Deadpool 2

Die Welt wartet gespannt auf die Fortsetzung eines Superhits – und dank penibler Geheimhaltungspolitik steht mit DEADPOOL 2 mal wieder eine ordentliche Überraschung ins Haus. Kann Das Sequel den zwar gefeierten, inhaltlich jedoch schwachen Vorgänger toppen? Das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

In Wade Wilsons (Ryan Reynolds) Leben läuft es einfach nicht rund. Nach einem weiteren schlimmen Schicksalsschlag ist der unter seiner Latexmaske entstellte Superheld wider Willen des Lebens überdrüssig und versucht, ihm ein Ende zu setzen. Doch der unkaputtbare Deadpool bleibt am Leben – auch, weil er von seinem X-Men-Kumpan Colossus (Stefan Kapicic) gerettet wird. Dieser nimmt seinen geschwätzigen Kollegen mit auf das abgeschiedene Anwesen der Mutanten, wo Deadpool die mittlerweile erwachsen gewordene Mutantin Negasonic Teenage Warhead (Brianna Hildebrand) wiedertrifft. Durch einen Zwischenfall mit dem Teenager-Mutanten Russell (Julian Dennison) alias Firefist lernt Deadpool den Superschurken Cable (Josh Brolin) kennen, der es auf den wütenden Halbstarken abgesehen hat. Zunächst kann Deadpool die Situation entschärfen – doch dann läuft die Situation plötzlich aus dem Ruder, als er und Russell in den Knast wandern…

Kritik

Im Anbetracht des 2016 nach wie vor anhaltenden Superheldenhypes war nicht davon auszugehen, dass Tim Millers Verfilmung der „Deadpool“-Comics tatsächlich floppen würde – R-Rating und die im Vorfeld stark diskutierte Besetzung von Ryan Reynolds („Killers Bodyguard“) – er war immerhin „Green Lantern“! – als fluchender Söldner hin oder her. Zu was für einem bahnbrechenden Megahit der Actionblockbuster dann allerdings wurde, überraschte selbst optimistische Branchenkenner und den Verleih selbst, denn so stark wie „Deadpool“ startete dato kein anderer Film aus dem Hause 20th Century Fox – übrigens bis heute nicht! Darüber hinaus gelang ihm der beste Start eines Filmes mit einem R-Rating sowie der erfolgreichste Februar-Start aller Zeiten. Und auch hierzulande feierten die Zuschauer den vernarbten Antihelden – 2,67 Millionen Zuschauern lösten ein Kinoticket, was die Actioncomedy zu einer der erfolgreichsten Comicverfilmungen überhaupt macht. Kurzum: „Deadpool“ war vor zwei Jahren der Must-See-Film des Jahres – und wie es uns der selbstreferenzielle Superheroe ja im ersten Teil schon so treffend erläutert hat, gehört ein Sequel zu einer erfolgreichen Superheldenmarke einfach dazu.

Wade Wilson (Ryan Reynolds) suhlt sich in Selbstmitleid, doch seine nächste Mission wartet schon.

Durch den Erfolg des Auftaktfilms deutlich mutiger geworden, stellte das Studio den Machern hierfür direkt das Dreifache des Budgets zur Verfügung. Für Regisseur Tim Miller, der mit „Deadpool“ immerhin das Privileg erhielt, als Langfilmdebüt einen groß angelegten Studiofilm zu inszenieren, kein Grund, zu bleiben – er wollte den intimen Look des ersten Teils lieber beibehalten, Reynolds dagegen deutlich mehr Krawumm in seinem Film unterbringen. Daraufhin räumte Miller das Feld und übergab das Regiezepter an Stuntman und Actionfilmexperte David Leitch („John Wick“, „Atomic Blonde“), was sich zumindest auf inszenatorischer Ebene auszahlt: „Deadpool 2“ ist dank der Stilsicherheit des selbst erst seit vier Jahren im Regiebusiness tätigen Filmemachers visuell um Einiges raffinierter als der im Vergleich zur Big-Budget-Superheldenkonkurrenz bewusst klein gehaltene erste Teil (das ging bei Produktionskosten von rund 65 Millionen US-Dollar damals auch gar nicht anders). Bereits im Prolog bekommt man davon so Einiges zu sehen – eine Bildmontage, die Deadpool bei allen möglichen Einsätzen zeigt, ist optisch wesentlich gewaltiger angelegt, als der gesamte erste Film. Darüber hinaus gibt es erneut Gags und Popkulturreferenzen am laufenden Band, die zum Teil sogar besser funktionieren, als im Vorgänger. Doch wie dieser schon krankt auch „Deadpool 2“ vor allem an einer Sache: Wenn man sich so selbstgefällig über das Superheldengenre lustig macht, sollte man die Stolperfallen, die dieses bisweilen mit sich bringt, zumindest selbst umgehen. Und genau das geschieht hier nicht.

Während „Deadpool“ 2016 von Comicfans rund um den Erdball gefeiert wurde, standen wir ein wenig ratlos daneben und konnten diesen Hype so gar nicht nachvollziehen. Wade Wilsons draufgängerische, fluchende, vor Nichts und Niemandem Halt machende Attitüde war so zwar tatsächlich noch nie dagewesen und punktete entsprechend mit einem hohen Überraschungsfaktor – es war einfach nicht abzusehen, wie weit seine Gags und selbstreferenziellen Anspielungen noch gehen würden und ein großer Teil davon war bei einer derart hohen Pointendichte ja auch richtig komisch. Doch an einer Sache hatten die Macher damals offenkundig wenig Interesse: der Handlung. Und so mussten wir den in Latex gekleideten Weltenretter eben zwei Stunden lang dabei beobachten, wie er sich durch eine allzu generische Story schlägt, während die Macher am laufenden Band betonen, wie unkreativ genau das ja eigentlich ist.

Newcomerin Zazie Beetz erweist sich als mit Abstand bester Neuzugang des Casts.

David Leitch und sein wiederkehrendes Autorenduo, zu dem diesmal auch Ryan Reynolds selbst gehört, gelingt es nun, gewisse Schwächen des Vorgängers auszugleichen: Die eingangs erwähnte Action ist dank des größeren Budgets nicht bloß hochwertiger anzusehen, sie profitiert auch deutlich vom kreativen Auge des Regisseurs, der einmal mehr diverse inszenatorische Stile kombiniert und dabei auf die ein oder andere abenteuerliche Kamerafahrt zurück greift. Darüber hinaus erlaubt sich das Drehbuch immerhin ein paar erzählerische Überraschungen. Doch schon die Auftaktsequenz mitsamt eines einmal mehr sehr kreativ inszenierten Vorspannes (zur Musik von Balladenqueen Celine Dion!) spricht für sich: Möchte man dem Zuschauer dort weismachen, dass er gerade Zeuge eines bahnbrechenden Twists geworden ist, ließ sich ebendieser zuvor sehr offensichtlich erahnen. Erst spät passiert in „Deadpool 2“ tatsächlich etwas, was einer Überraschung gleichkommt. Zuvor folgt David Leitch sehr standardisiert den ungeschriebenen Gesetzen des Superheldengenres – inklusive mangelnder Konsequenz im Finale.

Josh Brolin fühlt sich in der Rolle des Superschurken Cable sichtlich wohl.

Würde die Handlung von „Deadpool 2“ von anderen Superhelden denn Deadpool und seiner X-Force bestritten, würden sich vermutlich wieder einmal viele Zuschauer darüber aufregen, wie generisch der Film geraten ist. Je stärker die Hauptfigur selbst darüber hinwegtäuschen kann, desto besser – und da einige der Gags und Referenzen diesmal nicht mehr ganz so verkrampft daherkommen, sondern sehr viel flüssiger in die Handlung eingebunden sind, gelingt das im zweiten Teil auch bisweilen ordentlicher, als im ersten. Doch erneut verlassen sich die Verantwortlichen auf sehr simple Gag-Mechanismen – so ist etwa nur jede zehnte Beleidigung, die die Hauptfiguren hier wahllos von sich geben,in ihrer Kreativität auch wirklich komisch. Dass „Deadpool 2“ in der Hamburger Pressevorführung trotzdem mit Szenenapplaus belohnt wurde, etwas, was unter verkrampften Journalisten normalerweise so gut wie unmöglich ist, liegt wiederum an einigen herausragenden Pointen. Die Autoren nehmen einmal mehr alles Mögliche und Unmögliche ins Visier, worüber man herziehen könnte – von Reynolds‘ „Green Lantern“-Engagement über jedes erdenkliche Klischee des Superheldenkinos bis hin zur bierernsten Konkurrenz aus dem DC-Universum (wo Cable aufgrund seiner dunklen Stimme ja eigentlich hingehört!), ist erneut nichts vor Deadpools derben Sprüchen sicher. Und selbst, wer nur die Hälfte davon lustig findet, hat bei der schieren Masse immer noch genug, um sich hin und wieder genüsslich die Seele aus dem Leib zu lachen – es ist eben einfach schwer, an „Deadpool“ keinen Spaß zu haben! Auch einige treffsichere Beobachtungen von unterschwelligem Sexismus und Rassismus in Big-Budget-Studiofilmen sind ganz ohne aufdringliche Moralkeule zeitgemäß inszeniert und in ihrer Spitzfindigkeit trotzdem lustig. Doch mittlerweile hat man dieses sich ständig wiederholende Prinzip eben einfach durchschaut.

So ganz ohne Einschränkung gelungen, sind hingegen die handgemachten Actionsequenzen. David Leitch, der mehrfach sein Auge für hochmoderne Nahkampfszenen und Zerstörungsorgien bewiesen hat, sorgt mithilfe seines Stammkameramannes Jonathan Sela für Übersicht und – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz neue Perspektiven. So inszeniert er eine Autoverfolgungsjagd sogar auf dem Kopf stehend, um seinem Publikum einmal einen ganz anderen Blick auf das Geschehen zu ermöglichen. Auch eine bewusst derb inszenierte Mischung aus tumber Schlägerei, blutiger Schießerei und purem Martial Arts sorgt dafür, dass auch „Deadpool 2“ nichts von seinem R-Rating abhält. Darüber hinaus wird einmal mehr in Nahaufnahme durch Köpfe geschossen und Gliedmaßen werden abgetrennt sowie anschließend auf obskure Weise wieder zusammengeflickt – einer der Gags mit dem miesesten Timing im gesamten Film. Das geht zum Teil nicht ohne Computereffekte vonstatten, von denen einige besser, andere weniger gut geraten ist. Doch auch hier gilt: Wer sich über miese CGI-Effekte lustig macht, sollte selbst natürlich umso bessere vorweisen können.

Deadpool (Ryan Reynolds) und seine X-Force nehmen mehr schlecht als recht den Kampf gegen das Böse auf.

Neben Ryan Reynolds als das Geschehen stets an sich reißende Hauptfigur, kann „Deadpool 2“ nicht bloß mit einem bislang völlig unter Verschluss gehaltenen Cameo eines Hollywood-A-Promis punkten, sondern auch mit einigen hervorragenden Neuzugängen. Die gebürtige Berlinerin Zazie Beetz („Geostorm“) ist nicht nur mit der diverse Gagvorlagen liefernden Superkraft „Glück“ gesegnet, sondern begeistert auch als toughe Kampfamazone und einem fantastisch-trockenen Humor, mit dem sie selbst Deadpool hin und wieder die Show stiehlt. Josh Brolin („Avengers: Infinity War“) genießt sich sichtbar als „Aushilfs-Terminator“ Cable, während die X-Force-Crew in ihren sehr kurzen Auftritten humoristische Akzente setzt. Eddie Marsan („7 Tage in Entebbe“) sorgt als betont geerdet aufspielender Mutanten-Feind dagegen für eine echte Überraschung: So völlig ohne auf das überzeichnete Spiel seiner Kollegen einzugehen, sorgt er letztlich für die einzig wahre Bedrohung und könnte so auch direkt in diversen anderen Thrillern die Rolle des Schurken übernehmen.

Fazit: Die Fortsetzung des Megahits „Deadpool“ ist eine stilsicher inszenierte Actioncomedy, die sich voll und ganz auf die Erfolgsformel des Vorgängers verlässt. Durch die hohe Gagdichte ist an der albernen Superheldenorgie immer noch Vieles komisch, doch die Verantwortlichen machen Einiges, worüber sie sich eigentlich lustig machen wollen, selbst falsch. Wer Spaß am Vorgänger hatte, wird den zweiten Teil lieben. Alle anderen werden auch diesen Hype nicht verstehen.

„Deadpool 2“ ist ab dem 17. Mai bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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