Drei Schritte zu dir

Ein weiterer Stoff, in dem sich zwei todkranke Teenager ineinander verlieben, kommt mit DREI SCHRITTE ZU DIR in die Kinos, der anders als viele ähnliche Geschichten nicht auf einer Romanvorlage basiert. Wie die tragische Romanze geworden ist, das verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Stella (Haley Lu Richardson) ist eine 17-Jährige, wie sie im Buche steht: Ihr Smartphone gibt sie nicht aus der Hand und am liebsten chattet sie mit ihren Freunden. Nur Platz zum Träumen bleibt ihr nicht, denn anders als normale Teenager, verbringt sie die meiste Zeit unter strenger Beobachtung im Krankenhaus. Stella leidet an der unheilbaren Erbkrankheit Mukoviszidose und ihre wichtigste Regel lautet: Komm keinem Mitpatienten näher als 4 Schritte, denn er könnte dich mit seinen Bakterien schwächen und schlimmstenfalls töten. Als sie aber dem charmanten Will (Cole Sprouse) begegnet, der immer wieder gegen seine Behandlung rebelliert, knistert es so sehr zwischen ihnen, dass es Stella zunehmend schwerer fällt, den vorgeschriebenen Sicherheitsabstand einzuhalten. Mit ihr an seiner Seite lässt sich Will scheinbar wieder aufs Leben ein, auch wenn die unsichtbare Wand zwischen ihnen ihrer Versuchung kaum standhält. Wie kann Stella ihre Liebe noch retten, wenn schon die kleinste Berührung beide in Lebensgefahr bringen würde?

Kritik

Nach dem wegweisenden Erfolg der Romanverfilmung „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ wurden Bücher des Sub-Subgenres ‘Teeniedrama, in der mindestens eine Hauptfigur an einer schweren Krankheit leidet oder einen tragischen Schicksalsschlag zu verarbeiten hat‘, rauf und runter verfilmt. „Drei Schritte zu dir“, das Regiedebüt des „Jane the Virgin“-Serienstars Justin Baldoni, schlägt fünf Jahre nach John Boones Überraschungshit in exakt dieselbe Kerbe, ist anders als „Du neben mir“, „Ein ganzes halbes Jahr“ oder „Wenn ich bleibe“ aber keine Romanadaption, sondern extra für die Leinwand entwickelter Stoff. Verantwortlich dafür zeichnen die beiden Newcomer Mikki Daughty und Tobias Iaconis, die mit ihrem Drehbuch zu „Lloronas Fluch“ bislang nur ein einziges weiteres Skript geschrieben haben. Folgten die beiden in dem „Conjuring“-Spin-Off noch sehr deutlich den ungeschriebenen Gesetzen des Horrorfilms, versuchen sie mit „Drei Schritte zu dir“ zeitweilig genau das Gegenteil; nämlich das zu Erwartende auf den Kopf zu stellen. Doch so richtig geglückt ist das nicht. Denn während die Macher über die Hälfte der Laufzeit gekonnt die Waage zwischen Glaubwürdigkeit und theatralischem Kitsch halten können, werfen sie mit einer einzigen und leider auch nicht gerade kurzen Szene die aufgebaute emotionale Kraft ihres Films über den Haufen, sodass aus einem lange richtig guten am Ende nur noch ein gerade so okayer Film geworden ist.

Stella (Haley Lu Richardson) und Will (Cole Sprouse) kommen sich näher, obwohl sie es eigentlich nicht sollen…

Der Titel „Drei Schritte zu dir“ (im Original übrigens: „Five Feet Apart“) nimmt eine entscheidende Entwicklung des Films bereits vorweg, denn wenn man weiß, dass sich Stella und Will ja eigentlich vier Schritte von anderen Mukoviszidose-Patienten fernhalten müssen, dann deutet ein Schritt weniger als diese Vorgabe – im wahrsten Sinne des Wortes – die Richtung an, in die der Film später gehen wird. Bis dieser erste wortwörtliche Schritt hin zur Berührung, vielleicht sogar zum Kuss (?) gemacht wird, steht und fällt jedoch erst einmal alles mit der umwerfenden Chemie zwischen Haley Lu Richardson („Split“), Moises Arias („Ender’s Game – Das große Spiel“) als ihr immer einen lockeren Spruch auf den Lippen tragender, schwuler bester Freund, und Cole Sprouse („Riverdale“), dem es mit seinem authentischen Spiel gelingt, glaubhaft schnell vom arroganten Großkotz zum charmanten Mädchenschwarm zu mutieren. Besonders hinreißend ist allerdings Haley Lu Richardson. Diese agiert nicht nur zu jeder Sekunde absolut natürlich. Scheinbar spielerisch gelingt es ihr, zwischen den Extremen zu wandeln. Einen Gefühlsausbruch absoluter Trauer nimmt man ihr daher ebenso ab wie die sich eher in kleinen Gesten zeigende Verliebtheit. Das muss man auch, denn sonst würde man es ihr wohl kaum abnehmen, dass ihre Figur selbst im Angesicht des Todes immer noch eine solche Fröhlichkeit versprüht. Darüber hinaus gesteht ihr das Skript außerdem genug Szenen zu, in denen auch ihre Ängste und Trauer zum Vorschein kommen dürfen. Diese drei Jungschauspieler sind für „Drei Schritte zu dir“ einfach die optimale Wahl.

Ebenfalls gelungen ist den Machern der Spagat zwischen ihrer märchenhaft-verträumten Romanze und den Schrecken des Krankenhausalltags. Denn natürlich ist es niedlich, den beiden Teenagern Stella und Will dabei zuzusehen, wie sie sich zunächst nur sehr zaghaft und später immer stärker ineinander verlieben – gipfelnd in die vielleicht beste Szene des Films, in der sich die beiden ihre von Narben und den Folgen anstrengender Behandlungen übersäten Körper zeigen. Doch wie das auch im wahren Leben, insbesondere auf einer Krankenstation für Schwerstkranke so ist, holt die beiden (und damit auch den Zuschauer) die Realität immer wieder schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen zurück. Sei es, weil man regelmäßig dabei zusehen muss, wie sich Stella den Schleim ihrer Lunge hochwürgen muss, oder weil ein lieb gewonnener Freund auf der Station aufgrund seiner Krankheit das Zeitliche segnet. Damit erinnert „Drei Schritte zu dir“ stark an die Anfang des Jahres auch fürs Kino verfilmte Erfolgsserie „Der Club der roten Bänder“. Auch in der vielfach ausgezeichneten Romanadaption begleitet das Publikum die jungen Protagonisten dabei, wie sie sich trotz ihres Schicksals als Schwerstkranke um ein möglichst normales Teenieleben bemühen. Das ging in der Verfilmung zwar ein wenig verloren, wer dagegen die Serie mag, dürfte auch bei „Drei Schritte zu dir“ an der richtigen Adresse sein.

Krankenschwester Barb (Kimberly Hebert Gregory) beäugt die Beziehung ihrer jungen Patienten mit Skepsis.

Zumindest so lange, bis sich die Macher im letzten Drittel ihres Films selbst ein Bein stellen. Überzeugt bis dahin noch vor allem der minimalistische Aufbau – die ersten zwei Drittel von „Drei Schritte zu dir“ spielen sich ausschließlich im Krankenhaus ab und nehmen dadurch fast kammerspielartige Züge an -, begibt sich die Geschichte schließlich aus dieser angenehm reduzierten Kulisse heraus und spendiert den beiden Verliebten einen romantischen Spaziergang durch den Schnee. Das ist natürlich nicht nur aus medizinischer Sicht ein großer Fehler (und steht damit im krassen Kontrast dazu, als wie smart und erwachsen die beiden Hauptfiguren die meiste Zeit über handeln). Auch dem Film selbst tut diese Entscheidung alles andere als gut. Wir wollen an dieser Stelle zwar nicht zu viel verraten, da gerade der Part rund um den unerlaubten Ausflug einige Überraschungen bereithält, doch zumindest müssen wir mit dieser Entscheidung so hart ins Gericht gehen, als dass es sich so anfühlt, als wolle der Regisseur den zuvor so angenehm zurückgehaltenen Kitsch hier volle Kanne auf den Zuschauer loslassen. Die sich hier plötzlich Schlag auf Schlag entwickelnden Ereignisse wirken aber leider nur unglaubwürdig und konstruiert – selbst wenn sie am Ende dafür sorgen, dass das Finale einen angenehm bittersüßen Geschmack erhält. Und es ist nicht nur die Glaubwürdigkeit der Geschichte, die darunter leidet. Auch inszenatorisch weichen die entsättigt-realistischen Farben im bodenständigen Krankenhaussetting plötzlich überhöhten Märchenbildern – und die Musik dreht mit ihren schmalzigen Popballaden auch nochmal so richtig auf. Dabei hätte alles so schön sein können…

Fazit: „Drei Schritte zu dir“ ist lange Zeit ein von stark aufspielenden Newcomern getragenes Jugenddrama, das zu Gunsten echter Emotionen Kitsch weiträumig vermeidet. In der letzten halben Stunde wirft Regisseur Justin Baldoni diesen reduzierten Ansatz über den Haufen und presst nochmal eine extra Portion Schmalz in seinen Film. Davon erholt sich der Film leider nicht mehr.

„Drei Schritte zu dir“ ist ab dem 20. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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