Ostfriesisch für Anfänger

Dieter Hallervorden nimmt als Plattdeutsch quasselnder Eigenbrötler widerwillig Flüchtlinge bei sich auf – am Ende profitieren beide Seiten. Ist OSTFRIESISCH FÜR ANFÄNGER ecken- und kantenloses Feelgood-Kino, oder ein sehenswerter Filmbeitrag zur aktuellen Flüchtlingskrise? Diese Frage beantworte ich in meiner Kritik.
Ostfriesisch für Anfänger

Der Plot

Uwe Hinrichs (Dieter Hallervorden) ist ein einsamer Eigenbrötler, der konsequent Plattdeutsch spricht und sich als den letzten „echten Ostfriesen“ bezeichnet. Mit Globalisierung und der modernen Welt hat er nichts am Hut. Als plötzlich in sein gepfändetes Haus eine Gruppe ausländischer Fachkräfte einquartiert wird, dreht er durch und baut im wahrsten Sinne des Wortes Mist. Wider Willen muss er nun den Integrationsunterricht für diese „Utländer“ übernehmen. Kulturen, Konflikte und Erwartungen prallen aufeinander. Doch wo Reibung ist, entsteht auch Wärme und so überwindet Uwe sich und bringt, gut gemeint, den Fremden Plattdeutsch anstatt Hochdeutsch bei. Den Fehler bemerkt nur keiner. Als alles verloren scheint, wächst Uwe über sich hinaus, rettet die Zukunft der Ausländer und damit seine eigene…

Kritik

Wie immer, wenn ein weltweites Ereignis die Menschen in zwei Lager spaltet, bietet das auch den Schöpfern fiktiver Werke die Möglichkeit, sich ganz und gar auszutoben. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die vom Krieg in Syrien angeschobene Flüchtlingskrise ihren Weg in Bücherregale und auf die Kinoleinwände finden würde. Und egal ob als weitestgehend massentaugliche Komödie („Willkommen bei den Hartmanns“), oder als halbdramatischer Ausflug in Programmkinogefilde („Nur wir drei gemeinsam“), bietet die Thematik genug Stoff, um sie trotz dieser Ballung erzählerisch und inszenatorisch zu variieren. „Ostfriesisch für Anfänger“-Regisseur Gregory Kirchhoff („Dusky Paradise“) wählt für seinen kinematografischen Vermittlungsversuch zwischen den verschiedenen Kulturen einen zwar gefälligen, aber doch auch sympathischen Weg. Seine Idee, das dem Plattdeutschen nicht mächtige Publikum mithilfe des mitunter durchaus befremdlichen Dialekts in die Position Nicht-Einheimischer zu versetzen, ist bei genauerem Hinsehen ganz schön clever. Dieser inszenatorische Ansatz tröstet dann auch über weite Teile darüber hinweg, dass der Handlungsverlauf recht schematisch daherkommt und die aufgezeigten Lösungsansätze wohl hauptsächlich in einer naiven Filmtheorie, wohl aber kaum in der Wirklichkeit funktionieren würden.

Als Uwe Hinrichs macht es Dieter Hallervorden dem Publikum nicht immer leicht.

Als grantiger Eigenbrötler Uwe Hinrichs macht es Dieter Hallervorden dem Publikum nicht immer leicht.

Zuschauer lieben die Figur des grantigen Eigenbrötlers, der mithilfe Außenstehender dann doch noch die Liebe zum Leben wieder entdeckt. So gesehen in Erfolgsproduktionen wie „Ein Mann namens Ove“, „Frühstück bei Monsieur Henri“ oder dem Über-Kassenschlager „Ziemlich beste Freunde“. Vielleicht rührt das daher, dass sich jeder ein Stück weit in derartigen Charakteren wiedererkennt. Insofern stehen die Zeichen bei „Ostfriesisch für Anfänger“ trotz einer limitierten Kinoauswertung auf Erfolg. Dieter Hallervorden („Honig im Kopf“) trägt den Film dann auch direkt komplett auf seinen Schultern. Intuitiv und charismatisch macht er seinen Uwe Hinrichs zu einem Kerl, mit dem man auf den ersten Blick gar nichts zu tun haben möchte, dem das Skript von Sönke Andresen („Ich fühl mich Disco“) und Franziska An der Gassen („Thailand sehen und sterben“) aber im genau richtigen Maße jenen Background verpasst, den es benötigt, um ihn auf lange Sicht doch liebenswert zu machen. Szeneneinschübe, die ihm am Grab seiner verstorbenen Ehefrau zeigen, oder die widerwilligen Auseinandersetzungen mit überkorrekten Chefs einfangen, zeichnen ein nachvollziehbares Gesamtbild eines Charakters, der das Publikum mitreißen kann. Auch auf allzu simple Allgemeinplätze wird verzichtet, sodass man es einem Uwe Hinrichs ebenso abnimmt, der filigranen Baukunst von Buddelschiffen zu frönen, wie in bester Slapstick-Manier mit dem Traktor sein Hab und Gut zu beschützen. „Ostfriesisch für Anfänger“ lebt von der Ambivalenz seines Protagonisten und wählt im Fortverlauf der Charakterentwicklung nicht immer den bequemsten Weg. Gleichwohl lässt sich nicht leugnen, dass alles Umstehende genau diesen mutigen Eindruck nicht ganz unterstreichen kann.

Die eher an Fernsehgegebenheiten erinnernde Inszenierung bleibt im Laufe seiner 91 Minuten weitestgehend frei von Spannung und Überraschungen. Dass die anfängliche Skepsis des unterschwellig ganz schön ausländerfeindlichen Uwe im Finale einer regelrechten Ausländer-Euphorie weicht, unterstreicht zwar die richtige Message (Um einander zu akzeptieren, muss man sich gegenseitig zuhören!), subtil geschieht das allerdings nicht. Dafür kann „Ostfriesisch für Anfänger“ auf dem Weg dorthin mit starken Einzelszenen punkten. Das sich nur sehr langsam entwickelnde Kennenlernen Uwes mit den Ausländern bleibt stets authentisch. Gregory Kirchhoff und seine Autoren finden ein gesundes Maß an Skepsis und Annäherung, um die für beide Seiten schwierige Situation greifbar zu machen. Humoristisch punktet „Ostfriesisch für Anfänger“ eher über die leiseren Töne; grober Slapstick wie Uwes Traktor-Anschlag setzen darüber hinaus Comedy-Akzente, die im Skript so verankert sind, dass sie die Tragik innerhalb der Situation stimmig unterstreichen. Diese Beobachtung setzt sich bei den Nebenfiguren fort. Victoria Trauttmannsdorff („4 Könige“) ist die mit viel Power gespielte Organisatorin Vroni, die gemeinsam Holger Stockhaus („God of Happiness“) als ihr verkrampfter Kollege Dietmar ein nah an der Karikatur befindliches Duo aus Vollblutbeamten bildet, das in seiner hervorstechenden Demaskierung des deutschen Beamtentums auch in einer Folge der Büro-Sitcom „Stromberg“ hervorragend platziert wären.

Uwe Hinsrichs unterrichtet seine ausländischen Schüler in der für ihn einzig wichtigen Sprache: Platt.

Uwe Hinsrichs unterrichtet seine ausländischen Schüler in der für ihn einzig wichtigen Sprache: Platt.

Die Tatsache, dass auch diejenigen Zuschauer, die des Plattdeutschen nicht mächtig sind, die entsprechenden Dialoge nicht verstehen werden (auf Untertitel wird konsequent verzichtet!), schließt einen Teil des Publikums nicht etwa aus. Vielmehr wird dieser Umstand direkt in den Film miteinbezogen und macht bisweilen sogar die funktionierende Dramaturgie aus. Genau das erweist sich dann auch als Alleinstellungsmerkmal von „Ostfriesisch für Anfänger“, denn ohne diese pfiffige Idee wäre der Film allenfalls Durchschnittskost. So aber macht Gregory Kirchhoff eine wichtige Barriere innerhalb der Kommunikation mit Fremden so zu Eigen, dass der Zuschauer emotional noch stärker involviert wird. Das muss man mögen und ob dieses Experiment den Kinogänger überzeugt, ist deshalb schwer abzusehen, weil Kirchhoff damit der Erste ist, der sich so etwas traut. Für uns wird sein Film aber gerade dadurch zu einem der besseren Beiträge über das Thema Ausländerkommunikation – obwohl wir auch schon vor dem arg konstruierten Comedy-Finale wussten, dass in Uwe Hinrichs ja eigentlich ein ganz netter Kerl steckt.

Fazit: Das Gesamtkonzept sowie die technische Aufmachung von „Ostfriesisch für Anfänger“ bleiben weitestgehend spannungs- und überraschungsarm, doch die mit dramatischen Einschüben versehene Flüchtlingskomödie punktet mit cleveren Ideen innerhalb der Inszenierung und einem starken Hauptdarsteller.

„Ostfriesisch für Anfänger“ ist ab dem 27. Oktober in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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