Videoabend Serienspecial: American Horror Story – Roanoke

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der US-amerikanischen Horror-Serie „American Horror Story“, deren sechste Staffel seit dem 5. Oktober 2016 auf FX und ab dem 9. November im FOX-Channel zu sehen ist.

American Horror Story - Roanoke

Nach einem rassistisch motivierten Angriff auf den Afro-Amerikaner Matt (Cuba Gooding Jr.), beschließen er und seine liebende Frau Shelby (Sarah Paulson), sich zurückzuziehen und ein halb verfallenes, aber ehrwürdiges Anwesen im US-amerikanischen Hinterland auf Vordermann zu bringen. Doch die Idylle währt nur kurz, als Sarah eines Tages vom Geräusch aufs Hausdach fallender, menschlicher Zähne verschreckt wird. Fortan wird aus dem Traum vom ruhigen Einsiedlerleben ein Albtraum ungeheuren Ausmaßes. Auch seine von Matt zurate gezogene Schwester Lee (Angela Bassett) ist nur kurz skeptisch, bis eines Tages auf unerklärliche Weise ihre Tochter verschwindet. Matt, Shelby und Lee blicken mit Entsetzen auf die Ereignisse zurück, die das Team der Fernsehsendung „My Roanoke Nightmare“ nachstellt, um dem Zuschauer ebenjene Ereignisse so ungeschönt wie möglich zu präsentieren. Was ist auf dem Gebiet der ehemaligen Roanoke-Kolonie wirklich passiert?

Kritik

J.J. Abrams hätte es nicht besser machen können. Ließ er die Zuschauer noch lange nach dem Dreh seiner streng geheimen Projekte „Cloverfield“ sowie der von ihm produzierten Fortsetzung „10 Cloverfield Lane“ darüber im Unklaren, worum es sich hierbei überhaupt handelt, hielten auch die Macher von „American Horror Story“ Thema und Titel von Staffel sechs bis zuletzt unter Verschluss. Ganze 25 verschiedene Teaser wurden produziert, von denen lediglich einer tatsächlich auf die Geschehnisse der anstehenden Season hindeuten sollte. Von „Rosemaries Baby“-Interpretationen über an „Texas Chainsaw Massacre“ erinnernde Terror-Bilder bis hin zu einem über Eisenbahnschienen kriechende Nebel-Aliens klapperten die Serienschöpfer Brad Falchuk und Ryan Murphy einmal das gesamte Potpourri diverser Horror-Subgenres ab, um den Zuschauer bei völliger Ahnungslosigkeit in die neueste Season der aktuell meistdiskutierten Horrorserie der Welt zu entlassen. Kurz vor Beginn drang schließlich auch noch die vermeintlich sichere Information an die Öffentlichkeit, „American Horror Story“, Staffel sechs trüge den Titel „The Mist“ (zu Deutsch: der Nebel); alles falsch. Entsprechend formidabel kam die letztendlich „Roanoke“ betitelte Season  in den USA aus den Startlöchern. Die erste Episode „Chapter 1“ startete auf seinem Heimsender The FX stärker als sämtliche Auftaktfolgen der bisherigen „AHS“-Staffeln und schon kurz nach der Ausstrahlung veröffentlichten die offiziellen Social-Media-Kanäle des Formats vielsagende Grafiken eines von Nägeln durchbohrten Smartphones als Hinweis darauf, sämtliche sozialen Netzwerke zu meiden, sollte man den Serienauftakt nicht im linearen Fernsehen gesehen haben.

Zunächst einmal ist der Titel „Roanoke“ nicht wesentlich aussagekräftiger als die vollkommene Weigerung vor der Weitergabe näherer Informationen. Wusste man im Falle der vorherigen Staffeln „Murder House“, „Asylum“, „Coven“, „Freak Show“ und „Hotel“ wenigstens im Ansatz, wo man das Geschehen der kommenden Folgen einordnen musste, wird „Roanoke“ auf den ersten Blick wohl nur all jenen ein Begriff sein, die im weitesten Sinne aus der Gegend dieser verlorenen Kolonie vor der Ostküste des Bundesstaats North Carolina stammen. Schon eher ein Begriff mag da der Begriff CROATOAN sein; nicht zuletzt deshalb, weil er mehrmals in der beliebten Fantasyhorror-Serie „Supernatural“ aufgegriffen wurde. Doch die Roanoke-Kolonie fand auch anderorts popkulturelle Verwendung; zu unheimlich sind die Legenden, die sich um sie ranken. „Andromeda“, „Sleepy Hollow“, „Haven“, aber auch Filme wie „Mindhunters“ oder „Die Herrschaft der Schatten“ griffen auf, was hier Ende des 16. Jahrhunderts geschah. Das frühere Wohngebiet der Roanoke-Indianer wurde mehrmals zu besiedeln versucht. Beim ersten Mal folgte auf den falschen Zeitpunkt das Ausbleiben der Ernte, beim zweiten Versuch jedoch verschwanden die rund 120 Sieder spurlos und hinterließen lediglich das in einen Holzpfahl eingeschnitzte Wort CROATOAN, das später wahlweise einem Fluch, einer Krankheit oder einem Indianerhäuptling zugeordnet wurde, in Wirklichkeit aber den Namen einer nahegelegenen Insel beschrieb. Für die sechste Staffel von „American Horror Story“ verschlägt es ein Pärchen namens Matt (Cuba Gooding Jr.) und Shelby (Sarah Paulson) in ein verlassenes Herrenhaus in dieses Gebiet; „Roanoke“ erzählt unter Berufung auf wahre Ereignisse vom Terror und Spuk, die das junge Paar über sich ergehen lassen musste und lässt die echten Matt und Shelby dieses Geschehen parallel dazu kommentieren.

American Horror Story - Roanoke

Zugegeben: Es sind nicht wirklich die echten Matt und Shelby, die in der sechsten Staffel von „American Horror Story“ immer wieder aus dem Off oder vor einer Kamera sitzend davon erzählen dürfen, was ihnen einst in dem Anwesen passierte. Die beiden werden von Lily Rabe und André Holland verkörpert. Ein interessanter, inszenatorischer Kniff ist es dennoch, wenn sich die ohnehin schockierenden Schilderungen des Paares mit den noch weitaus drastischeren (nachgestellten) Geschehnissen in der Fiktion abwechseln. Inwiefern sich die Ereignisse abseits dieser True-Events-Behauptung tatsächlich so oder ähnlich zugetragen haben, darüber schweigen sich die Macher des Formats bisher aus. Trotzdem kam es in der Vergangenheit immer wieder zu unheimlichen Vorkommnissen in der Roanoke-Region, sodass es vielleicht gar nicht unbedingt eines konkreten Ereignisses bedürfte, um „Roanoke“ mit zusätzlicher Spannung zu unterfüttern, indem man sich auf wahre Ereignisse beruft.

AMERICAN HORROR STORY – ROANOKE stammt von Ryan Murphy und Brad Falchuck. Das Skript zu den ersten Serienepisoden schrieb Tim Minear. Unter den Darstellern finden sich Sarah Paulson, Lily Rabe, Kathy Bates, Cuba Gooding Jr., André Holland, Denis O’Hare, Wes Bentley, Angela Bassett, Adina Porter und Colby French. Bei der Serie handelt es sich um eine US-amerikanische Horror-Produktion aus dem Jahr 2016. Die Serie ist hierzulande ab dem 9. November im FOX Channel zu sehen und ab 18 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt pro Folge rund 40 Minuten.

Mit diesem halbdokumentarischen Erzählstil (bei dem, und das dürfte viele Zuschauer sicherlich freuen, nicht auf den hier gern gewählten Ansatz der Found-Footage-Inszenierung zurückgegriffen wird) gelingt es den Machern, eine besondere Form der Authentizität zu wahren. Immer und immer wieder machen uns die „echten“ Matt und Shelby deutlich, wie unglaubwürdig das Geschehen klingt, nur damit sich die das Geschehen nachstellenden Matt und Shelby anschließend zeigen, dass es doch sehr wohl so war, wie man es uns erzählt. Denn das, was in „Roanoke]“passiert, präsentiert sich in einer Suspense-Dichte, von der sich das moderne Horrorkino eine Scheibe abschneiden kann. Ohne auf allzu vorhersehbare Jump-Scares zu setzen, reihen die Macher einen symbolhaften Schock an den nächsten (vor allem das eigentlich als Liebessymbol und Glücksbote verstandene Schwein scheint hier noch eine große Rolle zu spielen), ohne dabei zu vergessen, dass auch der gruseligste Spuk mit einer Story untermauert werden sollte, damit er noch besser funktioniert. Entsprechend konzentriert sich „American Horror Story – Roanoke“ anders als die letzten Staffeln deutlich gezielter nur noch auf wenige Figuren. Neben Matt und Shelby erhält wenig später auch die als Skeptikerin angelegte Lee (Angela Bassett/Adina Porter), Matts Schwester,  Einzug in das Anwesen, deren Background als Alkoholikerin und allein erziehende Mutter das Geschehen noch stark beeinflussen wird. Von Kathy Bates gibt es in den ersten beiden Episoden noch wenig zu sehen, doch soviel sei verraten: Die Gute scheint die Seiten gewechselt zu haben.

Fazit

Obwohl wir in den ersten beiden Folgen (die übrigens ohne die kultige Vorspannsequenz auskommen mussten – ein wenig hoffen wir aber schon noch, dass sich das in den kommenden Episoden ändern wird) bereits einen Einblick darin erhielten, auf welche erzählerischen Pfade uns „Roanoke“ mitnehmen wird, waren „Chapter 1“ und „Chapter 2“ so voller verschiedener Nebenschauplätze, dass sich noch überhaupt nicht absehen lässt, wovon die sechste Staffel nun überhaupt handelt. Mit Matt und Shelby sind die Protagonisten als Opfer eines furchtbaren Spuks festgelegt, doch eine unheimliche Legende um zwei mordende Krankenschwestern, grauenhafte Rituale im Wald, Visionen von abgetrennten Schweineschwänzen und eine verschwundene Tochter, die mit einer unsichtbaren Freundin spricht, deuten so viele, mitunter auch überhaupt nicht zusammenhängende Konfliktherde an, dass es uns gar nicht wundern würde, wenn sich letztlich doch herausstellt, dass alle 25 Teaser zu „Roanoke“ gehören. Mit der Konzentration auf nur wenige Figuren gehen die Schöpfer und Regisseure hier einen guten Weg, denn im Kern steckte in der Serie schon immer auch ein tiefgreifendes, menschliches Drama. Nie war das Suchtpotenzial von „American Horror Story“ höher, als in diesem.

Mein Tipp: unbedingt ansehen!

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