Wild

Nicolette Krebitz‘ WILD ist mehr als irgendein x-beliebiger Ausflug ins deutsche Genrekino. Die Geschichte einer Frau, die den unbedingten Willen aufbringt, einen Wolf zu besitzen, ist eine außergewöhnliche, cineastische Vision, die sich in kein Schema pressen lässt. Mehr dazu in meiner Kritik.Wild

Der Plot

Auf dem Weg zur Arbeit hat Ania (Lilith Stangenberg) eine seltsame Begegnung: Mitten im Park steht sie einem Wolf gegenüber. Beide sehen sich direkt in die Augen – und es kommt Ania so vor, als wäre ihr ganzes bisheriges Leben ein Witz gewesen. Der Moment lässt sie nicht mehr los, genau wie der Gedanke den Wolf wieder zu finden und nie mehr gehen zu lassen. Ania wird zur Jägerin, legt Fährten und schafft es, das wilde Tier zu fangen. Sie sperrt es in ihrer Hochhauswohnung ein – und sprengt sämtliche Fesseln ihres bisherigen bürgerlichen Lebens. Erstaunlicherweise finden die Menschen um sie herum daran Gefallen, besonders ihr Chef Boris (Georg Friedrich), der ihre Nähe sucht wie nie zuvor. Fast scheint es, als teilten sie alle eine ähnliche, geheime wilde Sehnsucht.

Kritik

Der Wolf hat in den vergangenen Monaten vielfach die deutschen Schlagzahlen beherrscht. Das liegt in erster Linie daran, dass die wilden Tiere hierzulande wieder häufiger in der Wildnis anzutreffen sind. Den Naturschutz freut das. Schließlich galt der Wolf auf nationalem Gebiet lange als fast ausgerottet. Anwohner, Jäger und Schäfer sehen in den stolzen Tieren allerdings eine Gefahr für Leib und Leben. Ob man sich nun zu den Befürwortern oder Gegnern der seltenen Spezies zählt, in einer Sache sind sich die Meisten einig: Der Faszination des Wolfs kann man sich auch dann nur schwer entziehen, wenn man in den Tieren doch eigentlich eine Bedrohung sieht. Regisseurin Nicolette Krebitz („Das Herz ist ein dunkler Wald“) treibt dieses Spiel aus Furcht und Anziehung in ihrem experimentellen Genremix aus Drama und schwarzer Komödie auf die Spitze und kreiert ein Szenario, das man so nicht bloß im deutschen Kino noch nie zuvor gesehen hat, sondern das sich einen Stempel aufdrücken lassen darf, auf dem dick und fett „einzigartig“ steht. Das führt sicher dazu, dass nicht einmal ein Bruchteil der Zuschauer Gefallen an diesem kantigen Geniestreich finden wird, doch selbst wer mit der Geschichte und Inszenierung selbst wenig anzufangen weiß, der wird doch schlussendlich anerkennen müssen, dass „Wild“ ein durch und durch respekteinflößendes Projekt geworden ist.

Wild

Eine Frage drängt sich bei der Betrachtung von „Wild“ unweigerlich auf: Hat die auch als Schauspielerin tätige Filmemacherin Nicolette Krebitz ihre Protagonistin Ania, gespielt von einer emotional kaum zu bändigenden Lilith Stangenberg („Die Lügen der Sieger“), tatsächlich mit einem echten Wolf agieren lassen? Immerhin wäre es in Zeiten von CGI-Effekten und Motion-Capture-Technologie ein Leichtes, den Vierbeiner am Computer entstehen zu lassen. Doch anders als Ang Lee („Life of Pi“) hatte Krebitz nicht das Budget, das es gebraucht hätte, um den Wolf so echt erscheinen zu lassen, dass die nicht vorhandene, physische Präsenz aufgefallen wäre. Darüber hinaus entfaltet sich Echtes nur aus Echtem – ja, der Wolf ist echt. Und allein aus diesem Wissen heraus entwickelt sich aus der Prämisse von „Wild“ heraus eine brodelnde Atmosphäre, bei der sich aus jedem Schritt des Tieres und jeder Geste Stangenbergs ein elektrisierendes Wechselspiel unvorhersehbarer Reaktionen ergeben. Weshalb Hauptfigur Ania – im wahrsten Sinne des Wortes (!) – von einer Sekunde auf die andere ihre Leidenschaft für den Wolf entdeckt, erschließt sich inhaltlich nicht unbedingt. Auch die Momente zwischen Ania und ihrem Boss Boris wirken erzählerisch oft hemmend. Doch wichtig ist in „Wild“ gar nicht zwingend ein enger Handlungsrahmen, sondern das Geschehen selbst.

Mit der Besinnung auf ein größtmögliches Wahren realistischer und logisch nachvollziehbarer Umstände ist es ein faszinierendes Unterfangen, Ania bei der Entdeckung ihrer neuen Passion zuzusehen. Mit welcher Hingabe ihre Figur versucht, den Wolf zu fangen und nach dem Gelingen schließlich beginnt, behutsam eine Verbindung zu dem Tier aufzubauen, entbehrt nicht selten gewisser komischer Elemente (Stichwort: Frühstück). Doch es ist die Selbstverständlichkeit, ein sichtbarer Mut zur Hässlichkeit und eine Aufopferungsbereitschaft für die ihr sehr viel abverlangende Rolle, mit der Lilith Stangenberg hier brilliert. Es ist in erster Linie ihr zu verdanken, dass „Wild“ trotz teils grotesker Szenen und Storywendungen nie in eine Komik abdriftet, die es dem Zuschauer erlaubt, sich über das Geschehen lustig zu machen. Wenn Ania etwa ein Kaninchen mit dem Wolf allein in der Wohnung lässt und dem possierlichen Tierchen viel Glück wünscht, dann sind derartige Szenen so in die Handlung integriert, dass einem das Lachen in dem Moment im Halse stecken bleibt, wenn er wenig später den Anblick des ausgeweideten Körpers ertragen muss. So erweist sich „Wild“ obendrein als makaberes Spiel mit der Erwartungshaltung des Zuschauers, die Krebitz mit ihrem Drehbuch immer wieder zu unterwandern weiß – besser ließe sich eine Geschichte über Freiheit und den Ausbruch aus den selbstauferlegten Zwängen der Konventionen nicht inszenieren.

Wild

Ein derartiges Loslösen von klassischen Erzählmustern bedeutet für den Gelegenheitskinogänger aber auch, dass das Gezeigte auf ihn nicht selten befremdlich wirken kann. Zu erwähnen, dass „Wild“ kein Film für den Mainstream ist, würde Nicolette Krebitz‘ Regiearbeit glatt unter Wert verkaufen, denn „Wild“ ist kein klassischer Programmkino-Arthouse-Film, sondern ein sämtliche Sinne ansprechendes Erlebnis. Um das zu erreichen, schrecken die Macher auch vor Szenen nicht zurück, die andere Regisseure lediglich um der Provokation willen in die Story integriert hätten. In „Wild“ lassen Krebitz und Stangenberg Traumsequenzen auf den Zuschauer los, in welchen sich Ania (im Off angedeutet) oral vom Wolf befriedigen lässt, als die Protagonistin des Nachts feststellt, gerade ihre Periode bekommen zu haben. Es sind solche, fast surreal anmutenden Szenen, ohne die „Wild“ in seiner Unberechenbarkeit und emotionaler Stärke nicht funktionieren würde, da der Effekt des Grenzen Sprengens sonst nicht so stark gegeben wäre. Ob solche Szenen den Zuschauer vor den Kopf stoßen? Möglich! Doch wer sich traut, hinter die Fassade zu blicken, dem serviert Nicolette Krebitz mit „Wild“ ein fesselndes Kinoerlebnis voller Widersprüche, das technische Aspekte, Story und Darsteller einer Vision zugute weit in den Hintergrund rückt.

Fazit: Nicolette Krebitz‘ bisweilen verstörendes Filmprojekt „Wild“ provoziert wirklich und tut nicht nur so. Ein wahrhaftiges, respekteinflößendes Kinoerlebnis formvollendeter Kraft und Schönheit, das die (deutsche) Kinolandschaft so sehr bereichert wie schon lange kein Film zuvor.

„Wild“ ist ab dem 14. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.  

3 Kommentare

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