Here

Das zentrale Gimmick von Robert Zemeckis‘ Slice-of-Life-Drama HERE ist eine starre Kameraperspektive, die über einhundert Minuten ein und denselben Fleck einfängt – über eine Zeitspanne von mehreren Jahrhunderten. Das kann schnell statisch wirken, wird aber von allen Beteiligten vor und hinter der Kamera mit viel, viel Leben gefüllt.

OT: Here (USA 2024)

Darum geht’s

Ein Fleckchen Erde, eine Kamera und viele, viele Jahrhunderte vor ihrer Linse: Angefangen bei den Dinosauriern, über das Auftauchen der ersten Menschen bis hin in die Gegenwart, schildert „Here“ aus einer einzelnen Perspektive die Schicksale vieler verschiedener Familien. Im Zentrum stehen die Youngs, allen voran das Ehepaar Richard (Tom Hanks) und Margaret sowie Richards Eltern Al (Paul Bettany) und Rose (Kelly Reilly). Auf den Antrittsbesuch bei den Schwiegereltern folgen Hochzeit, Kinder und das Älterwerden. Der ganz normale Alltag eben, immer wieder unterbrochen von Abstechern in die teilweise weit zurückliegende Gegenwart und in die Zukunft.

Kritik

James Cameron ist vermutlich der erste Name, der einem bei dem Schlagwort „tricktechnische Revolution“ einfällt. Über die vielen Jahrzehnte seines Schaffens hat der „Terminator“- und „Avatar“-Regisseur immer wieder die Grenzen des bis dato Möglichen gesprengt und wurde infolgedessen mit einem massiven Publikumszuspruch belohnt. Nicht zu verachten ist allerdings auch das Wirken einer weiteren Kino-Persönlichkeit. Robert Zemeckis („Willkommen in Marwen“) führt mit seiner Arbeit zwar nicht die ersten Plätze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten an, Filmgeschichte geschrieben hat er aber trotzdem. Sei es mit einer der ersten Anwendungen des Motion-Capture-Verfahrens („Der Polarexpress“), der Verschmelzung aus Real- und Animationsfilm („Falsches Spiel mit Roger Rabbit“) oder der Verwendung von Deepfakes in „Forrest Gump“. Apropos Letzterer: Für Schauspiellegende Tom Hanks („Sully“) stellte die preisgekrönte Tragikomödie den großen Durchbruch dar – und für Robin Wright („House of Cards“) ebenso. Nun holt Zemeckis die beiden noch einmal gemeinsam vor die Kamera und sorgt für ein Déja Vu. Denn über einen gewissen Zeitraum des Films scheinen die beiden seit „Forrest Gump“ kaum einen Tag gealtert zu sein. De-Aging heißt das Zauberwort.

Bald schon wird an dieser Stelle ein Haus stehen…

Das ist aber noch lange nicht der USP von „Here“, einer Verfilmung der gleichnamigen Graphic Novel von Richard McGuire. Das technische Kabinettstückchen dieses ganz besonderen Slice-of-Life-Films ist die Kameraarbeit. Wenngleich man schon ein wenig schmunzeln muss, wenn im Abspann der Name von Kameramann Don Burgess (fotografierte für Zemeckis bereits „Forrest Gump“) über die Leinwand flimmert; Augenscheinlich hatte der für den Film schließlich nur ein einziges Mal eine Kamera aufzustellen. Den Rest erledigte der Schnitt in der nachfolgenden Montage. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn gerade, weil das große inszenatorische Gimmick von „Here“ eine festinstallierte Kamera ist, sind die abwechslungsreiche Raumgestaltung sowie das Ausnutzen der Dreidimensionalität der verschiedenen Bildausschnitte umso entscheidender. So bleibt zwar der Kamerawinkel über die gut einhundert Minuten identisch, aber der Film fühlt sich trotzdem nie statisch an. Das liegt zum einen an der hier dargestellten Zeitspanne und auch, wie mit den verschiedenen Zeitebenen umgegangen wird. „Here“ beginnt mit einer Aufnahme aus der Kreidezeit, in der eine Handvoll Dinosaurier kurz vor ihrem Untergang steht. Anschließend sehen wir zwei Angehörige eines indigenen Volkes, werden Zeuge, wie auf dem eingefangenen Fleckchen Erde ein altehrwürdiges Herrenhaus entsteht und landen final im Hier und Jetzt. Verschiedene Jahrhunderte, unterschiedliche Szenarien, ein und derselbe Ort – „Here“ ist eine Studie der Vergänglichkeit.

„Gerade, weil das große inszenatorische Gimmick von ‚Here‘ eine festinstallierte Kamera ist, sind die abwechslungsreiche Raumgestaltung sowie das Ausnutzen der Dreidimensionalität der verschiedenen Bildausschnitte umso entscheidender.“

Doch anstatt chronologisch zu erzählen, würfeln Zemeckis und sein Co-Autor Eric Roth (schrieben auch „Forrest Gump“ zusammen) die verschiedenen Zeitebenen munter durcheinander. Zwar bildet die Geschichte der Familie Young, der auch das von Hanks und Wright gespielte Paar angehört, das Herz der Geschichte, während die zahlreichen Schicksale anderer Paare und Familien um sie herum lediglich am Rande beleuchtet werden (insbesondere das Leben der ersten dort ansässigen afroamerikanischen Familie macht in den wenigen Momenten ihres Auftretens Lust darauf, deutlich mehr über sie zu erfahren). Aber umso besser bekommt man ein Gefühl dafür, was für ein immenser Zeitraum zwischen den einzelnen Storys vergeht. Da ist es dann auch völlig egal, dass das Schicksal der Dinosaurier auf die Lebensgeschichte der Youngs natürlich überhaupt keine direkten Auswirkungen hat. Aber es verstärkt das Gefühl für die zeitlichen Dimensionen, die Zemeckis hier ausfüllt. Und es macht wehmütig. Denn es führt einem auch die Unwichtigkeit jeder einzelnen Figur in „Here“ vor Augen – und damit unsere eigene. Das wird einem nicht nur dann schmerzhaft bewusst, wenn der Film einen direkt mit dem Sterben konfrontiert.

…in dem irgendwann auch Margaret (Robin Wright) und Richard (Tom Hanks) wohnen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Schicksale der Figuren einem ebenso gleichgültig sind wie der Welt selbst. Es ist schon eine clevere Idee, mit Tom Hanks und Robin Wright das (Traum-)Paar aus „Forrest Gump“ wieder zu vereinen. Schließlich genießen die beiden vor allem im Zusammenspiel einen immensen Sympathievorschuss. Die dem Cast zuteilwerdende Aufgabe ist allerdings gar nicht so leicht auszufüllen. Jede und jeder in „Here“ spielt letztlich nur „Eine oder Einen von vielen“, einen Jedermann, eine Jederfrau, fast schon einen Platzhalter, der eigentlich „nur“ das Lebensgefühl einer bestimmten Dekade wiedergeben soll. Folglich bleiben in „Here“ die ganz großen Konflikte aus. Kinder werden geboren, es wird geheiratet, die Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar und sogar die Corona-Pandemie findet als wohl aktuellster Eintrag in die Weltgeschichte eine kurze Erwähnung. Slice-of-Life eben – aber mit einer bemerkenswerten Intensität, wie sie wohl nur von dem hier performenden Ensemble sowie einem Regisseur wie Robert Zemeckis dargeboten werden kann. Sie alle machen aus den „Niemanden“ in „Here“ Figuren, deren Schicksal einen berührt, eben weil sie zum Großteil so sind wie die Menschen, die das Geschehen gerade auf der Leinwand verfolgen. Das mag manch einem zu wenig sein – genauso wie sich nicht jedem das Prinzip von Lebenssimulationen à la „The Sims“ erschließt; Alltag hat man schließlich jeden Tag. Doch wer sich auf „Here“ einlässt, wird mit einem intensiven Streifzug durch die menschliche Geschichte belohnt, der mit der Zeit eine immer größere Emotionalität offenbart.

„Kinder werden geboren, es wird geheiratet, die Wirtschaftskrise macht sich bemerkbar und sogar die Corona-Pandemie findet als wohl aktuellster Eintrag in die Weltgeschichte eine kurze Erwähnung. Slice-of-Life eben – aber mit einer bemerkenswerten Intensität.“

Dass „Here“ nicht in Eintönigkeit verfällt, liegt auch am Editing durch Jesse Goldsmith („Pinocchio“). Für Szenenübergänge nutzt er meist gleich mehrere Splitscreens auf einmal und enthüllt die neue Szene so, als würde er mithilfe von sukzessive entfernten Puzzleteilen eine neue Ebene freilegen. Das ist nicht nur zu gleichen Teilen verspielt und kreativ, sondern bringt zusätzliche Kurzweil in einen Film, der sehr schnell dazu tendieren könnte, sich in seinen hier dargestellten  Banalitäten zu verlieren und dadurch selbst banal zu werden. Vielleicht sind die in „Here“ thematisierten Dinge ja sogar auch ein Stückweit banal. Denn nichts davon hat man so oder ähnlich nicht schon in zahlreichen anderen Filmen (und im eigenen Leben) gesehen. Aber so geballt in ohnehin nicht sehr üppigen eindreiviertel Stunden lässt sich Vergänglichkeit vielleicht sogar umso besser greifbar machen – und dann ist „Here“ plötzlich alles andere als banal.

Anderes Wohnzimmer, andere Familie: Lee und Stella Beekman (David Fynn und Ophelia Lovibond).

Fazit: Eigentlich zeigt Robert Zemeckis in „Here“ lediglich die Banalitäten des Alltags, immer wieder unterbrochen von Abstechern in eine teilweise weit entfernte Vergangenheit oder die nahe Zukunft. Doch dank seines Gimmicks, diese wenigen Quadratmeter Erde und all das, was auf ihr passiert, aus nur einer einzigen starren Kameraperspektive abzubilden und dabei ganz viele verschiedene Schicksale über die Leinwand flimmern zu lassen, entwickelt sich ein warmes, melancholisches und dabei doch immer auch schönes Gefühl dafür, wie vergänglich unser aller Leben doch ist.

„Here“ ist ab dem 12. Dezember 2024 in den deutschen Kinos zu sehen.

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