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Videoabend Serienspecial: A Young Doctor’s Notebook

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der britischen Miniserie „A Young Doctor’s Notebook“, die in zwei Staffeln auf DVD und Blu-ray Disc im Handel erhältlich ist.

A Young Doctor's NotebookRussland im Jahr 1917, kurz vor der russischen Revolution: Der junge, engagierte Arzt Dr. Vladimir Bomgard (Daniel Radcliffe) kommt direkt aus seinem Studium an ein Krankenhaus in die Provinz, um seine erste Stelle als Allgemeinmediziner anzutreten. Die Medizin kannte der frische Universitätsabsolvent aus Moskau bislang nur von seiner theoretischen Seite, doch nun muss er sich der harten Realität stellen. Obwohl er der einzige Arzt im Umkreis von vielen Kilometern ist, bleibt Dr. Bomgard jedoch nicht ganz allein. Denn Rat erhält er von seinem Alter Ego aus der Zukunft (Jon Hamm), der sich allerdings nicht mit sarkastischen Bemerkungen über seine Unsicherheiten und Neurosen zurückhält. Zwischen den beiden entwickelt sich ein Machtspiel, denn wann immer Vladimir in Aussicht gestellt bekommt, was Entscheidungen für Konsequenzen haben, wirken diese auf ihn umso attraktiver…

Kritik

Daniel Radcliffe wurde als jugendlicher Zauberlehrling weltberühmt. Nach seiner Performance im Gruselthriller „Die Frau in Schwarz“, die gleichzeitig auch die erste Rolle nach seiner Harry-Potter-Ära darstellte, begab sich der 24-jährige Schauspieler vermehrt in die Hände kleinerer Filmproduktionen. So verkörpert er demnächst unter anderem den Dichter Allen Ginsberg in John Krokidas‘ „Kill Your Darlings – Junge Wilde“, versucht sich in „Horns“ allerdings auch in kantigem Genrekino, in welchem er 2015 ebenfalls Igor Frankenstein in einer gleichnamigen Neuauflage des Schauerroman-Klassikers spielen wird. Direkt zwischen diesen beiden Extremen lässt sich wohl die britische, auf einem Roman von Michail Bulgakov basierende Mini-Serie „A Young Doctor’s Notebook“ einordnen, die mit ihrem tiefschwarzen Humor und der stellenweisen sehr ernsten Prämisse von recht ambivalentem Tonfall ist, diese beiden jedoch hervorragend kombiniert, sodass die Serie den Zuschauer mit ihrem bittersüßen Charme schnell um den Finger wickelt.

Mit einer Mischung aus unbedarfter Neugier, Aufbegehren gegen die altertümliche Einstellung sämtlicher Patienten und zurückhaltender Nervosität wird seine Interpretation des Vladimir Bomgard zu einer unterhaltsamen Menschenstudie. Teils analytisch, teils probierend packt er die Situation beim Schopf und kommt nicht umher, sie immer wieder sarkastisch zu hinterfragen. Stellvertretend für das Wesen seines Charakters wird eine Szenerie in Folge zwei, in welcher sich Bomgard mit der Beinamputation eines kleinen Mdchens auseinandersetzen muss. Mit dem Wissen, der Patientin vielleicht das Leben zu retten, schickt er sich an, das Bein abzunehmen, vergewissert sich jedoch immer wieder, ob diese nicht bereits tot sei, um diese Operation doch noch umgehen zu können. Diese Szene ist es auch, an welcher der Humor in „A Young Doctor’s Notebook“ am besten zum Tragen kommt. So ist die Serie durch und durch britisch, damit vor allem von bitterbösem, reichlich trockenem Humor geprägt. Das Timing der Darsteller ist auf den Punkt, die Schlagzahl bissiger Kommentare hoch. Vor allem John Hamm, welcher das ältere Alter-Ego Vladimir Bomgards verkörpert, sorgt mit seinem beißenden Sarkasmus immer wieder für grobschlächtige Comedy-Momente. Ihm zur Seite steht ein großartig aufgelegter Cast, der die allesamt verschrobenen Figuren perfekt verkörpert. Adam Godley mimt den sympathischen Fachidioten, den man heutzutage wohl als „Nerd“ bezeichnen würde. Rosie Cavaliero gibt die resolute aber liebenswürdige Hebamme Pelageya ab und Vicki Pepperdine spielt sich als Krankenschwester Anna in die Herzen der Zuschauer. Dabei gelingt „A Young Doctor’s Notebook“ das Kunststück, keiner seiner Rollen besonders in den Vordergrund zu drängen. Auch wenn Daniel Radcliffe den prominentesten Namen innerhalb des Ensembles trägt, kommt ihm nicht gänzlich die Hauptrolle zu. Stattdessen ergänzen sich die einzelnen Castmembers vortrefflich und spielen sich gegenseitig die Bälle zu.

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Partner wider Willen…

Einen ernsteren Unterton gewinnt die Serie vor allem aufgrund der Thematik der Morphium-Sucht, mit welcher Bomgard schon von Beginn der Serie zu kämpfen beginnt. Leider bekommt man an dieser Stelle den einzigen, jedoch gravierenden Kritikpunkt des Formats zu spüren: Mit ihren 23 bis 25 Minuten andauernden Episoden – vier pro Staffel – ist die Spielzeit nahezu lachhaft kurz ausgefallen. Die sich zu Beginn noch als überaus angenehm entpuppende Kurzweil stellt der Serie schnell ein Bein. Der Stoff böte genug Themen, um auch über eine 45-minütige Laufzeit zu tragen. So würde auch Jon Hamm weitaus mehr Aufmerksamkeit erhalten. Immerhin muss er sich mit den Konsequenzen seines Tuns lediglich innerhalb der letzten zwei Minuten jeder Episode auseinandersetzen. So liegt der Kern auf der Comedy, doch aus „A Young Doctor’s Notebook“ ließe sich viel, viel mehr rausholen. Von der technischen Ausstattung muss man sich an die etwas andere Ausrichtung der Serie erst gewöhnen. Die russisch anmutenden Instrumentalklänge von Mark Bousie verleihen „A Young Doctor’s Notebook“ gleichzeitig Authentizität und Leichtigkeit. Über die immer wieder schlecht ausgeleuchtete und teilweise viel zu dunkle Kulisse sieht man, dem Realismus zuliebe, gern hinweg.

A YOUNG DOCTOR’S NOTEBOOK stammt von Alex Hardcastle und Robert McKillop, das Drehbuch schrieben Mikhail A. Bulgakov, Mark Chappell, Alan Connor und Shaun Pye. Der Cast besteht unter anderem aus Daniel Radcliffe, Jon Jamm, Rosie Cavaliero, Adam Godley, Vicki Pepperdine und Tim Steed. Bei der Serie handelt es sich um eine Tragikomödie, produziert in den Großbritannien aus den Jahren 2012 und 2013. Die Serie ist hierzulande ungekürzt auf DVD und Blu-ray erhältlich und ab 16 Jahren freigegebenn. Die Länge beträgt pro Folge 23 Minuten, eine Serie umfasst vier Folgen.

Fazit

Wir warten sehnlichst auf neue Folgen! „A Young Doctor’s Notebook“ ist eine Serienperle, die bitterbösen Humor, skurriles Drama und Charakterstudie zu einem feinen Genremix verpackt, der so bislang ziemlich einmalig ist.

Mein Tipp: kann man kaufen!

Videoabend Serienspecial: Weinberg

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der ersten Staffel der deutschen Mystery-Serie „Weinberg“, die seit dem 3. November 2016 auf DVD und Blu-ray Disc im Handel erhältlich ist.

Weinberg

Als Johannes Fuchs eines Morgens auf einem vernebelten Weinberg erwacht, traut er seinen Augen nicht: Über ihm hängt die Leiche einer blutjungen Blondine; wie sich später herausstellt, ist sie die Weinkönigin des kleinen Ortes Kaltenzell, wohin es den verwirrten Mann kurz darauf verschlägt. Doch als er gemeinsam mit einigen Anwohnern den Fundort der Toten aufsucht, ist diese verschwunden – und steht wenig später quicklebendig vor ihm. Eigentlich müsste nun alles in Ordnung sein, doch Johannes Fuchs begreift schnell, dass in Kaltenzell etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Nicht nur, dass hier jeder irgendein Geheimnis zu bergen scheint, des Nachts schleicht sich eine schöne Frau in sein Schlafgemach und will am Morgen darauf nichts davon gewusst haben. Der Pfarrer der Gemeinde soll andächtige Predigten halten, spricht aber kaum ein Wort Deutsch. Und als dann tatsächlich eine Tote auftaucht, hat Fuchs keine Wahl mehr: Er muss hinter das Geheimnis des Dorfes kommen.

Kritik

Nennen wir das Kind einfach beim Namen: Ja, die TNT-Serie „Weinberg“ ist tatsächlich die deutsche Antwort auf „Twin Peaks. Nun muss man deshalb aber nicht reflexartig aufschreien. Die Schöpfer des sechsteiligen Mini-Formats lassen David Lynchs Kultserie zwar überdeutlich als Reminiszenz durchklingen (und machen auch zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus, dass dem nicht so wäre), dennoch steht „Weinberg“ ganz klar für sich allein. Nun gut, auch in dem kleinen Ort Kaltenzell – dem deutschen Pendant zu Twin Peaks – gibt es eine Tote und innerhalb der sechs Episoden umfassenden Staffel geht es hauptsächlich darum, herauszufinden, wer der Mörder ist. Wirklich? Eigentlich fungiert dieser tragische Todesfall lediglich als dramaturgische Triebfeder, die dem Ganzen eine Chronologie verleiht. Bei näherer Betrachtung geht es nämlich eigentlich um etwas ganz Anderes – und auch da kommt wieder „Twin Peaks“ ins Spiel…

Wie es sich schon bei David Lynchs Serie verhielt, lässt sich auch „Weinberg“ am besten genießen, wenn man so wenig wie möglich darüber weiß. Daher möchten wir zu Handlung, Dramaturgie und Überraschungseffekt an dieser Stelle auch kein Wort mehr verlieren. Nur so viel: „Weinberg“ ist nicht nur aufgrund der Darsteller ein echtes Erlebnis. Der wahre Protagonist ist das Setting. Das undurchsichtige Flair dieses vom Weinanbau lebenden Dorfes ist mit seinen vernebelten Anhöhen, den verwinkelten Gassen und seiner Ansammlung skurriler Gestalten der lebendig gewordene Albtraum eines jeden Ruhe suchenden Bergdorf-Urlaubers. Denn es wird bevölkert von eine Gruppe an Menschen, von der wir zu keinem Zeitpunkt wissen, was es damit überhaupt auf sich hat. Jeder trägt in seinen eigenen vier Wänden ein Geheimnis mit sich herum. Jeder scheint in irgendeiner Form ein Verhältnis zu Johannes Fuchs zu haben, der aufbricht, was viel zu lange verschlossen war. Es geht um die essentiellen Dinge im Leben. Es geht um Liebe, Tod, Verrat, Eifersucht, Vertrauen, Neid, Missgunst und dem Streben nach Glück, angereichert mit Ausflügen ins Übernatürliche. Jede Episode gibt dem Geschehen nicht bloß eine eigene Note, sondern treibt es darüber hinaus in eine ganz neue Richtung. Am Ende wähnt man sich in einem Film von Shyamalan – vielleicht hat man’s kommen sehen…

WEINBERG stammt von Arne Nolting, Jan Martin Scharf und Philipp Steffens, Regie führten Till Franzen und Jan Martin Scharf. Der Cast besteht unter anderem aus Friedrich Mücke, Antje Traue, Gudrun Landgrebe, Jonah Rausch, Arved Birnbaum, Anna Böttcher, Arnd Klawitter, Yung Ngo, David Schütter und Victoria Trauttmannsdorff. Bei dem Format handelt es sich um eine Mischung aus Thriller- und Mysteryserie, produziert in Deutschland aus dem Jahr 2015. Die Serie ist hierzulande ungekürzt auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich und ab 16 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt insgesamt 324 Minuten.

Fazit

Wäre „Weinberg“ von Anfang an auf einem Free-TV-Sender gelaufen und hätte das entsprechende Marketing erhalten, wäre die Serie Kult geworden. So verschafft sie sich hoffentlich übers Heimkino (oder über die Zweitauswertung bei VOX) den Status, den sie verdient.

Mein Tipp: muss man kaufen!

Videoabend Serienspecial: American Horror Story – Roanoke

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der US-amerikanischen Horror-Serie „American Horror Story“, deren sechste Staffel seit dem 5. Oktober 2016 auf FX und ab dem 9. November im FOX-Channel zu sehen ist.

American Horror Story - Roanoke

Nach einem rassistisch motivierten Angriff auf den Afro-Amerikaner Matt (Cuba Gooding Jr.), beschließen er und seine liebende Frau Shelby (Sarah Paulson), sich zurückzuziehen und ein halb verfallenes, aber ehrwürdiges Anwesen im US-amerikanischen Hinterland auf Vordermann zu bringen. Doch die Idylle währt nur kurz, als Sarah eines Tages vom Geräusch aufs Hausdach fallender, menschlicher Zähne verschreckt wird. Fortan wird aus dem Traum vom ruhigen Einsiedlerleben ein Albtraum ungeheuren Ausmaßes. Auch seine von Matt zurate gezogene Schwester Lee (Angela Bassett) ist nur kurz skeptisch, bis eines Tages auf unerklärliche Weise ihre Tochter verschwindet. Matt, Shelby und Lee blicken mit Entsetzen auf die Ereignisse zurück, die das Team der Fernsehsendung „My Roanoke Nightmare“ nachstellt, um dem Zuschauer ebenjene Ereignisse so ungeschönt wie möglich zu präsentieren. Was ist auf dem Gebiet der ehemaligen Roanoke-Kolonie wirklich passiert?

Kritik

J.J. Abrams hätte es nicht besser machen können. Ließ er die Zuschauer noch lange nach dem Dreh seiner streng geheimen Projekte „Cloverfield“ sowie der von ihm produzierten Fortsetzung „10 Cloverfield Lane“ darüber im Unklaren, worum es sich hierbei überhaupt handelt, hielten auch die Macher von „American Horror Story“ Thema und Titel von Staffel sechs bis zuletzt unter Verschluss. Ganze 25 verschiedene Teaser wurden produziert, von denen lediglich einer tatsächlich auf die Geschehnisse der anstehenden Season hindeuten sollte. Von „Rosemaries Baby“-Interpretationen über an „Texas Chainsaw Massacre“ erinnernde Terror-Bilder bis hin zu einem über Eisenbahnschienen kriechende Nebel-Aliens klapperten die Serienschöpfer Brad Falchuk und Ryan Murphy einmal das gesamte Potpourri diverser Horror-Subgenres ab, um den Zuschauer bei völliger Ahnungslosigkeit in die neueste Season der aktuell meistdiskutierten Horrorserie der Welt zu entlassen. Kurz vor Beginn drang schließlich auch noch die vermeintlich sichere Information an die Öffentlichkeit, „American Horror Story“, Staffel sechs trüge den Titel „The Mist“ (zu Deutsch: der Nebel); alles falsch. Entsprechend formidabel kam die letztendlich „Roanoke“ betitelte Season  in den USA aus den Startlöchern. Die erste Episode „Chapter 1“ startete auf seinem Heimsender The FX stärker als sämtliche Auftaktfolgen der bisherigen „AHS“-Staffeln und schon kurz nach der Ausstrahlung veröffentlichten die offiziellen Social-Media-Kanäle des Formats vielsagende Grafiken eines von Nägeln durchbohrten Smartphones als Hinweis darauf, sämtliche sozialen Netzwerke zu meiden, sollte man den Serienauftakt nicht im linearen Fernsehen gesehen haben.

Zunächst einmal ist der Titel „Roanoke“ nicht wesentlich aussagekräftiger als die vollkommene Weigerung vor der Weitergabe näherer Informationen. Wusste man im Falle der vorherigen Staffeln „Murder House“, „Asylum“, „Coven“, „Freak Show“ und „Hotel“ wenigstens im Ansatz, wo man das Geschehen der kommenden Folgen einordnen musste, wird „Roanoke“ auf den ersten Blick wohl nur all jenen ein Begriff sein, die im weitesten Sinne aus der Gegend dieser verlorenen Kolonie vor der Ostküste des Bundesstaats North Carolina stammen. Schon eher ein Begriff mag da der Begriff CROATOAN sein; nicht zuletzt deshalb, weil er mehrmals in der beliebten Fantasyhorror-Serie „Supernatural“ aufgegriffen wurde. Doch die Roanoke-Kolonie fand auch anderorts popkulturelle Verwendung; zu unheimlich sind die Legenden, die sich um sie ranken. „Andromeda“, „Sleepy Hollow“, „Haven“, aber auch Filme wie „Mindhunters“ oder „Die Herrschaft der Schatten“ griffen auf, was hier Ende des 16. Jahrhunderts geschah. Das frühere Wohngebiet der Roanoke-Indianer wurde mehrmals zu besiedeln versucht. Beim ersten Mal folgte auf den falschen Zeitpunkt das Ausbleiben der Ernte, beim zweiten Versuch jedoch verschwanden die rund 120 Sieder spurlos und hinterließen lediglich das in einen Holzpfahl eingeschnitzte Wort CROATOAN, das später wahlweise einem Fluch, einer Krankheit oder einem Indianerhäuptling zugeordnet wurde, in Wirklichkeit aber den Namen einer nahegelegenen Insel beschrieb. Für die sechste Staffel von „American Horror Story“ verschlägt es ein Pärchen namens Matt (Cuba Gooding Jr.) und Shelby (Sarah Paulson) in ein verlassenes Herrenhaus in dieses Gebiet; „Roanoke“ erzählt unter Berufung auf wahre Ereignisse vom Terror und Spuk, die das junge Paar über sich ergehen lassen musste und lässt die echten Matt und Shelby dieses Geschehen parallel dazu kommentieren.

American Horror Story - Roanoke

Zugegeben: Es sind nicht wirklich die echten Matt und Shelby, die in der sechsten Staffel von „American Horror Story“ immer wieder aus dem Off oder vor einer Kamera sitzend davon erzählen dürfen, was ihnen einst in dem Anwesen passierte. Die beiden werden von Lily Rabe und André Holland verkörpert. Ein interessanter, inszenatorischer Kniff ist es dennoch, wenn sich die ohnehin schockierenden Schilderungen des Paares mit den noch weitaus drastischeren (nachgestellten) Geschehnissen in der Fiktion abwechseln. Inwiefern sich die Ereignisse abseits dieser True-Events-Behauptung tatsächlich so oder ähnlich zugetragen haben, darüber schweigen sich die Macher des Formats bisher aus. Trotzdem kam es in der Vergangenheit immer wieder zu unheimlichen Vorkommnissen in der Roanoke-Region, sodass es vielleicht gar nicht unbedingt eines konkreten Ereignisses bedürfte, um „Roanoke“ mit zusätzlicher Spannung zu unterfüttern, indem man sich auf wahre Ereignisse beruft.

AMERICAN HORROR STORY – ROANOKE stammt von Ryan Murphy und Brad Falchuck. Das Skript zu den ersten Serienepisoden schrieb Tim Minear. Unter den Darstellern finden sich Sarah Paulson, Lily Rabe, Kathy Bates, Cuba Gooding Jr., André Holland, Denis O’Hare, Wes Bentley, Angela Bassett, Adina Porter und Colby French. Bei der Serie handelt es sich um eine US-amerikanische Horror-Produktion aus dem Jahr 2016. Die Serie ist hierzulande ab dem 9. November im FOX Channel zu sehen und ab 18 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt pro Folge rund 40 Minuten.

Mit diesem halbdokumentarischen Erzählstil (bei dem, und das dürfte viele Zuschauer sicherlich freuen, nicht auf den hier gern gewählten Ansatz der Found-Footage-Inszenierung zurückgegriffen wird) gelingt es den Machern, eine besondere Form der Authentizität zu wahren. Immer und immer wieder machen uns die „echten“ Matt und Shelby deutlich, wie unglaubwürdig das Geschehen klingt, nur damit sich die das Geschehen nachstellenden Matt und Shelby anschließend zeigen, dass es doch sehr wohl so war, wie man es uns erzählt. Denn das, was in „Roanoke]“passiert, präsentiert sich in einer Suspense-Dichte, von der sich das moderne Horrorkino eine Scheibe abschneiden kann. Ohne auf allzu vorhersehbare Jump-Scares zu setzen, reihen die Macher einen symbolhaften Schock an den nächsten (vor allem das eigentlich als Liebessymbol und Glücksbote verstandene Schwein scheint hier noch eine große Rolle zu spielen), ohne dabei zu vergessen, dass auch der gruseligste Spuk mit einer Story untermauert werden sollte, damit er noch besser funktioniert. Entsprechend konzentriert sich „American Horror Story – Roanoke“ anders als die letzten Staffeln deutlich gezielter nur noch auf wenige Figuren. Neben Matt und Shelby erhält wenig später auch die als Skeptikerin angelegte Lee (Angela Bassett/Adina Porter), Matts Schwester,  Einzug in das Anwesen, deren Background als Alkoholikerin und allein erziehende Mutter das Geschehen noch stark beeinflussen wird. Von Kathy Bates gibt es in den ersten beiden Episoden noch wenig zu sehen, doch soviel sei verraten: Die Gute scheint die Seiten gewechselt zu haben.

Fazit

Obwohl wir in den ersten beiden Folgen (die übrigens ohne die kultige Vorspannsequenz auskommen mussten – ein wenig hoffen wir aber schon noch, dass sich das in den kommenden Episoden ändern wird) bereits einen Einblick darin erhielten, auf welche erzählerischen Pfade uns „Roanoke“ mitnehmen wird, waren „Chapter 1“ und „Chapter 2“ so voller verschiedener Nebenschauplätze, dass sich noch überhaupt nicht absehen lässt, wovon die sechste Staffel nun überhaupt handelt. Mit Matt und Shelby sind die Protagonisten als Opfer eines furchtbaren Spuks festgelegt, doch eine unheimliche Legende um zwei mordende Krankenschwestern, grauenhafte Rituale im Wald, Visionen von abgetrennten Schweineschwänzen und eine verschwundene Tochter, die mit einer unsichtbaren Freundin spricht, deuten so viele, mitunter auch überhaupt nicht zusammenhängende Konfliktherde an, dass es uns gar nicht wundern würde, wenn sich letztlich doch herausstellt, dass alle 25 Teaser zu „Roanoke“ gehören. Mit der Konzentration auf nur wenige Figuren gehen die Schöpfer und Regisseure hier einen guten Weg, denn im Kern steckte in der Serie schon immer auch ein tiefgreifendes, menschliches Drama. Nie war das Suchtpotenzial von „American Horror Story“ höher, als in diesem.

Mein Tipp: unbedingt ansehen!

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