Plan B – Scheiß auf Plan A

Die abgefahrene Actionkomödie PLAN B – SCHEIß AUF PLAN A ist nicht bloß ein mutiges deutsches Kinoexperiment, sondern beweist auch, dass nicht bloß Style over Substance, sondern auch Passion over Substance hervorragend funktionieren kann. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Can (Can Aydin), Phong (Phong Giang), Cha (Cha-Lee Yoon) und U-Gin (Eugene Boateng) sind beste Freunde und zugleich die erfolglosesten Actionstar-Wannabes diesseits von Hollywood. Doch als ihnen überraschend ein Casting-Angebot ins Haus flattert, bietet sich eine aller letzte Chance, endlich zu zeigen, was sie wirklich draufhaben. Dumm nur, dass U-Gin die Adresse vertauscht. So landen die Jungs nicht im erhofften Casting, sondern eindeutig im falschen Film – denn unerwartet kommen sie einer Truppe knallharter Gangster in die Quere, die sich Phong als Geisel schnappen und die anderen auf eine mörderische Mission schicken. Im Tausch gegen Phongs Leben sollen sie den Geheimsafe des gefürchteten Gangsterbosses Gabriel (Henry Meyer) ausfindig machen. In einem Wettlauf gegen die Zeit kämpfensich die Jungs von einem Fettnäpfchen ins nächste quer durch Berlin und müssen bald erkennen, dass sie im Zentrum einer Unterweltverschwörung gelandet sind, aus der es so leicht keinen Ausweg gibt.

Kritik

Das Presseheft beschreibt die durchgedrehte Actionkomödie „Plan B – Scheiß auf Plan A“ als „echten Exot in der deutschen Kinolandschaft“. Damit haben die Schreiber nicht ganz Unrecht, denn obwohl das deutsche Genrekino in den vergangenen Jahren an Zuspruch gewonnen hat, bezieht sich das in erster Linie auf Horrorfilme und Thriller, nicht jedoch auf das nationale Actionkino. Til Schweigers „Schutzengel“ aus dem Jahr 2012 war ein solcher Vertreter. Auch der Kino-„Tatort“ „Tschiller: Off Duty“ hat sich daran versucht, die Fahne des deutschen Actionfilms irgendwie hochzuhalten. Und zuletzt lieferte Jakob Lass mit „Tiger Girl“ einen Zwei-Frauen-Martial-Arts-Film ab, der wie „Schutzengel“ und „Tschiller: Off Duty“ jedoch an der Kinokasse unterging. Ansonsten herrscht Ebbe in diesem Bereich, doch so richtig wundern tut das Niemanden. Wozu sollen Studios Geld investieren, wenn sich das Risiko am Ende sowieso nicht rentiert? Aus wirtschaftlicher Sicht ist „Plan B – Scheiß auf Plan A“ also schon mal ein Spiel mit dem Feuer. Und wenn man sich einmal die Produktionsbedingungen der in Berlin spielenden Actionkomödie anschaut, erhärtet sich dieser Eindruck. Vor der Kamera agieren in den Hauptrollen vorwiegend No-Names. Das Drehbuch stammt von einem Debütanten (Rafael Alberto Garciolo) und auf dem Regieposten geben mit Ufuk Genç und Michael Popescu ebenfalls zwei Neulinge ihren Einstand. Ganz schön wackelig – doch es kann auch eine befreiende Wirkung haben, wenn im Grunde Niemand etwas zu verlieren hat.

Die Qualität der ausgeklügelten Stuntchoreographien entspricht internationalem Niveau.

Von der Arbeit der Hauptdarsteller haben die Meisten von uns schon einmal etwas mitbekommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch ohne davon zu wissen, denn Can Aydin, Cha-Lee Yoon und Phong Giang haben als Stuntmen und Martial-Arts-Performer schon an internationalen Großproduktionen mitgewirkt; darunter Filme wie „Die Tribute von Panem – Mockingjay, Teil 2“, „Hitman: Agent 47“ und „James Bond 007: Skyfall“. Auch die Arbeit als Schauspieler ist ihnen nicht fremd. Can Aydin spielte  unter anderem eine kleine Rolle in der deutschen Komödie „Offroad“ und Eugene Boateng war nicht bloß in diversen Musikvideos, sondern auch in „Becks letzter Sommer“ an der Seite von Christian Ulmen zu sehen. Dazu passt es dann auch, dass Aydin, Yoon und Giang in „Plan B – Scheiß auf Plan A“ fürs Grobe zuständig sind, während Boateng den Part des (Möchtegern-)Managers innehat. Der Fokus liegt in dieser 98 Minuten andauernden Comedy-Klopperei nämlich klar auf den hochprofessionell choreografierten Martial-Arts-Sequenzen, denen sich Geschichte, Dramaturgie und Darstellerleistungen unterordnen müssen. Daraus machen die Verantwortlichen auch von Beginn an keinen Hehl; „Plan B – Scheiß auf Plan A“ lässt auf einen kurzen, das Geschehen im Crime-Thriller-Genre einordnenden Off-Monolog direkt fliegende Fäuste und knallende Waffen folgen. Die Hauptdarsteller präsentieren sich sogleich in Bestform und die Messlatte für noch folgende Action- und Kampfsequenzen wird hoch angelegt (und – soviel darf verraten werden – kein einziges Mal unterschritten).

Auf körperlicher Ebene sind die Hauptdarsteller allesamt Profis. Als Akteure ist ihnen die Unsicherheit und fehlende Erfahrung indes stark anzumerken. Dazu trägt allerdings auch das Drehbuch bei, auf dessen Basis sich nicht bloß einige Längen, sondern auch manch peinlicher Dialog ergeben, die in ihrer Beiläufigkeit immerhin schnell im Sande verlaufen. Die Geschichte erweist sich nämlich als gar nicht so ausgeklügelt, obwohl man mit dieser unkonventionellen Truppe noch viel mehr Extravaganz im Film hätte unterbringen können. „Plan B – Scheiß auf Plan A“ folgt den ungeschriebenen Gesetzen des Crime-Thrillers; inklusive vermeintlichem Widersacher-Twist, korrupten Cops und augenzwinkernder Klischeebekräftigung von Polizei und Unterweltbösewichten. Allein auf seine inhaltlichen Qualitäten bezogen, bietet „Plan B“ daher nur wenig Neues, doch neben den spleenigen Hauptfiguren, deren Reiz sich in erster Linie daraus ergibt, dass hier situationsbedingte Unbeholfenheit und aus der durchtrainierten Schlagkraft resultierende Selbstsicherheit aufeinander prallen, hat der Film mit Julia Dietze („5 Frauen“) sowie Henry Meyer („Tatort“) auch noch zwei undurchsichtige Gegenspieler zu bieten, während wir mit Ex-„GZSZ“-Star Laurent Daniels und Gedeon Burkhard („Gefällt mir“) zwei ziemlich kantig-charismatische Ermittler präsentiert bekommen.

Mit diesen Gestalten sollte man sich nicht anlegen…

Wie gut, dass der Schwerpunkt bei „Plan B“ nicht auf der Geschichte liegt. Diese bietet mit ihrer Schnitzeljagd-Dramaturgie ohnehin bloß die Möglichkeit, kapitelähnlich (tatsächlich wird in regelmäßigen Abständen sogar eine einordnende Überschrift eingeblendet) möglichst viel Körperkampf im Film unterzubringen und dabei trotzdem so etwas wie einen roten Faden zu verfolgen. Dieser führt die untereinander hervorragend harmonierenden Can, Chang und U-Gin einmal quer durch Berlin und liefert unter ständiger Zuhilfenahme diverser 80s- und 90s-Actionfilmreferenzen auch noch eine düstere Liebeserklärung an die deutsche Hauptstadt. Erst vor Kurzem zeigten wir uns in der Review zu „Berlin Syndrom“ der permanenten Fokussierung Berlins in deutschen Filmen überdrüssig, doch anstatt einfach nur die angesagtesten Hotspots abzufilmen, dringt „Plan B“ hauptsächlich in die abseitigen Ecken der Hipster-City vor. Nicht immer holen die Macher das komplette Potenzial aus dieser Idee heraus; wenn eine spektakuläre Schlägerei im Inneren einer Bar oder auf einem dunklen Friedhof stattfindet (inklusive Auseinandersetzung mit einem vampirähnlichen Zeitgenossen!), dann könnte das ebenso gut auch in jeder anderen Stadt spielen. Doch „Plan B“ ist auch so vollgepackt mit Lokalkolorit, da tut es zwischendurch ganz gut, sich auch mal nur auf das passionierte B-Movie-Flair zu konzentrieren, das Cast und Crew hier innerhalb von eineinhalb Stunden auf die Leinwand zaubern und damit in erster Linie Liebhaber der Action aus der damaligen Dekade in Verzückung versetzen werden.

Fazit: „Plan B – Scheiß auf Plan A“ ist eine gelungene Hommage an das Actionkino der Achtziger- und Neunzigerjahre und funktioniert ganz klar über den „Passion over Substance“-Faktor. Die Leidenschaft der Darsteller tröstet über holprige Dialoge und eine zähe Dramaturgie hinweg. Dafür gibt’s fantastische Stunts, fiese Bösewichte und eine eineinhalbstündige Berlin-Hommage zu bestaunen.

„Plan B – Scheiß auf Plan A“ ist ab dem 8. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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