Before I Wake

Regisseur Mike Flanagan lässt in BEFORE I WAKE Träume zum Leben erwachen. Mit seinem dritten gelungenen Projekt in Folge dürfte sich der Genrespezialist nun endlich als ernst zu nehmende Nachwuchs-Filmemacher etabliert haben. Mehr zu seiner neuesten Arbeit in meiner Kritik.Before I Wake

Der Plot

Nachdem Jessie (Kate Bosworth) und Mark (Thomas Jane) bei einem tragischen Unfall ihren Sohn verloren haben, droht ihre Ehe an der tiefen Trauer zu zerbrechen. Sie entscheiden sich, den 8-jährigen Cody (Jacob Trembley) zu adoptieren, einen sensiblen, schüchternen Jungen, den die beiden schnell in ihr Herz schließen. Doch Cody ist ängstlich, besonders vor dem Einschlafen fürchtet er sich und schon in der ersten Nacht erleben sie Seltsames: Während er schläft, tauchen mysteriöse Traumgestalten in ihrem Wohnzimmer auf. Schnell wird klar, dass der Junge eine besondere Gabe besitzt – was er träumt, wird Wirklichkeit: Wunderbare Visionen erwachen durch Cody zum Leben, aber auch die Dämonen seiner dunkelsten Albträume bahnen sich ihren Weg in die Realität und bedrohen das Leben der jungen Familie … und sie haben es nicht gern, wenn man sich ihnen in den Weg stellt.

Kritik

Mike Flanagan ist es als einem von wenigen Regisseuren gelungen, sich mit einer Arbeit einen Namen in seinem Metier zu machen, die überhaupt nichts ins Kino kam. Nach vollkommen unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufenen Projekten wie „Still Life“ oder „Ghosts of Hamilton Street“ kam es Flanagan zugute, dass sein cleverer Horrorfilm „Oculus“ ins Programm des Fantasy Filmfests 2014 aufgenommen wurde; dem deutschlandweiten Klassentreffen für alle Horrorfilm- und Thrillerfans. Die Geschichte um zwei Geschwister, die versuchen, hinter das Geheimnis eines vermeintlich verfluchten Spiegels zu kommen, erlebte im Laufe des Festivals eine bilderbuchreife Mundpropaganda und durfte sich später über reißenden Absatz im Heimkinomarkt freuen. Eine Eintagsfliege? Mitnichten! Erst vor wenigen Wochen erwies sich die Neubesetzung des Regiestuhls innerhalb der „Ouija“-Reihe als echter Glücksgriff. Mike Flanagan beerbte Stiles White und legte mit dem Prequel zu „Ouija: Spiel nicht mit dem Teufel“ einen äußerst gelungenen, augenzwinkernden Nostalgie-Schocker vor, der das ohnehin starke Horrorjahr 2016 um einen weiteren gelungenen Beitrag ergänzte. Nun erscheint mit „Before I Wake“ Flanagans dritter Film, der eine größere Aufmerksamkeit genießen darf. Der in Teilen auch für das Drehbuch zuständige Regisseur kombiniert darin einmal mehr einen klassischen Schauerplot mit einer pfiffigen Grundidee und verankert das Ganze emotional im Hier und Jetzt. So weit, so ambitioniert. Doch an seine beiden hervorstechenden Arbeiten der letzten Jahre kann Flanagan deshalb nicht anknüpfen, da er bei den vielen feinen Ansätzen hier und da die Übersicht verliert. Bei aller Kritik ist „Before I Wake“ aber immer noch ein sehenswerter Gruselfilm, der vor allem von seinem starken Ensemble profitiert.

Jessie und Mark sind erst einmal fasziniert, als sie mit Codys Gabe konfrontiert werden...

Jessie und Mark sind erst einmal fasziniert, als sie mit Codys Gabe konfrontiert werden…

Jacob Tremblay ist gerade erst zehn Jahre alt geworden und gehört in Hollywood fast schon zu den alten Hasen. Nach seinem bahnbrechenden Auftritt im Oscar-prämierten Drama „Raum“ sind alle Augen auf den Dreikäsehoch gerichtet, der sich derzeit in gleich mehreren Genreproduktionen verdingt. Neben Naomi Watts spielt er im Psychothriller „Shut In“ (erscheint im Dezember) eine tragende Rolle, wenngleich auch er diesen am Drehbuch scheiternden Film nicht mehr retten kann. Mike Flanagans äußerst bedächtig erzählter Gruselhorror „Before I Wake“ hingegen profitiert auch in den schwächeren Passagen ganz klar von Tremblays schon jetzt an den Tag gelegter, reifer Präsenz, mit welcher er den verschüchterten Waisenjungen Cody verkörpert. Dieser hat die gefährliche Gabe, dass seine (Alb-)Träume zum Leben erwachen – und diese haben es mitunter ganz schön in sich. Im Kern von „Before I Wake“ steckt ein tiefschürfendes Familiendrama. Das beginnt schon damit, dass die von Kate Bosworth („Still Alice – Mein Leben ohne Gestern“) gespielte Mutter Jessie vor Monaten ihren Sohn verlor und in der Gabe ihres Adoptivsohnes Cody die Möglichkeit sieht, die schönen Erinnerungen an das traute Familienglück erneut in die Gegenwart zu holen. Den anklingenden seelischen Missbrauch von Cody streift das Drehbuch allerdings nur marginal auf, was sich im folgenden auch auf mehrere andere Handlungsstränge bezieht, die zwar angerissen, aber nicht zu Ende gedacht werden. Stattdessen verlagert sich der Fokus alsbald auf den wiederkehrenden Bösewicht Kinker Man, ein Abbild Codys finsterster Ängste, das den Jungen und sein Umfeld in penetranter Regelmäßigkeit heimsucht.

Die Erklärung, was hinter dem Kinker Man steckt, zeigt auf, welch tragische Nuancen in der Figur stecken. Als ebenso tragisch erweist sich aber auch die Tatsache, dass man ausgerechnet an seiner Gestalt erkennen kann, dass „Before I Wake“ nicht mit dem üppigsten Budget ausgestattet ist. So gefällt der Film zwar gerade in den Dramamomenten, die einen Großteil der im Trailer eher als Horrorreißer angekündigten Geschichte ausmachen, gleichzeitig leiden die punktuell eingeschobenen Gruselmomente unter den eher mäßigen Computereffekten. Im Kleinen – etwa bei der Animation der den Film symbolisch durchziehenden Schmetterlinge – fällt das gar nicht so sehr auf und lässt sich, wenn es denn so ist, noch verschmerzen. Doch je weiter „Before I Wake“ voranschreitet, desto größer wird der Raum, den das CGI einnimmt und entsprechend stark leidet die zuvor ausschließlich über die emotionalen Spannungen aufgebaute Atmosphäre. So kommt es, dass sich menschliches Drama und übernatürlicher Spuk so stark voneinander abgrenzen, dass der Film nicht den Eindruck eines großen Ganzen erweckt. Beide Parts funktionieren für sich, die qualitativen Schwankungen sind allerdings deutlich zu spüren.

Thomas Jane, Jacob Tremblay und Kate Bosworth bilden ein starkes Hauptdarstellergespann.

Thomas Jane, Jacob Tremblay und Kate Bosworth bilden ein starkes Hauptdarstellergespann.

Wenn im Finale schließlich die Herkunft des Kinker Man offenbart wird, gewinnt „Before I Wake“ im Nachhinein eine grausame Melancholie, die aus Flanagans Film weit mehr macht, als einen x-beliebigen Horrorfilm. Mit seinen poetischen, für einen Horrorfilm überraschend malerischen, farbenfrohen Bildern und einer ruhigen Sanftheit, die das Unheil nicht ausschließlich in übernatürlichen Sphären verankert, sondern in erschreckend simplen Alltagsdramen, wirkt „Before I Wake“ auch noch nach dem Finale lange nach. Dass das Leinwandgeschehen fiktiv und mit Fantasyelementen angereichert ist, wissen wir zwar. Doch Flanagans Produktion versinnbildlicht das buchstäbliche Päckchen, das wir alle zu tragen haben, so schön wie es seit „Der Babadook“ keinem Schauerfilm mehr gelungen ist. Dazu tragen auch die Darsteller bei. Neben Jacob Tremblay, der seinen Cody hervorragend zwischen Selbstzweifel, Unsicherheit und mutiger Cleverness anlegt (wie routiniert der kleine Mann alles Menschenmögliche unternimmt, um bloß nicht einzuschlafen, entlockt dem Zuschauer mehr als ein anerkennendes Schmunzeln), überzeugt vor allem Kate Bosworth als liebevolle Mutter, die ihre Mutterfigur mit viel Wärme ausstattet. Die tragische Seite ihrer Verzweiflung, die sie dazu bringt, Codys Gabe auszunutzen, bringt sie indes ebenso authentisch zum Ausdruck, wie Thomas Jane („Wie ein weißer Vogel im Schneesturm“) den Part des zwischen den Stühlen gefangenen Beobachters. Das Trio aus Mutter, Vater und Adoptivsohn überzeugt auf ganzer Linie. Lediglich dem Skript ist es zuzuschreiben, dass vor allem Jane insgesamt recht wenig zu tun hat und Bosworth gen Ende hin ein wenig zu stark in hysterische Gefilde abzudriften droht.

Fazit: „Before I Wake“ hat eine wunderschöne Grundidee und gefällt generell in seiner Aufmachung als ruhiges Horrordrama. Leider verlaufen viele erzählerische Ansätze im Sande und auch die technischen Effekte sind eher mau, sodass viel des Potenzials auf der Strecke bleibt.

„Before I Wake“ ist ab dem 10. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Ein Kommentar

  • Schade, dass die Kinos in meiner Stadt nicht zu den auserwählten gehört, das klingt nämlich sehr interessant. Auch wenn nicht alles zu stimmen scheint. Aber bei welchem Horror-/Gruselfilm ist das schon der Fall.

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