Der Marsianer – Rettet Mark Watney

Regisseur Ridley Scott musste in den vergangenen Jahren ordentlich Häme einstecken. Filme wie „Exodus“, „The Counselor“ und „Prometheus“ wurden rund um den Globus verrissen. Nun findet er mit DER MARSIANER – RETTET MARK WATNEY zu alter Stärke zurück und erzählt in der schwungvollen Mischung aus Survivaldrama und Abenteuerkomödie von einem Mann, der sich mehrere hundert Tage allein auf dem Mars durchschlagen muss, um vielleicht irgendwann gerettet zu werden. Die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Andy Weir ist echtes Feelgood-Kino, doch womit kann die Produktion sonst noch punkten? Das verrate ich in meiner Kritik.Der Marsianer - Rettet Mark Watney

Der Plot

Als es während einer Marsmission zu einem gewaltigen Sturm kommt, gelingt es der Crew eines US-Raumschiffs in letzter Sekunde, den Planten zu verlassen. Zurück bleibt Astronaut Mark Watney (Matt Damon) – man nimmt an, dass er Opfer der Wetterkatastrophe geworden ist. Aber Watney hat überlebt und ist nun alleine auf dem lebensfeindlichen Planeten. Mit nur wenig Proviant ist er auf seinen Einfallsreichtum, seinen Verstand und sein Geschick angewiesen, will er überleben. Zunächst einmal muss er jedoch einen Weg finden, um der Erde zu signalisieren, dass er noch lebt. Millionen von Kilometern entfernt versuchen die Wissenschaftler der NASA alles, um ihren „Marsianer” wieder heil auf die Erde zurückzubekommen. Gleichzeitig wagen die Mitglieder seiner Besatzung eine schier unmögliche Rettungsaktion. Die Welt rückt zusammen und setzt alles daran, um Watney sicher nach Hause zurückzubringen…

Kritik

Visionär und Meisterregisseur Ridley Scott hatte es in den vergangenen Jahren nicht leicht. Die Welt war sich einig: Sowohl sein dreidimensionales Bibelspektakel „Exodus – Götter und Könige“, als auch die Verfilmung von Cormac McCarthys Intellektuellenromans „The Counselor“ fielen bei der internationalen Fachpresse gnadenlos durch. Vorab war jene im Falle des „Alien“-Sequels „Prometheus – Dunkle Zeichen“ sowie „Robin Hood“ immerhin gespalten, sodass sich mit Fug und Recht sagen lässt, dass der letzte große Wurf Scotts schon eine ganze Weile zurückliegt. Mit der Adaption des Weltbestsellers „Der Marsianer“, geschrieben vom damaligen Schriftsteller-Greenhorn Andy Weir, bläst der Filmemacher nun zur eigenen Renaissance und verkauft sich mit diesem Vorhaben keineswegs über Wert. Der im Original „The Martian“ betitelte Science-Fiction-Survivalfilm kombiniert die stärksten Passagen aus „Wall-E“, „Interstellar“, „Gravity“ und „MacGyver“ zu einem launigen Weltraumabenteuer, das im Gegensatz zur Romanvorlage auch die emotionale Beschaffenheit seines Protagonisten nicht ausspart. Als jener darf sich in „Der Marsianer“ Matt Damon („Bourne“-Trilogie) beweisen. Er verhilft dem titelgebenden Protagonisten Mark Watney zu dem Profil eines selbstironischen Tüftlers, mit dem der Film steht und fällt. So wird aus „Der Marsianer“ der erste Feelgood-Sci-Fi-Film der Welt, der trotz eines durchweg optimistischen Tonfalls gerade auf der Zielgeraden eine Spannung schürt, mit der Ridley Scott im Handumdrehen zu alten Stärken zurückfindet.

Matt Damon

Das Drehbuch von Drew Goddard („The Cabin in the Woods“) wirft das Publikum mitten hinein in die Marsmission, in deren Zusammenhang es zu einem schweren Unfall kommt. Als eine Antenne den Computer von Mark Watneys Schutzanzug durchbohrt, hält ihn die Crew für tot, sodass sie den Mars verlässt und Watney auf dem roten Planeten zurücklässt. All das spielt sich in „Der Marsianer“ innerhalb der ersten zehn Minuten ab. Schnitt auf die Erde: Hier hält Teddy Sanders (Jeff Daniels in einer außergewöhnlich seriösen Rolle), der Leiter der NASA, eine Rede, welche die Welt über das Ableben von Mark Watney unterrichtet. Was folgt, ist ein erneuter Schnitt auf den Mars, wo Watney in einer „Mad Max: Fury Road“-Gedächtnisszene zu sich kommt und die Einsamkeit registriert, der er fortan ausgesetzt ist. Doch Mark Watney wäre nicht Mark Watney, hätte der gelernte Astronaut und Botaniker nicht schon jede Menge Ideen, wie er seine Lebenszeit auf dem Mars verlängern könnte, um in vier Jahren von einer Rettungsmission gefunden und heil zur Erde gebracht zu werden. Festgehalten werden all diese Gedanken in einem Logbuch: Watney spricht dabei in regelmäßigen Abständen in mehrere Kameras, die seine Ideen in Videotagebuchform festhalten. So umgeht das Skript das Problem, Mark Watney zu Selbstgesprächen zu nötigen, denn obwohl „Der Marsianer“ ein Blockbuster mit verhältnismäßig wenig Dialog ist, so braucht es doch hier und da Erklärungen, weshalb Mark Watney tut, was er tut.

Der Roman geht dabei ins äußerst technische Detail, wohingegen der Film lediglich die Ansätze biochemischer, physikalischer oder biologischer Zusammenhänge erklärt. Dies ist ebenso notwendig wie gut durchdacht: Zu viel Text ließe die Ausführungen Watneys unglaubwürdig erscheinen. Zu wenig Text würde den Zuschauer zu sehr im Unklaren über seine Taten lassen. „Der Marsianer“ findet einen schönen Mittelweg und macht sich darüber hinaus auch die Arbeiten der Crew zunutze, die auf der Erde an Watneys Rettung tüftelt und in entscheidenden Situationen die Position des Erklärers einnimmt. Während das Buch strikt zwischen Watneys Aufzeichnungen und den Geschehnissen auf der Erde trennt, ist der Film hier dynamischer und lässt beide Erzählebenen viel flüssiger miteinander interagieren. Ebenjene Dynamik zieht sich durch den gesamten Film. Erwiesen sich die vergangenen Regiearbeiten von Ridley Scott stets als von einer gewissen Schwermut geprägt, atmet „Der Marsianer“ den Geist jener Werke von Ridleys jüngst verstorbenem Bruder Tony Scott („Top Gun“). Dennoch spart der Science-Fiction-Film auch die ernsteren Töne nicht aus. „Der Marsianer“ hat durchaus den Charme einer Weltraumepisode der Abenteuerserie „MacGyver“, trumpft aber gerade im Schlussspurt mit ebenso mitreißenden wie aufwühlenden Szenen auf. Ohne das Wissen um den Ausgang der „Rettet Mark Watney“-Mission erreicht das Finale die dramaturgischen Höhen aus „Gravity“, während die schwelgerische Kameraarbeit von Dariusz Wolski („The Walk“) für die Weitläufigkeit der Mars-Oberfläche zwar wie geschaffen ist, den Szenen im All allerdings nicht jenen Nachhall verleihen kann, wie es Hoyte Van Hoytema in „Interstellar“ gelang.

Der Marsianer - Rettet Mark Watney

Die Crew

Gelang es Christopher Nolans jedwede Grenzen der Vorstellungskraft sprengende Weltraumodyssee im vergangenen Jahr noch, neue Standards im Bereich der computergenerierten Effekte zu setzen, ist „Der Marsianer“ in dieser Hinsicht zwar gelungen, ein Quantensprung der CGI-Technik ist das Survivalabenteuer hingegen nicht. Das muss der Film allerdings auch gar nicht sein. Ridley Scotts Projekt ist kein Schaulaufen neuester Technik-Errungenschaften, sondern bei aller Hingabe zum technischen Detail immer noch ein Charakterdrama. Im Fokus steht erwartungsgemäß Mark Watney, für dessen Verkörperung Matt Damon durchaus Chancen auf den einen oder anderen Filmaward haben könnte. Damon schwankt stetig zwischen der verspielten Attitüde des Protagonisten und der unter der Oberfläche brodelnden Hoffnungslosigkeit Mark Watneys; anders als im Roman macht das Drehbuch ihn zu einem Menschen mit ebenso fokussierten wie durch und durch menschlichen Zügen, die zwar nie Zweifel am Optimismus der Figur aufkommen lassen, aber auch nicht darauf verzichten, etwaige Schwächen hervorzukehren.

Der Marsianer

Es ist tatsächlich konsequent, dass neben Mark Watney nur wenigen Figuren eine solch komplexe Charakterzeichnung beigemessen wird, denn „Der Marsianer“ ist eine One-Man-Show. Dessen ungeachtet ist der Film voller namhafter A-Liga-Schauspieler: In den Nebenrollen finden sich Namen wie Kristen Wiig („Brautalarm“), Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“), Michael Peña („Ant-Man“), Sean Bean („Pixels“) und Kate Mara („Fantastic Four“). Eine größere Wichtigkeit nehmen neben Damon auch Jeff Daniels („Dumm und dümmehr“) sowie Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) ein. Während es bei Daniels schwer fällt, ihm die tragende Rolle des NASA-Chefs abzunehmen, seine leicht tollpatschige Ausstrahlung aber durchaus auch als gewollte Eigenschaft erdacht sein könnte, beweist sich Chiwetel Ejiofor als perfekte Besetzung des Marsmission-Leiters Vincent Kapoor, dem man die Angespanntheit ob der riskanten Lage Mark Watneys ebenso abnimmt, wie den sachlichen Ruhepol. Als absoluter Szenendieb erweist sich derweil „Community“-Star Donald Glover, der als überdrehter Wissenschaftler ordentlich Schwung in die Runde der stets von Vernunft gesteuerten Weltraumforscher und NASA-Zugehörigen bringt.

Bei allem Vorwärtsdrang den „Der Marsianer“ in seiner mit rund zwei Stunden perfekt auf den Handlungsverlauf abgestimmten Spielzeit aufweist, nimmt sich Ridley Scott immer wieder Zeit für zwischenzeitliche Resümees. Nicht nur die weitläufigen Aufnahmen über die Marsoberfläche lassen im Zuschauer ein gänsehautauslösendes Gefühl von Demut aufkommen, auch der Voice-Over von Mark Watney tut sein Übriges, um das Publikum emotional ins Geschehen zu involvieren. Szenen, in welchen die Hauptfigur das Publikum über die eigene Erkenntnis informiert, überall, wo er hingeht, der Erste zu sein, bringen die Befindlichkeit von Mensch und Planet so simpel auf den Punkt, dass „Der Marsianer“ den Zuschauer mit einem beeindruckenden Nachhall entlässt. Wie der Film darüber hinaus mit Popkulturreferenzen spielt, die in der ironischen Verwendung verschiedener Siebziger- und Achtziger-Songklassiker gipfelt, rundet die Genrebandbreite des Filmes so ab, wie eine Kirsche das perfekt hergerichtete Stück Sahnetorte. „Der Marsianer“ ist ein Blockbuster mit Seele, ein Stück Arthouse-Kino in pompösem Gewand, eine Komödie, ein Survivaldrama, ein Science-Fiction-Film, ein Abenteuer. Vor allem aber ist es der Befreiungsschlag von Ridley Scott – Chapeau, Altmeister!

„Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ ist ab dem 8. Oktober bundesweit in den Kinos zu sehen – auch in herausragendem 3D!

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