Motherless Brooklyn

In seinem zweiten Spielfilm MOTHERLESS BROOKLYN wandelt Regisseur und Schauspieler Edward Norton auf den Spuren von Roman Polanskis „Chinatown“ und erlaubt sich eine tiefe Verbeugung vor den großen des Film Noir. Doch eine eigene Handschrift kann er damit (noch) nicht vorweisen. Mehr dazu verraten wir in unserer Kritik.

Der Plot

Lionel Essrog (Edward Norton) ist ein einsamer Privatdetektiv mit Tourette-Syndrom. Er folgt einem riskanten Vorhaben als er den Mord an seinem Mentor und einzigen Freund Frank Minna (Bruce Willis) aufzuklären versucht. Mit nichts weiter als einigen Hinweisen, aber befeuert von seinem drängenden, obsessiven Verstand deckt Lionel streng gehütete Geheimnisse auf, die entscheidend für das Schicksal und das Gleichgewicht von New York sind. Der rätselhafte Mord spült ihn in Gin-geschwängerte Jazzklubs in Harlem, in die unnachgiebigen Slums von Brooklyn und schließlich in die vergoldeten Säle der Mächtigen von New York. Um seinen Freund zu ehren, nimmt Lionel den Kampf gegen Gangster, Korruption und den gefährlichsten Mann der Stadt auf – und um die Frau zu schützen, die seine eigene Rettung sein könnte.

Kritik

Edward Norton („Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)“) ist in seinem Job als Schauspieler dafür bekannt, dass er den für seine Projekte zuständigen Regisseuren und Drehbuchautoren schon mal ungefragt ins Handwerk pfuscht. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis der dreifach Oscar-nominierte Superstar nach seinem unter Ausschluss der Öffentlichkeit gelaufenen Regiedebüt „Glauben ist alles!“ aus dem Jahr 2000 noch ein weiteres Mal auf dem Regiestuhl Platz nehmen und mit „Motherless Brooklyn“ nun erstmals ein eigens von ihm selbst verfasstes Skript auf die große Leinwand bringen würde. Angeblich wendete Norton über fünf Jahre Schreibarbeit am Drehbuch auf; dabei basiert „Motherless Brooklyn“ ursprünglich auf dem gleichnamigen Bestseller von Romanautor Jonathan Lethem. Der jahrelange Arbeitsaufwand mitsamt einigen markanten Änderungen im Vergleich zur Buchvorlage überzeugten den von Norton mitunter höchstpersönlich zusammengetrommelten Cast so sehr, dass ein Großteil des Ensembles gar auf seine Gage verzichtete, was das Projekt insgesamt kostengünstiger und somit weniger risikoaffiner für große Filmstudios machte. Diese Taktik ergibt Sinn, denn abgesehen von seinem spektakulären Hollywood-Allstar-Cast ist „Motherless Brooklyn“ kein so leicht an die Masse zu bringendes (und damit aus wirtschaftlicher Sicht lohnenswertes) Filmprojekt, sondern ganz ähnlich Martin Scorseses „The Irishman“, der ausschließlich über den Streamingdienst Netflix erscheint, weil sich partout keine große Filmfirma für eine Vermarktung finden ließ, ein Liebhaberprojekt, mit dem Norton seinen Status als Regisseur festigt, seine eigene Handschrift aus viel Liebe zur Vorbeugung vor dem Genre des Film Noir aber noch vermissen lässt.

Wer ermordete Frank Minna (Bruce Willis)?

Die wohl auffälligste Änderung gegenüber dem Buch: Ist die Geschichte ursprünglich im Jahr 1999 verortet, lässt Norton die Leinwandgeschehnisse allesamt 1957 stattfinden. Nortons eigenen Aussagen zufolge seien die späten Fünfzigerjahre ein deutlich glaubhafteres Pflaster für einen Film Noir, womit der Autorenfilmer die Form von Anfang an deutlich dem Inhalt unterordnet. Wenngleich Norton zu Beginn noch angenehm aufs Gas drückt, um einen kernigen, fast thrillerartigen Einstieg in die Geschichte zu kreieren (mitsamt Verfolgungsjagd und Schießerei, was möglicherweise falsche Erwartungen an das wecken könnte, was „Motherless Brooklyn“ in den darauf folgenden zwei Stunden eigentlich präsentiert), in dem die fortan als Plotmotor fungierende Frage nach Franks Mörder etabliert wird, stehen im Anschluss daran ganz andere Dinge im Fokus. Edward Norton tritt inszenatorisch stark auf die Bremse; Und „Motherless Brooklyn“ entwickelt seinen Reiz anschließend weniger aus Lionels Ermittlungen als daraus, wie Norton mit seinem Film ein emotionales Kaleidoskop Brooklyns kreiert. Wenngleich erst spät im Film herauskommt, dass Brooklyn früher auch mal Lionels Spitzname war (was den Charakterdrama-Part in „Motherless Brooklyn“ im Nachgang wunderbar mehrdeutig macht), charakterisiert der Titel des Werks auch den Film selbst. Wie so oft, wenn popkulturelle Arbeiten ortsbezogene Titel aufweisen, wird der entsprechende Handlungsort zu einer der Hauptfiguren. Auf seinem Streifzug durch den New Yorker Stadtbezirk gewährt uns Lionel tiefe Einblicke in die Lebensrealitäten der vorwiegend ärmlichen Distrikte, denen Norton die wohlsituierten Welten der politischen Entscheider gegenüberstellt. Zwischen den abgehobenen Machtinhabern und den sozial abgehängten Bürgern sucht Lionel verzweifelt nach Franks Mörder.

In durch den Tod seines Freundes gedrückter Stimmung wandelt Lionel durch Brooklyns Straßen. „Motherless Brooklyn“ lässt oft viele, viele Minuten verstreichen, in denen der Privatdetektiv zu von Blechbläsern dominierter Film-Noir-Musik (einmal mehr grandios das Flair des Films in Musik einfangend: „Codename U.N.C.L.E.“-Komponist Daniel Pemberton) Verdächtige verfolgt. Das ist zweifelsohne sehr atmosphärisch (Kamera: Dick Pope, „Der Junge, der den Wind einfing“). Auch die obligatorisch aus dem Off vorgetragenen Gedankengänge des Protagonisten folgen stets auf dem Fuß, wenngleich sich Norton bei der Zeichnung seines gebrochenen Helden vom Image des coolen Beobachters und Analysten lossagt, indem er ihn getreu der Vorlage mit einer Impulskontrollstörung, ähnlich dem Tourette-Syndrom, versieht. Die Figur des in seinen Gewohnheiten gefangenen und gleichermaßen aufopferungsvoll hinter der Lösung seines Falles herjagenden Detektivs verkörpert Edward Norton gewohnt stark und vollkommen frei von falscher Sentimentalität. Er verbrachte für die Vorbereitung seiner fordernden Rolle sogar Zeit mit echten Tourette-Kranken. Auch Anflüge von Humor erlauben sich die Macher im Anbetracht der mitunter durchaus zum Schmunzeln inszenierten Tics, aus deren Skurrilität Lionel nie einen Hehl macht. Das intim-emotionale Gegengewicht  dazu bilden ruhige, fast amouröse Momente zwischen ihm und der schönen (wenngleich zeitweise verdächtigen) Laura (Gugu Mbatha-Raw). In einer der berührendsten Szene etwa schildert der nach außen hin trotz des tragischen Verlusts stets souverän und schlagfertig auftretende Lionel etwa, dass er noch nie engeren Kontakt mit einer Frau hatte. Von solchen, dem Hauptcharakter auch abseits seines Jobs Profil gebenden Momenten hätte es in „Motherless Brooklyn“ gern mehr geben dürfen.

Laura (Gugu Mbatha-Raw) und Lionel (Edward Norton) kommen sich näher…

Überhaupt verlässt sich Edward Norton bei seinem ersten eigenen Film Noir so sehr auf die einzelnen Versatzstücke des Genres, dass er darüber die individuellen Stärken seiner Geschichte aus den Augen verliert. So hat man mehrmals das Gefühl, einige Handlungsstränge befänden sich nur deshalb im Film, weil sich das für eine Geschichte dieses Genres eben so gehört; Selbst wenn in der ohnehin üppigen Laufzeit von 144 Minuten nicht die Zeit dafür da ist, sich allen von ihnen mit der gleichen Aufmerksamkeit zu widmen. Andere Szenen wiederum haben zwar – wie etwa sämtliche Momente in einem schummerigen Jazzclub oder eine visuell zwar berauschende, später jedoch nie wieder aufgegriffene (Alb-)Traumsequenz, die Lionels Geist veranschaulicht – ihre Daseinsberechtigung als die Atmosphäre unterstreichende „Mood Pieces“, hätten aber auch deutlich die Hälfte der für sie aufgewendeten Zeit vertragen. Das macht „Motherless Brooklyn“ zu gleichen Anteilen zu kurz und zu lang. Edward Norton eröffnet ein mit persönlichen, politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sogar architektonischen Thematiken gespicktes Porträt einer Stadt, dessen Erzählkosmos Grundlage für eine ganze Serie bieten würde. Für einen einzelnen Film wiederum wirkt die Geschichte indes nahezu überladen, während die wirklich wichtigen Aspekte sich nicht voll entfalten können. So ist „Motherless Brooklyn“ letztlich vor allem eine von hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern getragene Nummernrevue, in der von Alec Baldwin („Mission: Impossible – Fallout“) über Szenendieb Willem Dafoe („Der Leuchtturm“) bis hin zu Bruce Willis („Death Wish“) in einem kleinen, an seinen letzten Schauspielrollen gemessen jedoch sehr ambitionierten Auftritt jeder seine Möglichkeiten hat, um zu glänzen. Das Problem ist hier also nicht die Form, sondern der Inhalt.

Fazit: Edward Norton vermischt die geläufigen Zutaten eines Film Noir und kreiert daraus seinen eigenen. Dass er das Genre versteht und liebt sieht man „Motherless Brooklyn“ an. Die erzählerische und inszenatorische Finesse großer Film-Noir-Beiträge kann sein erst zweiter Spielfilm jedoch noch nicht aufweisen. Dafür ist das zweieinhalbstündige Detektivdrama zu gleichen Teilen zu lang und zu kurz.

„Motherless Brooklyn“ ist ab dem 12. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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