Sinister

Scott Derrickson, Drehbuchautor und Regisseur des kleinen aber in den USA äußerst ertragreichen „Sinister“ schafft es, Bekanntes mit Neuem zu kombinieren und endlich mal wieder einen Genrevertreter zu kreieren, der das Publikum ernst nimmt. Derrickson bedient sich keiner üblichen Klischees, verzichtet auf obligatorische Schattenspiele oder dem allzu offensichtlichen Einsatz von Spannungsmusik. Das mag dem Teil des Publikums, der gerade deshalb ins Kino rennt, weil er sich durch vorhersehbare Effekthascherei unterhalten fühlt, zwar weniger gefallen, doch unterhalten kann „Sinister“ dagegen auf einer anderen Schiene: der Handlung.

Durch eine relativ langsame Erzählweise, die an vielen Stellen an ein Kammerspiel erinnert (Ethan Hawke [„Der Club der Toten Dichter“, „Gattaca“] trägt den Streifen zu weiten Teilen alleine), schafft es „Sinister“ exakt das aufzubauen, was in einem Horrorfilm von elementarer Wichtigkeit ist: Spannung, Atmosphäre. Gewisse Elemente kommen einem dabei bekannt vor, wie die berühmten „falschen Spuren“ oder die Tatsache, dass sich Nebenfiguren durch auffällige Äußerungen verdächtig machen ohne es zu sein. Dabei ist vor allem das Aufgreifen der Super 8-Thematik ein intelligenter Schachzug: Auf der einen Seite schielt der Regisseur damit in Richtung Found Footage, gleichzeitig geht er damit vollkommen anders um. Anstatt das gefundene Filmmaterial für sich sprechen zu lassen, wird es in den Mittelpunkt einer sich als fiktiv verkaufenden Story gerückt. Dadurch wird ein Film im Film zur Thematik, wodurch Regisseur Derrickson zum Teil auf den Found-Footage-Zug aufspringt, ohne auf dem sich fast totgelaufenen Thema noch einmal in derselben Art und Weise herumzutrampeln wie seine (nach wie vor erfolgreiche) Konkurrenz.

Die Handlung besitzt augenscheinlich einige Anlehnungen ans Haunted-House-Subgenre (ein Gebäude mit düsterer Vergangenheit ist an sich heute nicht mehr wirklich originell), kommt zu dem mit der klassischen „spooky child“-Thematik daher und erzählt dabei fast noch eine dramatische Story, indem sie den seelischen Verfall des Hauptcharakters beleuchtet. Dabei trägt die Handlung stellenweise zu dick auf und wirkt ab und an zu stereotyp nach dem Motto „Familie lebt sich auseinander und kann nur zueinander finden, wenn das Böse besiegt ist“. Da sich die Story schließlich in eine gänzlich andere Richtung entwickelt, lässt „Sinister“ einen Vergleich zu ähnlich angelegten Horrorfilmen jedoch nicht zu.   Der besondere Clou an dem Streifen ist die Tatsache, dass er augenscheinlich ein Durchschnittsfilm ist, sich vor allem zum Ende hin jedoch zu einem vollkommen allein stehenden und im wahrsten Sinne des Wortes unvergleichlichen Genrevertreter entpuppt.

Die Darstellungen der übersichtlichen Darstellerriege sind durch die Bank ansehnlich, wobei vor allem Ethan Hawke, der in einem Interview angab, das durchgehend unsichere Dreinblicken besonders genossen hat, heraus sticht. Das ist nicht schwer, immerhin verkörpert er die einzig wahre Hauptfigur in „Sinister“. Die anderen Figuren sind in ihren Ausführungen und ihrer Screentime nach als Nebencharaktere angelegt, was jedoch nicht stört. Zwar verkommen sie durch ihr seltenes Auftreten nicht zu lebendiger Staffage, stehlen Hawke aber auch nicht die Show. Besonders hervorzuheben sind hier die Leistungen der Jungdarsteller, wobei sich vor allem die Rolle der kleinen Clare Foley in der Rolle der Tochter im Laufe der Zeit zu einer immer zentraleren Figur entwickelt.

Fazit: „Sinister“ besitzt eine überraschende, in sich stimmige Story, die in ein unerwartetes Gänsehaut-Ende mündet. Die Darsteller, vor allem Ethan Hawke, sind hervorragend besetzt, wenngleich die klischeehafte Family-Story zwischenzeitlich nervt. Optisch überzeugen vor allem die realistischen Super 8-Aufnahmen, sowie eine durchgehend packende Atmosphäre, die nicht auf billige Schockeffekte setzt, sondern auf tiefgehende Emotionen.

„Sinister“ ist seit dem 22. November in den deutschen Kinos zu sehen.