Suburbicon

Für seine neueste Regiearbeit SUBURBICON verfilmt Hollywoodstar George Clooney ein frühes Skript der Coen-Brüder. Erwartungsgemäß fühlt sich die schwarze Komödie dann auch genau so an. Ob das gut oder schlecht ist, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Willkommen im sonnigen Suburbicon, einer Vorstadtgemeinde mit immerwährend glücklichen Familien mitten im Herzen von Amerika. Mit seinen erschwinglichen Häusern und gepflegten Rasenflächen ist Suburbicon in den 1950er Jahren die idyllische Postkarten-Versiondes amerikanischen Traums. Doch das ändert sich, als mit den Meyers die erste farbige Familie in die Nachbarschaft zieht und sich der Rassismus der Gemeinde Bahn bricht. Gleichzeitig wird das Leben der Familie Lodge auf den Kopf gestellt, nachdem ein Einbruch in ihrem Haus eskaliert und zum Tod der Mutter führt. Der Familienvater Gardner (Matt Damon) und die Zwillingsschwester der Toten (Julianne Moore) geraten in einen Strudel ungewöhnlicher und verdächtiger Ereignisse, der sie immer tiefer in ein Netz von Verrat und Erpressung hineinzieht. Als der junge Sohn der Verstorbenen die seltsamen Machenschaften der Erwachsenen zu verstehen versucht, findet er sich auf Konfrontationskurs zu seinem Vater, der eine neue Familienordnung herstellen möchte. Während das Chaos, das im Zuhause der Lodges um sich greift, nach außen unbemerkt bleibt, eskalieren die Ausschreitungen um das Heim der Meyers.

Kritik

Wenn sich Regisseure eine eigene Handschrift erarbeiten, wird sich von Seiten des Publikums gern darüber mokiert, sofern ein anderer Filmemacher eine Arbeit mit ebenjener Signatur abliefert. Damit ist so etwas wie das Regiedebüt von Ryan Gosling gemeint, dessen „Lost River“ als Nicholas-Winding-Refn-Kopie abgetan wurde, der allerdings auch immer wieder betonte, sein Film sei eine direkte Hommage an sein großes Vorbild. Einer ähnlichen Kritik muss sich seit einer Weile auch George Clooney („The Monuments Men“) stellen. Mit seiner sechsten Regiearbeit an einem Langspielfilm verfilmt er ein frühes Skript der Coen-Brüder – und muss sich erwartungsgemäß anhören, sein „Suburbicon“ fühle sich ja an, wie eine lahme Kopie von Werken wie etwa „Fargo“. Natürlich erinnern diverse wiederkehrende Elemente und der gesamte Tonfall an die Arbeiten von Joel und Ethan Coen („Hail, Caesar!“) und es lassen sich gewiss Parallelen zu ihren Geschichten ausmachen. Gleichzeitig kann man Clooney schlecht einen Strick daraus drehen, das Skript der mehrfachen Oscar-Preisträger (zuletzt 2008 für „No Country for Old Men“) auch genau so umgesetzt zu haben, wie es sich die gebürtig aus Minnesota stammenden Regisseure und Drehbuchautoren bereits vor über 30 Jahren vorgestellt haben dürften – so alt ist die Urfassung des „Suburbicon“-Skripts nämlich, das für den Dreh von George Clooney selbst und dessen Stammautor Grant Heslov („The Ides of March“) überarbeitet wurde. Damit ist es älter, als die angeblichen Vorbilder; und hätten die Coens ihren Film zum damaligen Zeitpunkt selbst inszeniert, hätte sich gewiss (noch) niemand über eine zu aufdringliche Handschrift beschweren können. Heute mag der Innovationswert nicht mehr ganz so hoch sein, Spaß macht die schwarze Komödie trotzdem, die selbst dreißig Jahre nach Entstehung nichts an ihrer erschreckenden Aktualität eingebüßt hat und trotzdem jede Menge Spaß macht.

Gardner und Margeret Lodge (Matt Damon und Julianne Moore) versuchen, ein geregeltes Leben zu führen.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen George Clooney und den Coens auf dem Regiestuhl dürfte in erster Linie die Art der Erzählung sein. Wo sich die beiden Brüder stets äußerst viel Zeit nehmen, um Figuren einzuführen und deren Background-Geschichten zu etablieren, geht der Hollywood-Star weitaus geradliniger und flotter vor. „Suburbicon“ kommt nicht in dem gemächlichen Tempo bisheriger Coen-Arbeiten daher. Stattdessen wirft Clooney Hauptfiguren und Publikum direkt ins Geschehen und lässt im Rahmen der 104 Minuten Laufzeit eine skurrile Szene auf die nächste folgen. Das geht auf die Kosten der Charakterisierung; Gardner und seine Familie funktionieren zwar ohnehin als Karikaturen, doch ein wenig mehr Tiefe hätte ihren Figuren gut getan. So wird nicht ganz deutlich, ob man aufgrund ihrer überdrehten, jedwede Subtilität im Keim erstickenden Attitüde, deren dunkle Seite man außerdem schnell erahnt, tatsächlich selbst früh dahinter steigen soll, was es mit dem Überfall auf die Lodges auf sich hat, oder ob die Macher hier auf einen Twist setzen wollten, der in seiner Offensichtlichkeit allerdings nicht funktioniert. Dennoch lässt sich eines nicht leugnen: Dem Ensemble rund um Matt Damon („Der Marsianer – Rettet Mark Watney“) und der famosen Julianne Moore in einer Doppelrolle zuzusehen, die ihre Exzentrik seit der Schurkenperformance in „Kingsman: The Golden Circle“ nicht abgelegt zu haben scheint, macht einfach irrsinnig viel Spaß. Wie dreist und selbstverständlich Gardner und Margaret nach dem Tod ihrer Zwillingsschwester Rose im gemeinsamen Haus weiterleben und dabei die Intelligenz des kleinen Sohns Nicky (Noah Jupe) brachial unterschätzen, ist ganz großes Kino und voll von jenem schwarzen Humor, der sich von einem Film erwarten lässt, der auf einem Coen-Skript basiert.

Den erzählerischen Kreis erweitert George Clooney, indem er dem zwielichtigen Treiben innerhalb der Lodge-Familie die nachträglich ins Skript geschriebenen Ereignisse im Haus nebenan gegenüberstellt. Hier wird die Idylle und Harmonie der Suburbicon-Nachbarschaft auf eine harte Probe gestellt, als die erste schwarze Familie in den Ort zieht. Während der Film in den Fünfzigerjahren spielt, in denen dieser Clash der versnobten Weißen auf die vermeintlich ihnen unterstellten Schwarzen tatsächlich für schwere Konflikte gesorgt und auch zum Zeitpunkt der Drehbuchentstehung in den frühen Achtzigerjahren nichts an Relevanz verloren hätte, lassen die aktuellen Schlagzeilen und Demonstrationen aus Übersee nur einen Schluss zu: Auch jetzt, noch einmal über dreißig Jahre später, hat eine solche Thematik nichts an Zündstoff eingebüßt. In „Suburbicon“ erzählt Clooney diese Geschichte mithilfe grobmotorischer Motive; Die Familie Meyers wird von ihren Nachbarn angegriffen und bedroht, soll mithilfe von permanentem Lärm aus Suburbicon vertrieben werden und muss später sogar um ihr Leben fürchten, als ihr Auto angezündet wird. Auch hier gehen die Macher ebenso wenig subtil vor, wie bei der Zeichnung der Geschehnisse im Lodge-Haus. Darüber hinaus gelingt es Clooney nicht, beide Familienschicksale so miteinander zu verknüpfen, wie es im Anbetracht der Schlusspointe als gewollt entlarvt wird. Es genügt allerdings, um die Grundmessage hervorzukehren: All die weißen Zäune und zurechtgestutzten Büsche dienen nur der Fassade und des Wahrens eines schönen Scheins. Schade, dass Clooney aus dieser Prämisse nicht noch mehr herausholen kann, als einen verspielten Werbespot-Vorspann sowie das Herunterbrechen dieses Grundgedanken auf die Schicksale der Meyers und der Lodges.

Die Einwohner von Suburbicon versuchen, die Meyers-Familie aus ihrer Stadt zu vertreiben.

Inszenatorisch erinnert der in denn Innenräumen puppenhaft ausgestattete „Suburbicon“ mitunter an eine Soap – und das ist durchaus gewollt, denn so laufen die Ereignisse in der kurzweiligen Krimikomödie zwar völlig aus dem Ruder (vor allem gen Ende lässt George Clooney noch ordentlich Blut spritzen, was dem Film hierzulande zu Recht eine FSK-Freigabe ab 16 eingebracht hat), doch letztlich betonen Regisseur und Autoren immer wieder, dass das Geschehen stellvertretend für jede US-amerikanische, spießbürgerliche Nachbarschaftsidylle steht. Gleichwohl drehen die Macher im Laufe der eindreiviertel Stunden sukzessive so richtig auf und präsentieren ein höchst amüsantes Wechselspiel aus gepfefferten Dialogen (das Highlight ist ein Gespräch zwischen Margaret Lodge und dem von Oscar Isaac („A Most Violent Year“) gespielten Versicherungsvertreter Bud Cooper) und bitterbösem Zynismus, der die Gesellschaft als von Neid, Missgunst und Erfolg getrieben entlarvt und aus den Tätern keine angsteinflößende Schreckensgestalten macht, sondern bemitleidenswerte, arme Würstchen. Ein wenig unterbelichtet bleibt da das Geschehen innerhalb der sich von den Ereignissen vor ihrem Haus angenehm unbeeindruckt zeigenden Meyers. Das lässt sich unterschwellig zwar als Kommentar darauf verstehen, dass sich die Familie auch von noch so lauthals gegen sie wetternden Protestlern nicht einschüchtern lässt, doch gleichzeitig bleiben sie damit auf ihren Status als Opfer reduziert. Dennoch passt es da ganz gut, dass am Ende lediglich zwei Personen als Gewinner aus den Ereignissen hervorgehen – die in der Schlusssequenz ganz vorbehaltlos miteinander spielenden Söhne der Meyers und der Lodges.

Fazit: „Suburbicon“ ist so etwas wie die Fast-Food-Variante einer typischen Coen-Komödie. George Clooney nimmt sich wenig Zeit für seine Figuren und setzt stattdessen ganz auf den zynischen Unterhaltungswert der aus dem Ruder laufenden Leinwandereignisse. Denen bei ihrer Eskalation zuzusehen, macht diebische Freude. Doch ein wenig mehr erzählerische Tiefe hätte der Geschichte gut getan, um auch die Aussage dahinter noch mehr zur Geltung kommen zu lassen.

„Suburbicon“ ist ab dem 9. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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