The Purge: Election Year

Es wird wieder gesäubert! Nach „The Purge – Die Säuberung“ und „The Purge: Anarchy“ kann Regisseur James DeMonaco mit THE PURGE: ELECTION YEAR den qualitativen Aufwärtstrend ein weiteres Mal unterstreichen. Sein neuester Film treibt die Perversität des Säuberungsgedanken auf die Spitze. Mehr dazu in meiner Kritik.THE_PURGE_ELECTION_YEAR_Hauptplakat_4C

Der Plot

Zwei Jahre sind vergangen, seitdem Leo Barnes (Frank Grillo) sich während der Purge-Nacht im letzten Moment dagegen entschied, an dem Mann Rache zu üben, der Schuld am Tod seiner Tochter hatte. Es ist Wahljahr und mittlerweile arbeitet er als Sicherheitschef der Senatorin Charlie Roan (Elizabeth Mitchell). Mitten in ihrer Präsidentschaftskampagne steht die alljährliche „Purge-Nacht bevor. Jene Nacht, in der für 12 Stunden alle Verbrechen bis hin zu Mord legal sind. Raons politische Gegner wollen die Chance, ihre Konkurrentin auszumerzen, natürlich nicht ungenutzt lassen wollen. Nach einem hinterhältigen Verrat ist die bedingungslose Jagd auf die Senatorin eröffnet und Leo hat alle Hände voll zu tun, die Senatorin aus der Schusslinie zu bringen und die Nacht zu überleben.

Kritik

James DeMonacos dritter Teil der erfolgreichen „Purge“-Saga ist sowas wie der Donald Trump unter den Kinofilmen 2016. Entweder, man ergötzt sich an ihrer bis zum Exzess satirischen Perfidität, oder man wendet sich entsetzt ab. Im Falle der fiktiven Säuberungsereignisse, die in diesem Jahr in ihre bislang beste Runde gehen, empfehlen wir ersteres. Was wir von Donald Trump halten, brauchen wir an dieser Stelle nicht näher auszuführen. Überhaupt passt ein Film wie „The Purge: Election Year“ ganz vortrefflich in diese Zeit. Ein Jahr, in dem sich ein vollkommen geistesgestörter Fremden-, Frauen-, Schwulen- und auch sonst Alleshasser unter dem Jubel seiner Anhänger in einen, natürlich auch noch von der Waffenlobby unterstützen Wahlkampf stürzt, muss man sich auf der fiktiven Ebene schon verdammt viel Mühe geben, um eine solche Idiotie irgendwie zu toppen. Tatsächlich wirkt die Idee der Purge in „Election Year“ noch ausgereifter und fieser als in den ersten beiden Teilen. Nicht bloß, weil das Leinwandgeschehen so realistisch wirkt, wie noch nie; vielmehr traut sich DeMonaco endlich, das Potenzial der Prämisse voll auszuschöpfen. Sein Film ist brutal, pervers und bisweilen regelrecht abscheulich. Doch umso stärker wirkt er nach, als man mit dem Einsetzen des Abspannes realisiert, dass es weniger die kreativen Tötungsmaschinen (Stichwort: Guillotine) sind, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, sondern der Mensch an sich. Denn der ist ja bekanntlich das gefährlichste Tier dieser Erde.

The Purge: Election Year

Die Idee von der US-amerikanischen Purge-Nacht, in der für 12 Stunden sämtliche Gesetze außer Kraft treten, existiert bereits seit 2013. Damals holte James DeMonaco in „The Purge – Die Säuberung“ nicht alles aus diesem Thema heraus, indem er die Grundidee der Säuberungsnacht einzig und allein dafür nutzte, um einen zwar konsequenten, aber doch handelsüblichen Belagerungsthriller zu kreieren. Über einen standardisierten Home-Invasion-Schocker kam der immerhin mit Ethan Hawke besetzte Film also nicht hinaus. Der Nachfolger „The Purge: Anarchy“ machte es da schon besser und begab sich mitten hinein auf die von Gewalt gesäumten Straßen. Doch spätestens mit der erneuten Konzentration auf ein Einzelschicksal ließ auch dieser Blick auf die Säuberungsnacht ordentlich Federn; die vielfältigen Möglichkeiten, die Purge zu begehen, konnte James DeMonaco daher auch diesmal nicht ausspielen. In „Election Year“ wird nicht bloß die vorab nur marginal angerissene Politik in die Handlung miteinbezogen, indem man passend zum aktuellen Weltgeschehen den Wahlkampf zwischen den New Founding Fathers und der kandidierenden Senatorin in den Fokus rückt. Auch das Ausmaß der Purge wird vergrößert, indem man sich nicht mehr nur einem Schicksal widmet, sondern direkt eine ganze Handvoll Figuren zu Protagonisten macht. Gleichzeitig geht DeMonaco noch einen Schritt weiter und erzählt mitunter gar aus der Sicht der Bösewichte. Es ergibt sich ein komplexes Gesamtbild, das die Purge in all ihren Facetten einfangen kann; und genau für so etwas ist die Grundidee der Säuberung wie geschaffen.

In den ersten beiden Filmen klang der Sinn und Zweck hinter der Purge nur vorsichtig durch. In „Election Year“ wird nun erstmals deutlich ausformuliert, was sich die New Founding Fathers einst mit ihrer Idee vom zwölf Stunden andauernden rechtsfreien Raum erhoffen. Die Gesellschaft soll von den Kranken und Schwachen bereinigt werden; gewisse Gleichnisse zum Thema Euthanasie kommen nicht von ungefähr. Um sich eine Nacht lang überlegen zu fühlen, findet mittlerweile ein regelrechter Purge-Tourismus statt. Von überall her kommen Menschen in die USA, um sich den Frust von der Seele zu ballern. Auch hier ist der Bezug zur Realität nur auf den ersten Blick weit entfernt. Man denke nur an die Leute, die für Geld nach Afrika reisen, um vollkommen sinnentleert und frei von jedweder Moral Löwen und Elefanten zu erschießen. Natürlich liegen zwischen dem Hier und Jetzt und dem kranken Filmuniversum des „Purge“-Franchises immer noch Welten, doch anders als in Teil eins und zwei hat sich die Anzahl derer mittlerweile rapide reduziert. Umso exotischer wirkt da die Figur der von Elizabeth Mitchell („Once Upon a Time“) voller Enthusiasmus verkörperten Senatorin Charlie Roan, die als eine der Wenigen in diesem, von brutalen Wertevorstellungen durchzogenen Moloch noch irgendwie an das Gute im Menschen zu glauben scheint. Ihr politisches Engagement ist zugleich mitreißend wie mitleiderregend, denn die Purge-besessene Bevölkerung scheint Charlies Forderung eines Säuberungsverbotes nur wenig zu interessieren. So schart die Politikerin eine kleine Gruppe aus Menschen um sich, die sich alle eine Zeit ohne Purge herbeisehnen, sich gleichsam aber auch eingestehen müssen, dass die Säuberung auch sie zu ausufernder Gewalt zwingt. So verschwimmen in „Election Year“ die Grenzen zwischen Gut und Böse so unterschwellig, dass das wiederum unterstreicht, wie schwer sich ein Status Quo entgegen der menschlichen Bequemlichkeit tatsächlich aufbrechen lässt.

Elizabeth Mitchell

Abseits von Charlie Roan gibt es nur wenige Figuren, die einen Hintergrund spendiert bekommen, der über den Status als Plot-Triebfeder hinaus geht. Der Zuschauer erfährt genau so viel, damit er die Leinwandgeschehnisse später genau einordnen kann. Wenn ein Verkäufer von seiner Liebe zu seinem selbst aufgebauten Laden spricht, dann nutzt James DeMonaco ein solches Szenario nur, um die dramatische Fallhöhe künstlich zu vergrößern, wenn ausgerechnet dieser Händler später von einigen Irren überfallen werden soll. Charakterkino ist „The Purge: Election Year“ also nicht. Auch auf Überraschungen sollte man nicht setzen. Dafür sind die Macher hervorragend aufgelegt, wenn es darum geht, dem Bösen vielfältige Gesichter zu geben. DeMonaco und sein Stamm-Kameramann Jacques Jouffret machen aus dieser Purge-Nacht ein abartig brillant aussehendes Genre-Vergnügen, das brutal genug ist, um sich angesichts der FSK-Freigabe ab 16 über diese Großzügigkeit zu wundern. Es wird blutig, gewalttätig und provokant; auch wenn einige der Antagonisten auch aus einer Comicvorlage stammen könnten, gelingt es DeMonaco, den weitestgehend realistischen Rahmen immer noch beizubehalten. Dass der Regisseur ausgerechnet im Finale einige fast schon zu brave Entscheidungen trifft, passt nicht zu dem ansonsten so geradlinigen Inszenierung, die keine Gefangenen macht.

Fazit: So pervers hatten wir uns das Franchise von Anfang an gewünscht: „The Purge: Election Year“ vereint die, mit jedem steigenden Umfrageprozent von Donald Trump realistischer wirkende Prämisse um die Säuberung mit spektakulären Bildern und absolut wahnwitzigen Charakteren, sodass am Ende nur ein Schlusszug übrig bleibt: Die Menschlichkeit ist am Ende.

„The Purge: Election Year“ ist ab dem 15. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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