Kategorie-Archiv: Videoabend

Videoabend: Martyrs U.S.

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich dem US-Remake des französischen Terrorfilms „Martyrs“, das seit dem 3. November 2016 auf DVD und Blu-ray Disc im Handel erhältlich ist.

Martyrs U.S.

Die 10-jährige Lucie kann aus einem einsam gelegenen Schuppen entkommen, in dem sie gefangen gehalten wurde. Tief traumatisiert kommt sie in ein Waisenhaus, wird aber permanent von schlimmen Alpträumen heimgesucht. Nur Anna, ein Mädchen in ihrem Alter, kann ihr dort Sicherheit bieten. Fast ein Jahrzehnt später kann Lucie (Troian Bellisario), noch immer von Dämonen verfolgt, die Familie aufspüren, die sie so gequält hat. Mit Annas (Bailey Noble) Hilfe kommt sie der qualvollen Wahrheit näher – und ihre Alpträume werden plötzlich ganz real. Lucies Pein von einst ist nämlich nur ein winziger Teil eines Experiments, anhand dessen eine Gruppe aus fanatischen Forschern versucht, hinter die Frage zu kommen, was auf der Schwelle zwischen Leben und Tod auf uns wartet. Und Lucie war den Qualen damals schon so nah, dass es sich die Täter nicht nehmen lassen können, dort anzusetzen, wo so einst aufgehört haben…

Tiberius Film bewirbt ihn wie folgt:

The Ultimate Horror Movie!

Kritik

Der französische Horrorfilm „Martyrs“ von Pascal Laugier gehört erwiesenermaßen zu den härtesten Produktionen, die es jemals auch nur in irgendein Kino geschafft haben. In Deutschland landete der Film direkt auf dem Index; frei erhältlich ist mit dem Erscheinen des US-Remakes allenfalls eine um sechs Minuten gekürzte Fassung ohne Jugendfreigabe. Wer allerdings das zweifelhafte Glück hatte, einmal in den noch viel zweifelhafteren „Genuss“ des von Verächtern irrtümlich dem Torture Porn zugeordneten Film gekommen zu sein, der wird so schnell nicht das Bedürfnis gehabt haben, ihn noch einmal zu sehen. Stellvertretend sei dafür gar nicht die Szene aller Szenen genannt, in der eine am ganzen Leib gehäutete (!) Frau an einem Kreuz aufgehangen wird; würde man diesen Moment nehmen, um das französische Original zu beschreiben, würde man den Kern des Projekts nämlich gar nicht erfassen. Viel schlimmer und deshalb eben absolut nicht erträglich, sind vor allem die dem voran gehenden Folterungen, die anders als in „Saw“ und Co. nicht mit irgendwelchen abstrusen Maschinen vorgenommen werden (woraus sich ja dann auch ein nicht zu leugnender Spaß beim Zuschauer ergibt), sondern durch Schläge, Essensentzug und Einzelhaft. Damit ist der europäische „Martyrs“ in der Aussage so etwas wie eine moderne Version von Michael Hanekes „Funny Games“, die da lautet: „Gewalt ist nicht konsumierbar“. Und da das US-Remake genau diese Botschaft mit Füßen tritt, die gezeigte Gewalt sehr wohl konsumierbar macht und das dann noch nicht einmal zeigt, um den Schwerpunkt dadurch woanders zu setzen, schlägt „Martyrs U.S.“ von den Gebrüdern Kevin und Michael Goetz auf ganzer Linie fehlt.

Die Krux an „Martyrs U.S.“ ist nämlich vor allem die, dass die beiden Regisseure zwar versuchen, ihren Film mit mehr inhaltlicher Substanz zu unterfüttern, als einen „normalen Torture Porn“, an Intensität gewinnt das Projekt dadurch aber nicht. Dafür sind die Dialoge und der Versuch, die Hintergründe des Grauens nachzuzeichnen, viel zu banal und eintönig. Zudem schaffen es die beiden Hauptdarstellerinnen in Ermangelung an Erfahrung nicht, das körperliche, vor allem aber das psychische Leid ihrer Figuren glaubhaft an den Zuschauer heranzutragen. Wenn Lucie vor Schmerzen schreit, weil man ihr bei lebendigem Leib ein Stück Haut aus dem Körper schneidet, erkennen wir in dem Zusammenhang natürlich die dahinter steckenden Qualen. Doch die das Geschehen ja erst so abgründig machende Zeit, die für das Brechen der Seele aufgewendet wird, wird in „Martyrs U.S.“ nicht aufgebracht. Auf eine lange Rückblende folgt das Aufeinandertreffen mit den Peinigern; erst in den letzten zwanzig Minuten wird das, wofür Pascal Laugier in seinem Film satte 100 Minuten aufgebracht hat, im Eilverfahren abgehandelt. Natürlich tun die Gewaltspitzen auch in diesem US-Remake beim Hinschauen weh. So einprägsam wie das französische Original kann er aber durch diese Form der Inszenierung nicht geraten. Da hilft es auch nicht, dass man hier erneut dazu übergeht, den dreckigen Look des europäischen Terrorkinos auf Hochglanz zu polieren.

MARTYRS U.S. stammt von Kevin Goetz und Michael Goetz, das Drehbuch schrieb Mark L. Smith. Der Cast besteht unter anderem aus Kate Burton, Troian Bellisario, Bailey Noble und Elyse Cole. Bei dem Film handelt es sich um einen Horrorfilm, produziert in den USA aus dem Jahr 2015. Der Film ist hierzulande ungekürzt auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich und ab 18 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt 86 Minuten.

Fazit

Das Original war in seiner Drastik, der anklingenden Perversion und der dahinter steckenden Entmystifizierung des Torture Porn ein Meilenstein des knallharten Terrorkinos. Das US-Remake ist nun weder ein auf die breite Masse abgestimmter Horrorfilm – dafür passiert innerhalb der knapp 90 Minuten einfach viel zu wenig. Noch trägt der hohe Dialoganteil etwas dazu bei, dass „Martyrs U.S.“ so etwas wie Substanz hätte. Somit ist „der ultimative Horrorfilm“ weder für Gewaltfetischisten einen Blick wert, noch für die Leute, die hoffen, dass die Macher den Kern des Originals auch nur im Ansatz irgendwie erfasst hätten. Finger weg!

Mein Tipp: muss man wirklich nicht sehen!

Videoabend: Fucking Berlin

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der deutschen Romanverfilmung „Fucking Berlin“, die seit dem 6. Oktober 2016 auf DVD und Blu-ray Disc im Handel erhältlich ist.

Fucking Berlin

Mathestudentin Sonja (Svenja Jung) ist neu in Berlin. Die Stadt ist für sie ein Rhythmus in Endlosschleife, dem sie sich hingibt. An der Uni lernt sie schnell neue Freunde kennen, mit denen sie die Hauptstadt aus immer neuen Blickwinkeln sieht. Als sie sich in den unnahbaren, aber umwerfenden Ladja verliebt, scheint alles möglich. Beide spüren den gleichen Beat und tanzen sich durch die Nächte, bis sie pleite sind und Sonja neugierig ist, wie weit sie für Geld gehen würde. Sie erhält ein Angebot, das so verlockend ist, dass sie es nicht ablehnen kann. Als ‚Mascha‘ steigt sie als Web-Stripperin ein, testet ihre Grenzen aus und macht in der ‚Oase‘, einem Puff in einem Berliner Ghetto schon bald alles mit. Ein Doppelleben beginnt, von dem sie nicht einmal ihrer besten Freundin Jule (Charley Ann Schmutzler) etwas erzählt. Doch sie droht schon bald aufzufliegen…

Kritik

Ursprünglich sollte die Romanverfilmung „Fucking Berlin“ im Herbst dieses Jahres ins Kino kommen. Sogar Pressevorführungen gab es, deren anschließende Meinungsäußerungen eingeladener Kollegen offenbar dazu beitrugen, die auf die Leinwand gebrachte Geschichte einer Studentin, die sich im Geheimen als Teilzeithure verdingt, nun direkt auf DVD und Blu-ray Disc erscheint. Und tatsächlich: „Fucking Berlin“ ist alles andere als das erwartbare, weichgespülte Großstadtmärchen, als welches man das Buch weitaus massentauglicher an den Zuschauer hätte herantragen können. Stattdessen inszeniert Florian Gottschick („Artisten“) seine erste, auch außerhalb von Arthouse-Programmkinokreisen für Aufmerksamkeit sorgende Regiearbeit als dreckiges, Konventionen scheuendes und bisweilen einfach nur widerlich-ungeschöntes Unterfangen, mit dem sich der geneigte Hochglanzproduktionsliebhaber bisweilen schon mal überfordert sieht. Gleichsam trifft er damit den Nerv, den schon die Autorin vor drei Jahren anvisierte. Nicht ganz so voyeuristisch und plastisch wie eine Charlotte Roche, dafür aber mit ähnlich wenig Hemmungen ausgestattet, entführte sie damals ihre Leser in die Schmuddelwelt der Berliner Hurenszene; und ließ zum Entsetzen vieler auch noch verlauten, dass das alles in Teilen gar nicht so schlimm war. Zu Beginn noch geblendet vom Rhythmus der In-City Berlin, begriff die unter dem Pseudonym Sonia Rossi auftretende Autorin erst nach und nach, in welchen gefährlichen Strudel am Rande der Legalität sich die Mathestudentin hier hineinmanövrierte. Auch „Fucking Berlin“ lässt diese Blendung erkennen, denn erst spät lässt Florian Gottschick die Stimmung von der standardisierten Berlin-Liebeserklärung hin zum Charakterdrama kippen. Doch genau so muss es für Sonia Rossi damals auch abgelaufen sein, sodass der Tonfallwechsel hier umso einprägsamer daherkommt.

Florian Gottschick setzt in „Fucking Berlin“ auf „Unter Uns“-Star Svenja Jung, die mit einer Sache so gar keine Probleme zu haben scheint: Nacktheit. Dasselbe gilt für sämtliche Nebendarsteller, denn das Drama geizt dem Thema entsprechend weder mit ausladender Freizügigkeit, noch mit der Erwähnung möglichst vieler Sexpraktiken. Das geht mitunter so weit, dass sich Hauptfigur Sonja in einer minutenlangen Bildmontage alle möglichen Fetische (von Gruppensex über das Einführen von Nagetieren) über sich ergehen lassen muss. Das muss man vertragen können und auch das anschließende Anpinkeln wird ohne das Absetzen der Kamera im Close-Up gefilmt. Gleichzeitig sind all diese Passagen handlungstreibend und finden nicht zum Selbstzweck ihren Platz im Film. Wodurch „Fucking Berlin“ hingegen viele Punkte verliert, sind die bisweilen arg konstruierten Dialoge, die im Zusammenspiel mit den weitestgehend unerfahrenen Schauspielern schon mal den einen oder anderen unfreiwilligen Lacher provozieren. Im Großen und Ganzen findet „Fucking Berlin“ aber zu einer interessanten, den Zuschauer ein ums andere Mal vor den Kopf und in den Magen stoßenden Form, die in Großteilen tatsächlich auch von seinem Setting lebt: Berlin.

FUCKING BERLIN stammt von Florian Gottschick, der zusammen mit Sophie Luise Bauer Leonie Krippendorff und Dominik Stegmann auch das Skript zum Film schrieb. Der Cast besteht unter anderem aus Svenja Jung, Mateusz Dopieralski, Christoph Letkowski, Rudolf Martin und Charley Ann Schmutzler. Bei dem Film handelt es sich um ein Drama mit Komödieneinschlag, produziert in Deutschland aus dem Jahr 2016. Der Film ist hierzulande ungekürzt auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich und ab 16 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt 100 Minuten.

Fazit

Darstellerisch und inszenatorisch bisweilen holprig, lässt „Fucking Berlin“ doch im Großen und Ganzen die Verwirrtheit erkennen, mit der die Romanautorin die gleichnamige Autobiographie einst verfasste. Genau diese Unsicherheit, gepaart mit kaum zu bändigendem Tatendrang, schwer einschätzbarer Euphorie und tragischer Dramatik springt direkt auf den Zuschauer über. Das ist nie bequem, aber immer überraschend authentisch.

Mein Tipp: kann man kaufen!

Videoabend Serienspecial: American Horror Story – Roanoke

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich der US-amerikanischen Horror-Serie „American Horror Story“, deren sechste Staffel seit dem 5. Oktober 2016 auf FX und ab dem 9. November im FOX-Channel zu sehen ist.

American Horror Story - Roanoke

Nach einem rassistisch motivierten Angriff auf den Afro-Amerikaner Matt (Cuba Gooding Jr.), beschließen er und seine liebende Frau Shelby (Sarah Paulson), sich zurückzuziehen und ein halb verfallenes, aber ehrwürdiges Anwesen im US-amerikanischen Hinterland auf Vordermann zu bringen. Doch die Idylle währt nur kurz, als Sarah eines Tages vom Geräusch aufs Hausdach fallender, menschlicher Zähne verschreckt wird. Fortan wird aus dem Traum vom ruhigen Einsiedlerleben ein Albtraum ungeheuren Ausmaßes. Auch seine von Matt zurate gezogene Schwester Lee (Angela Bassett) ist nur kurz skeptisch, bis eines Tages auf unerklärliche Weise ihre Tochter verschwindet. Matt, Shelby und Lee blicken mit Entsetzen auf die Ereignisse zurück, die das Team der Fernsehsendung „My Roanoke Nightmare“ nachstellt, um dem Zuschauer ebenjene Ereignisse so ungeschönt wie möglich zu präsentieren. Was ist auf dem Gebiet der ehemaligen Roanoke-Kolonie wirklich passiert?

Kritik

J.J. Abrams hätte es nicht besser machen können. Ließ er die Zuschauer noch lange nach dem Dreh seiner streng geheimen Projekte „Cloverfield“ sowie der von ihm produzierten Fortsetzung „10 Cloverfield Lane“ darüber im Unklaren, worum es sich hierbei überhaupt handelt, hielten auch die Macher von „American Horror Story“ Thema und Titel von Staffel sechs bis zuletzt unter Verschluss. Ganze 25 verschiedene Teaser wurden produziert, von denen lediglich einer tatsächlich auf die Geschehnisse der anstehenden Season hindeuten sollte. Von „Rosemaries Baby“-Interpretationen über an „Texas Chainsaw Massacre“ erinnernde Terror-Bilder bis hin zu einem über Eisenbahnschienen kriechende Nebel-Aliens klapperten die Serienschöpfer Brad Falchuk und Ryan Murphy einmal das gesamte Potpourri diverser Horror-Subgenres ab, um den Zuschauer bei völliger Ahnungslosigkeit in die neueste Season der aktuell meistdiskutierten Horrorserie der Welt zu entlassen. Kurz vor Beginn drang schließlich auch noch die vermeintlich sichere Information an die Öffentlichkeit, „American Horror Story“, Staffel sechs trüge den Titel „The Mist“ (zu Deutsch: der Nebel); alles falsch. Entsprechend formidabel kam die letztendlich „Roanoke“ betitelte Season  in den USA aus den Startlöchern. Die erste Episode „Chapter 1“ startete auf seinem Heimsender The FX stärker als sämtliche Auftaktfolgen der bisherigen „AHS“-Staffeln und schon kurz nach der Ausstrahlung veröffentlichten die offiziellen Social-Media-Kanäle des Formats vielsagende Grafiken eines von Nägeln durchbohrten Smartphones als Hinweis darauf, sämtliche sozialen Netzwerke zu meiden, sollte man den Serienauftakt nicht im linearen Fernsehen gesehen haben.

Zunächst einmal ist der Titel „Roanoke“ nicht wesentlich aussagekräftiger als die vollkommene Weigerung vor der Weitergabe näherer Informationen. Wusste man im Falle der vorherigen Staffeln „Murder House“, „Asylum“, „Coven“, „Freak Show“ und „Hotel“ wenigstens im Ansatz, wo man das Geschehen der kommenden Folgen einordnen musste, wird „Roanoke“ auf den ersten Blick wohl nur all jenen ein Begriff sein, die im weitesten Sinne aus der Gegend dieser verlorenen Kolonie vor der Ostküste des Bundesstaats North Carolina stammen. Schon eher ein Begriff mag da der Begriff CROATOAN sein; nicht zuletzt deshalb, weil er mehrmals in der beliebten Fantasyhorror-Serie „Supernatural“ aufgegriffen wurde. Doch die Roanoke-Kolonie fand auch anderorts popkulturelle Verwendung; zu unheimlich sind die Legenden, die sich um sie ranken. „Andromeda“, „Sleepy Hollow“, „Haven“, aber auch Filme wie „Mindhunters“ oder „Die Herrschaft der Schatten“ griffen auf, was hier Ende des 16. Jahrhunderts geschah. Das frühere Wohngebiet der Roanoke-Indianer wurde mehrmals zu besiedeln versucht. Beim ersten Mal folgte auf den falschen Zeitpunkt das Ausbleiben der Ernte, beim zweiten Versuch jedoch verschwanden die rund 120 Sieder spurlos und hinterließen lediglich das in einen Holzpfahl eingeschnitzte Wort CROATOAN, das später wahlweise einem Fluch, einer Krankheit oder einem Indianerhäuptling zugeordnet wurde, in Wirklichkeit aber den Namen einer nahegelegenen Insel beschrieb. Für die sechste Staffel von „American Horror Story“ verschlägt es ein Pärchen namens Matt (Cuba Gooding Jr.) und Shelby (Sarah Paulson) in ein verlassenes Herrenhaus in dieses Gebiet; „Roanoke“ erzählt unter Berufung auf wahre Ereignisse vom Terror und Spuk, die das junge Paar über sich ergehen lassen musste und lässt die echten Matt und Shelby dieses Geschehen parallel dazu kommentieren.

American Horror Story - Roanoke

Zugegeben: Es sind nicht wirklich die echten Matt und Shelby, die in der sechsten Staffel von „American Horror Story“ immer wieder aus dem Off oder vor einer Kamera sitzend davon erzählen dürfen, was ihnen einst in dem Anwesen passierte. Die beiden werden von Lily Rabe und André Holland verkörpert. Ein interessanter, inszenatorischer Kniff ist es dennoch, wenn sich die ohnehin schockierenden Schilderungen des Paares mit den noch weitaus drastischeren (nachgestellten) Geschehnissen in der Fiktion abwechseln. Inwiefern sich die Ereignisse abseits dieser True-Events-Behauptung tatsächlich so oder ähnlich zugetragen haben, darüber schweigen sich die Macher des Formats bisher aus. Trotzdem kam es in der Vergangenheit immer wieder zu unheimlichen Vorkommnissen in der Roanoke-Region, sodass es vielleicht gar nicht unbedingt eines konkreten Ereignisses bedürfte, um „Roanoke“ mit zusätzlicher Spannung zu unterfüttern, indem man sich auf wahre Ereignisse beruft.

AMERICAN HORROR STORY – ROANOKE stammt von Ryan Murphy und Brad Falchuck. Das Skript zu den ersten Serienepisoden schrieb Tim Minear. Unter den Darstellern finden sich Sarah Paulson, Lily Rabe, Kathy Bates, Cuba Gooding Jr., André Holland, Denis O’Hare, Wes Bentley, Angela Bassett, Adina Porter und Colby French. Bei der Serie handelt es sich um eine US-amerikanische Horror-Produktion aus dem Jahr 2016. Die Serie ist hierzulande ab dem 9. November im FOX Channel zu sehen und ab 18 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt pro Folge rund 40 Minuten.

Mit diesem halbdokumentarischen Erzählstil (bei dem, und das dürfte viele Zuschauer sicherlich freuen, nicht auf den hier gern gewählten Ansatz der Found-Footage-Inszenierung zurückgegriffen wird) gelingt es den Machern, eine besondere Form der Authentizität zu wahren. Immer und immer wieder machen uns die „echten“ Matt und Shelby deutlich, wie unglaubwürdig das Geschehen klingt, nur damit sich die das Geschehen nachstellenden Matt und Shelby anschließend zeigen, dass es doch sehr wohl so war, wie man es uns erzählt. Denn das, was in „Roanoke]“passiert, präsentiert sich in einer Suspense-Dichte, von der sich das moderne Horrorkino eine Scheibe abschneiden kann. Ohne auf allzu vorhersehbare Jump-Scares zu setzen, reihen die Macher einen symbolhaften Schock an den nächsten (vor allem das eigentlich als Liebessymbol und Glücksbote verstandene Schwein scheint hier noch eine große Rolle zu spielen), ohne dabei zu vergessen, dass auch der gruseligste Spuk mit einer Story untermauert werden sollte, damit er noch besser funktioniert. Entsprechend konzentriert sich „American Horror Story – Roanoke“ anders als die letzten Staffeln deutlich gezielter nur noch auf wenige Figuren. Neben Matt und Shelby erhält wenig später auch die als Skeptikerin angelegte Lee (Angela Bassett/Adina Porter), Matts Schwester,  Einzug in das Anwesen, deren Background als Alkoholikerin und allein erziehende Mutter das Geschehen noch stark beeinflussen wird. Von Kathy Bates gibt es in den ersten beiden Episoden noch wenig zu sehen, doch soviel sei verraten: Die Gute scheint die Seiten gewechselt zu haben.

Fazit

Obwohl wir in den ersten beiden Folgen (die übrigens ohne die kultige Vorspannsequenz auskommen mussten – ein wenig hoffen wir aber schon noch, dass sich das in den kommenden Episoden ändern wird) bereits einen Einblick darin erhielten, auf welche erzählerischen Pfade uns „Roanoke“ mitnehmen wird, waren „Chapter 1“ und „Chapter 2“ so voller verschiedener Nebenschauplätze, dass sich noch überhaupt nicht absehen lässt, wovon die sechste Staffel nun überhaupt handelt. Mit Matt und Shelby sind die Protagonisten als Opfer eines furchtbaren Spuks festgelegt, doch eine unheimliche Legende um zwei mordende Krankenschwestern, grauenhafte Rituale im Wald, Visionen von abgetrennten Schweineschwänzen und eine verschwundene Tochter, die mit einer unsichtbaren Freundin spricht, deuten so viele, mitunter auch überhaupt nicht zusammenhängende Konfliktherde an, dass es uns gar nicht wundern würde, wenn sich letztlich doch herausstellt, dass alle 25 Teaser zu „Roanoke“ gehören. Mit der Konzentration auf nur wenige Figuren gehen die Schöpfer und Regisseure hier einen guten Weg, denn im Kern steckte in der Serie schon immer auch ein tiefgreifendes, menschliches Drama. Nie war das Suchtpotenzial von „American Horror Story“ höher, als in diesem.

Mein Tipp: unbedingt ansehen!

Videoabend: When Animals Dream

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich dem dänisch-französischen Horrordrama „When Animals Dream“, das seit dem 8. Januar 2015 auf DVD und Blu-ray Disc im Handel erhältlich ist.

When Animals Dream

Wie in Wasserfarben gemalt bewegt sich die raue Kulisse der dänischen Küste über die Leinwand. Die Wellen peitschen gegen Felsen, bärtige, muskelbepackte Arbeiter zerlegen Unmengen an Fisch und zwischen alledem steht die 16-jährige Marie (in einer grandiosen Debütrolle: Sonja Suhl). Unter ihren grobmotorisch veranlagten Kollegen irgendwie fehl am Platz wirkend, versucht sie, nicht aufzufallen. Doch mit ihrem zarten Erscheinungsbild bettelt sie nahezu um Aufmerksamkeit. Zuhause erwartet sie ihre im Rollstuhl sitzende Mutter (Sonja Richter), die in der Lethargie ihres beschränkten Alltags jedwede Lebensfreude verloren hat, sowie ihr Vater („Sherlock“-Bösewicht Lars Mikkelsen) Thor. In dieser grauen Tristesse vernimmt Marie alsbald Veränderungen an ihrem Körper. Hautausschlag und verstärkter Haarwuchs kündigen ein Unheil an, auf das nicht nur ihre eigene Familie seit jeher zu warten scheint…

 Prokino bewirbt ihn wie folgt: 

Nordischer Horror ist skandinavische Melancholie, die Schönheit unserer Natur und die Leere unserer Seelen, die nach Antworten sucht.

Kritik

Wenn der dänische Regie-Neuling Jonas Alexander Arnby eines versteht, dann ist es das Ausnutzen einer bestimmten Atmosphäre, um anhand dieser eine elektrisierende Geschichte zu erzählen. „When Animals Dream“ ist visuell von einer solchen Durchschlagskraft, dass das Storytelling schnell zur Nebensache wird. Schlussendlich schlägt der Filmemacher Kritikern gerade dadurch ein Schnippchen: Die Story seines neuen Projekts ist für sich allein stehend betrachtet nicht allzu außergewöhnlich, übt aufgrund ihrer Bildästhetik dennoch durchgehend eine enorme Faszination aus, sodass es fast scheint, als würde das Leinwandgeschehen die Sinne benebeln. Sonja Suhl lässt in ihrer Verkörperung der Marie Faktoren einer Alltagsheldin mit der einer nicht einzuschätzenden Gefahr vermischen. Dabei entsteht eine Anziehungskraft, die Suhl sämtliche ihrer Schauspielkollegen an die Wand spielen lässt. Lars Mikkelsen, Sonja Richter („Erbarmen“) sowie  Jakob Oferbro („Kon-Tiki“), der als ihr potenzieller Love Interest die Faszination für Marie wiederspiegelt, wirken neben Suhl wie hypnotisiert.

Bedächtig, fast lethargisch und ohne viel Dialog wird das Publikum Zeuge, wie eine junge Frau nicht nur unheimliche Veränderungen an sich selbst, sondern auch ihr sexuelles Verlangen entdeckt. Die Symbiose beider Elemente versteht Arnby in mehreren Szenen perfekt und ohne aufdringlichen Symbolismus einzufangen und zieht durch die Unberechenbarkeit der Prämisse die Spannungsschraube weiter an. So folgt „When Animals Dream“ zwar bewährten Horrortrends, gibt ihnen aufgrund von philosophischen Beiklängen allerdings eine vollkommen andere Bedeutung als andere Genrevertreter. Allzu viel sei dazu an dieser Stelle allerdings nicht verraten. Der beim Filmfestival in München einst seine Deutschlandpremiere feiernde Mystery-Horrorthriller ist aufgrund seiner auf den ersten Blick behäbig wirkenden Inszenierungsweise und der unkonventionellen Story gewiss kein Film für die breite Masse. Dabei ist „When Animals Dream“ in seinem Auftreten so einzigartig, dass die Nische möglicherweise einen neuen Kultfilmanwärter für sich finden wird. Ähnlich des Edel-Thrillers „Only God Forgives“, der mit Nicolas Winding Refn ebenfalls von einem experimentierfreudigen Dänen stammt, ist der Schlüssel zum Erfolg, sich voll und ganz auf das Szenario einzulassen.

WHEN ANIMALS DREAM stammt von Jonas Alexander Arnby, das Skript zum Film schrieb Rasmus Birch. Der Cast besteht unter anderem aus Sonia Suhl, Lars Mikkelsen, Sonja Richter, Jakob Oftebro und Stig Hoffmeyer. Bei dem Film handelt es sich um ein Horrordrama, produziert in Dänemark und Frankreich aus dem Jahr 2014. Der Film ist hierzulande ungekürzt auf DVD erhältlich und ab 16 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt 84 Minuten.

Fazit

„When Animals Dream“ ist vor allem eines: ein Erlebnis. Während sich der Kulisse schon ab der ersten Szene kaum jemand entziehen kann, kommt das Storytelling des 40-jährigen Dänen durchaus gewöhnungsbedürftig daher. Für ein Langfilmdebüt ist die inszenatorische Fokussierung beachtlich. Schnörkellos manövriert Arnby seinen grandiosen Cast durch eine einzigartige Geschichte, die in ein eindringliches und konsequentes Finale mündet.

Mein Tipp: kann man kaufen!

Videoabend: Das verborgene Gesicht

Kino ist teuer, mit einem gewissen Zeitaufwand verbunden und wer generell nicht gern unter Leute geht, der muss die Stoßzeiten meiden, um einen Film in Ruhe und ohne Störungen genießen zu können. Wenngleich die Videotheken nach und nach vom Online-Streaming verdrängt werden, geht doch nichts über einen gemütlichen Filmeabend auf dem heimischen Sofa. Obwohl die Auswahl riesig ist und Kinofilme immer schneller nach ihrem Start auch auf DVD und Blu-ray Disc erhältlich sind, lohnt sich sich ab und zu, einen Blick auf den Direct-to-Video-Markt zu werfen. Manchmal finden sich hier nämlich echte Perlen, ebenso sehr wie solche, die sich erst im Nachhinein als Rohrkrepierer erweisen. In meiner Rubrik VIDEOABEND möchte ich Euch jede Woche einen Film vorstellen, der es hierzulande nicht oder nur sehr limitiert ins Kino geschafft hat.

Diese Woche widme ich mich dem spanischen Drama „Das verborgene Gesicht“, das seit dem 25. Januar 2013 auf DVD im Handel erhältlich ist.

Das verborgene Gesicht

Adrian (Quim Guitiérrez), der gutaussehende Dirigent des Philharmonie-Orchesters von Bogota, und seine Freundin Belén (Clara Lago) wirken sehr verliebt, aber sein ständiges Flirten mit anderen Frauen lässt sie an seiner Treue zweifeln. Als sie einen geheimen, schalldichten Raum in ihrem gemeinsamen Haus entdeckt, beschließt Belen, Adrian heimlich zu testen, indem sie sich darin versteckt und vortäuscht, ihn verlassen zu haben. Versehentlich schließt sie sich jedoch ein und kann aus eigener Kraft nicht mehr aus dem Raum entkommen. Nach Beléns plötzlichem Verschwinden sucht Adrian Trost in den Armen der schönen Kellnerin Fabiana (Martina García). Doch während sie sich immer intensiver ihrer Leidenschaft hingeben, werden sie auch mit der Vergangenheit konfrontiert, und eine Reihe seltsamer Ereignisse im Haus beginnt, Fabiana zu terrorisieren.

Kritik

Spanischer Suspense hat schon lange (und endlich!) auch deutsche Lande erreicht. In den Zuschauerzahlen schlägt sich das zwar noch nicht unbedingt nieder, doch immerhin schaffen es spanische Produktionen jenseits des breiten Massengeschmacks – man denke nur an „Buried“ oder „Sleep Tight“ – in hiesige Programmkinos. Wo die Franzosen seit Jahren auf Rigorosität bauen, schlagen spanische Filmemacher sanftere Töne an. Dabei ist das, was sie Jahr für Jahr in die Lichtspielhäuser entlassen, zum Großteil Nervenkitzel auf Weltklasseniveau. Auch die weitestgehend unbekannte und hierzulande nur mit einer einstelligen (!) Kopienanzahl in den Kinos erschienene Regiearbeit von Andrés Baiz („Satanás“), „Das verborgene Gesicht“ macht da keine Ausnahme, obwohl es das Marketing dem Film einst unnötig schwer machte. Daher unser Tipp: Den folgenden Trailer bitte nicht vor dem Filmgenuss anschauen.

Als absolut unvoreingenommener Zuschauer ist „Das verborgene Gesicht“ nämlich ein Mysterythriller, der an Intensität und Überraschung kaum zu übertreffen ist. Auf die Szenerie eines Hauses beschränkt, liefert sich ein Cast aus einer Handvoll Schauspielern ein hochspannendes Verwirrspiel, das ohne das Wissen um die Hintergründe besonders deshalb so fein gerät, weil es auf subtile Gesten baut, deren Sinn und Unsinn sich erst mit der Zeit entschlüsseln. Und daher auch das große Manko: Schon die Trailer und zu detaillierte Filmbeschreibungen verraten viel zu viel, wodurch „Das verborgene Gesicht“ einen Großteil an Spannungspotential einbüßt. Dass Andrés Baiz bei aller Spoilerei dennoch ein feines Stück Suspensekino gelungen ist, liegt an den grandiosen Darstellern. Hierzulande unbekannt, bringen die unverbrauchten Gesichter Würze und Pepp in den auf simple Grundlagen bauenden Film, der mit seinen 92 Minuten genau die richtige Länge hat und viel über die Grundfesten einer Beziehung aussagt.

DAS VERBORGENE GESICHT stammt von Andrés Baiz, der auch das Skript zum Film schrieb. Der Cast besteht aus Martina García, Quim Gutiérrez, Clara Lago, Alexandra Stewart und Marcela Mar. Bei dem Film handelt es sich um ein Drana, produziert in Spanien aus dem Jahr 2011. Der Film ist hierzulande ungekürzt auf DVD erhältlich und ab 12 Jahren freigegeben. Die Länge beträgt 92 Minuten.

Fazit

Die Spanier können’s einfach! Ohne Vorwissen entfaltet „Das verborgene Gesicht“ einen finsteren Sog aus dunklen Sehnsüchtenm die sich in einem wendungsreichen, unvorhersehbaren Drama entladen.

Mein Tipp: kann man kaufen!

« Ältere Einträge Letzte Einträge »