Die dunkle Seite des Mondes

In Stephan Ricks Romanverfilmung DIE DUNKLE SEITE DES MONDES muss sich Moritz Bleibtreu nach dem Genuss von halluzinogenen Pilzen mit den Abgründen seiner Seele auseinandersetzen. Ein spannendes Kinoexperiment. Mehr dazu in meiner Kritik.Die dunkle Seite des Mondes

Der Plot

Wirtschaftsanwalt Urs Blank (Moritz Bleibtreu) ist der unangefochtene Star auf seinem Gebiet. Er ist erfolgreich, hat Geld und die für ihn perfekte Frau (Doris Schretzmayer). Der Selbstmord eines Geschäftskollegen wirft Urs jedoch aus der Bahn. Er fängt an, sein bisheriges Leben in Frage zu stellen. Vielleicht auch deshalb fühlt er sich so zu Lucille (Nora von Waldstätten) hingezogen, die ihm mit ihrem alternativen Lebensstil eine ganz neue Welt eröffnet – und ihn zu einem Trip mit halluzinogenen Pilzen verführt. Mit Folgen für Blank, denn nach dem Trip verändert sich seine Persönlichkeit und bringt seine dunkle Seite zum Vorschein. Zunächst fast unbemerkt, dann mit unbarmherziger Macht brechen lang unterdrückte Aggressionen aus ihm heraus. Und machen den zivilisierten Anwalt zum instinktgetriebenen Individuum und unberechenbaren Mörder. Zutiefst verunsichert von seiner Wandlung flüchtet sich Blank aus seinem alten Leben in den Wald, um dort nach einem Gegenmittel für den missglückten Pilztrip zu suchen. Doch für seinen Geschäftspartner Pius Ott (Jürgen Prochnow) ist der unberechenbare Blank eine tickende Zeitbombe geworden. So wird Urs Blank zum Gejagten – und sein Kampf um seine Rückkehr zum Wettlauf um sein Leben…

Kritik

Der Schriftsteller Martin Suter ist ein echter Tausendsassa. Zu seiner abwechslungsreichen Vita gehören nicht nur 14 Romane unterschiedlicher Genres, sondern auch Drehbücher (unter anderem für den „Tatort“), Theaterstücke und Kolumnen. Dass der geborene Schweizer seine Karriere 1997 als Autor direkt mit einer Trilogie begann, spricht obendrein für ein gesundes Selbstbewusstsein; immerhin konnte zum damaligen Zeitpunkt noch keiner ahnen, dass der gelernte Werbetexter direkt mit seinem ersten Werk in der Branche Fuß fassen würde. Doch die dreiteilige Romanreihe, bestehend aus „Small World“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und „Ein perfekter Freund“, die inhaltlich zwar nicht zusammenhängt, jedoch von dem Thema Persönlichkeitsveränderungen und der Suche nach sich selbst umspannt wird, legte den Grundstein für Suters Erfolg, sodass es nicht überrascht, dass man sich nun an einem der drei Bücher bedient, um dieses auf die Leinwand zu bringen. Wenngleich es aufgrund der voneinander unabhängigen Geschichten nicht relevant ist, bleibt die Frage, weshalb man sich dazu entschloss, mit „Die dunkle Seite des Mondes“ eine Vorlage „aus der Mitte“ zu greifen, anstatt einfach mit dem ersten Buch der Trilogie zu beginnen. Doch schaut man sich das atmosphärische Szenario an, mit welchem Hauptdarsteller Moritz Bleibtreu („Stereo“) hier konfrontiert wird, ergibt dieser Schritt absolut Sinn: Die vom Wald als maßgeblich an der Stimmung beteiligter Faktor ausgestrahlte Faszination gehört wie keine andere auf die Leinwand.

Moritz Bleibtreu

Schon bei der Wahl des Hauptdarstellers beweisen die Macher Fingerspitzengefühl. Moritz Bleibtreu schlüpft in die Rolle eines zunächst selbstsicheren, mit der Zeit jedoch immer mehr in eine Spirale des Zweifels geratenen Anwalts, dessen sukzessiven Leidensweg Skript (Catharina Jung, Stephan Rick) und Regie (Stephan Rick) trotz einer nicht zu leugnenden Drastik glaubhaft zu skizzieren wissen. Dass der harsche Sinneswandel von Urs Blank nicht ganz so nuanciert vonstatten geht, wie es im Buch der Fall ist, liegt vor allem am verschobenen Fokus: Anders als im Roman verlagert Stephan Rick („Unter Nachbarn“) jenen auf die Abgründe innerhalb von Blanks menschlicher Seele, lässt die Faszination und Ruhe des Waldes inhaltlich weitestgehend außen vor und stürzt sich lieber auf die Figureninteraktion. Funktioniert „Die dunkle Seite des Mondes“ in Buchform noch als inspirierende Auseinandersetzung mit Natur und Wildnis, spielt sich ein Großteil der Handlung zwar innerhalb des Waldes ab, dem seelischen Verfall der Hauptfigur hat dieser allerdings absolut nichts entgegenzusetzen. Stattdessen verlässt sich Stephan Rick auf den Unterhaltungswert seines Films als Suspense-geladener Survival-Trip, inklusive Psychodrama und pointiert platzierter Mystery-Einschübe, die aus „Die dunkle Seite des Mondes“ ein zwar nicht immer ganz ausbalanciertes, aber definitiv spannendes Unterfangen machen.

Es ist nicht immer ganz einfach, dem Geschehen innerhalb des Films zu folgen. An der intensiven Auseinandersetzung mit den Figuren liegt das nicht zwingend; das Drehbuch etabliert sie zwar alle weitestgehend flüssig, vergönnt jeder von ihnen ein Profil und schafft so interessante Fallhöhen innerhalb ihrer Kommunikation, doch um aus „Die dunkle Seite des Mondes“ nebenher auch ein Charakterdrama zu machen, ist der Film zu sehr mit einer Effekthascherei beschäftigt, die sich voll in den Dienst eines Psychothrillers stellt. Wenn etwa Urs Blank in einem wahnhaft diabolischen Anfall von Hass die Katze seiner neuen Freundin tötet, wäre der Grundstein für eine eingehende Studie gelegt, um sich näher mit den Belangen von Urs‘ Umfeld zu beschäftigen. Stattdessen findet die Beschäftigung mit Lucille oder, noch extremer, mit Urs‘ Frau, nur am Rande statt. Das unterstreicht zwar den auf die Hauptfigur gelegten Fokus, nimmt „Die dunkle Seite des Mondes“ allerdings das Potenzial, auch darüber hinaus zu funktionieren. Was sich hingegen als mehr als stimmig erweist, ist die ambivalent angelegte Performance von Moritz Bleibtreu, der sich hervorragend mit der inneren Zerrissenheit seiner Figur auseinanderzusetzen weiß und dabei auch mit den Vorahnungen des Publikums spielt, das sich immer wieder aufs Neue die Frage stellen muss, wovon es hier eigentlich genau Zeuge wird.

Ein Lehrstück auf den Umgang mit Drogen möchte und muss „Die dunkle Seite des Mondes“ nicht funktionieren. Stattdessen bediente sich schon der Roman mehr an der Faszination für die halluzinogenen Pilze, anhand derer Martin Suter die Frage aufwarf, ob ein konkreter Wandel innerhalb der menschlichen Psyche – ganz gleich, wodurch hervorgerufen – überhaupt und tatsächlich möglich ist. Stephan Rick lässt diese Frage bis zuletzt angenehm offen und verhilft seinem Film dadurch zu erhöhter Spannung, auf die man sich als Zuschauer bewusst einlassen muss. So könnte es manch einem im Publikum nicht schmecken, dass der Thriller es dem Publikum nicht immer so bequem wie möglich macht, doch gerade hieraus entwickelt „Die dunkle Seite des Mondes“ einen fiebrigen Sog, der die Grenzen eines klassisch-realen Seherlebnisses sprengt. Das muss man mögen, doch wenn dem so ist, steht einem substanziellen, vor allem aber experimentellen Thrillergenuss nichts im Wege.

Fazit: Regisseur Stephan Rick inszeniert Martin Suters sozialkritischen Kommentar auf die moderne Konsum- und Leistungsgesellschaft als symbolisch aufgeladenes Thriller-Drama, das als düster-atmosphärischer Sog besticht, der den Zuschauer darüber hinwegsehen lässt, dass bis zum Schluss nicht alle Fragen geklärt werden.

„Die dunkle Seite des Mondes“ ist ab dem 14. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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