Patti Cake$ – Queen of Rap

Wo sich in „8 Mile“ noch ein weißer Rapper unter Schwarzen Respekt verdienen musste, geht es im Festivalliebling PATTI CAKE$ – QUEEN OF RAP nun um eine prollige Frau, die ihr Ghetto in Aufruhr versetzt. Mehr dazu verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Patti (Danielle Macdonald), die drauf und dran ist, in ihrer heruntergekommenen Heimatstadt in New Jersey zu verkümmern, träumt von einer Karriere als Hip-Hop-Star. Während sie versucht, in der lokalen Szene mit originellen und berührenden Reimen als Killa P. alias Patti Cake$ groß herauszukommen, hangelt sie sich von Billigjob zu Billigjob. Gemobbt wegen ihres Übergewichts wird sie bei ihrem Kampf um Ruhm und Anerkennung nur von ihrer Großmutter (Cathy Moriarty) und ihren einzigen Freunden Jheri (Siddharth Dhananjay) und Basterd (Mamoudou Athie) unterstützt. Sogar ihre eigene Mutter Barb (Bridget Everett) hat für Pattis Traum nichts als Sarkasmus übrig und lädt auch noch ihren eigenen Kummer und Unglück auf ihrer Tochter ab. Aber Patti gibt nicht auf…

Kritik

Die Hip-Hop-Szene wird in den USA seit jeher von der (männlichen!) Black Community dominiert. Das wurde erst so richtig deutlich, als sich auf einer Ende 2015 vom einflussreichen US-Magazin Billboard veröffentlichten Liste zu den „zehn besten Rappern aller Zeiten“ mit Eminem nur einer von weißer Hautfarbe – und keine einzige Frau. Über Eminems steinigen Weg zum ersten anerkannten weißen Rapper machte Curtis Hanson 2002 sogar einen Spielfilm; diese Ehre wurde bis zum damaligen Zeitpunkt nur einer Handvoll seiner schwarzen Kollegen zuteil. Da kann man sich vorstellen, was es bedeutet, wenn die Branche plötzlich auch noch mit einer nicht-schwarzen Frau konfrontiert wird. Für den vorab vornehmlich für Musikvideos zuständigen Regisseur Geremy Jasper (inszenierte Clips für Selena Gomez und Florence + The Machine) wird dieser, im Anbetracht der Umstände fast schon provokative, Gedanke zur Ausgangslage seines auf Festivals gefeierten Spielfilmdebüts „Patti Cake$ – Queen of Rap“, worin eine Underground-Rapperin, die noch dazu nicht den als attraktiv geltenden Körpermaßen entspricht, versucht, die Hip-Hop-Szene aufzumischen. Und so biographisch das klingt: Die  Geschichte ist frei erfunden. Letztlich geht dieser Weg von der buchstäblichen Tellerwäscherin hin zum gefeierten Star auch nicht viel anders vonstatten, als in vielen anderen Filmen dieser Couleur auch, doch es ist in erster Linie die herausragende Neuentdeckung Danielle Macdonald („The East“), die aus „Patti Cake$“ ein zwischen Komik und Tragik changierendes, kleines Filmjuwel macht, das gekonnt sämtliche menschliche Emotionen bedient.

Killa P. (Danielle Macdonald) und ihr bester Freund Jheri (Siddharth Dhananjay) schmieden große Karrierepläne.

Das Rapvideo in der bei aller Überhöhung doch so authentisch inszenierten Eröffnungsszene strotzt nur so vor sämtlichen Klischees, mit denen das Rapbusiness selbst seit Jahren spielt und kokettiert: Unter den wachsamen Augen der fiktiven Raplegende O-Z (Sahr Nhaujah), die in ihrem überheblichen Auftreten sicher nicht ganz umsonst an Kanye West erinnern soll, räkeln sich leicht bekleidete, dralle Schönheiten zu grellen Farben und viel Bling-Bling. Doch weder die Einen, noch der Andere stehen hier eigentlich im Mittelpunkt. Wenig später entlarvt sich das Treiben nämlich als Traum der unscheinbaren Patricia. Diese würde mit ihrer prolligen Attitüde (die von ihr in den Mund genommenen Vokabeln gehören definitiv nicht in Kinderohren!) allenfalls in eine Nachmittagssendung des Privatfernsehens passen, nicht aber in die ausstaffierte Welt des Rap-Milieus. Dieses Vorurteile zelebrierende Opening ist nicht bloß stimmungsvoll, es trifft auch direkt den Kern des Films sowie des damit verbundenen Musikgenres: Obwohl es noch so unwahrscheinlich erscheint, dass eine Frau wie die selbsternannte Killa P. im prestigeträchtigen Rap-Business Fuß fassen könnte, wäre doch eine tragische Figur wie sie wie dafür prädestiniert; schließlich gehen die Wurzeln des Rap bis auf die Arbeitersongs der afroamerikanischen Feldarbeiter zurück, während später vor allem Musiker aus den Ghettos über ihr knallhartes Leben auf der Straße rappten. Das ganze Goldkettchen- und Prollgehabe widerspricht da eigentlich vollends dem Hintergrund des Rap – und eine mittellose, vom Schicksal gebeutelte Killa P. passt da auf den zweiten Blick eben doch ganz gut rein.

Und dank der Australierin Danielle Macdonald ist dieser Killa P. eine echte Urgewalt. Die Schauspielerin beweist sich nicht bloß als ernstzunehmende Konkurrentin für diverse echte Rapmusiker (sämtliche für „Patti Cake$“ komponierten Songs erweisen sich schon nach einmaligem Hören als echte Ohrwürmer), auch ihre natürliche Ausstrahlung, die der abgedroschenen Floskel „harte Schale, weicher Kern“ ein Gesicht gibt, macht ihre Patricia zu einer der stärksten (Frauen-)Figuren des diesjährigen Kinojahres. Macdonald spielt einfach jeden an die Wand, das ebenfalls ausschließlich von international eher unbekannten Darstellern bestückte Ensemble überlässt der ausdrucksstarken Blondine sehr gern die Bühne. Doch vor allem der Handlungsstrang um das gespaltene Verhältnis zwischen Patti und ihrer früher als Sängerin erfolgreichen Mutter Barb hebt sich innerhalb der geradlinig Pattis Weg als Musikerin verfolgenden Erzählung als besonders emotionaler Subplot heraus. Bridget Everett („Dating Queen“) mimt den Inbegriff einer gescheiterten Star-Seele, die ihren Lebensmut erst wiederfinden kann, wenn es ihrer Tochter nicht genauso ergeht. Ihr moralischer Wankelmut zwischen dem unbedingten Willen, Patti vor einer Enttäuschung zu bewahren und der Aufopferungsbereitschaft, ihrer Tochter jene Karriere ermöglichen, die ihr einst verwehrt blieb, zerrt emotional vielfach an den Nerven des Zuschauers – nicht zuletzt, weil Pattis erlittene Rückschläge sowie ihr darauf folgender Kampfgeist jederzeit beiden Seiten Recht zu geben scheinen.

Patti darf in einem Tonstudio ihr Glück versuchen…

„Patti Cake$ – Queen of Rap“ lässt das Publikum zwar wenig überraschend an den Hochs und Tiefs der Protagonistin teilhaben, doch so erwartbar der Film letztlich auf sein Happy End zusteuert, so sehr hat das gerade eine Figur wie Killa P. auch verdient. Dem auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnenden Geremy Jasper gelingt es famos, die schicksalhaften Wendungen im Leben seiner Hauptfigur glaubhaft vorzubereiten und aus eigentlich wenig effektvollen Entwicklungen das Optimum an Überraschungseffekt herauszuholen. Das Stichwort lautet: Konsequenz. Die hier stattfindende Nachzeichnung des White-Trash-Milieus kommt mit all ihren Ecken und Kanten daher, verschließt nicht die Augen vor der Realität und fährt selbst im Finale immer nur das gerade eben so notwendige Maß an Optimismus auf. In „Patti Cake$“ müssen die Figuren für ihr glückliches Ende kämpfen bis zum Schluss – eine erzählerische Entscheidung, die jedoch nur den Eindruck unterstreicht, dass all das hier genau so stattfinden könnte, wie es das tut. Dazu passt auch die sehr geerdete, technische Aufmachung. Kameramann Frederico Cesca („Roxanne Roxanne“) kleidet seinen Film in nahezu dokumentarische Bilder ohne störende Filter oder spektakuläre Einstellungen. Um ganz nah an seinen Figuren zu sein, nimmt er schon mal einige Wackler in Kauf. Das stört jedoch kaum; im Gegenteil. Betont es doch nur einmal mehr die Herkunft dieser Geschichte als eine „von der Straße“, in der man sich nicht um eine ausgefeilte Inszenierung schert, sondern es vornehmlich darum geht, das Herz und die Seele von Patti einzufangen.

Fazit: Erzählerisch bleibt „Patti Cake$ – Queen of Rap“ zwar weitestgehend überraschungsarm, doch Regisseur Geremy Jasper versteht es, das Optimum an Emotionen aus seiner Geschichte herauszuholen und verhilft der bislang weitestgehend unbekannten Powerfrau Danielle Macdonald zu ihrem längst überfälligen Durchbruch.

„Patti Cake$ – Queen of Rap“ ist ab dem 2. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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