Der Mann aus dem Eis

In seinem Survivaldrama DER MANN AUS DEM EIS erzählt Regisseur Felix Randau die Geschichte des unter dem Namen Ötzi bekannt gewordenen Steinzeitmenschen Kelab. Welchen unkonventionellen Ansatz er dafür wählt, das verrate ich in meiner Kritik.

Der Plot

Vor 5.300 Jahren in der Jungsteinzeit. Eine Großfamilie lebt friedlich an einem Bach in den Ötztaler Alpen. Ihrem Anführer Kelab (Jürgen Vogel) obliegt es, den heiligen Schrein zu verwahren. Während Kelab auf der Jagd ist, wird seine Siedlung überfallen und die gesamte Sippe ermordet, darunter Kelabs Frau und sein Sohn. Auch das Heiligtum der Gemeinschaft wird geraubt. Getrieben von Schmerz und Wut hat Kelab nur noch ein Ziel – Vergeltung! Er folgt den Spuren der Täter. Auf seiner Odyssee durch das Gebirge ist er den Gefahren der Natur ausgesetzt. Ein tragischer Irrtum macht ihn selbst zum Gejagten. Schließlich steht Kelab nicht nur den Mördern seiner Familie, sondern auch sich selbst gegenüber. Wird er seinem Drang nach Rache nachgeben und selbst vom Opfer zum Täter? Oder gelingt es ihm, den ewigen Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen?

Kritik

Als Anfang der Neunzigerjahre die Gletschermumie Ötzi in den Ötztaler Alpen gefunden wurde, sorgte diese Entdeckung noch Jahre später für immer neue Erkenntnisse über das Leben in der frühen Steinzeit. Noch nie war ein so gut erhaltener Leichnam aus jenem Jahrhundert den Forschern zugänglich gemacht worden und ermöglichte wissenschaftliche Quantensprünge über Ernährung, Anatomie und Bekleidung des zum damaligen Zeitpunkt etwa 45 Jahre alten Mannes. Doch der in „Der Mann aus dem Eis“ Kelab getaufte Jäger und Familienvater starb nicht an Altersschwäche, sondern war das Opfer des aller ersten ungeklärten Mordfalls der Menschheitsgeschichte; ein Faszinosum für Regisseur und Autor Felix Randau („Northern Star“), der aus Fakten und Fiktion einen Survivalthriller kreiert hat, sich wie eine reduzierte Variante von Alejandro González Iñárritus „The Revenant“ daherkommt. In „Der Mann aus dem Eis“ schlägt sich Jürgen Vogel („Hexe Lilli rettet Weihnachten“) zunächst im Beisein von Kind und Ziege und schließlich allein durch die unwirtliche Alpen-Vegetation und sinnt verzweifelt nach Rache. Das Ergebnis ist eine optisch berauschende, erzählerisch unaufgeregte, dafür äußerst aufwändig inszenierte Tour-de-Force für Zuschauer mit Hang zum Perfektionismus.

Kelab (Jürgen Vogel) im Hochgebirge.

Zu Beginn von „Der Mann aus dem Eis“ weist eine Texttafel darauf hin, dass im Folgenden nicht deutsch gesprochen und die ohnehin wenigen Dialogpassagen auch nicht untertitelt werden. Ein Sprachwissenschaftler entwickelte für den Film eine Handvoll dramaturgisch irrelevanter Sequenzen, angelehnt an eine frühe Form des Rätischen; wann immer in „Der Mann aus dem Eis“ verbal miteinander kommuniziert wird, ergibt sich der Inhalt aus dem Zusammenhang. Das ist konsequent und funktioniert, könnte bei manch einem Zuschauer aber auch auf Irritation stoßen. Doch obwohl es zu Beginn einer kurzen Gewöhnungszeit bedarf, rückt die Wichtigkeit des Sprachverständnisses im weiteren Verlauf tatsächlich immer weiter in den Hintergrund, bis man schließlich kaum noch realisiert, dass man des Rätischen selbst gar nicht mächtig ist. Ein wenig komplexer erscheint da die Betrachtung der Schauspieler, denn so ganz ohne das Wissen um die richtige Betonung und Aussprache ist es nicht leicht, zu erkennen, wie passioniert und leidenschaftlich die Darsteller hier am Werk sind, oder ob sie nicht gerade nur auswendig gelernte Textpassagen von sich geben. Da passt es gut, dass „Der Mann aus dem Eis“ ohnehin die meiste Zeit ohne Sprache auskommt, denn sobald sich Jürgen Vogel in seiner Rolle des Kelab auf seine Rachemission begibt, entsteht der größte Reiz aus dem Zusammenspiel zwischen ihm und der Natur.

Gedreht wurde „Der Mann aus dem Eis“ an Originalschauplätzen. Und dieser Aufwand zahlt sich aus, denn tatsächlich ergibt sich durch die respekteinflößende Landschaft der Ötztaler Alpen mit ihren mächtigen Gebirgspanoramen eine visuelle Wucht, durch die die Hilflosigkeit des völlig auf sich gestellten Mannes noch einmal betont wird. Kelab ist in dieser Einöde völlig auf sich allein gestellt und den Witterungsbedingungen hilflos ausgeliefert. Gleichermaßen sorgt das Wissen um den Ausgang seiner Mission dafür, dass „Der Mann aus dem Eis“ eine Unberechenbarkeit besitzt, die sich für so eine minimalistische Geschichte perfekt anbietet. Dass man weiß, dass wir es bei Kelabs Mission um seinen Weg in den Tod zu tun haben, sorgt dafür, dass jedem Schritt und jeder Handlung seiner Person ein ungemeines Risiko innewohnt – so viel muss in dem Film also gar nicht passieren, damit sich eine allgemeine Grundspannung über die Leinwandereignisse legt. Letztere Annahme bewahrheitet sich schließlich, denn obwohl Felix Randau immer wieder einzelne Spitzen der Hysterie und Gewalt platziert, erfindet er mit „Der Mann aus dem Eis“ das Rad des Survivaldramas nicht neu. Da man über Kelab und seine Familie darüber hinaus so gut wie nichts erfährt, muss sich die Geschichte somit vor allem darüber retten, endlich mit Erkenntnissen aufwarten zu können, an denen sich bislang keiner bedient hat; schließlich ist „Der Mann aus dem Eis“ der erste deutsche Film überhaupt, der sich mit der Ötzi-Thematik auseinandersetzt.

Gosar (Martin Augustin Schneider), Tasar (Sabin Tambrea) und Krant (André M. Hennicke) hinterlassen einen Ort der Verwüstung.

Genau das passiert dann auch. Felix Randau weiß die Vorzüge seiner Regiearbeit hervorragend zu nutzen und galant über die dramaturgischen Schwächen von „Der Mann aus dem Eis“ hinwegzuhelfen. In Zusammenarbeit mit Kameramann (Jakub Bejnarowicz, „Feuchgebiete“), Setdesigner, Sprachwissenschaftler, Cast und mithilfe seines ausgeklügelten, reduzierten Skripts gelingt es ihm, ein über alle Maße authentisches Flair zu schaffen, das für sich genommen bereits spannend ist. In kleinen Details zeigt sich das Fingerspitzengefühl bei der Betrachtung der steinzeitlichen Lebensweisen, sodass man sich durchaus vorstellen kann, all das auf der Leinwand Gezeigte hätte sich tatsächlich vor über 5000 Jahren so abgespielt. Dazu passt es auch hervorragend, dass sich der durchgehend namhafte Cast nie als solcher erkennen lässt. Nicht bloß Jürgen Vogel ist in seiner Maskerade und Kostümierung kaum als er auszumachen. Auch Axel Stein („Simpel“), Susanne Wuest („Ich seh, ich seh“), André Hennicke („Das kalte Herz“) und Violetta Schurawlow („Allein gegen die Zeit“) stellen sich vollends in den Dienst ihrer Filmrollen und lassen sich erst im Abspann als sie selbst identifizieren. Eine mutige, voll und ganz im Sinne des Films getroffene Entscheidung des Regisseurs.

Fazit: „Der Mann aus dem Eis“ überzeugt weniger durch seine ausgeklügelte Geschichte oder den Umgang mit seinen Figuren. Dafür gelingt Regisseur Felix Randau ein technisch brillanter und bis zuletzt konsequenter Einblick in das Leben vor über 5000 Jahren, dem man den hohen Produktionsaufwand jederzeit anmerkt.

„Der Mann aus dem Eis“ ist ab dem 30. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen – auch im IMAX-Format!

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