2020 – Die Plätze 10 bis 1

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge werde ich mit den Top 10 meiner Lieblingsfilme 2020 nun endgültig mit dem vergangenen Jahr abschließen. Ein kurzes Abschlussfazit: Aufgrund der Corona-Krise ist nicht nur die Anzahl der gesehenen Filme um Einiges geringer ausgefallen als in den Jahren zuvor. Natürlich hat sich die Pandemie auch auf die Kinobesuche ausgewirkt. Trotzdem habe ich es geschafft, mit „Tenet“ – einem Film, der noch nicht einmal in den Tops vorkam, der aber dennoch ein ganz besonderes Kinoerlebnis darstellte – ein und denselben Film viermal im Lichtspielhaus zu schauen. Des Weiteren blieb zwar ein Großteil angekündigter Blockbuster auf der Strecke, dafür habe ich viele kleinere Produktionen entdeckt, die vielleicht sonst von dem großen Spektakel erdrückt worden wären. So oder so hoffe ich sehr, dass sich die Lage 2021 wieder normalisiert und ich Filme wie „In the Heights“, „James Bond“ und „The King’s Man“ auf der großen Leinwand sehen kann. 

Bevor ich mit den Top 10 beginne, werfe ich an dieser Stelle noch rasch einen Blick auf weitere starke Filme des Jahres, die eine ehrenwerte Nennung verdienen, auch wenn sie es nicht ganz in meine Top 30 geschafft haben. Da wäre zum Beispiel das Zweitwerk des „Vollblüter“-Regisseurs Cory Finley, der für BAD EDUCATION einen Veruntreuungsskandal an einer Schule bissig-humoristisch aufbereitete. Auch die Netflix-RomCom HOLIDATE habe ich trotz seiner grenzenlosen Naivität irgendwie in mein Herz geschlossen. Gleich zwei Hexenfilme hatten ihre Qualitäten: Robert Zemeckis‘ HEXEN HEXEN war ein hübsch kratzbürstiger Horror-Einsteigerfilm, während sich das Sequel zu DER HEXENCLUB als überraschend autenthischer Coming-of-Age-Film entpuppte. Und zu guter Letzt konnte sich auch die Gangsterposse FAKING BULLSHIT in mein Herz katapultieren, allen voran aufgrund des sehr sympathischen Teams dahinter. Nun widmen wir uns aber ganz den Top 10 meiner Lieblingsfilme des Jahres und freuen uns auf ein tolles neues Jahr 2021! Eure Antje!

10

Hollywoodstar Gerard Butler hatte in den vergangenen Jahren eine Topposition in meinen Jahrescharts sicher – allerdings immer in den Flops, was angesichts der schwachen Filme, in denen er zuletzt mitwirkte, auch kein Wunder ist. Dass er sich für den Katastrophenthriller GREENLAND zudem erneut mit „Angel Has Fallen“-Regisseur Ric Roman Waugh zusammentat, ließ mich im Vorfeld nicht gerade frohlocken. Doch dann kamen dem Film, der von einem Kometenabsturz auf die Erde und den damit einhergehen Regierungsmaßnahmen handelt, die Umstände zu Hilfe: „Greenland“ war einer der ersten (und schließlich nur sehr wenigen) Filme, die ich zwischen den beiden großen Lockdowns im Kino sah und konnte sich dadurch direkt subjektive Bonuspunkte verdienen. Doch ein Platz 10 käme nicht zustande, wäre „Greenland“ nicht obendrein auch noch ein überraschend unaufgeregter Film, der eine in anderen Filmen zum Actionspektakel aufgeblähte Katastrophensituation hier auf die menschlichen Bedürfnisse seiner Hauptfiguren herunterbricht. Und Gerard Butler? Der kann ja doch, wenn er denn will…

9

In den USA gehört das Schicksal des wochenlang zu Unrecht ins Visier von Presse und FBI geratenen Richard Jewell zur Allgemeinbildung. Kein Wunder: Der angeblich eines Terroranschlags schuldige Sicherheitsfachmann dominierte eine ganze Zeitlang die Schlagzeilen, eh die Anklage fallengelassen wurde. Nun hat sich Regielegende Clint Eastwood des Falles angenommen und erzählt in seinem Thrillerdrama DER FALL RICHARD JEWELL penibel die Abläufe dieses beispiellosen Justizirrtums nach. Trotz einiger Ungenauigkeiten bei der Zeichnung der von Olivia Wilde verkörperten Pressevertreterin ist Eastwood hiermit ein Film gelungen, den es in dieser Art kaum noch in den Kinos zu sehen gibt. Doch auch wenn das Genre derzeit unterrepräsentiert ist, lassen sich wie hier immer noch vereinzelte Perlen ausmachen. Zwar kann ich die Oscar-Nominierung von Kathy Bates nicht ganz nachvollziehen – verdient hätte den Goldjungen so ziemlich jeder in dem Film, nur sie nicht unbedingt. Aber auch ganz ohne Preisregen gehört „Der Fall Richard Jewell“ zu den großen Filmhighlights 2020.

8

Wenn es schon die Realität 2020 nicht gut mit uns meinte, mussten eben die Filme den Mangel an guter Laune ausgleichen. Entsprechend viele Feelgood-Movies tummeln sich auf den oberen Plätzen meiner Jahrescharts. Und den Anfang macht das Netflix-Original EUROVISION SONG CONTEST: THE STORY OF FIRE SAGA. Komiker Will Ferrell ist seit jeher glühender Fan des europäischen Gesangswettbewerbs und inspirierte Regisseur David Dobkin maßgeblich zu einer Musikkomödie, die den ESC-Zirkus gleichermaßen aufs Korn nimmt und sich trotzdem jederzeit vor ihm verbeugt. Im Zentrum des Geschehens steht neben Ferrell selbst auch die bezaubernde Rachel McAdams. Gemeinsam mimen sie ein isländisches Gesangsduo, das durch kuriose Umstände an der Show teilnehmen darf und sich von dort in die Herzen der Zuschauer:innen singt. Der durchaus vorhersehbare Weg zum Happy End ist gespickt mit jeder Menge skurriler, den Kern des ESC einfangenden Gesangsnummern, Slapstick, guter Laune und viel Herz. Und all das war in den vergangenen zwölf Monaten die richtige Medizin gegen miese Laune.

7

Na gut, so ganz mochte ich die Augen vor der Realität dann doch nicht verschließen, weshalb es auf Platz 7 ein Film wie BOMBSHELL – DAS ENDE DES SCHWEIGENS geschafft hat, obwohl dieser nicht unbedingt dafür da war, die Laune zu verbessern. In Jay Roachs Regiearbeit geht es um einen Skandal im Hause Fox News Channel, wo jahrelang Frauen vom Senderchef diskriminiert und belästigt wurden, ehe sich eine von ihnen endlich traute, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Charlize Theron, Nicole Kidman und Margot Robbie schlüpfen mal in fiktive, mal in real existierende Figuren und geben der Ausbeutung und Niedertracht ein Gesicht, ohne dabei ihr eigenes zu verlieren. Als eine Art „Adam McKay light“ nutzt Jay Roach hierfür bisweilen außergewöhnliche Inszenierungsmechanismen, um durch die vierte Wand mit seinem Publikum zu sprechen und seinen Zuschauer:innen bestimmte Sachverhalte noch klarer vor Augen zu führen, als sie es ohnehin sind. Dadurch ist „Bombshell“ ein gleichermaßen wichtiger als auch angenehm kurzweiliger Film geworden, der 2020 zum Kino-Pflichtprogramm gehört.

6

Lustigerweise war Rian Johnsons Whodunit-Crimekomödie KNIVES OUT – MORD IST FAMILIENSACHE der letzte Film, den ich bereits im Jahr 2019 sah. Der offizielle Kinostart war allerdings erst 2020, und so hat es zwar ewig gedauert, doch nun darf der „Agatha-Christie-Krimi auf Speed“ endlich in meinen Jahrescharts gewürdigt werden. Schon die Castliste ist spektakulär: Daniel Craig, Chris Evans, Ana de Armas, Jamie Lee Curtis, Michael Shannon, Don Johnson, Toni Collette, Christopher Plummer und Katherine Langford durften sich über zwei Stunden lang gegenseitig des Mordes an ihrem Familienpatriarch beschuldigen und dabei durch ein wendungsreiches, aufregendes Skript spielen, bis man am Ende nicht mehr sicher sein konnte, wer denn hier nun eigentlich schuldig und wer unschuldig ist. Angereichert mit einer ordentlichen Portion Gesellschaftskritik gelang Rian Johnson ein richtig großer Wurf, der schon in wenigen Jahren das Zeug zum Kultfilm haben dürfte. Und er beweist: Klassische Kriminalgeschichten können mit dem gewissen Etwas auch im Jahr 2020 noch immer hervorragend funktionieren. Bitte mehr davon!

5

Auf die letzten Meter des Jahres konnte sich erwartungsgemäß noch der neue Pixar-Film in meine Jahrestops mogeln – und mit Pete Docters SOUL ist dem Animationsfilmriesen einmal mehr ein ganz großer Wurf gelungen. Der „Alles steht Kopf“-Regisseur nimmt sich diesmal nicht mehr bloß die menschlichen Gefühle vor, um anhand derer ein gewohnt herzliches Abenteuer zu erzählen. Stattdessen geht es in „Soul“ um die Seele selbst – und um die Frage, was uns zu Menschen und das Leben lebenswert macht. Es sind große Fragen, die Docter hier aufwirft und für die Beantwortung derselben Welten und Figuren entwirft, die noch einmal um einiges komplexer sind als die nicht weniger außergewöhnlichen Setpieces in „Alles steht Kopf“. „Soul“ sagt sich als erster Pixar-Film der Geschichte vollends davon los, in erster Linie Kinderunterhaltung zu sein. Stattdessen ist er mehr denn je ein sämtliche Altersgruppen abholendes Ereignis, das man allerdings erst dann völlig durchdringt, wenn man bereits Einiges an Lebenserfahrung besitzt. Dann allerdings macht „Soul“ nicht nur Spaß und sorgt für Staunen, sondern regt auch nachhaltig zum Nachdenken an.

4

2020 durfte Max Barbakows PALM SPRINGS das Fantasy Filmfest eröffnen. Ab April dieses Jahres ist die mit Andy Samberg, Cristin Milioti und J.K Simmons hochkarätig besetzte Zeitschleifenkomödie dann auch endlich regulär verfügbar. Und darauf können sich alle freuen, die das in den USA direkt auf hulu gezeigte Comedy-Kleinod bislang noch nicht sehen konnten. Wie es Max Barbakow gelingt, das eigentlich längst totgerittene Fantasy-Subgenre der Zeitschleifengeschichte um neue, bislang nie dagewesene Gedankengänge zu ergänzen, sodass es in nahezu neuem Glanz erstrahlt, sollte man sich keineswegs entgehen lassen. Die bezaubernde Chemie zwischen den beiden die meiste Zeit des Films allein bestreitenden Hauptdarsteller:innen Andy Samberg und Newcomerin Cristin Milioti tut ihr Übriges, um einem eineinhalb wundervolle Filmstunden zu bescheren. Trotz bekannte Themen ist „Palm Springs“ wie kein anderer Film seiner Art und damit ein echtes Unikum. Der einzige Wehrmutstropfen ist einmal mehr die ausbleibende Kinoauswertung…

3

Einer der wohl nettesten Menschen der Welt spielt den vermutlich nettesten Menschen der Welt und macht DER WUNDERBARE MR ROGERS dadurch zu einem der sympathischsten Filme des Jahres – so viel Harmonie und Lobhudelei, da kann doch irgendwas nicht ganz richtig sein!? Das lässt einen Regisseurin Marielle Heller eine ganze Zeitlang denken, bis sie uns durch die Augen eines zynischen Journalisten die Welt des in den USA kultisch verehrten Kindershowmoderators Fred Rogers näherbringt, der zu Lebzeiten zu TV-Ikone wurde und im vergangenen Jahr mit der vielfach preisgekrönten Dokumentation „Won’t you be my Neighbor“ ein filmisches Denkmal erhielt. „Der wunderbare Mr. Rogers“ ist nun die fiktionalisierte und doch vorwiegend auf wahren Ereignissen beruhende Spielfilmvariante, in der Tom Hanks eine seiner besten Leistungen abliefert. Und damit einen Film abrundet, der von vorn bis hinten sympathisch, freundlich, Mut machend und inspirierend ist. Und gerade weil Heller Rogers gen Ende doch noch die ein oder andere Kante zugesteht, ohne den „Mythos Fred Rogers“ zu demaskieren, kann man ihren Film jederzeit ernst nehmen.

2

„In the Heights“ blieb uns vergangenes Jahr verwehrt – die Leinwandadaption des Broadway-Stückes wird erst  2021 in die Kinos kommen. Für Musical-Abhilfe sorgte dafür der „American Horror Story“- und „Glee“-Schöpfer Ryan Murphy mit seinem Netflix-Original THE PROM, das ich, wie so viele andere Filme der letzten zwölf Monate, nur zu gern im Kino gesehen hätte. Meryl Streep, James Corden, Andrew Rannells und Nicole Kidman schlüpfen in die Rollen abgehalfterter Theatergrößen und machen es sich zur Aufgabe, einem lesbischen Mädchen dabei zu helfen, mit ihrer Freundin zum Abschlussball ihrer Schule gehen zu können. Vollgepackt mit eingängigen Popsongs und fantastischen Tanzchoreographien, einem permanenten Augenzwinkern in Bezug auf die Absurdität der Prämisse und hochengagierten Darsteller:innen ist „The Prom“ der Inbegriff eines schrill-modernen Musicals. Und ausgerechnet die noch völlig unbekannte Newcomerin Jo Ellen Pellman reißt in den intimen Momenten sämtliche Blicke an sich – genau so soll es sein. „The Prom“ ist nicht nur großes Spektakel, sondern auch herzliche Liebesgeschichte.

1

Zum Abschluss meiner Jahrescharts 2020 möchte und muss ich noch einmal ernst werden, denn wenn man Todd Haynes Thriller VERGIFTETE WAHRHEIT gesehen hat, hat man nur bedingt gute Laune. Der „Carol“-Regisseur nahm sich für sein jüngstes Projekt eines Chemieskandals an, der nicht nur für seine direkten Opfer, sondern für die ganze Weltbevölkerung weitreichende Folgen hat. Es geht um schädliche Chemiestoffe, die über Umwege ihren Weg in den menschlichen Organismus finden – und sämtliche damit einhergehenden Gesundheitsrisiken werden seit Jahren systematisch totgeschwiegen. Der Film mit Mark Ruffalo an vorderster Darstellerfront geht den üblen Machenschaften der Konzerne penibel auf den Grund, rüttelt auf, schockiert und wirkt lange nach. Aufgemacht in bester David-Fincher-Thrillermanier ist „Vergiftete Wahrheit“ aber nicht nur von hohem aufklärerischem Wert, sondern ist auch einfach ein verdammt stark inszenierter Film, der einem die per se trockene Thematik auf einfache Weise näherbringt. Jeder, absolut jeder sollte sich „Vergiftete Wahrheit“ anschauen!

 

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und mit reichlich Verspätung ein frohes neues Jahr 2021!

Ein Kommentar

  • Das Ranking ist interessant und weist auf einige Highlights hin, die auch ich mir nicht entgehen lassen möchte. Auch die zunehmende Bedeutung von Netflix bei der Filmproduktion wird deutlich. Beeindruckend fand ich bereits die Produktionen von Roma und The Irishman zuvor. Gut gefallen hat mir insbesondere Bombshell mit beeindruckenden Schauspielerleistungen.

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