Ein Hologramm für den König

Nach großem Bombastkino ist es für Tom Tykwer wieder einmal an der Zeit, sich auf den Wert einer unspektakulären Erzählung zu besinnen. EIN HOLOGRAMM FÜR DEN KÖNIG ist die zweite Zusammenarbeit zwischen Tykwer und Tom Hanks, die gemeinsam eine Tragikomödie vorlegen, die so zurückhaltend und doch mitreißend gerät, dass es schon fast nicht mehr dem heutigen Zeitgeist entspricht. Mehr dazu in meiner Kritik.Ein Hologramm für den König

Der Plot

Alan Clay (Tom Hanks), Alter 54, Opfer der Bankenkrise, hat eine letzte Chance. Er soll innovative Hologramm-Kommunikationstechnologie an den Mann, besser gesagt den König bringen: König Abdullah von Saudi-Arabien lässt in der arabischen Wüste eine strahlende Wirtschaftsmetropole errichten. Doch der König kommt nicht. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten – und auch nicht in den Tagen danach. In diesen Tagen der Unverbindlichkeit und des Wartens wird der junge Fahrer Yousef (Alexander Black) Alans Gefährte. Durch ihn erlebt er die Widersprüchlichkeiten eines Landes zwischen Aufbruch und Stillstand, zwischen Tradition und Moderne. Und er lernt die schöne Ärztin Zahra (Sarita Choudhury) kennen. Anhand dieser Begegnungen und der neuen kulturellen Eindrücke entwickelt sich Alan Clay vom zielstrebigen und erfolgsgetriebenen Salesman zu einer Person, die sich selbst Perspektiven sucht und für sich einen neuen Platz im Leben findet. So gerät für Alan immer mehr zur Nebensache, ob der König nun kommt oder nicht.

Kritik

Die Situation in „Ein Hologramm für den König“ erinnert ein wenig an Lasse Hallströms Tragikomödie „Lachsfischen im Jemen“. Der Regisseur von Filmen wie „Madame Mallory und der Duft von Curry“, „Ein ungezähmtes Leben“ und „Schiffsmeldungen“ hatte 2011 Ewan McGregor und Emily Blunt von Großbritannien in den Jemen verfrachtet, um einem Scheich die Lachsfischerei inmitten des Wüstenlandes zu ermöglichen. In „Ein Hologramm für den König“ ist es nun Tom Hanks („Bridge of Spies – Der Unterhändler“), der nicht in den Jemen, sondern nach Saudi Arabien geschickt wird, um ein Oberhaupt der Emirate mit neuester Technologie auszustatten. Auch hier müssen sich die Hauptfiguren notgedrungen mit dem im Vergleich zu ihrer Herkunft vollkommen gegensätzlichen Gegebenheiten arrangieren. Auch hier erhält irgendwann die Liebe Einzug. Und auch hier kommt eine als Lovestory getarnte Sinnsuche über weite Strecken ohne einen einzigen Kuss aus. Zumindest auf visueller Ebene fällt die Geschichte um den gescheiterten aber nicht minder charismatischen Banker Alan Clay dann allerdings doch eine Spur opulenter aus. Etwas anderes hätte man von einem Projekt, bei dem Regisseur Tom Tykwer („Cloud Atlas“, „Das Parfum“) federführend agiert, aber auch nicht erwartet.

Tom Hanks

Für Tykwer und Hanks ist „Ein Hologramm für den König“ die zweite Zusammenarbeit nach der epischen und zu Unrecht an den Kinokassen gescheiterten Romanverfilmung „Cloud Atlas“, in welcher der Oscar-Preisträger in insgesamt sechs zusammenhängenden Rollen zu sehen war. Der dreistündige Genreclash wusste selbst Skeptiker durch seine enormen Schauwerte zu begeistern, inhaltlich erschien die Geschichte, die eine Handlungsspanne von rund 1000 Jahren auf diversen Zeitebenen und unter Zuhilfenahme von schier unendlich vielen erzählerischen Sprüngen darbot, vielen jedoch zu komplex. „Ein Hologramm für den König“ hat dahingehend nichts mehr mit dieser unkonventionellen Art des Storytellings zu tun. Ähnlichkeiten finden sich dafür in der Nähe zu den Figuren, die Tom Tykwer mithilfe des von ihm selbst verfassten Drehbuchs aufbaut. Sein Protagonist Alan lässt sich von Beginn an mehrdimensional betrachten. Auf der einen Seite steht der toughe Geschäftsmann, der private Kontakte und die eigene Gesundheit zu Gunsten von Arbeit und Business schon mal links liegen lässt. Der Verlust eines Privatlebens und die nach und nach schwindende Fitness ziehen jedoch auch an ihm nicht einfach so vorbei. Die Sehnsucht nach Ruhe und Ausgeglichenheit beißen sich mit dem Ehrgeiz, der Alan innewohnt – und Tom Hanks gelingt es, diesen emotionalen Zwiespalt hervorragend auszuloten.

Es wäre wohl ein Leichtes gewesen, aus Alan Clay  das holzschnittartige Paradebeispiel eines Yuppies zu kreieren. Doch einen Zweifel daran, dass der Banker den Schein des toughen Businessman lediglich für Kollegen und Geschäftspartner aufrecht erhält, lässt das Skript nie aufkommen. Trotz anklingender unsympathischer Tendenzen ist Alan Clay eine Hauptfigur, mit der sich als Zuschauer so ziemlich jeder identifizieren kann, der im Berufsleben steht. Genauso, wie es um das Abwägen von Vorteilen für sich selbst geht, betrachtet „Ein Hologramm für den König“ aber auch die Zusammenhänge, die jede Entscheidung, ob beruflicher oder privater Natur, mit sich bringt. Dabei verschiebt sich der erzählerische Fokus sukzessive von einer locker-leichten Zur-Schau-Stellung von Murphys Gesetz, bei welcher der Zuschauer zunächst häufig zum Schmunzeln angeregt wird, wenn Alan Opfer seines eigenen Ehrgeizes wird, hin zu einer ruhig-charmanten Tragikomödie rund um das Thema Selbstfindung. Mit dem Schauplatz der von Frank Griebe („Cloud Atlas“) schwelgerisch fotografierten, saudi-arabischen Wüste hätte Tykwer keine bessere Kulisse für seine Verfilmung wählen können – als Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen, in dem sich traditionelle Werte und moderne Attitüden beißen, spiegelt das pulsierende Flair des Landes gleichsam die emotionale Verfassung der Hauptfigur wieder. Vielleicht wird ausgerechnet diese nimmermüde Metropole es sein, die Alan zur so notwendigen, seelischen Ruhe verhilft?

Ein Hologramm für den König

Doch wie kehrt man die Eigenheiten eines Landes und die Spleens seiner Bewohner hervor, ohne dabei auf abgestandene Klischees zurückzugreifen? Ganz einfach, indem man die Einheimischen selbst damit spielen lässt, wie der landestypische Trubel auf Außenstehende wirken muss. Wenn der Taxifahrer Yousef, gespielt vom elektrisierenden Newcomer Alexander Black, damit kokettiert, dass man Autos in diesem Land besser nicht zu lange unbeaufsichtigt lässt, da sonst Jemand eine Autobombe unter dem Wagen befestigen könnte, wirkt das zunächst plakativ. Wenn sich die Situation dann jedoch als private Fehde zwischen ihm und dem Freund der Geliebten herausstellt, unterwandert das Drehbuch derartig grobmotorische Klischeesketche direkt und entlarvt den Zuschauer zusätzlich in seiner eindimensionalen Denke. Gleichzeitig verkommt „Ein Hologramm für den König“ nie zur albernen Komödie. Auch Themen wie die Stellung der Frau, Liebeskummer und die Auswirkungen von zu viel Arbeit auf die Gesundheit finden unaufdringlich Platz in einem Film, der ganz fein zwischen den Emotionen balanciert. Mit fortschreitender Spieldauer und nach dem Halt an einer Handlungsstation, die die angespannte politische Lage des Landes thematisiert, verlagert sich die Erzählung schließlich auf die Bekanntschaft zwischen Alan und der schönen Doktorin Zahra, die sehr sensibel anfängt, im Finale dann allerdings ein wenig was von der subtilen Grazie vom Beginn verliert. Dabei hätte „Ein Hologramm für den König“ die konsequente Konzentration auf die amouröse Zurückhaltung sämtlicher Figuren doch gut getan.

Fazit: „Ein Hologramm für den König“ ist das ebenso zurückhaltende wie mitreißende Portrait eines Mannes, der erst weit von Zuhause weg muss, um ganz zu sich selbst zu finden. Dabei begeistert vor allem der respektvolle Umgang mit sämtlichen Figuren, das stete Wechselspiel zwischen tragischen und komischen Elementen sowie die Einzigartigkeit dieser berauschenden Kulisse. Lediglich das Ende hätte ein wenig mehr Subtilität vertragen.

„Ein Hologramm für den König“ ist ab dem 28. April in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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