The Book of Henry

Kürzlich wurde Regisseur Colin Trevorrow von der Inszenierung des nächsten „Star Wars“-Films abgezogen. Gut möglich, dass das etwas mit seinem aktuellen Projekt THE BOOK OF HENRY zu tun hat, in dem eine Geschichte erzählt wird, die man kaum glauben kann, wenn man sie nicht selbst gesehen hat. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Die Dinge sind nicht immer so, wie sie zu sein scheinen – vor allem nicht in dem kleinen Vorort, in dem die Familie Carpenter lebt. Susan (Naomi Watts) arbeitet als Kellnerin in einem Diner, um als alleinerziehende Mutter ihre beiden Söhne versorgen zu können – den achtjährigen Peter (Jacob Tremblay), der die meiste Zeit mit seinen Spielsachen verbringt und den drei Jahre älteren, hochbegabten Henry (Jaeden Lieberher). Henry hält das Gefüge zusammen und schafft es, auf seine eigene ganz besondere Art und Weise, für alles und jeden im Haushalt zu sorgen. Als Beschützer seines liebenswürdigen kleinen Bruders und unermüdlicher Unterstützer seiner oftmals überforderten Mutter, bewältigt er den Alltag seiner Familie quasi im Alleingang. Vermeintlich friedlich wirkt das Haus nebenan – hier lebt Henrys Schulkameradin Christina (Maddie Ziegler), zusammen mit ihrem Stiefvater Glenn (Dean Norris).  Als Henry Näheres über die Geschehnisse im Nachbarhaus erfährt, erstellt er einen ausgetüftelten Rettungsplan.

Kritik

„Das Wichtigste an einer Geschichte ist ihre Moral!“ – das sagt nach 105 Minuten von Colin Trevorrows Thrillerdrama „The Book of Henry“ der titelgebende Henry aus dem Off, um die Geschehnisse der vergangenen eineinhalb Stunden zusammenzufassen. Das Zynische daran: Einen Großteil dieser Zeit verfolgen der Regisseur von „Jurassic World“ und sein Drehbuchautor Gregg Hurwitz („V – Die Besucher“) eine äußerst befremdliche – und dass der Film im Finale zumindest auf dem Papier noch die Kurve bekommt, ist lediglich Glück, da die Verantwortlichen offenbar der Meinung waren, ein weiterer Twist könne dem Geschehen noch mehr Überraschungseffekt beimengen. Dass „The Book of Henry“ die Aussage, dass Selbstjustiz völlig in Ordnung wäre, damit nicht bis zum bitteren Ende verfolgt, ist daher nicht mehr als ein Zufall, den Trevorrow gern mitnimmt. Mit seinem Film befindet sich der kürzlich von „Star Wars: Episode IX“ abkommandierte Regisseur in diesem Jahr in guter Gesellschaft, denn nach „Passengers“, der die Zerstörung eines Lebens verharmloste, „Den Sternen so nah“, der Minderjährigen jegliche Rechte absprach und „Verborgene Schönheit“, der unbedacht veranschaulichte, wie man mit Suizidgefährdeten eben nicht umgehen sollte, ist „The Book of Henry“ nun ein weiterer Eintrag in die inoffizielle Liste jener Produktionen, die man sich 2017 nicht anschauen sollte, wenn man sich von in Filmen getätigten Aussagen leicht beeinflussen lässt. Daher kommt von uns an dieser Stelle erst einmal ein in seiner Plattheit perfekt zum Film passender Appell: Es ist natürlich nicht okay, seinen Nachbarn umbringen und das Gesetz somit in die eigene Hand nehmen zu wollen – selbst wenn dieser etwas ganz Fürchterliches getan hat.

Jaeden Lieberherr ist in der Rolle des hochbegabten Henry ein echter Glücksgriff.

Eigentlich fängt alles ziemlich idyllisch an: Schon während des kreativ gezeichneten Vorspannes, der die Umgebung von Henry und seiner Familie detailgetreu illustriert, werden Erinnerungen an Filme wie etwa „Die Karte meiner Träume“ wach, in denen wir an der außergewöhnlichen Weltsicht eines kleinen Jungen teilhaben. In diesem Fall ist das Henry, ein hochbegabter, jedoch nicht neunmalkluger, sondern schlicht und ergreifend absolut liebenswerter Kerl, der mit einer beachtenswerten Selbstverständlichkeit die Finanzen seiner Mutter organisiert und im nächsten Moment eine irrwitzige Bergsteigerszene für seinen traurigen Bruder Peter nachstellt, um ihn bloß schnell wieder zum Lachen zu bringen. Henry besitzt von Anfang an die größte charakterliche Bandbreite und zieht einen zunächst aufgrund seiner Intelligenz, wenig später aber erst recht durch sein großes Herz in seinen Bann. Und die Faszination für sein immenses Gedächtnis spiegelt sich direkt in seinem Umfeld wieder. Während es für Mutter und Bruder längst normal geworden ist, dass Henry die wichtigsten Dinge im Leben seiner Familie managet, zeigen sich alle anderen immer wieder beeindruckt von der Gedächtnisleistung des Jungen. Jaeden Lieberherr („St. Vincent“) funktioniert in der Rolle gut, denn es gelingt ihm hervorragend, die eigentliche Zurückhaltung eines Elfjährigen mit seinem immensen Wissen zu kombinieren, dass ihm gleichsam zu übermäßiger Reife verhilft. Da ist es kaum zu glauben, dass sich das Drehbuch schon sehr bald überhaupt nicht mehr auf diese große Stärke verlässt und sich stattdessen in Genre-Territorien vorwagt, die man kaum glauben kann, wenn man es nicht selbst gesehen hat.

Wir wollen den ersten großen Twist in „The Book of Henry“ natürlich nicht verraten, denn ohne das Wissen, in welche B-Movie-Gefilde sich die Geschichte später noch verrennen wird, sind die dramatischen Entwicklungen, die der Film im ersten Drittel durchmacht, durchaus ergreifend. Trevorrow war zwar noch nie ein Freund subtiler Inszenierung und bemüht musikalisch wie visuell das Standardrepertoire eines jeden seichten Dramas, indem er bei tragischen Momenten voll auf tragende Streicher (Komponist: Michael Giacchino) und reißerische Lichtspiele setzt, doch aufgrund der liebenswürdigen Einführung der Figuren lässt sich hier gerade noch ein Auge zudrücken. Viel skurriler gestaltet sich all das, was nach diesem großen Bruch passiert, wenn nicht mehr der kleine Henry im Mittelpunkt steht und der schon vorab sträflich vernachlässigte Peter nun vollends an den Rand der Geschichte gedrängt wird. Von nun an ist es nämlich die um jeden Preis gegen die hanebüchene Skriptgrundlage anspielende Naomi Watts („Shut In“), die sich durch einen drittklassigen Rache-Reißer kämpfen muss, in dem sich ein irritierendes Logikloch an das nächste reiht. Watts selbst ist dafür kaum ein Vorwurf zu machen. Sie ist sichtlich darum bemüht, das konstruierte Geschehen emotional zusammenzuhalten, auch wenn ihr Verhalten schon nach wenigen Minuten keinerlei menschlicher Logik mehr folgt.

Auch Naomi Watts kann „The Book of Henry“ nicht vor der Totalblamage bewahren.

Die Grundlage für diese sehr irritierenden Storyentwicklungen ist eigentlich ziemlich erschütternd: Der kleine Henry zieht durch genaue Beobachtungen die Schlüsse, dass seine (in ihrer Figur leider durchgehend passiv bleibende) Nachbarin Christina von ihrem einschüchternden Stiefvater Glenn (Dean Norris gibt den zwielichtigen Kerl von nebenan solide) missbraucht wird und schmiedet ernüchtert einen Racheplan, da sich die ortsansässige Jugendbehörde partout nicht um den Fall kümmern will. Das ist nicht bloß ein äußerst ernstes Thema, es findet im Unterhaltungsfilm auch nur selten statt. Doch anstatt sich der Thematik mit Fingerspitzengefühl und Interesse anzunehmen, ist es für Colin Trevorrow lediglich die Grundlage für einen auf Effekthascherei setzenden Rache-Reißer, gegen den selbst ein plakativer Film wie „Gesetz der Rache“ doppelbödig und hintersinnig erscheint. Die Geschehnisse der zweiten Hälfte von „The Book of Henry“ sind so, wie sie hier gezeigt werden, nicht bloß unmöglich und somit ein Schlag ins Gesicht all derer, die wirklich betroffen sind. Wenn die Macher sich schon derart auf dem moralischen Holzpfad befinden, dass sie Selbstjustiz gut heißen, hätten sie in letzter Instanz wenigstens – pardon – die Eier haben und ihr makaberes Spiel mit Menschenleben zu Ende bringen können. Stattdessen endet „The Book of Henry“ nach der wohl fragwürdigsten Parallelmontage, die das Kino in diesem Jahr zu sehen bekam,  als widerliche Kitschoper, während die Macher die Aussage des Films zu allem Überfluss letztlich auch noch ein weiteres Mal ad absurdum führen. Wir hoffen, dass „The Book of Henry“, bei aller Kurzweil und der zweifellos interessanten Themenzusammensetzung, sehr schnell in der Versenkung verschwindet.

Fazit: „The Book of Henry“ beginnt als leichtfüßiges Familienmärchen, nimmt die Abfahrt über das herbe Drama und mündet in einen Rachethriller auf B-Movie-Niveau, der nicht bloß das Thema Kindesmissbrauch viel zu leichtfertig behandelt, sondern noch dazu Selbstjustiz gutheißt und dafür so großartige Darsteller wie Naomi Watts, Jacob Trambley und Jaeden Lieberherr verheizt.

„The Book of Henry“ ist ab dem 21. September in den deutschen Kinos zu sehen.

3 Kommentare

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