Film Stars Don’t Die in Liverpool

In seinem biographischen Drama FILM STARS DON’T DIE IN LIVERPOOL erzählt Paul McGuigan die spätere Lebensgeschichte der einstigen Hollywooddiva Gloria Grahame, die Annette Bening in einer der besten Performances ihrer Karriere verkörpert. Welche Vorzüge der Film noch hat, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Der träumerische Nachwuchsschauspieler Peter Turner (Jamie Bell) lernt im Jahr 1978 in Liverpool durch Zufall die exzentrische Diva und spätere Oscar-Preisträgerin Gloria Grahame (Annette Bening) kennen. Was als aufregende Affäre zwischen einer legendären Femme Fatale und ihrem jungen Liebhaber beginnt, entwickelt sich schon bald zu einer ernsthafteren Beziehung, in welcher Turner mehr und mehr zu einem engen Vertrauten für Gloria wird. Als jedoch Dinge passieren, die sich ihrer Kontrolle entziehen, werden ihre Leidenschaft und ihre Lust am Leben auf eine harte Probe gestellt.

Kritik

Die Anfang der Zwanzigerjahre in Los Angeles geborene Schauspielerin Gloria Grahame ist trotz ihrer beispielhaften Karriere (inklusive Oscar-Auszeichnung) heute fast schon in Vergessenheit geraten. Zu Lebzeiten spielte sie in über 60 Filmen mit, den Academy Award gewann sie 1953 als Beste Nebendarstellerin Vincent Minnellis „Stadt der Illusionen“ und ging damit in die Hollywoodgeschichte ein. Auch am Broadway macht sich Grahame einen Namen, doch zum Ende ihrer Karriere machte sie vor allem aufgrund privater Turbulenzen Schlagzeilen. Vier gescheiterte Ehen, die Beziehung zu einem wesentlich jüngeren Kollegen und eine Krebserkrankung – der sie schlussendlich auch erlag – machten sie zum beliebten Objekt journalistischer Arbeit, während über ihre Erfolge kaum noch Jemand sprach. Da ist es irgendwie konsequent, dass sich auch Paul McGuigans biographisches Drama „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ vorwiegend mit ihren persönlichen Eskapaden und weniger mit ihrer Arbeit als Schauspielerin auseinandersetzt. Dabei ist der Film jedoch nie so reißerisch, wie es jetzt auf den ersten Blick anmuten mag. McGuigan („Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“) erzählt sehr behutsam von Grahames Leben zwischen Hollywoodglamour und Krankheit, Glanz und Gloria, Liebe und Leiden – und dabei spielt es gar nicht zwingend eine Rolle, dass die Frau früher einmal weltberühmt war.

Gloria Grahame (Annette Bening) und ihr Freund Peter (Jamie Bell) genießen ihre junge Liebe.

Im Vorspann sehen wir in extremer Nahaufnahme, wie sich Annette Bening („Jahrhundertfrauen“) in ihrer Rolle der Gloria Grahame im Backstage-Bereich eines großen Theaterhauses für ihren nächsten Auftritt vorbereitet. Wir sehen alte, zittrige Hände, die das elegante Rot eines Lippenstifts auf trockene, spröde Lippen auftragen, die faltige Haut von Grahames Gesicht, das unter einer zentimeterdicken Make-Up-Schicht verschwindet, und wir sehen eine elegante Garderobe, in die sich die sich die Frau zwängt, bevor sie im nächsten Moment kraftlos zu Boden geht; eben noch ein Glas mit Alkohol in der Hand. Es ist der erste Moment von vielen weiteren in „Film Stars Don’t Die in Liverpool“, in denen der unendliche Rausch des Showbusiness auf die Endlich- und Zerbrechlichkeit des menschlichen Lebens aufeinanderprallen und man sich die Frage stellt, weshalb Gloria Grahame bis zum Schluss daran festhielt, in Teil von ihr zu sein, obwohl sie sich schon längst nicht mehr auf eigenen Beinen halten konnte. Annette Bening gelingt die Beantwortung dieser Frage spielerisch, indem sie die innere Zerrissenheit ihrer Figur subtil nach außen kehrt. Bening, die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten exakt so alt war, wie Gloria Grahame zum Zeitpunkt ihres Todes, kombiniert in ihrer Performance die Zerbrechlichkeit der alternden Hollywooddiva mit dem stoischen Leugnen ihres Gesundheitszustandes, den Grahame immer dann vergessen konnte, wenn sie auf der Bühne bejubelt wurde. Es ist ein tragisches Schicksal, von dem McGuigan in seinem Film erzählt und gleichzeitig auch ein Film darüber, was die Leidenschaft für eine bestimmte Sache für Kräfte freisetzen können.

Diese Passion galt allerdings nicht bloß dem Leben auf der Bühne und vor Filmkameras, sondern auch Grahames Männern. Während sie insgesamt viermal verheiratet war, widmet sich das auf den Memoiren von Peter Turner basierende Skript von Matt Greenhalgh („Nowhere Boy“) vor allem der gemeinsamen Zeit von Grahame und Peter, die sich zufällig als Nachbarn in einem Wohnhaus in Liverpool kennenlernten. Das Gefühl, hier keiner x-beliebigen Liebschaft beizuwohnen, entsteht in „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ jedoch nicht aus dem oberflächlichen Fakt, dass zwischen den beiden ein Altersunterschied von knapp dreißig Jahren liegt, sondern durch die Selbstverständlichkeit, mit der das Paar damit umgeht. Nur vereinzelt hadert vor allem Grahame mit dieser Tatsache, was sich im weiteren Verlauf der Geschichte jedoch nicht als falscher Stolz, sondern als Symptom des Krankheitsschicksals erweist, das Gloria mit sich herum trägt und sogar vor ihrem Freund verheimlicht. Genau diesen Aspekt nutzt Paul McGuigan für einen interessanten erzählerischen Kniff: Erzählt er einen Teil der Geschichte zunächst ausschließlich aus der Sicht von Peter und lässt damit nicht nur einige elementare Fragen zur Beziehung offen, sondern auch Gloria nach und nach in einem unrühmlichen Licht erscheinen, wechselt er schließlich die Perspektive und begibt sich an die Seite von Gloria. Das sorgt nicht bloß dafür, dass sich der Zuschauer zu gleichen Teilen mit beiden Figuren identifizieren kann, es verhilft dem Film außerdem zu einer schönen Dynamik – und wer mit der Vita der Schauspielerin nicht ganz so vertraut ist, dürfte sogar eine twistähnliche Überraschung erleben.

Peter ermöglicht seiner großen Liebe das Erleben eines letzten Wunsches.

Daraus, dass „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ auf einer bittersüßen Note enden wird, macht Paul McGuigan von Anfang an keinen Hehl – sogar der Filmtitel ist, wenn man es ganz genau nimmt, ein Spoiler. Umspannt wird seine aus Rückblenden bestehende Geschichte über das Kennenlernen und die große Liebe der beiden Hauptfiguren nämlich von der Gegenwart im Jahr 1981, in der die einstige Femme Fatale, mittlerweile sterbenskrank, im Wohnhaus ihres ehemaligen Liebhabers liegt. Wie es Kamerafrau Urszula Pontikos („Stories Without Endings“) und Editor Nick Emerson („I Am Not a Serial Killer“) gelingt, die verschiedenen Settings zusammenzufügen und den von Jamie Bell („Fantastic Four“) aufopferungsvoll gespielten Peter Turner (der in „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ übrigens selbst eine kleine Rolle spielt) buchstäblich vom Jetzt ins Gestern laufen zu lassen, gehört mit zu den visuellen Vorzügen, von denen der Film so einige zu bieten hat. Mit seiner detailverliebten Ausstattung mutet das biographische Drama tatsächlich wie ein Film an, der direkt in den späten Siebzigerjahren entstanden sein könnte. Auch musikalisch findet J. Ralph („Lucky Number Slevin“) – im wahrsten Sinne des Wortes – den richtigen Ton. So mag es „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ in letzter Instanz vielleicht ein wenig an Höhepunkten fehlen. Doch nicht nur die beiden Hauptdarsteller machen den Film sehenswert, sondern auch die Tatsache, dass hier am Ende jedes noch so kleine Detail seinen richtigen Platz findet.

Fazit: „Film Stars Don’t Die in Liverpool“ ist eine melancholische Liebesgeschichte über eine außergewöhnliche Beziehung, die sich nicht über den Altersunterschied von knapp dreißig Jahren definiert, sondern für die tiefe Verbindung der beiden Hauptfiguren, die Annette Bening und Jamie Bell mit viel Hingabe und Feingefühl verkörpern.

„Film Stars Don’t Die in Liverpool“ ist ab dem 5. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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