Einsamkeit und Sex und Mitleid

Wir alle versuchen, unsere Neurosen, Ängste und Sehnsüchte so gut es geht vor Anderen zu verstecken. Was passiert, wenn man Menschen darauf reduziert und sie anschließend mit der Realität konfrontiert, das zeigt Regisseur Lars Montag in seinem phänomenalen Episodenfilm EINSAMKEIT UND SEX UND MITLEID, der vor allem eines erfordert: Mut! Mehr dazu in meiner Kritik.

Der Plot

Irgendwo in Deutschland leben Menschen wie Du und ich. Sie alle sind Gefangene in einem Netz aus Neurosen, Ängsten, aber auch aus Sehnsüchten und Träumen. Da ist zum Beispiel Ecki (Bernhard Schütz). Ecki, 55, war mal Lehrer. Und zwar ein guter. Bis dieses Mädchen behauptet hat, er habe sie angegrapscht. Eine dreiste Lüge! Dann wäre da noch Thomas, 43  (Jan Henrik Stahlberg). Thomas ist ein echter Mann. Angst? Fehlanzeige. Er passt auf Carla auf. Mit Leuten mit Migrationshintergrund hat er es nicht so. Carla (Friederike Kempter), 27, will stark sein. Trotz der Sache mit dem Ausländer. Thomas hilft ihr dabei. Aber eigentlich kann das Carla auch ganz alleine. Auch Robert (Rainer Bock) hadert mit sich. Robert, 53, hat keine Struktur mehr (sagt seine Frau), aber Familie: Maschjonka (Maria Hofstätter), Swentja (Lily Wiedemann) und Sonja. Aber die brauchen ihn eigentlich nicht. Deshalb hätter er gern einen Freund. Seine ältere Tochter Swentja, 14, erhält von Mahmud (Hussein Eliraqui) ein unmoralisches Angebot. Da fühlt sie sich schon ein bisschen geschmeichelt. Johannes (Aaron Hilmer), auch 14, liebt Jesus. Aber noch viel mehr liebt er Swentja. Und da will er alles richtig machen. Aber wie geht das? Janine (Katja Bürkle), Ende 30, ist Künstlerin. Sie malt normale Menschen an und fotografiert sie anschließend. Alleine ist sie trotzdem. Aber es gibt ja diese Datingportale. Hier trifft sie Uwe (Peter Schneider) Anfang 30. Er ist Marktleiter im Supermarkt. Leider ist ihm seine Ehefrau Julia abhanden gekommen. Aber es gibt ja diese Datingportale…

Kritik

In der Berichterstattung über Lars Montags Kinodebüt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“, eine Verfilmung des gleichnamigen Romans von Helmut Krausser, zeichnete sich eine Sache schon früh ab: Hier scheint es kein Mittelmaß zu geben. Entweder liebt man die gewagt-provokante Episodenkomödie, die sich mit ihrem Hardcore-Humor eine bitterböse Abrechnung mit unserer Gesellschaft liefert, oder eben nicht. Das Gute daran: Egal dürfte einem der Film nicht sein. Das Schlechte: Wer von vornherein keine Lust hat, sich mit den ineinander greifenden Geschichten auseinander zu setzen, dem bleibt ganz schön viel verborgen. Schon das Buch zeichnete ein Sittengemälde von satirischer Genauigkeit, reduzierte die Menschen auf ihr Innerstes, um das Absurdeste an der menschlichen Existenz anschließend auf die volle Ladung Realität prallen zu lassen. Die hier agierenden Figuren sind in ihrem geballten Wahnsinn weit weg davon, ein Abbild von dem zu zeichnen, womit wir uns Tag für Tag in unserem Umfeld auseinander setzen. Doch was sehen wir, wenn wir mit Menschen interagieren? Wir sehen Masken, die den schönen Schein wahren sollen, wir sehen immer nur genau so viel, wie uns unser Gegenüber an Einblick gewährt. Und da Niemand in unsere Seele schauen kann, wir keinem verraten, wie intim eine Konversation gerade ist, fehlt es uns grundsätzlich an Wissen über unser Umfeld. Lars Montag reißt die Masken ab, gibt preis, was unsereins vielleicht gar nicht wissen will, platziert Humor und Tragik bewusst fehl, um aufzurütteln und tut das alles in einem Gewand, mit dem er den deutschen Betroffenheitsfilm an sich zusätzlich der Lächerlichkeit preisgibt. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ ist ein famoser Gefühlsritt, ein bravouröser Psychokrimi und ein schonungslos ehrlicher Mindfuck – aber nicht so, wie man ihn sich vorstellt.

Robert (Rainer Bock) hat bald nichts mehr – und sucht deshalb dringend einen Freund…

Lars Montag, der hier nicht bloß als Regisseur, sondern auch als Drehbuchautor auftritt, lässt in „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ zwar früh erkennen, dass der Zuschauer es hier mit einzelnen Episoden zu tun hat, doch lange Zeit scheinen diese lediglich fragmentarisch miteinander zu tun zu haben. Irgendwann zweifelt man sogar daran, ob überhaupt irgendeine Story mit einer anderen interagiert, weshalb der Aha-Effekt umso größer ist, wenn man entdeckt, wie penibel genau hier ein Zahnrad ins andere greift. Dabei müssen sich die Charaktere unterschiedlicher Geschichten nicht zwingend zufällig über den Weg laufen, um zu veranschaulichen, dass in „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ alles irgendwie miteinander zusammenhängt. Manchmal reicht schon die Erkenntnis, dass die Figuren A und B im selben Haus wie Figur C wohnen. Dabei inszeniert Montag die sich kreuzenden Handlungsverläufe alles andere als überraschend. Sein Film ist kein kontinuierlicher Twistride, dessen Reiz daraus besteht, die Zusammenhänge zu erkennen. All das funktioniert vielmehr wie ein nettes Gimmick – übrigens ebenso wie die sehr grobe Kapiteleinteilung des Films in die titelgebenden Passagen EINSAMKEIT, SEX und MITLEID. Man möchte die Willkür dieser Entscheidung zunächst belächeln (inhaltlich wie inszenatorisch ist es vollkommen irrelevant, in welchem Kapitel wir uns gerade befinden, denn die drei Oberthemen sind ohnehin zu jedem Zeitpunkt allgegenwärtig), doch dahinter steckt Kalkül; vielmehr greift der Inszenator hier nämlich bewusst auf derart vordergründigen Anspruch zurück. Auch das tragende Voice-Over, die bedeutungsschwangeren Zeitlupensequenzen oder die punktuell einsetzenden Choräle unterstreichen, über welche simplen Mechanismen Filme inszenatorisches Niveau vorgaukeln können, um damit zu verschleiern, wie banal der Inhalt eigentlich ist. Lars Montag dreht den Spieß nun um und wählt so gezielt wahllos aus dem großen Repertoire deutscher Arthouse-Filmer, dass die Cleverness und Absurdität in der Erzählung automatisch mit der Zuschauererwartung brechen. Inhaltlich fährt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ dann nämlich alles andere als gängige Genrestandards auf.

Nach dem Motto „Voll in die Fresse“ stößt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ damit automatisch all jene vor den Kopf, die sich sonst nur zu gern von den typischen Arten der deutschen Inszenierung einlullen lassen (um sich dann vermutlich im selben Moment darüber zu beschweren, dass das hiesige Kino ja so vorhersehbar sei). Lars Montag erzählt in seinem Film keine Liebesgeschichte, kein Charakterdrama, keine Komödie – im Grunde nichts, was man irgendwie in eine Schublade stecken könnte. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ blickt auf Menschen, denen ein entscheidender Wendepunkt im Leben bevorsteht und veranschaulicht die damit einhergehenden Gefühlsexplosionen mithilfe des Clashs aus Überzeichnung und Realismus. Wenn ein vom Leben enttäuschter Mittfünfziger mit Hang zu Aggressionen den halben Supermarkt auseinander nimmt, weil er eine bestimmte Chips-Marke nicht im Regal findet, dann platziert Lars Montag diese Szene bewusst so früh, um auf dieses in gewisser Weise noch recht realistische Szenario kontinuierlich einen draufzusetzen. Es folgen (Sex-)Dates in abgedrehten Hipster-Bars, eine emanzipierte Frau auf der Suche nach sexueller Selbstbestimmung mit sehr viel Anspruch bei der Wahl ihres Callboys oder die Diskussion, wo man hingehen soll, wenn Junge Mädchen für 100 Euro oral befriedigen will. Doch der Filmtitel käme nicht von ungefähr, würde Lars Montag das alles umspannende, mitunter sehr explizit dargebotene Thema Sex nicht bewusst so inszenieren und platzieren, dass man die Einsamkeit der Charaktere spüren und zeitgleich Mitleid für sie empfinden will. Nicht immer, denn der Film scheut nicht bloß die simple Schwarz-Weiß-Zeichnung, wenn es darum geht, die Charaktere zu formen. Das Skript weiß auch zwischen den Figuren und deren Handeln zu unterscheiden und macht aus einem Menschen, der einmal etwas Schlechtes gemacht hat, damit nicht automatisch einen profillosen Bösewicht.

Wir alle tragen Masken…

Mit Figuren in Filmen, die bewusst mit der Realität (einhergehend mit den hier existierenden Emotionen) brechen, ist das ja immer so eine Sache. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ buhlt zu keinem Zeitpunkt um die Sympathien der Zuschauer, wenngleich tatsächlich jeder in diesem riesigen Ensemble eine absolut formidable Leistung abliefert. Aber wie soll das auch gehen, wenn das, was die Charaktere hier tun, kaum zum Ankerpunkt für das Publikum werden kann? Wenn wir auf der Leinwand gerade das sehen, von dem – sind wir einmal ehrlich – sonst froh sind, es nicht zu sehen, wie kann man dann erwarten, dass uns ein ganzes Dutzend auf ihre Spleens reduzierter Menschen irgendwie persönlich abholen könnte? Lars Montag weiß um dieses Problem und legt seine Geschichte nicht als eine solche an, mit der man ausgiebig mitleiden müsse. Stattdessen sind es vielmehr die Situationen selbst und der nicht selten überraschende Ausgang der einzelnen Episoden, gepaart mit einem Humor, der weder politisch korrekt ist, noch sich um irgendwelche Altersgrenzen schert, durch welche „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ zu einem Film wird, der von der ersten Sekunde an paralysiert. Wir möchten fast davon sprechen, dass die Art, wie wir diese Geschichte aufnehmen, uns auch ein Stück weit selbst verrät. Ertragen wir es bis zum Schluss, das nackte Gefühlsleben der Welt auf uns wirken zu lassen? Oder sind wir eigentlich ganz froh darüber, dass wir in der Regel so etwas wie die „Gesellschaft light“ erleben? Lars Montag respektive Romanautor Helmut Krausser hat das Leitmotiv Sex also schon ziemlich smart gewählt. Denn der einzige Anlass, in welchem das vollständige Entblößen seiner selbst anerkannt ist, ist schließlich dieser.

Fazit: Mit seiner unverblümten Romanverfilmung „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ riskiert Regisseur Lars Montag viel – und gewinnt auf ganzer Linie. In mehreren Episoden entblößt die Hardcore-Komödie den Menschen an sich und gibt dabei nicht bloß unsere eigene Erwartung, sondern auch die Mechanismen des deutschen Anspruchskinos der Lächerlichkeit preis. Grandios!

„Einsamkeit und Sex und Mitleid“ ist ab dem 4. Mai in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

2 Kommentare

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