgegen ihres bis dato propagierten Erscheinungsbilds betont verführerisch und selbstbewusst gibt, offenbart sich, dass diese Frau mit allen Wassern gewaschen scheint. Maud ist eine facettenreiche, junge Frau, die sich selbst in keine Schublade stecken lässt. In der ersten Filmhälfte führt dies zu unangebrachtem Mitleid, in der zweiten zu wesentlich angebrachterer Furcht, wenn sich Maud sukzessive zur unzähmbaren Gefahr für ihr Umfeld entwickelt.

„Gleichwohl zeigt „Saint Maud“ seine Protagonistin als psychisch labile Persönlichkeit, die sich mehr und mehr in ihrem religiösen Eifer verliert, Ereignisse fehlinterpretiert und sich alsbald in ihrer ganz eigenen Wahrnehmungswelt wiederfindet.“

Und für sich selbst, denn spätestens, wenn Maud das sich selbst Zufügen von Schmerz und ein in ebendiesem Moment zufällig (?!) zu Boden fallendes Kreuz miteinander in Zusammenhang bringt, startet „Saint Maud“ seine schleichende Eskalation – und veranschaulicht am lebendigen Leib, was Über- und Fehlinterpretationen vermeintlicher Gotteszeichen und -Worte anrichten können. Doch so schmerzhaft es auch mitanzusehen sein mag, wenn Maud in mit Reißzwecken präparierten Schuhen durch die Straßen zieht oder sich die Hand absichtlich an einer heißen Herdplatte verbrennt: Der wahre Horror entwickelt sich weniger durch die Taten an sich als vielmehr durch Mauds stoisches Herbeiführen und Ertragen derselben. Nachdem Rose Glass sich in der ersten Filmhälfte noch die Mühe macht, die fürsorglichen Charakterzüge und die Aufopferungsbereitschaft der Pflegekraft Maud in den Mittelpunkt der Geschichte zu rücken, ist die Fallhöhe schließlich umso größer, wenn aus der sich rührend um ihre Patientin Amanda kümmernden Maud plötzlich eine sich selbst verletzende Wahnsinnige wird – und stellt dabei auch immer wieder die Frage nach Mauds Zurechnungsfähigkeit. „Saint Maud“ ist voll von Momenten, in denen die leibhaftigen Berührungen von und mit Gott direkt bebildert oder akustisch untermalt werden; etwa indem wir Gott sprechen hören oder übernatürlich anmutende Geschehnisse beobachten dürfen, die uns als Publikum aktiv mit der Frage konfrontieren, ob Maud nicht vielleicht doch Recht hat, tatsächlich mit Gott in Kontakt steht und „Saint Maud“ daher ein längst nicht in der Realität verwurzelter Genrefilm ist. Oder aber ob all diese Vorkommnisse lediglich Mauds subjektives Rauschempfinden abbilden. Spätestens wenn wir die junge Frau in der wohl markantesten Szene des Films deutlich durch die Luft schweben sehen, kommt man um die Auseinandersetzung mit der Frage nicht drumherum: Schwebt sie wirklich, oder fühlt sie sich nur so, als würde sie gerade schweben?

Amanda (Jennifer Ehle) und ihre Pflegerin Maud verstehen sich gut.

Doch anders als etwa in dem nach sehr ähnlichem Prinzip funktionierenden Horrordrama „Relic“, das seine Zuschauer:innen in die finstere Wahrnehmungsrealität einer dementen Rentnerin entführt, bleibt „Saint Maud“ – im wahrsten Sinne des Wortes – bis in die aller letzte Sekunde ein Buch mit sieben Siegeln. Erst mit dem Einsetzen des Abspannes (und nach einem der besten Filmfinals jüngerer Horrorfilmgeschichte) fügt sich all das bisher Gezeigte zu einem einordbaren Ganzen, ohne sich dabei vollends in die Karten blicken zu lassen. Die gleichnamige Hauptfigur des Films bleibt bis zuletzt ein Mysterium. Und ihre im Schlussdrittel herbeigeführten Taten ein Rätsel. Denn gerade im Anbetracht der Thematik kommt man nie vollends um die Mutmaßung herum, dass wir es hier vielleicht mit Ereignissen zu tun haben, die unser rationaler Geist nicht begreifen kann. Doch auch wenn es in „Saint Maud“ erst mit zunehmender Spieldauer so richtig zur Sache geht: In den schlanken 84 Filmminuten geschieht nichts ohne Grund. Eine schockierende, sich leicht als Blick in die Zukunft fehldeutende Eröffnungsszene setzt ganz zu Beginn einen unangenehmen Nadelstich, der Alltag einer Pflegerin und ihrer Patientin beschwört eine einlullende Routine herauf und die Art und Weise, wie Maud später mit einer alten Weggefährtin interagiert, verdeutlicht Mauds labilen Geisteszustand, wodurch zu jedem Zeitpunkt alles möglich zu sein scheint. Einzig und allein die Tatsache, dass auch die Figur der krebskranken Amanda eine tendenziell eher karikatureske Charakterzeichnung erfährt (erinnert sie doch stark an die von Winona Ryder verkörperte, alternde Prima-Ballerina Beth aus „Black Swan“), reißt „Saint Maud“ in einigen Momenten aus seiner betonten Lebensnähe heraus und entlarvt das Szenario als mitunter konstruiert.

„Anders als etwa in dem nach sehr ähnlichem Prinzip funktionierenden Horrordrama „Relic“, das seine Zuschauer:innen in die finstere Wahrnehmungsrealität einer dementen Rentnerin entführt, bleibt „Saint Maud“ – im wahrsten Sinne des Wortes – bis in die aller letzte Sekunde ein Buch mit sieben Siegeln.“

Insbesondere für ein Langfilmdebüt weist „Saint Maud“ einen bemerkenswerten Stilwillen auf. Mithilfe ihres Kameramanns Ben Fordesman („The End of the F***ing World“) arrangiert Rose Glass gemäldeähnliche Momentaufnahmen des pittoresken Küstenstädtchens, des antiquiert anmutenden Interieurs in Amandas Anwesen, von Mauds spartanisch eingerichteter Wohnung. Darüber hinaus geht der Horror im Film nicht immer automatisch mit einer audiovisuellen Ankündigung einher (im Horrorkino ist ja etwa Dunkelheit ein bekanntes Indiz dafür, dass vermutlich gleich etwas Unheimliches passiert). Stattdessen graben sich vor allem jene Momente bis ins Mark, die optisch gar nicht zwingend hervorstechen. Wenn Maud unbeobachteterweise auf Nägeln spazieren geht, weist Nichts an diesem Szenario darauf hin, dass diese friedliche Idylle Widerhaken besitzen könnte. Doch es ist unser Wissen um die Umstände ihres seligen Lächelns, die uns einen Rückenschauer nach dem anderen bescheren. Maud und ihr Film gehen dorthin, wo es richtig wehtut.

Fazit: „Saint Maud“ ist das brillante Langfilmdebüt von Regisseurin und Autorin Rose Glass, die es schafft, tiefe Sympathien mit einer Figur zu schüren, bevor uns genau diese Figur anschließend Albträume bereitet. Das Horrordrama ist eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit Glaubensfanatismus, die einem durch die Nähe zur Hauptfigur bis ins Mark trifft. Und die letzten Filmsekunden vergisst du nie.

„Saint Maud“ ist ab sofort in einigen europäischen Ländern auf DVD und Blu-ray erhältlich.

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