Ricki – Wie Familie so ist

Meryl Streep nimmt mit ihrer leidenschaftlichen Performance in Jonathan Demmes musikalischer Tragikomödie RICKI – WIE FAMILIE SO IST direkten Kurs auf die Filmawards der kommenden Saison. Sie spielt die Rolle einer nicht altern wollenden Rockröhre, die sich erstmals mit der Frage auseinandersetzen muss, ob sie ihre Familie zugunsten ihrer Karriere damals wirklich verlassen musste, oder ob sie ihren eigenen Willen für ihre Kinder hätte zurücksetzen sollen. Nach dem Skript der „Young Adult“-Schreiberin Diablo Cody gelingt Demme ein rührend-ehrlicher Blick auf eine unkonventionelle Patchwork-Familie und ein raues Musikerportrait zugleich. Mehr zum Film in meiner Kritik.

Ricki - Wie Familie so ist

Der Plot

Einst verließ die junge Mutter Linda (Meryl Streep) ihre Familie, um als Rocksängerin groß durchzustarten. Mittlerweile tourt sie unter dem Namen Ricki mit ihrer Band „The Flash“ durch kleine Clubs und arbeitet nebenher notgedrungen in einem Feinkostladen. Ricki lebt am Rande des Existenzminimums, hat längst Privatinsolvenz angemeldet. Lediglich die merkwürdige Beziehung zu ihrem Bandkollegen Greg (Rick Springfield) entlockt ihr ab und an ein Lächeln, auch wenn sich beide schon lange nicht mehr darüber einig sind, ob sie denn nun ein Paar oder nur Freunde sein wollen. Eines Tages reißt ein Anruf die vom Schicksal gebeutelte Musikerin aus ihrem Trott: Ihre Tochter Julie (Mamie Gummer) wurde von ihrem Mann für eine Call-Center-Mitarbeiterin verlassen und leidet seitdem unter schweren Depressionen. Ricki beschließt, sie und ihren Ex-Mann Pete (Kevin Kline) zu besuchen und so endlich ihren vernachlässigten Mutterpflichten nachzukommen. Mit Rickis Auftauchen kochen alte Gefühle hoch. Unausgesprochenes wird zutage gefördert und es schaut so aus, als hätte Ricki den Platz in ihrer eigenen Familie verspielt. Es bedarf viel Einfühlungsvermögen, um das Vertrauen von einst wiederherzustellen, doch viel Zeit hat sie dafür nicht, denn spätestens, als Petes neue Ehefrau Sharon (Keala Settle) auftaucht, erkennt Ricki, was sie durch ihren Weggang von ihrer Familie versäumt hat…

Kritik

Man möchte meinen, Meryl Streep hätte in ihrer knapp 40 Jahre umspannenden Karriere bereits sämtliche ihrer Facetten gezeigt. Doch sobald man sich bei diesem Gedanken erwischt, überrascht die Königin der US-amerikanischen Filmawards (allein 19 mal war die Grande Dame bereits für den Oscar nominiert) ihr Publikum mit einer weiteren, bislang nicht mit ihren anderen Rollen vergleichbaren Leistung. In „Im August in Osage County“ verkörperte sie in einer Mammut-Performance eine psychisch labile Witwe. Nur wenige Monate später gab sie eine singende Märchenhexe mit melancholischer Lebensgeschichte in Disneys Musicaladaption „Into the Woods“ zum Besten. Nicht ihr erstes Musikfilm-Stelldichein – in „Mamma Mia“ legte Streep bereits ihre vereinten Sangeskünste an den Tag, sodass es nicht wundert, dass Regisseur Jonathan Demme („Philadelphia“) die Charakterdarstellerin auch in seiner musikalischen Tragikomödie „Ricki – Wie Familie so ist“ als gleichnamige Hauptfigur besetzte. An der Seite ihrer Tochter Mamie Gummer („Side Effects – Tödliche Nebenwirkungen“) spielt sie eine echte Rockröhre, doch was die Figur der Ricki mit Streeps bisherigen Rollenfiguren eint, ist ihre charakterliche Tiefe. Denn „Ricki“ erzählt zwei Geschichten: Da ist zum einen die recht schematische, jedoch nicht minder intensiv-bewegende Familienzusammenführung von Rickis Familie. Auf der anderen Seite geht es aber auch um die Musik als Karriereweg, um Lyrics als Sprachrohr für Dinge, die man nie sagen könnte und um das Statement, für das zu leben, für das man brennt.

Ricki - Wie Familie so ist

Obwohl Jonathan Demmes mittlerweile 54. Regiearbeit nach einem recht konventionellen Schema abläuft, gelingt ihm und seiner Drehbuchautorin Diablo Cody („Young Adult“) ein fein gezeichnetes Portrait verschiedener Generationen und ganz unterschiedlicher Emotionen. „Ricki“ schwankt zwar stetig zwischen den beiden Grundeigenschaften komisch und tragisch, variiert zwischen den Zeilen allerdings so sensibel mit dem ganzen Repertoire menschlicher Eigenheiten und Gefühle, dass der Film den Zuschauer auf vielen, verschiedenen Ebenen berührt. „Ricki – Wie Familie so ist“ ist durchaus spitzzüngig und funktioniert als nicht ganz so schwarzmalerische Variante des schon eingangs erwähnten Familiendramas „Im August in Osage County“. Eine Szene, in welcher Ricki mitsamt Ex-Mann, Kindern und deren Partnern im Restaurant an einem Tisch sitzt, lässt ein ähnlich waberndes Kammerspielflair zutage treten, wie ebenjene Theateradaption aus dem Jahr 2014. Die Dialoge sind hingegen von einer weniger hassgeprägten Atmosphäre und zielen durchaus auf das Komikzentrum des Zuschauers ab. Wie das Skript Lacher zu generieren versucht, basiert derweil auf ganz unterschiedlichen Gründen, denn in „Ricki“ ist es weniger der lediglich punktuell auftretende Wortwitz denn vielmehr das Gesamtbild, das dem Zuschauer ein Schmunzeln entlocken kann. Die Situation der Familie ist schlicht so absurd und die Streitthemen in ihren Höhepunkten teils so hanebüchen, dass es gar keine gezielt geschriebenen Pointen braucht, um der Szenerie etwas Komisches einzuverleiben.

„Ricki – Wie Familie so ist“ konzentriert sich nicht auf ein simples schwarz-weiß gezeichnetes Abbild von Taten und Gedanken. Der Film setzt den Fokus auf die stark ausgearbeiteten Figuren, die mit vielen Facetten versehen sind und doch ihren klaren Platz in der Familie haben. Dabei sind Kevin Kline, Streep sowie Julie-Darstellerin Mamie Gummer das Herzstück der Erzählung. Kline gibt den grundsoliden – ja, normalen – Vater, der als Gegenstück zu Ricki und als bodenständige Erdung der Familie funktioniert. In einer Szene nennt Ricki ihren Ex gar „unlocker“, was dieser mit der Reaktion beantwortet, gemeinsam mit seiner Tochter sowie seiner Verflossenen einen Joint zu rauchen. Das Sprichwort „Stille Wasser sind tief“ propagiert „Ricki and the Flash“, wie der Film in Anlehnung an den Bandnamen im Original heißt, ebenso wie die Kernaussage, dass sich Menschen nicht auf ihren ersten Eindruck beschränken lassen sollten. Mamie Gummer spielt die vermeintlich kaputte Julie mit viel Kraft und Inbrunst, der stetig mit ihrem angeschlagenen Ego bricht. Ihre liebeskummergeplagte, schwerdepressive Figur ist vollends zerrissen und gerade durch jene Zerrissenheit kann Gummer brillieren. Sie verleiht ihrem Charakter eine schwer einschätzbare Wankelmütigkeit und lässt das Publikum so in derselben Position wie ihre Filmfigur ihre Umwelt. Was zunächst folgt, ist kaum einschätzbar – ganz so, wie es bei depressiv erkrankten Menschen tatsächlich ist. Das Herzstück dieser Familie bleibt jedoch ganz klar die begnadete Meryl Streep alias Ricki, die eine Energie sowie eine zum Teil ungeahnte Freizügigkeit an den Tag legt, wie man sie von ihr bislang kaum kannte und damit einmal mehr direkten Kurs auf die anstehenden Award-Verleihungen nehmen dürfte. Die restlichen Charaktere können sich neben diesem Dreiergespann indes kaum entfalten, obwohl sie sichtbar interessante Züge besitzen.

Ricki - Wie Familie so ist

Leidenschaft ist der Storymotor von „Ricki – Wie Familie so ist“ und dennoch denkt der Film nicht nach solch einem simplen Muster, wie viele andere Geschichten nach dem „Wenn du willst, kannst du alles schaffen!“-Schema. „Ricki“ stellt Fragen nach Verantwortung und Kompromissen; muss man seine eigenen Ansprüche hintenanstellen, wenn man Familie hat? Wie sehr bleibt man in Beziehungen, vielleicht sogar in der Mutter- oder Vaterrolle auf der Strecke? Und gibt es so etwas wie einen familiären Zusammenhalt, der sich durch egal welche Umstände nie zerschlagen lässt? Diese und viele weitere Fragen brennen dem Regisseur und seiner Drehbuchautorin unter den Nägeln. Beantwortet werden diese nicht immer, wohl aber von Figuren zum Leben erweckt, wie sie realistischer, da geerdeter kaum sein könnten. Als Coverband spielen The Flash vorzugsweise bekannte Evergreens und aktuelle Rocksongs, die das Geschehen in Stimmung und Songtext wunderbar ergänzen. Bob Dylan, die Rolling Stones, aber auch Pink und Lady Gaga erhalten ihren Gedächtnisauftritt und Meryl Streep darf sowohl live singen, als auch Gitarre spielen. Auch einen eigenen, akustischen Song darf sie mit selbstgespielter Gitarrenbegleitung vortragen; ein intensiver, sensibler Moment, der uns die von Wankelmut und Unsicherheit gezeichnete Figur der Ricki noch einmal näherbringt.

Fazit: Obwohl sich das Drehbuch in Tempo und Dynamik nicht so ausgewogen präsentiert wie die inhaltliche Emotionalität, kombiniert „Ricki – Wie Familie so ist“ spitzfindige Tragikomödie über eine Familienzusammenführung mit einem feschen (fiktiven) Musikerportrait, das nicht nur viele Musikgattungen in sich vereint, sondern auch eine emotionale Bandbreite an den Tag legt, die uns Ricki und ihre Familie ganz, ganz nah bringen. Einmal mehr Oscar-verdächtig!

„Ricki – Wie Familie so ist“ ist ab dem 3. September deutschlandweit in den Kinos zu sehen.

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