Das Glück an meiner Seite

Hilary Swank ist üblicherweise ein Garant für starke Charakterstücke. In DAS GLÜCK AN MEINER SEITE spielt sie eine im Rollstuhl sitzende ALS-Kranke, die sich in bester „Ziemlich beste Freunde“-Manier mit ihrer unkonventionellen Pflegerin anfreundet. Doch nicht nur die innovationslose Idee dieses Rührstückes nervt, sondern allen voran die fehlgeleitete Moral des Regisseurs ist es, der dem vermutlich gut gemeinten Drama sein Genick bricht. Mehr zum Film erfahrt Ihr in meiner Kritik.

Das Glück an meiner Seite

Der Plot

Für die glücklich verheiratete und erfolgreiche Pianistin Kate (Hilary Swank) ändert sich von einem Moment auf den anderen alles, als sie die Diagnose ALS erhält. Als Pflegerin engagiert Kate aus der Reihe der hochqualifizierten Bewerber ausgerechnet die rebellische Bec (Emmy Rossum), die mit ihrer direkten und frischen Art so gar nicht in das wohlgeordnete Leben von Kate zu passen scheint. Kates Mann Evan (Josh Duhamel) versteht die Welt nicht mehr. Alles spricht gegen die chaotische Studentin, die keinerlei Pflegeerfahrung hat und ein wildes Leben führt ohne Verantwortung übernehmen zu müssen. Kate vertraut ihrem Instinkt und setzt sich gegenüber ihrem Mann durch. Wie sich zeigt zu recht, denn Bec erweist sich nicht nur als humorvolle und unkonventionelle Pflegerin, durch sie lernt Kate auch völlig neue Seiten von sich kennen. Bec bringt Lebensfreude, Leichtigkeit und Zuversicht in den überaus disziplinierten Alltag von Kate. Aus den so gegensätzlichen Frauen werden ziemlich schnell beste Freundinnen. Eine Freundschaft, die sich selbst dann noch bewährt, als beide an ihre Grenzen gelangen…

Kritik

Wir erinnern uns an das Jahr 2012. Man mag es kaum glauben, dass es mittlerweile schon drei Jahre her ist, dass eine französische Tragikomödie die deutsche Kinowelt auf den Kopf stellte und ganz nebenbei auch noch einen neuen Trend zum europäischen Wohlfühlkino einläutete. „Ziemlich beste Freunde“, die Geschichte über einen wohlsituierten Querschnittsgelähmten sowie seinen freigeistigen Pfleger lockte hierzulande mehr Zuschauer in die Kinos als Blockbuster wie „Skyfall“ oder „Der Hobbit“. Im Heimkino setzte der Streifen seine Erfolgsgeschichte fort, auch die Free-TV-Premiere begeisterte mehr Massen, als es andere Spielfilme zur Primetime vermögen. Doch trotz eines herausragenden Zuschauerechos störten sich schon damals viele Kritiker an der Gefühlsmanipulation, mithilfe der Film verklärend von einem eigentlich so tragischen Schicksal erzählt und dabei die allzu ernsten Töne ausspart, um sich den Sehgewohnheiten des Durchschnittspublikums anzupassen. Til Schweigers „Honig im Kopf“ zog dank seiner weltfremden Rührseligkeit zuletzt ebenfalls viele, genau genommen über sechseinhalb Millionen Zuschauer auf seine Seite, sodass langsam aber sicher der Gedanke aufkommen muss, dass das Publikum zwar durchaus von krankheitsbedingten Schicksalsstudien fasziniert ist, an der ehrlichen und mitunter schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Thema jedoch keinerlei Interesse hat. Doch wer schon „Ziemlich beste Freunde“ für unehrlich hielt, der sich in vielen Szenen noch weitestgehend unsentimental zeigte, der sollte um „Das Glück an meiner Seite“ nun endgültig einen großen Bogen machen.

Das Glück an meiner Seite

Krankheiten jeder Art haben im Charakterkino derzeit Hochkonjunktur. Ob „Still Alice – Mein Leben ohne gestern“ (Alzheimer), „Cake“ (chronisches Schmerzleiden) oder eben nun „Das Glück an meiner Seite“ (ALS) – die Variationen, von bedrückenden Einzelschicksalen zu erzählen, sind ebenso vielfältig wie die schlussendlich auf die Leinwand gebannte Qualität, die von oscarwürdig über gut gemeint bis hin zu verlogen reicht. Gerade die unheilbare Nervenkrankheit ALS erhielt Ende des vergangenen Jahres ungeheure Aufmerksamkeit, als das Internetphänomen der Ice-Bucket-Challenge um die Welt ging. Das deutsche Drama „Hin und weg“ widmete sich bereits mit viel Fingerspitzengefühl diesem Leiden und stellte sich ganz in den Dienst seines unheilbar erkrankten Protagonisten, dessen letzter Wunsch des selbstbestimmten Sterbens wie selbstverständlich zum Dreh- und Angelpunkt dieser beeindruckenden Tragikomödie wurde.  „Das Glück an meiner Seite“ erzählt nun also von einer weiteren ALS-Patientin, die sich im Laufe der etwas mehr als eineinhalbstündigen Story vom Lebensmut ihrer neuen Pflegekraft anstecken lässt und vom Hadern ob ihres Schicksals ins Akzeptieren ihrer Lage gerät. Somit erinnert das Drama nicht nur thematisch stark an ihr französisches Pendant „Ziemlich beste Freunde“, sondern setzt noch einen drauf, wenn es darum geht, dem Zuschauer die aufkeimenden Emotionen mit dem Vorschlaghammer einzutrichtern. Wäre dies der einzige Knackpunkt, ließe sich „Das Glück an meiner Seite“ mit viel gutem Willen noch mit dem Grundton diverser Nicholas-Sparks-Schmonzetten verleichen; erst recht, da Regisseur George C. Wolfe mit „Das Lächeln der Sterne“ tatsächlich schon eine solche inszenierte. Doch anders als diverse kitschige Lovestorys der Marke Sparks erweist sich das manipulativ-weltfremde Suhlen in Klischees und bemüht-optimistischen Abreißkalender-Weisheiten als unangenehm und vollkommen fehlgeleitet.

Die Drehbuchautoren Shana Feste („Endless Love“) und Jordan Roberts („Baymax – Riesiges Robowabohu“) bauen ihr auf einem gleichnamigen Roman basierendes Skript auf Zufällen und falschen Moralitäten auf und lassen die Krankheit damit wie eine Universallösung für diverse Probleme erscheinen. So bewegt sich „Das Glück an meiner Seite“ schon nach etwa einer halben Stunde in eine vollkommen falsche Richtung. Eine overactende Hilary Swank („The Homesman“) wird hier zum Spielball einer Geschichte, in der sich auf brachiale Weise jedes noch so unvorhersehbare Schicksal zum Guten wendet, was auch bedeutet, dass den Figuren der nahende Tod der Protagonistin wie gerufen kommt und automatisch sämtliche Nebencharaktere ohne ihr Zutun läutert. Mit einem unverblümten Umgang mit der Krankheit ALS hat „Das Glück an meiner Seite“ somit absolut nichts zu tun. Der Streifen nimmt die Ängste seiner Patientin, aber auch die der Angehörigen nicht ernst und stellt letztere gar als Bösewichte da, wenn sie die Todkranke mit aller Macht dazu bewegen wollen, sich nicht für den Freitod sondern für ein Leben an Schläuchen zu entscheiden. Ein differenziertes Auseinandersetzen mit den Belangen der Hauptfigur? Fehlanzeige! Ein subtiles Annähern an die Emotionen aller Beteiligter? Mitnichten!

Emmy Rossum

Dazu passt auch die grobschlächtige Charakterzeichnung der beiden Haupfiguren: Wenngleich die Chemie zwischen Hilary Swank und Emmy Rossum („Beautiful Creatures“) durchaus Anleihen hat, zu funktionieren, werden auch hier jedwede Ansätze einer ehrlichen Figurendynamik durch die lieblose Inszenierung zunichte gemacht. Rossum alias Bec erfüllt mit ihren Tattoos, Piercings und wechselnden Affähren das Klischeebild einer Draufgängerin, wohingegen sich Swank sichtlich abmüht, ein Opferdasein zu verhindern. Leider lässt das Skript in seiner schwarz-weißen Weltsicht keinerlei Grauzone zu und presst Kate mit voller Wucht in das Bild einer vom Schicksal gebeutelten und damit zwangsläufig pessimistisch-depressiven Frau, bei der jedes Aufbegehren gegen das Schicksal sogleich mit Trotz gleichgesetzt wird. Lediglich Josh Duhamels („Safe Haven – Wie ein Licht in der Nacht“) Sinneswandel vom aufopferungsvollen Ehemann zum Fremdgänger wird nachvollziehbar skizziert, doch passend zum Skript fehlt die Hinterfragung, was den Mann zu seiner Entscheidung bewogen hat. Duhamel wird zum Buhmann – und reiht sich damit in die Liste der eindimensionalen Stereotypen ein, auf denen „Das Glück an meiner Seite“ versucht, aufzubauen.

Fazit: Regisseur George C. Wolfe setzt mit seinem ALS-Drama „Das Glück an meiner Seite“ auf die thematische Erfolgsformel von „Ziemlich beste Freunde“ und bringt seinen vermutlich gut gemeinten Versuch mit einer fehlgeleiteten Moral und einer realitätsfernen Herangehensweise zum Absturz. Die Zuschauer werden nicht etwa Zeuge einer ehrlich zu Herzen gehenden Geschichte, sondern Opfer eines durchkalkulierten Tränenziehers, der sein Publikum so dreist manipuliert, dass so etwas wie Emotionen gar nicht erst entstehen können. Wenn Nicholas-Sparks-Verfilmungen oder der neueste Streifen aus der Feder von Rosamunde Pilcher mehr Herz besitzen, als dieses namhaft besetzte Spektakel, dann sollte man sich den Kauf einer Kinokarte ganz genau überlegen.  Denn nur so entgeht an der dummdreisten Aussage, dass das eigene Leben ein Märchen ist, solange man die unschönen Momente des Alltags ausblendet. Das kann und darf nicht die Message eines Films sein, der ehrlich über eine so tragische Krankheit wie ALS aufklären will.

„Das Glück an meiner Seite“ ist ab dem 16. April in ausgewählten Kinos Deutschlands zu sehen.

Erschienen bei Quotenmeter.de

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