Freeheld: Jede Liebe ist gleich

Regisseur Peter Sollett liefert mit FREEHELD: JEDE LIEBE IST GLEICH ein rührendes Plädoyer für Gleichberechtigung und Toleranz bei gleichgeschlechtlicher Liebe ab, das viel mehr könnte, wenn das Drehbuch nicht nahezu platzen würde. Mehr dazu in meiner Kritik.Freeheld: Jede Liebe ist gleich

Der Plot

Laurel Hester (Julianne Moore) lebt seit über 20 Jahren für ihren Job als Polizeikommissarin, ein Privatleben findet bei ihr nicht statt. Dies ändert sich schlagartig, als sie die junge Mechanikerin Stacie Andree (Ellen Page) kennenlernt. Die beiden verlieben sich aller Unterschiede zum Trotz ineinander und bauen sich eine gemeinsame Zukunft auf. Dazu gehören das eigene Haus mit Garten und Hund und schließlich sogar die eingetragene Lebenspartnerschaft. Doch ihr Glück währt nicht lang. Laurel erhält die erschütternde Diagnose, dass sie an Lungenkrebs im Endstadium erkrankt ist und ihr nicht mehr viel Zeit bleibt. Ihr letzter Wunsch ist, dass Stacie in ihrem Haus wohnen bleiben kann. Das kann sie aber nur, wenn ihr Laurels Pensionsansprüche übertragen werden. Die zuständigen Behörden lehnen ihr Gesuch wiederholt ab. Auch innerhalb der Polizei erfährt Laurel, der es immer schlechter geht, keinen Rückhalt. Nur ihr Kollege Dane Wells (Michael Shannon) und der exzentrische Aktivist Steve Goldstein (Steve Carell) halten zu Laurel und Stacie in ihrem Kampf um Gerechtigkeit, bis sie unerwartete Unterstützung erhalten…

Kritik

Vor etwas mehr als zwei Jahren outete sich die 28-jährige Kanadierin Ellen Page öffentlich als lesbisch. Als Plattform dafür wählte der „Juno“-Star eine Konferenz der Human Rights Campaign in Las Vegas, eine der größten Organisationen in den Vereinigten Staaten, die sich für die Rechte von Homosexuellen, Bisexuellen und Transsexuellen einsetzt. Aufgrund ihrer Popularität sorgte Pages Statement für viel Furore. In den USA wird einem Coming Out nach wie vor wesentlich mehr skeptische Bedeutung beigemessen als hierzulande, wo Homophobie nach und nach zu einer zugegebenermaßen äußerst unangenehmen Randerscheinung mutiert. Es wirkt fast wie ein Befreiungsschlag für die smarte Shadowcat-Mimin, die im nächsten Teil der „X-Men“-Saga leider nicht mehr in der Rolle jener Mutantin zu sehen sein wird, dass sie in Peter Solletts auf wahren Ereignissen beruhendem Drama „Freeheld: Jede liebe ist gleich“ nun tatsächlich eine offen Homosexuelle spielen darf. An der Seite von Julianne Moore („Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“) muss sie nicht nur den bevorstehenden Krebstod ihrer Partnerin verarbeiten, sondern sich obendrein auch noch mit den zweifelhaften Moralvorstellungen US-amerikanischer Behörden auseinandersetzen, die sich quer stellen, als die Patientin ihrer großen Liebe die Pensionsansprüche übertragen will.

Freeheld: Jede Liebe ist gleich

Es ist interessant zu sehen, wie ambivalent das Skript von Ron Nyswaner („Philadelphia“) aufgebaut ist. Vollkommen ohne jedes Vorwissen katapultiert „Freeheld“ den Zuschauer in eine Situation, die für die Figuren einem Spießroutenlauf gleichkommt, geformt von der verhärmten Gesinnung ihres Umfeldes, welches das Bekenntnis zur gelebten Homosexualität nicht so nimmt, wie es sein sollte: selbstverständlich. Laurel Hester ist eine Polizistin und arbeitet damit in einer Branche, in der nicht bloß gleichgeschlechtliche Liebe verpönt ist, sondern die obendrein auch von Männern dominiert wird. So bilden sich von Beginn an zwei Konfliktherde heraus, die Feuer fangen, als die von Ellen Page mal schüchtern, mal überraschend tough aber immer ein wenig orientierungslos gespielte Stacie in das Leben der deutlich älteren Laurel tritt. Die Erzählung, wie aus den beiden Frauen ein funktionierendes Paar wird, das sich mit der Zeit zu seiner Liebe bekennt, böte genug Potenzial für einen emotional packenden Film, doch das durch und durch authentische Drehbuch geht einen Schritt weiter und wirft die stringente Erzählung nach etwa einem Drittel über den Haufen. Erst jetzt, mit der Krebserkrankung von Laurel und ihrem bevorstehenden Tod, beginnt die eigentliche Handlung, die beweist: Vorurteile und Ablehnung gegenüber Schwulen und Lesben brodeln gerade in den USA nicht nur innerhalb des vermeintlich einfach nur strikt konservativen Subproletariats, sondern ziehen ihre Bahnen bis in höchste, politische Kreise.

Mit dieser Verschiebung des Erzählfokus erhöht Regisseur Peter Sollett („Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“) gleichzeitig den sich selbst auferlegten Schwierigkeitsgrad. Sein vorab noch recht bodenständiges Statement für Akzeptanz und Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren wird im wahrsten Sinne des Wortes zu einem Politikum, das bisweilen seine inszenatorische Bodenhaftung verliert. „Freeheld“ bleibt kurzweilig und in seiner Message zielstrebig, doch die beim Zuschauer (hoffentlich) stattfindende Bestätigung darin, all das auf der Leinwand Gezeigte selbstverständlich zu finden, weicht nach und nach dem Amüsement über eine allzu inszenierte Groteske. Der Film bleibt zwar stets emotional und liebevoll, doch gerade mit dem Einbezug von Figuren wie der des exzentrischen Aktivisten Steve Goldstein erhält „Freeheld“ einen karikaturesken Beigeschmack. Dem gegenüber stehen Szenen formvollendeter Sanftheit und minimalistischer Schönheit, in welchen Kamerafrau Maryse Alberti („Creed – Rocky’s Legacy“) die stumme Interaktion der beiden Protagonistinnen für sich sprechen lässt.

Steve Carrell

Es ist schon eine schwierige Gratwanderung, die insbesondere von den Darstellern hervorragend gemeistert wird. Steve Carells Performance bewahrt Goldstein vor der Albernheit, während Moore und Page „Freeheld“ davor retten können, ins Rührselige abzudriften. Auch die Figur von Michael Shannon („Midnight Special“) als emotional wankelmütiger Arbeitskollege von Laurel tut dem Film gut; seine kühne Beobachtungsgabe der Szenerie verhilft ihm zu einer Stabilität, die vielleicht nicht ganz den Alltag innerhalb einer solchen Situation widerspiegelt, das Drama (das mitunter auch sehr komische Züge besitzt) aber stimmig um eine Figur ergänzt, die sich von jedweden Extremen fernhält. Peter Sollett geht es in erster Linie um seine Charaktere. Er nimmt die Probleme beider Positionen ernst und begibt sich sogar an die Seite der Richter, um die Argumentation jener zu beleuchten. Dass sein Film trotzdem einem klaren Ziel gegen Diskriminierung folgt, versteht sich von selbst. Umso bedauernswerter ist es da, dass der Regisseur so viel auf einmal zu wollen scheint, dass sein Film gen Ende schier überquillt. Von der Diagnose über den Rechtsstreit bis hin zur Inszenierung des Abschiedes, dem Versuch, eine Kampagne aufzubauen und die Presse zu mobilisieren tangiert „Freeheld“ in seinen rund 100 Minuten viele wichtige Stationen einer solchen Geschichte, schafft es aber schon der Lauflänge wegen nicht, alle ausreichend zu beleuchten. Die vielen gelungenen Szenen berühren entsprechend aufgrund ihrer emotionalen Intensität, durch den ganzen Film ziehen kann sich diese allerdings nicht.

Fazit: „Freeheld: Jede Liebe ist gleich“ brilliert mit großartigen Darstellern und einer wichtigen Message, doch das Drehbuch erweist sich als derart voll, dass auch die ausgewogene Balance zwischen Komik und Tragik nicht dafür sorgen kann, dass am Ende der Eindruck entsteht, dass hier jede Station dieses traurigen Schicksals angemessen gewürdigt wurde.

„Freeheld: Jede Liebe ist gleich“ ist ab dem 7. April in den deutschen Kinos zu sehen.  

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