Born To Be Blue

Ethan Hawke hat seinen Status als einer der besten Schauspieler seiner Generation schon vielfach unterstrichen, doch mit seiner Performance als Jazz-Legende im hochemotionalen Biopic BORN TO BE BLUE macht er sich endgültig unsterblich. Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Der legendäre Jazz-Trompeters Chet Baker (Ethan Hawke) erlebt in den Fünfzigerjahren einen kometenhaften Aufstieg als der „James Dean of Jazz“ und „King of Cool“. Doch schon zehn Jahre später ist Baker am Ende. Zerrissen von seinen inneren Dämonen und den Exzessen des Musikerlebens, begegnet er einer eines Tages einer Frau (Carmen Ejogo), mit der wieder alles möglich scheint. Angefeuert von seiner neuen Leidenschaft und ihrem bedingungslosen Glauben an ihn, kämpft sich Baker wieder zurück und erschafft so einige der unvergesslichsten Musikaufnahmen seiner Karriere. Doch seine Sucht nach Drogen und die Liebe zum Rausch lassen ihn nicht los…

Kritik

Trompeter Chet Baker gilt bis heute als eine der prägenden Persönlichkeiten des modernen Jazz. Seine Leidenschaft und sein Talent machten sich bereits im frühen Kindesalter bemerkbar. Sein Hang zu Drogen und Alkohol wenig später leider ebenso. Und so ist die Geschichte um den „King of Cool“ auch eine äußerst dramatische, wie man sie zuletzt etwa auch bei einer Amy Winehouse oder Whitney Houston beobachten konnte. Gnadenloses Talent prallt auf das Unvermögen, dem einen aus der Realität rettenden Rausch zu widerstehen – das Ergebnis sind zahlreiche Mythen und ein früher Tod infolge eines Fenstersturzes, herbeigeführt durch einen gefährlichen Rauschmittelcocktail (oder, so erzählt man sich hinter vorgehaltener Hand, durch äußere Einflüsse). Baker starb im Alter von nur 57 Jahren und war zum Sterbezeitpunkt ein körperliches wie seelisches Wrack. Hinterlassen hat er über drei Dutzend Platten mit Studioaufnahmen und Konzertmitschnitten. Eine Handvoll Dokumentarfilme haben sich bereits mit dem Schaffen des Musikers befasst, nun legt Robert Budreau („That Beautiful Somewhere“) den ersten Spielfilm über Chet Baker vor, der in enger Kooperation mit Hauptdarsteller Ethan Hawke („Die glorreichen Sieben“) entstanden ist. Dabei vermischt der Regisseur und Drehbuchautor tatsächliche Ereignisse mit allerhand Fiktion, greift für letztere gern auf unbestätigte (aber nach wie vor kursierende) Gerüchte zurück und schafft so ein kantiges, mitreißendes Musikdrama, das den nach einem Song benannten Titel „Born To Be Blue“ nicht umsonst trägt.

Chet (Ethan Hawke) und seine Jane (Carmen Ejogo) lernen sich am Set seines eigenen Filmes kennen und lieben.

In einer auf den ersten Blick gar nicht so bedeutsamen Szene, nach einer Studioaufnahme, wird Chet gefragt, ob er nicht einmal länger als zehn Sekunden am Stück glücklich sein könne. Zuvor verlief die Musiksession überragend, das erhaltene Feedback erwies sich als äußerst positiv, doch beides ward sofort vergessen, als der zum damaligen Zeitpunkt schon mehrere Rückschläge einsteckende Chet davon erfährt, dass seine Freundin Jane gerade für ein Vorsprechen mit einem anwesenden Regisseur verschwunden ist. Dieser radikale Wechsel von purer Euphorie und Glückseligkeit, hin zu Selbstzweifeln, Eifersucht und noch diversen anderen negativ intonierten Gefühlen prägte das Leben von Chet Baker und war damit mit ein Grund für seine Neigung gegenüber Drogen. Trotzdem begehen weder Ethan Hawke, noch Regisseur Robert Budreau den Fehler, ihren Protagonisten deshalb in eine Opferrolle zu drängen. Budreau zeichnet das Leben des charmanten, dabei kaum haltbaren Frauenhelden als einzige emotionale Achterbahnfahrt, doch für die darin getroffenen Entscheidungen macht er trotzdem immer Chet selbst verantwortlich. Dass er im harten Musikbusiness irgendwann gar nicht mehr anders konnte, als zu Kokain, Heroin und Amphetaminen zu greifen, ist also Quatsch. Dass man trotzdem mit der Figur mitleidet, liegt zum Einen an den Umständen: Baker musste definitiv mehr Rückschläge einstecken, als es einer menschlichen Seele über einen so kurzen Zeitraum gut tut. Auf der anderen Seite versieht Ethan Hawke seine Figur mit einer solch faszinierenden Aura, dass man die dahinter verborgene Menschlichkeit zwar nicht sofort erkennt; wenn aber doch, rührt einen das Schicksal um den begnadeten Musiker umso mehr.

Im traurigsten Moment des Films (und gleichsam einem der traurigsten des bisherigen Kinojahres) singt Chet Baker einen eigentlich an seine Frau gerichteten Lovesong – das wäre an sich nichts Besonderes, würden Zuschauer, Jane und Chet selbst nicht im Laufe der Strophen erkennen, dass dem Sänger nie mehr an einer Frau liegen wird, als an den von ihm so geliebten Drogen. Noch bevor diese dramatische Erkenntnis in romantische Verklärung abdriftet, tut Jane das einzig Richtige und verlässt ihn; für Chet beginnt der Kreislauf aus Euphorie und tiefer Traurigkeit fortan von Neuem und der Name „Born To Be Blue“ – zu Deutsch: „Geboren, um traurig zu sein“ – wird zum Programm. „Born To Be Blue“ ist ein das Musikbusiness voll und ganz desillusionierendes, filmisches Kunstwerk, dem man mitunter durchaus vorwerfen könnte, zu eindimensional auf die Branche hinab zu schauen. Doch dann fallen einem die vielen bekannten Schicksale gescheiterter Musiker wieder ein und man erhält plötzlich den Eindruck, dass Chet Baker vermutlich nur ein weiteres Bauernopfer im Spiel um Geld und Macht war. Die gedrückte Tristesse, die „Born To Be Blue“ dominiert, spiegelt sich auch in der technischen Aufmachung wider, während sich in der Erzählstruktur das Leitmotiv der dem Jazz entliehenen Improvisation erkennen lässt. In melancholischen, nüchternen Farben gehalten, akustisch in erster Linie von der Musik Chet Bakers untermalt, vermischt Robert Budreau den Hauptplot um sein Leben und Lieben spielerisch-willkürlich mit Ausschnitten aus dem fiktiven Spielfilm, der so zwar tatsächlich in Planung war, jedoch nie realisiert werden konnte. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass sich Baker einst selbst verkörpern sollte, gibt es immer wieder Überschneidungen bei beiden Erzählebenen; Bakers Leben war letztlich nicht weniger als ein sehr trauriger Film.

Nur wenige können so traurig gucken wie Ethan Hawke.

Der zu Lebzeiten als unnachahmlich geltende Chet Baker hat mit Ethan Hawke als ihn verkörpernder Schauspieler einen Glückstreffer gelandet. Hawke besitzt genug Esprit für die ganz große Bühne, hat aber trotz seiner jahrzehntelangen Karriere nichts von seinem Newcomercharme eingebüßt. Wie schon in so vielen Filmen zuvor, verschmilzt der gebürtige Texaner auch diesmal voll und ganz mit seiner Rolle, rührt zu Tränen, wenn er mit sanfter Stimme zur Ballade ansetzt und lässt es dank seiner verführerischen Attitüde zu jedem Zeitpunkt glaubhaft erscheinen, weshalb die Frauen damals so sehr auf ihn angesprungen sind. Die eine, Jane, hat in Carmen Ejogo („Alien: Covenant“) wiederum eine wunderbare Darstellerin gefunden. Die Chemie zwischen ihr und Hawke ist leidenschaftlich und authentisch; Ejogo vermengt in ihrer Performance das toughe Auftreten einer selbstbestimmten Frau mit aufopferungsvoller Hingabe gegenüber ihres Mannes, den sie so gut es geht von den Drogen fernzuhalten versucht. Dass den beiden kein Happy-End vorbehalten ist, weiß man bereits ab dem Moment ihres ersten Kennenlernens, doch für Baker wird Jane wenigstens für einen kurzen Zeitraum zum alles andere in den Hintergrund rückenden Lebensinhalt. Am Ende weiß man als Zuschauer zwar, dass dieser Mann konsequent gegen sein eigenes Glück gearbeitet hat. Aber man hätte es auch sehr gern anders gesehen.

Fazit: „Born To Be Blue“ gewährt uns anhand von Chet Baker einen hochemotionalen, ungeschönten Einblick ins Musikbusiness, der seinen Reiz auch dadurch entwickelt, dass Regisseur Robert Budreau Realität und Fiktion verschmelzen lässt. Ethan Hawke brilliert als vom Schicksal gebeutelter, am Ende an sich selbst gescheiterter Musiker. Auf so viel „Blues“ muss man Lust haben, doch schließlich wird man mit sehr viel Musik und ebenso viel Gefühl belohnt.

„Born To Be Blue“ ist ab dem 8. Juni in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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