Mein ziemlich kleiner Freund

Regisseur Laurent Tirard treibt den Gedanken um unser alle Bemühen um eine positive Außenwirkung auf die Spitze und lässt in MEIN ZIEMLICH KLEINER FREUND eine große Frau einen kleinen Mann daten – und fast daran verzweifeln. Doch ist dieser etwas andere Blick auf die Liebe gelungen? Das verrate ich in meiner Kritik.Mein ziemlich kleiner Freund

Der Plot

Diane (Virginie Efira), Anwältin und Single, erhält eines Abends einen unerwarteten Anruf. Am anderen Ende der Leitung: Alexandre (Jean Dujardin), ein charmanter Architekt, der von ihrem Handy aus anruft, welches sie in einem Restaurant hat liegen lassen. Nach einer kleinen Plänkelei willigt Diane gerne in ein Treffen zur Übergabe ein. Doch die Verabredung nimmt eine so nicht erwartete Wendung. Denn als Diane im Restaurant auf Alexandre trifft, steht vor ihr: ein Winzling, gerade mal knapp 1,40 m groß! Nachdem dieser allerdings so unbeschwert mit seiner „Größe“ umgeht und sie auf die verrücktesten Dates entführt, weicht bei Diane der anfängliche Schock einer großen Sympathie für diesen Mann. Und der Sympathie folgt Liebe. Dianes Umfeld jedoch reagiert konsterniert auf das ungleiche Paar. Und am Ende stellt sich die Frage: Besitzt Diane die Größe, die Skepsis der Umstehenden zu ignorieren und auf ihr Herz zu hören?

Kritik

Eine positive Wirkung nach außen ist heutzutage das A und O. In zahlreichen Netzwerken lassen wir Fremde an unserem Alltag teilhaben. Je glücklicher wir und je makelloser unser Leben wirkt, desto mehr Bestätigung von Anderen erhoffen wir uns im ewigen Kampf um Anerkennung. Doch was passiert, wenn sich unsere Vorstellung eines perfekten Lebens mit dem beißt, was unsere Umgebung darüber denkt? Diesen Gedanken versucht der französische Regisseur Laurent Tirard in seiner RomCom „Mein ziemlich kleiner Freund“ zu ergründen, indem er eine Frau normaler Größe einen Kleinwüchsigen daten lässt. Ein eigentlich ideales Thema für einen Regisseur, der sich vor allem darin gut versteht, den Blickwinkel seiner Protagonisten anzunehmen; und sei dieser noch so weit von dem eines erwachsenen Mannes entfernt. Die „Der kleine Nick“-Filme sind dafür der beste Beweis. Die auch hierzulande immer beliebteren Kinderabenteuer bestechen insbesondere durch die lebensechten Dialoge. So wie in „Der kleine Nick“ sowie „Der kleine Nick macht Ferien“ gesprochen, gestritten und gefeixt wird,  genau so geschieht es auch im echten Leben, denn Laurent Tirard weiß überraschend genau um die Gefühle und Gedanken noch so unterschiedlicher Persönlichkeiten. Genau das ist auch die Stärke seiner sympathisch daherkommenden Kleinwuchs-Komödie. Schade nur, dass sich das vollkommen authentische Feeling aus Tirards Vorgängerfilmen nie so ganz entfalten kann. Den Mut, tatsächlich einen Kleinwüchsigen für die Hauptrolle des charismatischen Alexandre zu besetzen, hatte der Regisseur nämlich nicht.

Virginie Efira

Stattdessen bekommen wir die „französische Antwort auf George Clooney“ als Alexandre zu sehen, wie Jean Dujardin von der Yellow Press immer wieder genannt wird. Und tatsächlich gelingt dem „The Artist“-Star der Spagat zwischen ansteckendem Lebensmut und melancholischem Selbstzweifel auf absolut glaubwürdige Weise. Obwohl ihm das von Laurent Tirard selbst verfasste Skript keine übermäßig stark ausgeprägten Ecken und Kanten zugesteht – Alexandre ist abgesehen von seiner Größe tatsächlich das charmante Paradebeispiel eines Traummannes – verpasst Dujardin ihm viel Wiedererkennungswert, ohne seine ganze Bandbreite an schauspielerischem Können voll ausspielen zu können. Verkleinert wurde der Mime indes am Computer. Und das ist dann leider auch immer wieder ein Problem, denn eine besondere Finesse hat man für diesen technischen Kniff nicht aufgebracht. Jean Dujardin ist während des gesamten Films einfach nur eine kleinere Version seiner selbst. Veränderungen innerhalb der Körperproportionen gibt es nicht und auch besondere Kamerawinkel und Beleuchtungstricks lässt der Regisseur nicht zum Zuge kommen, um die Schwierigkeiten innerhalb dieses Schrumpfprozesses so auszugleichen, dass der Zuschauer nicht die ganze Zeit vor Augen geführt bekommt, es hier eigentlich mit einem normal großen Jean Dujardin zu tun zu haben. Die Interaktion zwischen der umwerfend natürlich aufspielenden Virginie Efira („Birnenkuchen mit Lavendel“) und dem vermeintlich kleineren Dujardin funktioniert dafür ganz ausgezeichnet. Konzentriert man sich ausschließlich auf ihre Spielweise, könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, Dujardin hätte besagte Zentimeter eingebüßt.

Auch die Handlung wird über weite Strecken von Efira getragen. Die charismatische Belgierin legt sichtbar viel Leidenschaft in die Verkörperung ihrer von Gewissensbissen geplagten Rolle, für die das Skript einige Stolpersteine parat hat. Die Annäherungsversuche zwischen Diane und Alexandre zeichnet Tirard behutsam und liebevoll; gleichsam platziert er einige schmerzhafte Konfrontationen mit dem durchaus als Problematik verstandenen Kleinwuchs der männlichen Hauptfigur. Als Diane und Alexandre beim gemeinsamen Spazierengehen eine Frau mit ihrem Sohn treffen und die beiden Jungs denselben Pullover tragen, ist das nur auf den ersten Blick lustig. Diesem Moment wohnt eine Tragik inne, die wie viele andere Szenen in „Mein ziemlich kleiner Freund“ auch ganz nebenher zeigt, wo die Gesellschaft nicht mitdenkt, sobald ein Mensch nicht der vermeintlichen Norm entspricht. Dabei sind die irritierten Äußerungen von Dianes Umfeld noch das geringste Problem. Schon die Größe herkömmlicher Möbel stellt Alexandre hier und da vor Problemen, aus denen der selbstbewusste Mann eigentlich nie welche macht. Erst die Erkenntnis darum, dass all den Dingen, die das junge Paar tut, eine gewisse Form der leichtfüßigen Selbstverständlichkeit fehlt, verleiht der Komödie tragische Facetten.

Mein ziemlich kleiner Freund

Trotzdem ist „Mein ziemlich kleiner Freund“ über weite Strecken äußerst unterhaltsam geraten. Die Lovestory kommt mit einem richtigen Maß an Drive daher (schon anhand der Eröffnungsszene, in der Diane und Alexandre übers Telefon flirten, legt absolut glaubhaft nahe, weshalb die junge Frau dem Mann Hals über Kopf verfällt) und die zwischendurch eingestreuten Zweifel geben dem Ganzen die notwendige Tiefe. Einige Running Gags wie etwa Alexandres andauernde Konfrontation mit einem ihn mehrmals über den Haufen rennenden Hund wirken derweil nur allzu deplatziert in dem ansonsten so subtil erzählten Film. Darüber hinaus zeigt sich Laurent Tirard auch im effekthascherisch inszenierten Finale nicht mehr mit dem Fingerspitzengefühl ausgestattet, durch welches sein Film vorab punkten konnte. So bleibt am Ende hauptsächlich die Frage stehen, weshalb noch nicht einmal für so einen Film die marketingtaugliche Wirkung nach außen ignoriert werden kann. Sicherlich lässt sich mit einem Jean Dujardin besser werben. Doch gerade die (zugegebenermaßen recht simple) Botschaft, dass es auf die inneren Werte ankommt, führt Tirard mit seiner Wahl eines Hollywoodbeaus in der Rolle eines Kleinwüchsigen doch irgendwie ad absurdum.

Fazit: „Mein ziemlich kleiner Freund“ ist eine durch und durch sympathische Tragikomödie, die aufgrund ihres Castings nicht aus den Vollen schöpfen kann. Abgesehen von der technischen Komponente sind Skript und Inszenierung weitestgehend gut geraten. Nur den letzten Funken Glaubwürdigkeit verspielen die Macher mit ihrem Bedacht darauf, bloß nicht von der Norm abzuweichen.

„Mein ziemlich kleiner Freund“ ist ab dem 1. September in den deutschen Kinos zu sehen.

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