Unsane – Ausgeliefert

In Steven Soderberghs iPhone-Thriller UNSANE – AUSGELIEFERT gerät eine junge Frau in die Fänge einer Psychoklinik und kann sich aus eigener Kraft nicht mehr befreien. Weshalb die Inszenierung die Geschichte schlägt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Sawyer Valentini (Claire Foy) ist eine junge, erfolgreiche Frau, die nach einem unangenehmen Vorfall ihre Heimatstadt verlässt. In der Fremde will sie ihre belastende Vergangenheit ein für alle Mal hinter sich lassen, einen neuen Job beginnen, glücklich sein. Nach wie vor unter Angstzuständen leidend, nimmt sie eines Tages die Dienste einer Therapeutin in Anspruch. Kurz darauf wird sie gegen ihren Willen in einer psychiatrischen Einrichtung festgehalten und mit ihrer größten Angst konfrontiert – aber ist sie real oder nur ihre Einbildung? Da anscheinend niemand bereit ist, ihr zu glauben und die Behörden ihr nicht helfen können oder wollen, muss sie sich mit ihren Ängsten direkt auseinandersetzen. Doch je tiefer Sawyer kramt, desto schlimmer wird es für sie…

Kritik

Steven Soderbergh wird fortan wohl kaum einer mehr Glauben schenken, sollte der Regisseur mit nunmehr 27 Spielfilmen auf dem Kerbholz noch einmal seinen Rückzug aus dem Hollywoodbusiness ankündigen. Nachdem er – auch aus einer gewissen Trotzreaktion heraus – zu Verstehen gab, dass sein in den USA bei HBO ausgestrahltes Künstlerbiopic „Liberace“ seine letzte Kinoarbeit gewesen sein sollte, gab er sich erst der Dramaserie „The Knick“ hin und begab sich mit dem Heist-Movie „Logan Lucky“ schließlich doch wieder zurück zu seinen „Ocean’s“-Ursprüngen auf der großen Leinwand. Als nächstes steht nun „Unsane“ an – ein Film, der vor allem aufgrund seiner Machart vorab für Aufmerksamkeit sorgte. Der Psychothriller rund um ein in einer Psychoklinik eingesperrtes Stalking-Opfer wurde nämlich einzig und allein mit dem Kameraprogramm eines handelsüblichen iPhones gefilmt; eine Technik, die Sean Baker mit seinem Drama „Tangerine L.A.“ etablierte. Dieses gestalterische Gimmick macht im Kontext zur Filmhandlung Sinn – der Wackelkamera-Look eines iPhones in Kombination mit einer normalen Erzählstruktur ermöglicht einem eine Art Found-Footage-Film nur ohne „Found“ (wer sollte in einem solchen Szenario schließlich die ganze Zeit versteckt filmen können?) und somit die größtmögliche Nähe zu den Figuren.

Auf der Station legt sich Sawyer (Claire Foy) schon bald mit anderen Patienten (hier: Juno Temple) an.

Das zentrale Thema, das Steven Soderbergh in „Unsane“ abhandelt, ist das Thema Stalking. Hauptfigur Sawyer wurde – so wird es früh im Film etabliert – monatelang durch SMS, E-Mails, Anrufe und Besuche vor Ort traumatisiert, wodurch sie selbst durch mehrere Umzüge und Ortswechsel an Verfolgungswahn und Angstzuständen leidet. Auch hierfür ist die Wahl der Handykamera als einziges Aufnahmegerät der Geschehnisse in „Unsane“ wie gemacht; in hollywoodtauglichen Hochglanzbildern, womöglich noch mit einem richtig fetten Budget dahinter, hätte es Peter Andrews (eines von vielen Kameramann-Pseudonymen Soderberghs) kaum fertiggebracht, eine derartige Beklemmung und Paranoia zu erzeugen, wie hier letztlich geschehen. Egal ob von Weitem durch Hecken und Büsche gefilmt, von einem Raum über den Flur in den nächsten oder einfach nur direkt hinter der Protagonistin stehend: Auch ganz unspektakuläre Aufnahmen erhalten durch den grobkörnigen iPhone-Look stets etwas Voyeuristisches. Um zu betonen, dass sich Sawyer auch wirklich zu jeder Sekunde ihres Lebens unwohl und verfolgt fühlt, ist das ideal – auch als Zuschauer fühlt man schon bald mit der Hauptfigur, was sich nicht ändert, als die junge Frau schließlich gegen ihren Willen in der Psychiatrie festgehalten wird.

Stimmig gelingt Soderbergh vor allem die erste Hälfte, aufgenommen in der Klinik. Nicht nur die Kulisse an sich entbehrt zu jedem Zeitpunkt etwas Unheimliches, ohne dass er gezielt mit übernatürlichem Schabernack nachhelfen müsste (für Insassen ist eine solche Einrichtung auch ohne das Bemühen abgegriffener Horrorelemente unangenehm genug). Auch der Strudel aus immer skurrileren Ereignissen, die die von Beginn an unschuldige Sawyer nach und nach in ein immer labileres Licht rücken, ist spannend und funktioniert als eine sich immer weiter zudrehende Spannungsschraube, da das Skript von Jonathan Bernstein und James Greer („Zum Glück geküsst“) zunächst sehr undurchsichtig mit der Frage spielt, ob Sawyer nicht vielleicht doch aus gutem Grund in die Psychiatrie eingeliefert wurde. Mit kleinen, intensiven Szenen streut Soderbergh gezielt Zweifel daran, dass das hier präsentierte Szenario tatsächlich so ist, wie es scheint; schließlich wird die Geschichte von Anfang an direkt aus der Sicht Sawyers erzählt und wenn in diesem Umfeld jeder an irgendetwas leidet, weshalb sollten dann nicht auch die Schilderungen der jungen Frau das verzerrte Abbild der Realität darstellen? Selbst wenn sich bereits ab etwa der Hälfte recht eindeutig aufzuklären scheint, was hinter den Methoden der Klinik zu stecken scheint, bleibt durch die konsequent aufrechterhaltende Spannung immer ein Restzweifel übrig; schade, dass Soderbergh diese herausragende Stärke seines Psychothrillers ab der zweiten Hälfte für sich alleine arbeiten lässt und sein eigener Antrieb nur noch daraus besteht, mit dem erzählerischen Part seiner Story vieles davon wieder zunichte zu machen.

Sawyer glaubt, in einem der Pfleger ihren Stalker zu erkennen. Spielt ihr ihre Wahrnehmung einen Streich?

Was als offene Frage von Beginn am im Raum steht und dadurch gleichermaßen für zusätzliches Unbehagen sorgt, ist die permanente Ungewissheit, ob Sawyer mit der Aussage, ihr Stalker würde sich unter den behandelnden Ärzten und Krankenpflegern befinden, Recht hat, oder ob ihr ihre Wahrnehmung einen Streich spielt. Die Antwort auf die Frage wollen wir an dieser Stelle zwar nicht verraten (auch wenn die Auflösung derart unaufgeregt daherkommt, dass wir uns nicht wirklich vorstellen können, dass Soderbergh hier davon ausgegangen ist, tatsächlich so etwas wie einen Twist abzuliefern), doch so viel sind wir unseren Lesern dann doch schuldig: Die Lösung des Rätsels kann mit der Inszenierung nicht mithalten. Mit Ausnahme eines herrlich bösen, gleichermaßen wunderbar überdreht-komischen Gastauftritts eines nur zu gut bekannten Hollywood-A-Ligisten verläuft „Unsane“ in der zweiten Hälfte derart geradlinig, überraschungsarm und dem Genre gegenüber pflichtbewusst konstruiert, dass darunter nicht zuletzt die Atmosphäre leidet. Das hanebüchene Finale erstickt schließlich auch den letzten Funken an Suspense. Dagegen anspielen, kann immerhin Serienstar Claire Foy („The Crown“). Sie mimt das bedauernswerte Opfer derart undurchsichtig und mit brodelnder Aggression, dass wir uns niemand Anderen in dieser komplexen Rolle vorstellen könnten.

Fazit: Style-over-Substance in Reinkultur – das technische Konzept hinter Steven Soderberghs mit einem iPhone gedrehten Psychothriller „Unsane – Ausgeliefert“ ist beispielhaft und sorgt genau für die Beklemmung, die in diesem Szenario angebracht ist. Schade, dass hinter der Geschichte nicht dieselbe Cleverness steckt.

„Unsane – Ausgeliefert“ ist ab dem 29. März in den deutschen Kinos zu sehen.

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