Sully

Captain SULLY Sullenburger ging durch das „Wunder auf dem Hudson“ in die Fluggeschichte ein, als er im Jahr 2009 sein abstürzendes Flugzeug auf dem Wasser notlandete und damit allen an Bord befindlichen Menschen das Leben rettete. Trotzdem stellte man die Frage, ob Sully mit dieser Aktion tatsächlich richtig gehandelt hat. Clint Eastwood verarbeitet diese irre Geschichte nun in seinem neuesten Film. Wie gut der geworden ist, das verrate ich in meiner Kritik.Sully

Der Plot

Am 15. Januar 2009 erlebte die Welt das „Wunder auf dem Hudson“, als Captain „Sully“ Sullenberger (Tom Hanks) sein defektes Flugzeug im Gleitflug auf dem eisigen Wasser des Hudson River notlandete und das Leben aller 155 Menschen an Bord rettete. Doch während Sully noch von der Öffentlichkeit und in den Medien für seine beispiellose flugtechnische Meisterleistung gefeiert wird, beginnt man bereits mit der Untersuchung des Falls, der droht, seinen Ruf und seine Laufbahn zu ruinieren…

Kritik

Regie-Altmeister Clint Eastwood steht auf Heldengeschichten. Das geht sogar so weit, dass er Menschen zu Heroen hochstilisiert, bei denen man sich die Frage stellt, ob das überhaupt so geschehen darf. Sein letzter Film „American Sniper“ sorgte für massig Furore. Selbst aus den eigenen Reihen hagelte es Kritik, da es der 86-jährige Kalifornier mit seinem Oscar-nominierten Scharfschützen-Porträt versäumte, sich klar zu positionieren. Aus einem komplexen, mit fragwürdigen Wertevorstellungen ausgestatteten Kriegsveteran machte Eastwood einen stolzen Patrioten; die anklagenden Untertöne musste man als Zuschauer schon selbst walten lassen. Zu viel für einen Großteil des Publikums, der „American Sniper“ fälschlicherweise als eine Art Kriegspropagandafilm auffasste. Dagegen erscheint „Sully“, die filmische Aufbereitung des sogenannten „Wunders auf dem Hudson“, fast wie eine Wiedergutmachung. In der Geschichte um den Piloten Chesley B. Sullenberger, der Anfang 2009 eine riskante Notwasserung auf dem Hudson River durchführte, geht es ebenfalls um einen Helden, dem die menschliche Angst davor, von der Norm abzuweichen, diesen Status nur zu gern aberkannt hätte. Eastwood inszeniert seine eigentlich abenteuerfilmtaugliche Story als nüchtern erzählten Gerichtsfilm mit hochdramatischen Einschüben, dessen Prämisse nicht nur wütend macht, sondern in seiner Symbolik auch ein erschreckend realistisches Abbild der von Perfektion getriebenen Gesellschaft darstellt.

Captain Sullenberger und sein Co-Pilot Jeff Skyles

Captain Sullenberger (Tom Hanks) und sein Co-Pilot Jeff Skyles (Aaron Eckhart)

Man muss es sich einmal vorstellen: Ein Mann rettet insgesamt 155 fremde und sein eigenes Leben – und muss sich schließlich der Frage ausgesetzt sehen, ob dieser beeindruckende Akt nicht auch irgendwie hätte vermieden werden können. Schon beim Ansatz zu dieser Diskussion ist es schwer, angesichts des aus allen Poren hervorquellenden Zynismus nicht die Beherrschung zu verlieren, doch Captain Sully musste genau dieses nahezu unmenschliche Martyrium über sich ergehen lassen. Mit der Wahl dieses Schwerpunktes geht Eastwood exakt konträr zu jenem in „American Sniper“ vor: Hier wurde nicht gefragt, ob Scharfschütze Chris Kyle tatsächlich ein Held ist – als Zuschauer hatte man es so hinzunehmen, wollte man seinen Kopf für eigene Überlegungen nicht anstrengen. In „Sully“ hingegen wird genau diese Heldenfrage gestellt; und das, wo man es eigentlich nicht tun dürfte. In einem entscheidenden Moment verweist Tom Hanks („Ein Hologramm für den König“) alias Captain Sullenberger auf den menschlichen Faktor, den das Flugsicherheitsgremium in seiner mitunter ganz schön herabwürdigenden Bestandsaufnahme konsequent unberücksichtigt lässt. Da werden Aufnahmen aus Flugsimulatoren gezeigt, in denen (vorbereitete!) Piloten das Szenario, dem sich Sully ausgesetzt sah, nicht auf dem Hudson, sondern auf einem herkömmlichen Flughafen zu Ende bringen – und damit eben nicht die Leben von Crew und Passagieren gefährden. Der Captain wird nach seinem Alkohol- und Drogenkonsum befragt, ob es vor dem Flug innerfamiliäre Differenzen gab, oder wie viele Stunden er vor dem Flug geschlafen hat. All diese Fragen muten auf den ersten Blick routiniert an, zumal sie angesichts einer solchen Beinahe-Katastrophe ja auch gestellt werden müssen, um ähnliche Szenerien zu vermeiden. Doch bei näherem Hinsehen steckt in ihnen auch jede Menge Häme und Spottlust.

Dass man diese Fragen stellen muss, ist eine Sache. Doch Eastwood und sein Drehbuchautor Todd Komarnicki („Verführung einer Fremden“) finden genau den richtigen Blickwinkel, um den Zuschauer für die vorherrschende Idiotie dieses Frage-Antwort-Spiels verständlich zu sensibilisieren. Wenngleich sich die Macher nie über den Prozess an sich lustig machen, positionieren sie sich doch ganz klar auf Seiten von Captain Sullenberger, den Tom Hanks gewohnt übersouverän zum Leben erweckt. Eine optische Ähnlichkeit lässt sich zwischen dem echten Vorbild und dem Schauspieler zwar nicht ausmachen, doch wer Captain Sully einmal in einer Talkshow oder in einem seiner vielen Interviews erlebt hat, der erkennt, dass Niemand besser in diese Rolle gepasst hätte, als der von Natur aus so viel Warmherzigkeit ausstrahlende Hanks.  Selbst wenn man davon ausgeht, Eastwood hätte in der mitunter fast überfürsorglichen Charakterzeichnung seines Piloten ein wenig dick aufgetragen, lassen sich die entsprechenden Sätze als tatsächlich so gefallen nachweisen (als besonders rührend erweist sich eine Szene, in der Sully darauf verweist, nicht allein für dieses „Wunder“ verantwortlich gewesen zu sein, sondern dass er dieses nur mit der Hilfe aller bewerkstelligen konnte). Den Eastwood-typischen Pathos findet man schließlich im Abspann, wenn er alle Passagiere und den Captain vor der Kamera versammelt und sie alle noch einmal ihre Sitzplatznummer in die Kamera sagen lässt.

Captain Sullenberger erkundigt sich nach der Katastrophe persönlich, ob es Crew und Passagieren gut geht.

Captain Sullenberger erkundigt sich nach der Katastrophe persönlich, ob es Crew und Passagieren gut geht.

Trotz des alles in allem äußerst positiven Eindrucks dauert es eine Weile, bis „Sully“ zu einem angenehmen Rhythmus findet. Da Clint Eastwood nicht chronologisch erzählt, sondern die Zeit der Befragung mit Rückblenden anreichert, die nach und nach die Ereignisse am Tag der Katastrophe schildern, ergibt sich erst im Schlussakt ein Überblick über die eigentliche Situation. Das ist schade, da der Erzählfluss bis dahin immer wieder unterbrochen wird und sich zudem nicht ganz erschließt, weshalb Eastwood überhaupt so erzählt, wie er es hier tut. Gleichwohl bleibt festzuhalten, dass „Sully“ die Spannung konstant hoch hält. Lassen sich andere Filme dieser Art (uns fällt an dieser Stelle natürlich sofort Robert Zemeckis‘ „Flight“ ein) in zwei Hälften teilen, in denen die erste die Katastrophe und die zweite die Folgen schildert, wechseln sich die spektakulär und auf technisch brillantem Niveau inszenierten Szenen des Absturzes mit den ruhigen, an ein Gerichtsdrama erinnernden Befragungsszenen ab. Zwischendurch nimmt sich das Drehbuch auch noch ein wenig unbeholfen die Zeit, die von Laura Linney („Mr. Holmes“) gespielte Ehefrau Lorraine Sullenberger zu Wort kommen zu lassen. Die kurzen Einschübe der zwischen ihr und Sully stattfindenden Telefonate wirken leider in erster Linie wie klassisches Pflichtprogramm. Eastwood widmet ihr zu wenig Zeit, um auch die familiär prekäre Situation hier so darzubieten, dass die dramatische Fallhöhe innerhalb der Ereignisse zusätzlich vergrößert wird.

Fazit: Im Gegensatz zu seinem letzten Film „American Sniper“ findet Regisseur Clint Eastwood in „Sully“ genau den richtigen Erzählschwerpunkt, um einem den Irrsinn um die Held-oder-kein-Held-Diskussion besonders nahe zu bringen. Stark gespielt und auf technisch hohem Niveau ist das Oscar-taugliche Katastrophendrama außerdem.

„Sully“ ist ab dem 1. Dezember in den deutschen Kinos zu sehen.

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