Mulan

Disneys lange Liste der Remakes wird um einen Eintrag länger – wenngleich in Deutschland nur auf Disney+ zu sehen, nachdem die Corona-Krise die Kinobranche durcheinandergewirbelt hat. Ob MULAN ins Lichtspielhaus gehört hätte, erfahrt ihr in unserer Kritik.

OT: Mulan (USA/CAN/HKG 2020)

Der Plot

Der mächtige Kaiser von China (Jet Li) muss sein Land gegen Eindringlinge aus dem Norden beschützen und lässt daher Hunderte und Aberhunderte von Männern zum Armeedienst einziehen. Ein Mann aus jeder chinesischen Familie soll für ihn in den Kampf – darunter auch der Vater der jungen Mulan (Yifei Liu), Zhou Hua (Tzi Ma). Als alter, pflichtbewusster Veteran will er den Einberufungsbefehl selbst krank und arg geschwächt befolgen. Mulan ist sich jedoch sicher: Wenn er in den Krieg zieht, wird ihr Vater es nicht überleben. Kurzerhand beschließt Mulan also, sich als Mann zu verkleiden und selbst in die Schlacht zu schreiten. Unter dem Namen Jun Hua begibt sich auf eine gefährliche Reise durch China, um sich dem Militär anzuschließen und unter Kommandant Tung (Donnie Yen) die knallharte Ausbildung zur Kriegerin, beziehungsweise zum Krieger, zu absolvieren. Doch sie hat es nicht nur mit dem Rest der Rekruten zu tun, sondern bald auch mit der dunklen Magie der Widersacher Chinas …

Kritik

Die Disney-Studios halten sich wahrlich nicht mit Remakes zurück. Allein in der jüngeren Vergangenheit gab es lose Neuverfilmungen bekannter Disney-Titel, wie „Elliot, der Drache“ oder „The Jungle Book“, Filme wie „Cinderella“ und „Dumbo“, die die Prämisse des Zeichentrickfilms genommen und thematisch um viele Facetten ergänzt haben, sowie Filme wie „Aladdin“, „Die Schöne und das Biest“ oder „Der König der Löwen“, die in aufsteigender Intensität an ihrer Vorlage hafteten. „Mulan“ lässt sich da irgendwo zwischen „Elliot, der Drache“ und „Cinderella“ verorten: Es gibt Szenen, die ähnlich, aber etwas geerdeter, ablaufen als im Disney-Zeichentrickerfolg von 1998. So verursacht die von Yifei Liu gespielte Mulan, wie zuvor schon die gezeichnete Mulan, bei einer Heiratsvermittlerin aufgrund eines Krabbeltiers slapstickhaftes Chaos. So wird ihr heimliches, nächtliches Bad in einem See zu komödiantischem Effekt von einem Mann unterbrochen, dem gegenüber sie ihre Identität zu verbergen versucht. Und der elegante, verspielt arrangierte Score von Harry Gregson-Williams („Der Marsianer – Rettet Mark Watney“) greift wiederholt Melodien aus dem Disney-Zeichentrickfilm auf.

Gemeinsam mit einer Heerschar von Kriegern begibt sich Mulan (Yifei Liu) in die Schlacht.

Doch die direkten Referenzen, geschweige denn die in ihrem Ablauf nah am Animationsfilm orientierten Sequenzen, fallen in „Mulan“ deutlich sporadischer aus als noch in „Cinderella“. Das dürfte, einmal eiskalt wirtschaftlich betrachtet, daran liegen, dass eine genauere Adaption des Zeichentrickfilms nicht im Interesse des Disney-Konzerns lag: Da der boomende Kinostandort China immer wichtiger wird, um exorbitante Budgets von Hollywood-Filmen zu rechtfertigen, und sich Disney mit der Eröffnung des überaus kostspieligen Shanghai Disneylands zunehmend um die Gunst des chinesischen Publikums bemüht, wäre ein „Mulan“-Remake im „Aladdin“- oder gar „Die Schöne und das Biest“-Sinne nahezu fatal. Denn gemeinhin ist der hier als Disney-Klassiker umjubelte Film von 1998 in China sehr unbeliebt – die Volksballade, auf der der Film basiert, ist in China ein Kulturgut mit hohem sentimentalen Wert, weshalb die freie Adaption Disneys und die hohe Schlagzahl an komödiantischen Elementen beim chinesischen Mainstream durchfällt. Und dass eine in der Ballade nicht vorkommende, neu erfundene Figur (nämlich der sprechende Drache Mushu) nach einer Speise benannt ist, wirkt auf Chinesen zumeist so, wie Deutsche es wohl fänden, würde Disney den „Ring der Nibelungen“ als Zeichentrickfilm adaptieren und dafür ein sprechendes Schwein in Lederhosen erfinden, das „Schweinshaxn mit Knödeln“ heißt.

„Gemeinhin ist der hier als Disney-Klassiker umjubelte Film von 1998 in China sehr unbeliebt – die Volksballade, auf der der Film basiert, ist in China ein Kulturgut mit hohem sentimentalen Wert, weshalb die freie Adaption Disneys und die hohe Schlagzahl an komödiantischen Elementen beim chinesischen Mainstream durchfällt.“

Also: Raus mit Mushu. Raus mit dem attraktiven, freundlichen Mentor und Love Interest Li Shang. Rein mit chinesischer Philosophie und einem größeren, charakterbasierten Ernst. So weit das Kalkül – ohne diese Überlegungen, wie sich Disney in China besser darstellen könnte, gäbe es den Film nicht. Doch, wie es in der Kunst schon seit Jahrhunderten der Fall ist: Auch eine Auftragsarbeit kann eigene, reizvolle Qualitäten entwickeln. Sie muss nicht zwingend zum Produkt werden. Das gilt glücklicherweise auch für „Mulan“. Regisseurin Niki Caro („Whale Rider“) inszeniert diese ruhigere, dramatischere, elegantere Neuerzählung des „Mulan“-Stoffes ganz so, wie es in ihrer Natur als Geschichtenerzählerin liegt. Filme wie „Die Frau des Zoodirektors“ haben sie als Regisseurin mit Sentimentalität im Popcornkino-Stil etabliert, und diese Attitüde füllt „Mulan“ gekonnt aus. Caro lässt Mulans inneres Hadern, für sich, ihr Vaterland und die Ehre ihrer Familie zu kämpfen, indem sie etwas als ehrenlos dargestelltes begeht, oftmals in wortkargen oder völlig non-verbalen Sequenzen zum Ausdruck kommen. Und die obligatorischen Slapstick-Einlagen und „Ich gebe mich als Mann aus“-Situationskomik, die „Mulan“ dieser Ruhe und Dramatik zum Trotz als spaßigen Film für fast die ganze Familie markieren, gehen Caro unaufdringlich und charmant von der Hand.

Aus Liebe zu ihrer Familie begibt sich Mulan an die Front.

So platt manche Gags auf dem Papier sein mögen, gestaltet Caro sie so, dass sie letztlich doch Mulans Charakterisierung ergänzen, da sie zugespitzte Situationen sind, in denen die Protagonistin die Contenance bewahren muss. Wenn man Fan des Zeichentrickfilms ist, drängen sich manche Vergleiche dennoch unweigerlich auf – so ist der Gänsehaut-Moment, in dem Mulan nachts beschließt, heimlich die Rüstung ihres Vaters an sich zu nehmen, eigentlich wie geschaffen für eine Adaption Caros, da der Film von 1998 unwissentlich die Grundtonalität dieses Remakes vorwegnahm. Und ausgerechnet diesen Wendepunkt haken Caro und das Drehbuchteam (Rick Jaffa, Amanda Silver, Lauren Hynek und Elizabeth Martin) hektisch ab. Und auch wenn Caro die Actionszenen gemeinhin sehr dynamisch und grazil inszeniert (man könnte es als ästhetisch versiertes „Wuxia für EinsteigerInnen“ bezeichnen), so fällt der große Lawinen-Actionmoment massiv gegen den Zeichentrickfilm ab. Doch mit Donnie Yen („Rogue One. A Star Wars Story“) als charismatisch-gestrengen Ausbilder und einer Hauptdarstellerin, die sich die Titelrolle intensiv zu eigen macht, lassen sich diese Passagen durchaus verzeihen – deutlich mehr als die halbgaren CG-Tiere, die bei einem Film mit einem Budget von 200 Millionen Dollar mindestens (gerüchteweise soll der Preis deutlich höher liegen) einfach nicht sein dürfen. Dafür sind die Kostüme opulent, die Sets liebevoll detailliert und die Landschaftsaufnahmen von Kamerafrau Mandy Walker betörend belichtet.

„Auch eine Auftragsarbeit kann eigene, reizvolle Qualitäten entwickeln. Sie muss nicht zwingend zum Produkt werden. Das gilt glücklicherweise auch für ‚Mulan‘.“

Fazit: Wer die „Mulan“-Geschichte nur mit einer zünftigen Prise Humor interessant findet, wird zwangsweise enttäuscht, ebenso wie all jene, die einen echten Wuxia-Film erwartet haben. Dieser „Mulan“ will Disneys Annäherung an chinesische Filmsensibilitäten sein, oder nett ausgedrückt, Disneys Heranführung an eine Filmwelt, die wohl längst nicht allen Disney+-AbonnentInnen nahe liegt. Als solcher Film betrachtet ist dieses galante Remake überaus gelungen – über die Vermarktungspolitik darf, kann und sollte an anderer Stelle gestritten werden.

„Mulan“ ist ab dem 4. September bei Disney+ für VIP-Kunden zu einem Preis von 21,99€ und ab Dezember ganz regulär abrufbar. 

4 Kommentare

  • Der Zeichenfilm Mulan, so sagt mir dessen Production Designer, wird in China geliebt. Wir haben diesen Film letztes Jahr gemeinsam mit ihm nochmals angesehen. Da wir seit Ewigkeiten sehr gute Freunde sind, wird er mich nicht beschwindeln….

  • Tim Schwienhagen

    Ich kann mit den meisten Disney Remakes leider nichts anfangen da diese ja wirklich nur die Nostalgieschiene bedienen statt was neues und kreatives damit zu machen. Mulan werde ich mir mal anschauen wenn er regulär auf Disney+ zur Verfügung steht da es mir der Film einfach nicht wert ist 21,99€ dafür auszugeben. Ausserdem glaube ich mit dem Kauf der Bluray komm ich etwas günstiger bei weck. Ich würde mir wünschen das Disney sich endlich mal weiterentwickelt und auch mal erwachsenen Inhalte Produziert. Denn aus Die Schöne und das Biest hätte man ein düsteres Fantasymärchen im Stil von Pans Labyrinth machen können. Der König der Löwen aus der Sicht von Scar hätte ebenfalls interessant werden können. Das sind jetzt nur mal meine Gedanken die ich habe wenn es um Disney geht ich hasse den Konzern nicht aber ich finde auch nicht alles gut was sie machen.
    MFG Tim

  • Mulan ist klar das beste der Disney Ral-Remakes. Ein toller Film. Eine Schande, daß wir ihn nicht im Kino sehen können.

  • also wie eine gestandene Martial Arts Kämpferin a’la Gina Carano sieht mir diese zierliche Person nicht aus

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