Music

Größer könnte die Wahrnehmungsdiskrepanz von Sias Spielfilmdebüt MUSIC kaum sein: Während die Hollywood Foreign Press Association das dramatische Musical mit zwei Golden-Globe-Nominierungen bedachte, zeigen sich Publikum und Presse einheitlich empört. Warum und ob das gerechtfertigt ist, das verraten wir in unserer Kritik.

OT: Music (USA 2021)

Der Plot

Der geordnete, von festen Abläufen bestimmte Alltag der autistischen Music (Maddie Ziegler) wird auf den Kopf gestellt, als ihre Halbschwester Zu (Kate Hudson) nach dem plötzlichen Tod der sich um Music aufopferungsvoll kümmernden Großmutter wieder in ihr Leben tritt. Zu ist Alkoholikerin und dealt mit Drogen, um über die Runden zu kommen. Als jedoch der großherzige Nachbar Ebo (Leslie Odom Jr.) zu dem ungleichen Schwesternpaar stößt, kommen sich Zu und Music langsam wieder näher und plötzlich scheint alles möglich zu sein.

Kritik

Das Langfilmdebüt der gefeierten Popkünstlerin Sia, die schon lange vor ihrer Arbeit an „Music“ die Regie ihrer eigenen Musikvideos übernahm, ereilte bereits im Vorfeld seiner Veröffentlichung eine große Kontroverse. Der Grund: Die gebürtige Australierin, die gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Dallas Clayton auch das Drehbuch für „Music“ verfasste, besetzte in der Rolle der autistischen Protagonistin eine nicht autistische Schauspielerin. Und nicht nur das: Bei der Newcomerin Maddie Ziegler („The Book of Henry“) handelt es sich zudem um Sias Protegé, die zuvor bereits in diversen Videoclips der Künstlerin mitwirken durfte. Sia selbst erklärte die Entscheidung damit, dass die Drehversuche mit einer tatsächlichen Autistin nicht funktioniert hätten, da diese sich in der Rolle nicht wohlgefühlt habe. Mit dieser Begründung konnte Sia die kritischen Stimmen verständlicherweise kaum beruhigen – mittlerweile hat sie aufgrund der heftigen Reaktionen, die ihr Film ausgelöst hat, sogar ihren Twitter-Account gelöscht. Doch die harsche Kritik ist längst nicht bloß auf die streitbare Castingentscheidung Maddie Zieglers zurückzuführen. „Music“ ist einfach ein durch und durch ärgerlicher Film, in dem ein autistisches Mädchen zum „Nice to Have“ eines typischen „White-Savior“-Stoffes gemacht wird.

Kate Hudson mimt Zu, die in „Music“ immer wieder zur Protagonistin kleiner Musikvideos wird.

Das Motiv des „White Saviors“ ist eine bis heute regelmäßig in popkulturellen Werken auftretende Figur, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: Sie ist weiß und sie rettet eine schwarze Person (vermeintlich uneigennützig) aus einer Notlage, woraufhin ihr oftmals auch eine emotionale Läuterung widerfährt. Dabei fällt im besten Fall auch ein wenig Aufklärung über die Missstände ab, in denen viele Afroamerikaner:innen bis heute leben müssen. Doch am Ende strahlen vor allem die Taten des „weißen Retters“ – und erhalten dafür sogar noch im Jahr 2019 Oscar um Oscar (Stichwort: „Green Book – Eine besondere Freundschaft“). In Sias „Music“ geht es nicht um Rassenkonflikte. Und doch erfüllt ihr Film überdeutlich die erzählerischen Voraussetzungen eines moralisch fehlgeleiteten „White Savior“-Films; Mit der Besonderheit, dass es hier eben eine nicht behinderte Frau ist, die sich wider Willen ihrer autistischen Halbschwester annimmt. Dabei lernt die von Kate Hudson („Deepwater Horizon“) mit raspelkurzen Haaren verkörperte Zu vor allem, zu sich selbst zu finden – und nicht etwa zu ihrer zuvor ohnehin arg entfremdeten Schwester Music. Diese fungiert hier in erster Linie wie ein Wegweiser, um die mit einer Alkohol- und Drogenvergangenheit versehene Zu wieder auf den richtigen Weg zu führen. Ihre eigenen Emotionen, Sorgen, Ängste und Nöte arbeitet das Skript nie vollends heraus. Alles was die junge Frau tut, ist dazu da, um Zus Charakterwandel voranzutreiben. Da mutet sogar der Filmtitel zynisch an, denn am aller wenigsten geht es in „Music“ tatsächlich um Music.

„‚Music‘ erfüllt überdeutlich die erzählerischen Voraussetzungen eines moralisch fehlgeleiteten „White Saviour“-Films; Mit der Besonderheit, dass es hier eben eine nicht behinderte Frau ist, die sich wider Willen ihrer autistischen Halbschwester annimmt.“

Dabei beginnt der Film eigentlich vielversprechend und arbeitet auch direkt in der ersten Szene sein großes Alleinstellungsmerkmal heraus: Maddie Zieglers Music stellt sich in ihrer eigenen Wahrnehmung die Welt immer wieder als knallbuntes Musikvideo vor, in denen die Menschen um sie herum fröhlich singen und tanzen. Wenn die Kamera von Sebastian Winterø („Kajillionaire“) die ersten Schritte seiner titelgebenden Hauptfigur zudem aus ihrer Perspektive filmt und sie im weiteren Verlauf auch dann kontinuierlich im Fokus behält, wenn er das Bild aufzieht, um die Welt um Music herum für die Zuschauer:innen greifbar zu machen, hat man für ein paar Minuten das Gefühl, hier wirklich einen Film zu sehen, in dem es um eine Autistin geht. Doch mit dem Eintreffen von Kate Hudson rückt nicht bloß Music beständig in den Hintergrund und fungiert irgendwann nur noch als Impuls für die geistige Reifung ihrer Schwester. Selbst das zunächst klar auf Musics Weltsicht abgestimmte Inszenierungsgimmick der Musicaleinlagen vereinnahmen irgendwann auch die anderen Figuren, sodass es in der inneren Logik des Films kaum noch einen Sinn ergibt und in erster Linie eine verkaufsfördernde Wirkung auf den Soundtrack haben dürfte. Der ist für ein gefälliges Popmusical völlig in Ordnung. Gleichwohl hat Sias Vita nicht nur bereits deutlich stärkere Stücke vorzuweisen als das gesamte „Music“-Album. Den Musikeinlagen ist darüber hinaus anzumerken, dass sie erst im Nachhinein in einem eigentlich ohne Musicalanleihen geschriebenen Drama untergebracht wurden (Sia erhielt für die von ihr geschriebenen Stücke einen Bonus von satten 10 Millionen US-Dollar). Das Endergebnis wirkt daher nie wie aus einem Guss – doch immerhin lässt sich hier Sias leidenschaftlicher Inszenierungsstil, der sich bereits in ihren eigenen Videoclips abzeichnete, ausmachen. Der Rest von „Music“ kann da in seiner Konventionalität nicht mithalten.

Kate Hudson rasierte sich für ihre Rolle den Schädel fast kahl.

Während Maddie Ziegler als autistische Music vor allem jene Manierismen bedient, die von außen sichtbar sind (die junge Frau kann sich verbal nicht artikulieren und gibt stattdessen kaum definierbare Laute von sich, wird aufgrund ständiger Reizüberflutung schnell gestresst, was zu Anfällen führt etc.), ihr Inneres in Ermangelung an ruhigen, aus ihrer Perspektive gefilmten Szenen dem Publikum indes verborgen bleibt, folgt Kate Hudsons Figur den bekannten Abfolgen der Läuterung. Der in „Music“ angestrebte Weg ist von Anfang an vorgezeichnet: Aus dem verantwortungslosen Ex-Junkie, der sein Geld immer noch damit verdient, Drogen zu verticken (u.a. an Sia selbst!), wird nach und nach ein sich liebevoll um seine Halbschwester kümmernder Mutterersatz; Gekrönt mit dem ultimativen Sieg über sich selbst, Music nicht in ein Heim zu geben, sondern sich dafür zu entscheiden, den Weg weiterhin mit ihr gemeinsam zu bestreiten. Hier und da kann Sia immer mal wieder Ansätze eines Diskurses darüber herausarbeiten, inwiefern das Zusammenleben mit einer permanent pflegebedürftigen Person wahlweise die eigene Selbstaufgabe erfordert oder eben das Leben bereichert – ein definitiv diskussionswürdiger und ethisch spannender Ansatz, der in „Music“ jedoch nie zur Formvollendung findet. Stattdessen bleibt die große Diskrepanz zwischen Zus und Musics Lebensrealität auf eine oberflächliche Fish-out-of-Water-Dramaturgie beschränkt: Wir sehen Zu dabei zu, wie sie sich nach und nach mit ihrem Leben als Betreuerin ihrer Schwester arrangiert und schließlich die Bereicherung in ihr erkennt. Die Frage, wie es Music selbst damit geht, bleibt uns der Film indes schuldig.

„Der in ‚Music‘ angestrebte Weg ist von Anfang an vorgezeichnet: Aus dem verantwortungslosen Ex-Junkie, der sein Geld immer noch damit verdient, Drogen zu verticken, wird nach und nach ein sich liebevoll um seine Halbschwester kümmernder Mutterersatz.“

Dafür hat Zu noch ein paar andere Menschen an ihrer Seite, die sie beständig auf den richtigen Weg führen. Insbesondere der von Leslie Odom Jr. („One Night in Miami“) gespielte Nachbar Ebo fungiert fast schon wie ein Heiliger, der zeigt, dass man Music bloß buchstäblich mit seiner ganzen Liebe erdrücken muss, um alles richtig zu machen. Zwar ist sein anhaltender Optimismus regelrecht ansteckend – Odom Jr. hat den Strahlemann einfach drauf. Doch auch seiner Figur wird letztlich zum Verhängnis, dass die Autor:innen es versäumten, „Music“ mit echten, lebendigen Charakteren zu versehen. Stattdessen passen sie allesamt in Schablonen und Schubladen. Von einer Künstlerin, die sich selbst konsequent weigert, sich in eine solche stecken zu lassen, hätte man wahrlich mehr erwartet.

Fazit: Sias mit tonal unpassenden Musicaleinlagen versehene Drama „Music“ gibt vor, von einem autistischen Mädchen zu erzählen. Doch das autistische Mädchen fungiert hier nur als Gimmick. In Wirklichkeit geht es um die klischeehafte Läuterung eines Ex-Junkies, der dank seiner autistischen Halbschwester endlich zu sich selbst findet – und als Belohnung dafür sogar darauf verzichtet, sie in ein Heim zu geben.

„Music“ ist ab sofort als VOD erhältlich.

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