Der König der Löwen

Das CGI-Remake des Neunzigerjahre-Zeichentrickklassikers DER KÖNIG DER LÖWEN wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einer der erfolgreichsten Filme des Jahre 2019. Zu Recht? Oder läuft er Gefahr, Kindheitserinnerungen zu zerstören? Das uns mehr verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

In den unendlichen Weiten Afrikas wird ein künftiger König geboren: Simba, das lebhafte Löwenjunge, vergöttert seinen Vater, König Mufasa, und kann es kaum erwarten, selbst König zu werden. Doch sein Onkel Scar hegt eigene Pläne, den Thron zu besteigen, und zwingt Simba, das Königreich zu verlassen und ins Exil zu gehen. Mit Hilfe eines ausgelassenen Erdmännchens namens Timon und seines warmherzigen Freundes, des Warzenschweins Pumbaa, lernt Simba erwachsen zu werden, die Verantwortung anzunehmen und in das Land seines Vaters zurückzukehren, um seinen Platz auf dem Königsfelsen einzufordern.

Kritik

Der Zeichentrickfilm „Der König der Löwen“ gehört für viele Filmliebhaber aktueller Generationen zu den ganz großen Klassikern. Schließlich sind sie mit ihm aufgewachsen und dadurch für die ein oder andere schöne Kindheitserinnerung verantwortlich. Der Tod des Löwenvaters Mufasa sorgte einst reihenweise für feuchte Kinderaugen – und volle Kassen im Hause Disney. Im Zuge der Remake-Welle, der bereits „Cinderella“, „Dornröschen“, „Das Dschungelbuch“ „Die Schöne und das Biest“, „Dumbo“, „Aladdin“ und zum Opfer gefallen sind und bald auch unter anderem noch „Mulan“ und „Arielle“ fallen werden, gehört eine Neuauflage dieses beliebten Märchens einfach dazu. Und was liegt da näher, als sich nach „The Jungle Book“ ein weiteres Mal an fotorealistischem CGI zu versuchen, um eine Neuauflage zu rechtfertigen? Schließlich lässt sich eine tatsächliche Realverfilmung mit wilden Tieren nur schwer durchführen und würde man „Der König der Löwen“ mit Menschen erzählen, wäre es letztlich nur ein x-beliebiges Shakespeare-Drama. Mit fotorealistischer Computeranimation – also solcher, die im Idealfall mit dem bloßen Auge gar nicht als solche erkennbar ist – kann man sich so nah wie möglich an der Zeichentrickvorlage orientieren, ohne allzu großes Risiko einzugehen. Ein inszenatorischer Ansatz, der Disney bereits im Vorfeld viel Kritik einbrachte, denn, seien wir einmal ehrlich: Mit seinen Remakes fährt der Milliardenkonzern betont auf Nummer sicher. Die Kassenschlager sind schon bei der Auswahl des Stoffes gesichert und im besten Fall ein Quantensprung der kinematografischen Tricktechnik in einem. Doch zünden die Emotionen bei echt aussehenden Tieren vor echt aussehender Kulisse genauso wie vor 25 Jahren?

Alles was das Licht berührt: Mufasa zeigt Simba das Königreich, das bald ihm gehören wird.

Die Antwort lautet wenig befriedigend: So richtig beurteilen lässt sich das zu diesem Zeitpunkt gar nicht, denn um diesen Vergleich eins zu eins anzustellen, müsste man eigentlich die beiden Sprachfassungen gegeneinander abwägen, zu denen die emotionale Bindung bis heute am stärksten ist. Das ist hierzulande gerade bei einem eng mit der eigenen Kindheit verbundenen Film nun mal die deutsche – und da im Pressescreening die Originalfassung gezeigt wurde, ist eine Distanz zum Geschehen automatisch genau so groß, als würde man sich den Zeichentrickfilm heute noch einmal in der Originalfassung ansehen. An dieser Stelle wirkt die Wahrnehmung von „Der König der Löwen 2019“ mitunter verzerrt. Wir werden die Informationen zur deutschen Fassung ergänzen, sobald wir diese gesehen haben. Was sich hingegen auch in der Originalfassung bereits sehr gut beurteilen lässt, sind die Neuarrangements der Songs. Zwar haben wir nicht „Der ewige Kreis“, „Seid bereit“, „König sein“, „Hakuna Matata“ und „Kann es wirklich Liebe sein?“ gehört, sondern „The Circle of Life“, „Be Prepared“ „To Be King“ und „Can You Feel the Love Tonight?“, doch die musikalische Untermalung durch Komponist Hans Zimmer („Fluch der Karibik“) wirkt mit Hang zur leichten Modernisierung bisweilen gar runder als im Original. Das vermehrte Zurückgreifen auf typisch afrikanische Instrumente, mächtigere Choräle und die Einbindung des neuen Songs „Spirit“ als Off-Untermalung in jener Szene, in der Simba und Nala in ihr Königreich zurückkehren, verhelfen dem Film akustisch zu einer ganz eigenen Identität. Und dass „Spirit“ als für sich stehender Beyoncé-Song nur durchschnittlich wirkt, hat System: Erschien der neue, extra für die Realverfilmung komponierte Song „Speechless“ im „Aladdin“-Remake wie ein Fremdkörper, macht es hier durchaus Sinn, dass „Spirit“ eher untermalend dahinplätschert, anstatt sich unangenehm in den Vordergrund zu drängen. Sollte der Song in der deutschen Fassung allerdings nicht synchronisiert werden, wird das Fremdkörper-Gefühl hier nicht ausbleiben.

Nicht zu befürchten steht das indes bei der Erzählung. Während der optische Sprung von der zweidimensionalen Handzeichnung hin zu fotorealistischer 3D-Animation unübersehbar ist, hält man bei der Story an sämtlichen bekannten Eckpfeilern fest. Einzelne Szenen gleichen der Vorlage dabei wie ein Ei dem anderen – der Prolog ist etwa so eine. Doch auch längst zum Klassiker avancierte Momente wie Simbas Verwandlung vom kleinen Kätzchen zum ausgewachsenen Löwen, der finale Kampf zwischen Scar und Simba auf dem Löwenfelsen oder auch die legendäre Flucht der Gnus durch die Schluchten sind bis ins kleinste Detail der Vorlage entlehnt. Dass „Der König der Löwen“ aus dem Jahr 2019 dennoch eine halbe Stunde mehr auf der Uhr hat, lässt sich, anders als etwa bei „Aladdin“, nicht (nur) mit einzelnen Zusatzszenen erklären, die es zwar auch vereinzelt gibt, zeitlich aber kaum Gewicht haben. Das ist auch gut so, denn gerade bei Guy Ritchies 1001-Nacht-Abenteuer fügte sich der erzählerische Überhang nur bedingt organisch in den Rest. Hier geht Drehbuchautor Jeff Nathanson („Catch Me If You Can“) einen anderen, einen besseren Weg: Anstatt plump zu ergänzen, weitet er bekannte Szenen stellenweise einfach geschickt aus. Mal hat das „nur“ den Vorteil, dass sich das Publikum noch ein wenig ausgiebiger an der afrikanischen Flora und Fauna ergötzen kann, ein anderes Mal wiederum erhalten bekannte Charaktere dadurch sogar etwas mehr Feinschliff. Insbesondere Zazu (im Original gesprochen von John Oliver) profitiert von der Entscheidung, wirkt dieser hier nur durch ein paar zusätzliche Sekunden nochmal deutlich loyaler gegenüber Simbas Familie, als in der Vorlage.

Scar verfolgt finstere Pläne.

Wenngleich die fotorealistische Animation auch so ihre Tücken mit sich bringt – etwa die Mimik echter Wildtiere, die sich unter diesen optischen Umständen nicht mehr einfach so vermenschlichen lässt, was neben der Synchronisation ein weiterer Grund dafür sein könnte, weshalb einen „Der König der Löwen“ von 2019 emotional nicht ganz so berührt wie das Original –, so ist der von Regisseur Jon Favreau („Kiss the Cook“) und seinen Animatoren hier an den Tag gelegte Technikstandard über jeden Zweifel erhaben. Ganz egal ob nun die Tiere selbst, die Landschaften oder die Pflanzen, das Wetter, die Darstellung von Wasser oder sonst welche Naturschauspiele: Ein Unterschied zwischen der echten Flora und der hier am Computer entstandenen ist für das bloße Auge nicht mehr zu erkennen. So ergibt sich bisweilen fast der Eindruck einer Naturdokumentation; und hier droht „Der König der Löwen“ einen zu Beginn sogar regelrecht vor den Kopf zu stoßen, wenn sich in diesem naturalistischen Setting plötzlich Dinge abspielen, die hier so eigentlich gar nicht passieren würden. Gleichzeitig ist es den Machern gelungen, sogar solch ikonische Szenen wie Simbas „König sein“-Musicalperformance oder Scars Schurkensong „Seid bereit“ soweit ins Bodenständige umzuchoreographieren, dass es mit der Zeit immer mehr gelingt, sich in diese außergewöhnliche Art der überhöhten Doku-Präsentation fallenzulassen. Wenn wir hier also von „Eingewöhnung“ sprechen, ist das ganz gewiss nicht negativ zu verstehen, sondern liegt – im wahrsten Sinne des Wortes – in der Natur der Sache. So viele optische Eindrücke muss man als Zuschauer eben erst einmal verdauen. Und wenn man einmal ehrlich ist, so ist es ganz schön lange her, dass man im Big-Budget-Kino davon sprechen konnte, dass man „so etwas“ noch nie zuvor gesehen hat.

Eine der größten Schwierigkeiten im Design liegt bei der Animation der Mundbewegungen. Im Falle von „The Jungle Book“ gelang es mal besser mal schlechter (und auch ziemlich abhängig von der jeweiligen Tiergattung), glaubhaft den Eindruck zu erwecken, die Panther, Bären, Schlangen und Co. würden hier tatsächlich menschliche Worte sagen. Auch in diesem Punkt macht „Der König der Löwen“ noch einmal ein paar Meter gut, denn es sieht nun nicht einfach nur viel glaubhafter aus, wenn sich Vögel und Löwen unterhalten. Es wirkt schon sehr methodisch, wie hier einige Sätze im Off gesagt stattfinden, sodass man die Gefahren minimiert, den realistischen Eindruck der Animation aufgrund eher unglaubwürdiger Mundbewegungen zu verspielen. Selbst in den ausladenden Musicalnummern funktioniert „Der König der Löwen“ vom Gesamtkonzept, eben auch, weil die Macher ganz genau wissen, welche Asse sie neben ihrer Optik zusätzlich ausspielen müssen, um das Publikum zu begeistern. Die schon im Zeichentrickoriginal zu Zuschauerlieblingen avancierten Timon (Billy Eichner) und Pumbaa (Seth Rogen) erhalten hier noch mehr Freiraum für ihre irrwitzige Interaktion (übrigens ganz ohne unpassend-plumpe Popkulturanspielungs-Gags oder dergleichen!) und reißen damit auch im „König der Löwen“ von 2019 sämtliche Szenen an sich. Und anders als noch in der Vorlage dürfen sie „The Lion Sleeps Tonight“ hier sogar zu Ende singen.

Im neuen „König der Löwen“-Film dürfen Timon und Pumbaa natürlich nicht fehlen.

Fazit: Überwältigend mit Abstrichen – „Der König der Löwen“ von 2019 ist optisch eine Offenbarung und darf auf tricktechnischer Ebene gut und gern als Quantensprung bezeichnet werden. Auch die szenischen Ergänzungen sowie die Neuarrangements der Songs verhelfen der Neuauflage zu einer angenehmen Eigenständigkeit. Doch ganz gleich, ob es nun daran liegt, dass wir nur die Originalfassung gesehen haben oder uns tierische Mimik einfach nicht so sehr mitleiden lässt wie menschliche: Der letzte emotionale Funke ist (noch) nicht übergesprungen. Ein Must-See ist der Film dennoch allemal. Schon allein, weil es wirklich beeindruckt, was technisch heutzutage alles möglich ist.

„Der König der Löwen“ ist ab dem 17. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen – auch in 3D!

Ein Kommentar

  • Aha, tolle Technik. Und sonst so? Das entspricht doch nicht einem guten Film. Aber schön, dass er dir gefallen hat.

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