Venom

Nach „Solo: A Star Wars Story“, „Justice League“ und „Der dunkle Turm“ kommt mit VENOM wieder eine Hollywood-Großproduktion, bei der hinter den Kulissen allerlei schief ging. Doch wie sehr ist es diesem selbsternannten Anti-Superheldenfilm anzumerken? Das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Als Journalist versucht Eddie Brock (Tom Hardy) schon seit Langem den zwielichtigen, aber genialen Gründer der Life Foundation, Carlton Drake (Riz Ahmed), zu überführen – eine Besessenheit, die ihn bereits seine Karriere und die Beziehung zu seiner Freundin Anne Weying (Michelle Williams) gekostet hat. Bei der aktuellen Recherche zu Drakes Experimenten verbindet sich das Alien Venom mit Eddies Körper und verleiht ihm nicht nur erstaunliche Superkräfte, sondern auch die Freiheit, zu tun, was immer er will. Durchtrieben, düster, unberechenbar und voller Zorn: Eddie muss lernen, die gefährlichen Kräfte, die von Venom ausgehen, zu kontrollieren. Und ist gleichzeitig berauscht von der neu gewonnen Macht, die er nun in sich spürt. Da sich Eddie und Venom gegenseitig brauchen, um ihre Ziele zu erreichen, verschmelzen sie immer mehr miteinander. Schließlich stellt sich die Frage: Ist das noch Eddie oder schon Venom?

Kritik

Déjà-vu im Hause Sony Pictures: Noch vor Kinostart ist in Branchenportalen und vereinzelten Interviews der Filmverantwortlichen von möglichen Fortsetzungen sowie Ablegerfilmen die Rede. Obwohl der Film ohne Beteiligung von Kevin Feige und seinem Kreativteam der Marvel Studios entstanden ist, spekulieren Fans und Branchenjournalisten, ob die Produktion retroaktiv ins Marvel Cinematic Universe eingewoben wird. Theorien, die durch teils offen interpretierbare, teils gezielt Öl ins spekulative Feuer gießende Aussagen einiger der Filmschaffenden befeuert werden. Und: Der Regisseur und die Produzenten verstrickten sich während der PR-Phase in widersprüchliche Aussagen. Darsteller verraten wiederum mitten in ihren Promo-Bemühungen, dass ihre Lieblingsszenen gar nicht im fertigen Film gelandet sind – genauso wie Berge weiteren Materials. Kurzum: Die Wochen und Monate, die ins Land gezogen sind, bevor Sony Pictures seine Marvel-Comicadaption „Venom“ in die Kinos gebracht hat, muten wie eine Kopie des ganzen Trubels rund um „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“ an. Kein gutes Vorzeichen, immerhin ließ sich Sony aufgrund der Fan- und Kritikerschelte, die dieser Film erhalten hat, dazu hinreißen, mit den Marvel Studios zusammenzuarbeiten und eine neue, gemeinsame Interpretation Spider-Mans auf die Beine zu stellen. Weshalb Sony dennoch die Hybris hatte, nun mit „Venom“ einen Alleingang hinzulegen und ein eigenständiges Universum aufzubauen, das von Schurken, Nebenfiguren und Anti-Helden aus den Spider-Man-Comics erzählt, bleibt ein Rätsel.

Zwischen Eddie (Tom Hardy) und Anne (Michelle Williams) herrscht dicke Luft.

Dank der Branchenberichte und der ungeschönten Interviews der „Venom“-Beteiligten ist es indes kein Rätsel, was für ein von Trubel geplagtes Projekt nun ins Kino entlassen wird. Es wurde unentwegt an der Härte der Action gewerkelt. Lange blieb unklar, wie zynisch, düster oder eben doch superheldenalltäglich der Tonfall sein soll. Und die Story wurde im Laufe der Produktion ebenfalls umgemodelt – laut Hauptdarsteller Tom Hardy („The Revenant – Der Rückkehrer“) landeten 30 bis 40 Filmminuten auf dem Boden des Schneideraums. Das klingt zunächst nach schamloser Übertreibung, immerhin hat der fertige Film eine Laufzeit von rund 112 Minuten. Bedenkt man allerdings, dass der eigentliche Film bereits nach 96 Minuten zu Ende erzählt ist, klingen Hardys Aussagen plötzlich viel glaubhafter. Der Rest der Laufzeit besteht nämlich aus einem ungewohnt langsam laufenden Abspann inklusive atypisch geräumig platzierter Credits sowie ausführlichen Bonusszenen. Insofern ist es eine mittlere Überraschung, dass „Venom“ kein derartiges Tohuwabohu darstellt wie der zwischen unfreiwilliger Komik, bewusstem Camp, intensiver Dramatik und desorientiertem Leerlauf changierende „The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro“. Ebenso wenig gelangt „Venom“ mit solch offensichtlichen kreativen Kompromissen ins Kino wie Warners und DCs „Suicide Squad“. „Venom“ befindet sich in der Riege der modernen Hollywood-Großproduktionen mit problematischer Produktionsgeschichte näher an „Solo: A Star Wars Story“, als dass es ein weitestgehend funktionaler Film ist, der eher wie ein schlichtweg unausgegorenes Projekt anmutet – und weniger wie ein Fall von „Zu viele sich streitende Köche verderben den Brei und verschütten dann auch noch die Hälfte“.

Das ist nun, je nach individueller Neigung in Sachen Filmdebakel, eine gute Nachricht oder eine schlechte. „Venom“ ist kein Frankensteinmonster aus diversen Ansätzen an ein und denselben Film, sondern hält recht effektiv die Illusion aufrecht, aus einem Guss zu sein. Bloß, dass die Gussform nicht gerade hohen Maßstäben standhält. Die größte Schwäche von „Venom“ ist das Storytelling, bei dem Behauptung stets über Umsetzung geht. Protagonist Eddie Brock wird als taffer, erfolgreicher Reporter eingeführt, als jemand, der die brennenden Fragen stellt und selbst die ganz harten Nüsse knackt. Als er jedoch die Absichten eines angesehenen Konzerns hinterfragt, erlebt er einen Karriereknick – der ihn nicht etwa bloß aus der Form bringt, sondern vollauf ändert. Nun behaupten Expositionsdialoge, dass Eddie gemeinhin ein rückgratloser Verlierer ist, der endlich lernen muss, sich durchzusetzen. Ähnlich verhält es sich mit der Dynamik zwischen Eddie und der weiblichen Hauptfigur, Anwältin Anne Weying. Das Miteinander der beiden Figuren durchfährt im Laufe von „Venom“ große Höhen und Tiefen, die Zwischenschritte sind rätselhaft. Durch Tom Hardys engagiertes Schauspiel, dem in seinen intensiven Blicken und seinem aussagekräftigen Gestus anzumerken ist, dass er sich tatsächlich für dieses Material interessiert hat, und Michelle Williams‘ Performance kaschiert „Venom“ allerdings zumindest im Ansatz, wie löchrig die Erzählung ist. Williams („Greatest Showman“) arbeitet mit einem Nichts an Story-Stoff, und dennoch legt sich die mehrfach für den Oscar nominierte Mimin ins Zeug, verkauft ebenso gut Annes Zuneigung zu Eddie wie ihre Wut und Verzweiflung.

Journalist Eddie kommt geheimen Experimenten auf die Spur…

Williams gab in Interviews zu, „Venom“ nur aus zwei Gründen gemacht zu haben: Geld und Tom Hardy, den sie als Kollegen bewundert und mit dem sie sich unbedingt mal vor der Kamera messen wollte. Und letzteres gibt den gemeinsamen Szenen von Williams und Hardy Zunder, selbst wenn Williams‘ Rolle kaum Profil hat, abgesehen von der markanten Selbstachtung, die ihr Williams mitgibt. Riz Ahmed derweil gelingt es nicht, die Makel seines Parts zu übertönen: Der „Rogue One: A Star Wars Story“-Nebendarsteller mimt eine Art manisch gewordenen Elon Musk (oder je nach Tagesform: ganz einfach Elon Musik). Doch die Haken schlagende Charakterisierung seiner Rolle und die klischeehaften Textzeilen, die er von sich geben muss, legen Ahmed quasi darstellerische Fesseln an. Und von den Logiklöchern, was die Symbiose-oder-eben-doch-nicht-Symbiose zwischen Eddie Brock und dem Alien-Symbionten Venom angeht, von dem er „infiziert“ wird, sollte man besser nicht anfangen, will man an diesem Film noch Spaß haben. Denn während Schlagwörter im Dialog einen markigen Charakterbogen suggerieren, stellt sich angesichts der Szenen zwischen den diversen Wendepunkten zumeist die Frage: Und wie kam nun dieser Sinneswandel zustande? Wenigstens macht Hardy bei all dem eine solide Figur – auch wenn er zum Spielball der etwas unentschlossenen Regieführung wird: Hardy beweist mehrmals großartiges Slapstick-Timing, während Lichtdramaturgie, Schnittfolge und Sounddesign eine dramatische bis horrorähnliche Sprache sprechen. Und Hardy guckt öfters beängstigend kränklich aus der Wäsche, wenn „Zombieland“-Regisseur Ruben Fleischer gerade den Tonfall lockert. Dadurch, dass „Venom“ ästhetisch aber kohärent und funktional-solide inszeniert daherkommt, bleiben solche heftigen, stilistischen Brüche wie in „Justice League“ oder „Suicide Squad“ jedoch aus.

Und mitten in diesem unentschlossenen, löchrigen Film kommt es dann urplötzlich zu einer Verfolgungsjagd, die sich so richtig gewaschen hat und beispielsweise mit allem, was die „Deadpool“-Filme oder das DC-Filmuniversum in Sachen Action zu bieten haben, mühelos den Boden aufwischt. Eddie Brock flieht auf seinem Motorrad vor Handlangern des undurchsichtigen Firmenmagnaten Carlton Drake, was Ruben Fleischer als robust scheppernde Actionpassage voller haptischer Stunts und Effekte einfängt: Im nächtlich-atmosphärischen San Francisco krachen Autos mit Wucht in andere Autos, Straßenlaternen und weitere Hindernisse, und Eddie Brock springt und kurvt auf seinem Zweirad spektakulär durch das hügelige Großstadtterrain. Dabei wird die reale Stuntarbeit einfallsreich durch Venoms digital verwirklichte Superfähigkeiten ergänzt: Venom wird zum übergroßen Schutzschild, krallt sich an Masten oder Laternen, um engere Kurven zu ermöglichen, oder wird zum Katapult, um mit noch mehr Tempo über die Straßen zu rasen. Die Gimmicks sind so hoch getaktet, dass dies unverwechselbar zu einer „Venom“-Verfolgungsjagd wird, die noch dazu die Handlung stützt, indem sie das sonst so unklare Zusammenspiel zwischen Eddie und dem Symbionten vorantreibt, gleichzeitig zurückhaltend genug, dass das Augenmerk weiter auf den Stunts liegt.

Als „Venom“ sind Eddie und sein Symbiont unschlagbar.

Ein weiterer, konstanter, Pluspunkt ist der Score von Ludwig Göransson. Der Komponist, der schon mit seiner Filmmusik zu „Black Panther“ begeisterte, untermalt „Venom“ mit einer lauten, krachenden, losgelösten und teils atonalen Hintergrundmusik, die in ihrer Power und kühlen Unberechenbarkeit so klingt, als wäre der metallische Soundtrack zu „The Return of the First Avenger“ von Horror- und Sci-Fi-Legende John Carpenter besessen. Dass die eingestreuten Gruselelemente zwar laut sind, dann aber schlussendlich kneifen, wenn es ans Eingemachte geht, bleibt aber frustrierend – da hat sich Sony selbst ins Knie geschossen, als man beschlossen hat, klar auf eine große Publikumsmasse zu zielen. Ebenso stoßen einige Expositionsszenen sauer auf, in denen Dinge erläutert werden, die keine Erklärung benötigen – Selbstgespräche der Marke „Was war noch einmal mein Plan?“ sind lächerlich und hätten Platz für anderes Material machen sollen, das die Story vorantreibt. Besonders beschämend ist, dass diese Passagen in der 3D-Version nahezu ohne Tiefeneffekt gezeigt werden und sich somit verdächtig machen, Ergebnisse des kurzfristigen Reshoots zu sein. Da hätte man lieber Ressourcen in das Actionfinale stecken sollen, das aus verwackelten Nahaufnahmen halbgarer Digitaltricks besteht.

Fazit: „Venom“ ist zügig erzählt und hat selbst als offensichtlich zerstückelter Film noch immer mehr erzählerischen Zusammenhang als solche Desaster wie „Justice League“ oder „Der dunkle Turm“. Gewiss, das ist keine Hürde, an der man seinen 100-Millionen-Dollar-Franchisebeginn messen möchte, aber es dürfte wenigstens Fans der Comicvorlage und/oder Tom Hardy beruhigen, dass „Venom“ szenenweise unterhält.

„Venom“ ist ab dem 3. Oktober bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen – auch in schwachem 3D!

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