Deepwater Horizon

Zum zweiten Mal unter der Aufsicht von Regisseur Peter Berg schlüpft Hollywoodstar Mark Wahlberg in die Haut eines von den Menschen zu einem solchen hochstilisierten Helden, der aber in Wirklichkeit gar keiner ist. Weshalb das nicht das einzige Problem an DEEPWATER HORIZON bleiben soll, das verrate ich in meiner Kritik.Deepwater Horizon

Der Plot

2010 steht die Ölbohranlage Deepwater Horizon kurz vor einem bahnbrechenden Rekord. Über 100 Millionen Barrel Öl sollen 70 Kilometer von der US-Küste entfernt aus dem Golf von Mexiko gefördert werden. Das Team um die beiden Chef-Techniker Mike Williams (Mark Wahlberg) und Jimmy Harrell (Kurt Russell) ist beauftragt, die Förderung vorzubereiten, doch ein Test zeigt, dass der Druck auf das Bohrloch viel zu hoch ist. Trotz energischer Warnungen seitens der Crew geschieht, was man im BP-Konzern bis dahin für unmöglich hielt. Es kommt zu einen „Blowout“: Gas und Öl schießen unter enormem Druck unkontrolliert an die Oberfläche, mehrere gewaltige Explosionen sind die Folge. Über 120 Menschen sind plötzlich auf der Plattform eingeschlossen. Millionen Tonnen Öl strömen unkontrolliert ins Meer. Williams und sein Team setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel, um die Verletzten zu evakuieren und Überlebende zu retten. Ein brandgefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt…

Kritik

Für Hollywoodstar Mark Wahlberg („Ted 1 und 2“) und Regisseur Peter Berg ist es bereits die zweite Zusammenarbeit. Vor drei Jahren inszenierte der heimliche Schützling von Michael Bay den Kriegsactioner „Lone Survivor“, in dem Wahlberg den Kriegsveteran Marcus Luttrell verkörperte, der 2007 während seines Einsatzes in Afghanistan zwischen die Fronten geriet. Schon damals stilisierte Berg die auf einer wahren Begebenheit basierende Story zu einer Heldengeschichte hoch – dabei stach Wahlbergs Vorbild vor allem deshalb aus der Masse an Soldaten heraus, weil er, dem Filmtitel entsprechend, als einziger Überlebender aus diesem Massaker hervorging. Da ist es fast schon konsequent, dass er in „Deepwater Horizon“ nun ebenfalls die Hauptrolle spielt, bei der man sich im Nachhinein exakt dieselbe Frage stellt: Und was genau hat Mike Williams nun so besonders gemacht? Doch eine One-Man-Show (von der „Deepwater Horizon“ dann sogar recht weit entfernt ist, sie wird lediglich als eine solche beworben) lässt sich nun mal besser verkaufen. Die wahre Tragik hinter den Ereignissen, die sich vor sechs Jahren auf der Ölbohranlage Deepwater Horizon abspielten, lässt sich mit dem auf viel Spektakel abzielenden Hollywoodkino nun einmal schwer verbinden. Peter Berg versucht zwar alles Mögliche, um das in der zweiten Hälfte – im wahrsten Sinne des Wortes – gewaltige Effektegewitter vorab mit möglichst viel Hintergrund zu versehen, um aus dem Leinwandgeschehen mehr zu machen, als ein x-beliebiges Actionfeuerwerk. Doch genau dadurch setzt sich Berg inszenatorisch zwischen die Stühle: „Deepwater Horizon“ fehlt es für eine gründliche Auseinandersetzung mit der Thematik an Substanz, für einen Actionkracher kommt die Handlung erst viel zu spät in Gang und die Auswirkungen auf Natur um Umwelt finden der Einfachheit halber einfach überhaupt keine Erwähnung.

Vor der Katastrophe: Alltag auf der Deepwater Horizon.

Vor der Katastrophe: Alltag auf der Deepwater Horizon.

Das Positive zuerst: Die nach rund sechzig Minuten (endlich!) zutage tretenden Effekte, in Form von riesigen Explosionen, die dem Publikum in ihrer Wucht in Mark und Bein übergehen, gehören zum Besten, was das Hollywood’sche Actionkino in diesem Jahr zu bieten hat. Und das Beste daran: Ein Großteil von ihnen ist handgemacht. Selbst die Momente, in denen aus logistischen (und menschenmöglichen) Gründen zwangsläufig auf Effekte aus dem Computer zurückgegriffen werden musste, fügen sich so selbstverständlich in die Szenerie ein, dass der Gedanke naheliegend scheint, Peter Berg hätte für „Deepwater Horizon“ tatsächlich eine Ölbohrplattform in die Luft gesprengt. Auch bei der Darstellung der Konsequenzen sind Peter Berg und sein Kameramann Enrique Chediak („Die 5. Welle“) nicht zimperlich. Da werden Splitter aus tiefen Fleischwunden gezogen und das Wunden-Make-Up wirkt so plastisch, dass wir uns über eine Oscar-Nominierung in der entsprechenden Kategorie nicht wundern würden. Handwerklich macht „Deepwater Horizon“ also eine echt gute Figur. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Aufnahmen an Originalschauplätzen entstanden ist. Dieses raue Setting der Ölbohranlagen mit ihren stahlharten, trockenhumorigen Arbeiten macht die Produktion darüber hinaus zu einem echten Macho von Film (es spricht schon für sich, dass es im Team nur eine einzige Frau gibt); gleichwohl stimmt die Atmosphäre in diesem mit viel Liebe zum Detail gedrehten Film.

Auf der einen Seite sorgt diese bodenständige Inszenierung für das entsprechend authentische Flair. Andererseits besteht die erste Hälfte von „Deepwater Horizon“ ausschließlich aus Dialogen, die sich selbst in der Synchronfassung nur Experten auf dem Gebiet der Ölbeschaffung erschließen dürften. Das mit viel, viel Theorie vollgepackte Skript (Matthew Michael Carnahan, Matthew Sand) hantiert mit Unmengen an Fachbegriffen. Dabei gibt bereits eine kurze Einstiegsszene in Mike Williams‘ Zuhause genug Einblick darin, was das Gefährliche an derartigen Missionen ist. Darin fliegt das Modell seiner kleinen Tochter in die Luft, die für ein Schulprojekt über den Job ihres Daddys berichten soll. Subtil sieht zwar anders aus, aber es reicht aus, um sich ein Bild vom Prinzip der Ölförderung mitsamt ihrer Risiken für Natur und Umwelt zu machen. Trotzdem lässt Peter Berg nicht davon ab, die vielen Wartungsarbeiten und Diskussionen im Detail zu zeigen; das wäre okay, würde er bei diesem fast schon dokumentarisch anmutenden Inszenierungsstil bleiben. Wenn sich sein Film nach der Hälfte allerdings von der Ölbohr-Doku in einen Actionreißer verwandelt, spielt die vorab in den Fokus gerückte Theorie überhaupt keine Rolle mehr. Nicht einmal mehr für die Erwähnung der katastrophalen Spätfolgen ist Platz. Wenn kurz nach dem Blowout mehrere ölverschmierte Vögel gegen die Scheiben der Forschungskabine fliegen, nutzt Berg das vor allem als zusätzliche Actioneinlage.

Andrea Fleytas (Gina Rodriguez) versucht Jimmy Harrell (Kurt Russell) zu retten.

Andrea Fleytas (Gina Rodriguez) versucht Jimmy Harrell (Kurt Russell) zu retten.

Sich bei einem Film wie „Deepwater Horizon“ genauer mit den Schauspielleistungen auseinanderzusetzen, ist schwer, da sich die Geschichte sehr schnell auf Wahlbergs Mike konzentriert. Das Problem: Mike Williams hebt sich in seinem Handeln und seinen Gedanken nicht genug von der Masse an Kollegen ab, denen das Skript nur äußerst einfältige Charakterzüge beimisst. Warum wir uns also ausgerechnet für einen Mann wie Mike Williams interessieren sollen, lassen die Macher bis zuletzt unbeantwortet. Und auch Mark Wahlberg selbst ist nicht in der Lage, seine eindimensional geschriebene Figur durch nuanciertes Spiel um feine Facetten zu ergänzen. Peter Berg setzt voraus, dass wir Mike Williams fraglos als Helden akzeptieren – das geht sogar so weit, dass die nach dem Film eingeblendeten Namen der elf Arbeiter, die bei dem Unglück ihr Leben ließen, beim Zuschauer keine Betroffenheit, sondern einen ziemlich bitteren Beigeschmack auslösen. „Deepwater Horizon“ bedient sich an der schändlichen BP-Katastrophe und macht daraus ein emotionsloses Actionspektakel – wir wollen uns irgendwie gar nicht vorstellen, wie sich dieser Schlag ins Gesicht für die Anwesenden, die Geschädigten und die Opfer der Hinterbliebenen anfühlen muss.

Fazit: Aus technischer Sicht ist „Deepwater Horizon“ brillant. Doch Regisseur Peter Berg geht derart unvorsichtig und ohne jedes Feingefühl mit einer tragischen Katastrophe um, dass man sich gar nicht trauen möchte, an den spektakulär in Szene gesetzten Explosionen so etwas wie unterhaltsamen Gefallen zu finden.

„Deepwater Horizon“ ist ab dem 24. November in den deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Das einzige was ich von der Katastrophe noch wusste (ich war 14 Jahre alt), waren die dramatischen Auswirkungen auf die Umwelt aufgrund des ausgelaufenen Öls, folglich finde ich es unnötig, das im Film nochmals zu forcieren. Stattdessen werden die Menschen und deren traumatische Erfahrungen auf der Plattform in den Mittelpunkt gerückt.
    Die Gegensätze vom Alltag auf der Bohrinseln mit dem angesprochenem trockenem Humor und der anschließenden Katastrophe (actionbeladen – ja, aber gerechtfertigt) finde ich eher faszinierend als störend, da
    Wo ich hingegen absolut der gleichen Meinung bin ist das Heldentum des Mike Williams. Die Figur wird absolut in die Höhe gespielt, das einzige was wirklich Empathie auslöste war sein Zusammenbruch nach der Rettung, bei der Wiedervereinigung mit der Familie. Diese bringt überhaupt einen tieferen Einblick, den ich sehr schätzte.
    man die Fassungslosigkeit, dass der Blowout tatsächlich passiert ist, gut nachvollziehen kann.
    Der Film löste bei mir hilflose Wut darüber, dass die Geldgier über die Sicherheit (und daher im Endeffekt über das Leben) der Menschen überwiegt aus, ich wurde emotional also auch ausreichend bedient.

    Gefällt mir

Und was sagt Ihr dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s