Ein ganzes halbes Jahr

Vor den Fernsehgeräten dominiert Fußball aktuell als Thema Nummer eins das Geschehen. Im Kino darf indes geschluchzt werden. Thea Sharrock adaptiert den Bestseller EIN GANZES HALBES JAHR für die Leinwand und macht daraus ein überraschend unsentimentales Romantikdrama. Meine Kritik zum Film lest Ihr hier.
Ein ganzes halbes Jahr

Der Plot

Louisa „Lou“ Clark (Emilia Clarke) wohnt auf dem Lande in einem malerischen englischen Städtchen. Ohne sich je ein konkretes Lebensziel vorzunehmen, hangelt sich die spleenige, kreative 26-Jährige von einem Job zum nächsten, um ihre unverdrossen fest zusammenhaltende Familie über die Runden zu bringen. Ihr sprichwörtlicher Optimismus wird jedoch mit ihrem neuesten Broterwerb erstmals auf eine harte Probe gestellt: Im „Schloss“ des kleinen Ortes wird sie die Pflegerin und Gesellschafterin des wohlhabenden jungen Bankers Will Traynor (Sam Claflin), der seit einem Unfall vor zwei Jahren an den Rollstuhl gefesselt ist – von einem Augenblick zum anderen hat sich sein Leben dramatisch verändert. Seine große Abenteuerlust gehört der Vergangenheit an. Übrig bleibt ein Zyniker, der seine jetzige Existenz als sinnlos empfindet. Doch Lou nimmt sich vor, Will zu beweisen, dass das Leben sich weiterhin lohnt: Gemeinsam lassen sie sich auf eine Abenteuertour ein, die sie allerdings so nicht geplant haben…

Kritik

Was haben die 2014 in den Kinos gefloppte, deutsche RomCom „Coming In“ und die romantische Romanverfilmung „Ein ganzes halbes Jahr“ gemeinsam? Es ist das vollkommene Missverständnis der zugehörigen PR-Abteilung dafür, den Film in einem Trailer ansprechend (und vor allem: dem Endergebnis entsprechend) zu präsentieren. Aus Marco Kreuzpaintners liebevoller Selbstfindungskomödie machten die Werbeleute eine klischeebeladene Schwulenparade mit fragwürdiger Message; im Falle von „Ein ganzes halbes Jahr“ kündigen die Trailer nun eine kitschig-verklärende Lovestory-Variante des Kassenschlagers „Ziemlich beste Freunde“ an. In beiden Fällen ist der Zuschauer der Leidtragende, denn nicht nur bei diesen zwei Beispielen verkauft man die entsprechenden Filme weit unter Wert. Die im Original „Me Before You“ betitelte Verfilmung von Jojo Moyes gleichnamigem Bestseller ist weitaus weniger rührselig, als es die verschiedenen Vorschauclips andeuten und auch die Ähnlichkeit zu „Ziemlich beste Freunde“ herrscht nur auf dem ersten Blick vor. Denn anders als der hierzulande über neun Millionen Zuschauer in die Kinos lockende Überraschungserfolg geht es in „Ein ganzes halbes Jahr“ nicht um die schwarzhumorige Auseinandersetzung mit der Krankheit, sondern in erster Linie um das Thema Verdrängung.

Sam Claflin

Sich detaillierter mit „Ein ganzes halbes Jahr“ auseinander zu setzen, ohne dabei zu spoilern, ist sicherlich eine Herausforderung. Trotzdem wollen wir es an dieser Stelle einmal probieren, um den Nichtkennern des Buches nicht den Spaß am Kinoerlebnis zu verderben. Denn auch, wenn es die bereits erwähnten, den Zuschauer fehl leitenden Bilder des Trailers anders ankündigen, ist der Film die meiste Zeit über tatsächlich nicht leicht vorauszusehen. Die besonders zum Ende hin melodramatische Richtung kündigt sich zwar bereits durch den Titel an, doch ob ein Happy oder Sad End auf die Protagonisten wartet, lässt sich über die volle Laufzeit von knapp zwei Stunden nie so recht absehen. Das liegt vor allem daran, dass der besagte Fokus auf der Verdrängung für unbequeme Gefühlsschwankungen sorgt; die meiste Zeit über ist „Ein ganzes halbes Jahr“ überraschend leichtfüßig, mit viel Witz ausgestattet und lebt von der unbedarften Art von Hauptfigur Lou, deren selbstverständliche Interaktion mit dem querschnittsgelähmten Will vorherrscht. Das der Prämisse geschuldete, erwartbare Drama tritt immer nur in den wenigen Momenten auf, in welchen sich die emotionale Tragweite des Geschehens auch von der optimistischen Lou nicht mehr leugnen lässt. Die meiste Zeit über lässt sie den nahenden Suizid ihres Patienten nicht an sich heran. Erst wenn der für Wills Belange zuständige Anwalt vor der Tür steht, die Eltern am letzten Willen ihres Sohnes verzweifeln oder Will seine Pflegerin direkt mit seinem Wunsch, sterben zu wollen, konfrontiert, kann der emotional niederschmetternde Part das Geschehen dominieren. Durch Louisas Erzählperspektive ist dieser Wankelmut innerhalb des Tonfalls stets glaubwürdig, schwankt zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt und droht nie, in eine Verklärung abzudriften, die über die selbstgewählte Verdrängung hinaus geht.

Anders als ähnlich gelagerte Filme für dieselbe Zielgruppe wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ oder „Wenn ich bleibe“, geht es in „Ein ganzes halbes Jahr“ nicht um den nahenden, unabwendbaren Tod, sondern um selbstbestimmtes Sterben. Damit riss schon die Autorin Jojo Moyes ein mutiges Thema für einen Young-Adult-Roman an, das sie nun auch selbst für die Leinwand adaptierte. Dass sie sich auch im Finale nicht von ihrer Buchvorlage loslöst, stieß Kritikern nach ersten Sichtungen des Filmes unangenehm auf, die dem Film eine falsche Botschaft vorwarfen. Doch dass die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe noch lange nicht die ausschließliche Befürwortung oder Ablehnung bedeuten muss, bewies erst im vergangenen Jahr die deutsche Produktion „Hin und weg“, in welcher Schauspieler Florian David Fitz als ALS-Patient bestimmt, in den Niederlanden sterben zu wollen. Auch „Ein ganzes halbes Jahr“-Regisseurin Thea Sharrock („Call the Midwife“) ist nie daran gelegen, über das Handeln und Denken ihrer Figuren zu urteilen. Ganz gleich, ob es Protagonistin Louisa am Ende gelingt, Will umzustimmen, oder ob sie daran scheitert: „Ein ganzes halbes Jahr“ beleuchtet beide Sichtweisen auf das Thema Sterbehilfe. Im Film ist Platz für Ausrufe der Sorte „Das ist Mord!“, aber auch für Gegenstimmen, die daran appellieren, dass es erlaubt sein muss, in Ausnahmesituation selbst zu entscheiden, wann man diese Welt verlassen möchte. Dass dieser Konflikt den Zuschauer nicht emotional manipuliert, ist ein inszenatorischer Tanz auf der Rasierklinge, der Sharrock meistens gelingt. Sie scheut nicht davor zurück, die sukzessive wachsende Beziehung der beiden Hauptfiguren zum Fokus zu machen und die Figuren somit an unser Herz wachsen zu lassen. Wenn Will auf der anderen Seite allerdings von den Auswüchsen seiner unfallbedingten Erkrankung mehr und mehr gehandicapt wird, erschließt sich einem mitdenkenden Zuschauer auch, weshalb ein Mann daran zerbrechen könnte. Denn wann das eigene Leben lebenswert ist und wann nicht, das entscheiden eben nicht die Menschen um einen herum, sondern einzig und allein man selbst.

Ein ganzes halbes Jahr

Inszenatorisch geht Thea Sharrock wenig Risiko ein und vertraut ganz auf jene Mechanismen, die sich bereits in einem Dutzend anderer Romanzen als für das Publikum zufriedenstellend erwiesen haben. Kameramann Remi Adefarasin („Stolz und Vorurteil & Zombies“) gelingen schwelgerische Bilder, die sich an den romantischen Settings ergötzen und dadurch bisweilen märchenhaft wirken. Das ist alles ziemlich glatt gebügelt und bietet wenig Spielraum für Genrevariationen, was auf der zweiten technischen Ebene – dem Sound – ebenfalls gilt. Eine Handvoll moderne Popballaden und ein wenig unterschwelliger Pianoscore von Craig Armstrong („Victor Frankenstein – Genie und Wahnsinn“) machen aus „Ein ganzes halbes Jahr“ zumindest optisch und akustisch mehr eine Schmonzette, als es der Film inhaltlich eigentlich ist. Dafür wissen die Darsteller allesamt zu überzeugen. Emilia Clarke („Dom Hemingway“) erweist sich in der Rolle der überdreht-liebenswerten Lou als Idealbesetzung für den Film. Ihre losgelöste Art wirkt auf den Zuschauer so mitreißend, dass sich sofort erschließt, weshalb sich auch der unterkühlte Will dem Charme der Frau irgendwann nicht mehr entziehen kann. Dass die Anziehung zwischen den beiden nur langsam wächst, ist glaubhaft. Sam Claflin („Love, Rose – Für immer vielleicht“) spielt den schon im jungen Alter verbitterten Querschnittsgelähmten mit einem authentischen Gespür für Resignation. Wills Galgenhumor und Louisas kindlich-verspielte Attitüde ergänzen sich so hervorragend, dass „Ein ganzes halbes Jahr“ bis zum Schluss immer wieder überraschend komisch geraten ist. Das gilt erst recht für die Figurenzeichnung von Lous überehrgeizigem Freund Patrick (Matthew Lewis), dessen Charakter leider ein wenig zu nah an der Karikatur des durchtrainierten Hohlkopfs angelegt ist, aber immerhin einen Großteil der Lacher für sich verbuchen kann.

Fazit: „Ein ganzes halbes Jahr“ ist eine moderne Liebesgeschichte, die sich sowohl für Selbstbestimmung, als auch für die Überwindung naturgegebener Hindernisse ausspricht. Inszenatorisch ist Thea Sharrock dabei wenig mutig. Doch ihre tollen Hauptdarsteller und der überraschend hohe Anteil an Humor lassen darüber ohne viel Aufwand hinwegsehen.

„Ein ganzes halbes Jahr“ ist ab dem 23. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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