Der die Zeichen liest

Basierend auf einem Theaterstückt widmet sich der russische Regisseur Kirill Serebrennikov in DER DIE ZEICHEN LIEST einem radikalen Christen, der aufbegehrt, um sich für seinen Gott als Märtyrer zu opfern. Ein mutiges Kinoexperiment oder halbgare Effekthascherei? Das verrate ich in meiner Kritik.Die die Zeichen liest

Der Plot

Benjamin (Pyotr Skvortsov) ist Schüler an einer aufgeklärten, staatlichen Schule. Eines Tages weigert er sich, am Schwimmunterricht teilzunehmen und zwar nicht, weil der Anblick seiner minimal bekleideten Mitschülerinnen seine religiösen Gefühle verletzt. Benjamin ist konvertiert: zum Christentum und bedient sich ab sofort bei einer schier unendlichen Ressource der Aggression: der Bibel. Während sich seine Mitschüler weiterhin in Reih und Glied liberaler Unterrichtsführung dirigieren lassen, ist Benjamin auf Rebellionskurs, ein Missionar und Kreuzzügler, der gegen Homosexualität, geschiedene Frauen und Evolutionstheorie die eine oder andere Bibelstelle ins Feld zu führen weiß. So heftig und eloquent ist Benjamins Protest gegen den wissenschaftlichen Tenor der Schule, dass die Lehrerschaft bald ins Wanken gerät: die Mädchen müssen ab sofort in Badeanzügen schwimmen und das Kondom wird schließlich doch lieber aus dem Biologie-Unterricht verbannt. Für Benjamin reicht das allerdings noch lange nicht: ein wahrer Jünger Jesu lässt seine Feinde nicht ungeschoren davon kommen.

Kritik

Es ist schon jetzt einer der einprägsamsten Momente des internationalen Kinos, die man im Jahr 2017 zu Gesicht bekommen wird: Als sich der zum radikalen Christen entwickelnde Teenager Benjamin in einem seiner vielen brennenden Monologe darüber entrüstet, dass es in seiner Religion kaum mehr Märtyrer oder Gläubige gäbe, die bereit seien, für ihren Gott zu sterben, kommt man nicht umher, sich die Bilder des Weltgeschehens der vergangenen zwölf Monate zurück ins Gedächtnis zu rufen. Ein Film wie „Der die Zeichen liest“ kommt in einem denkbar günstigen Moment, denn kalt lassen wird einen der Film von Kirill Serebrennikov („Izmena“) ganz gewiss nicht. Dabei ist es schon verwunderlich, wie weit die Kunst der Realität wieder einmal voraus ist. „Der die Zeichen liest“ ist trotz der inhaltlichen Aktualität nämlich keineswegs ein Resultat auf den auf dem Vormarsch befindlichen religiösen Terror, sondern existiert bereits seit 2012 als Theaterstück, geschrieben Marius von Mayenburg. Serebrennikov verlagert die Geschehnisse in seiner Interpretation des im Original „Märtyrer“ betitelten Stückes nun an eine russische Schule der Gegenwart und lässt einen augenscheinlich ganz gewöhnlichen Teenager zum selbsternannten Missionar werden. Viel interessanter als der Sinneswandel seines Protagonisten gerät allerdings das Geschehen im Hintergrund – „Der die Zeichen liest“ ist weniger eine Erklärung dafür, weshalb Derartiges passiert als vielmehr eine Satire darauf, wie unsere stets um political correctness bemühte Gesellschaft daran scheitert, dagegen an zu gehen.

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Als Benjamins Mutter Elena (Yulyia Aug) von den Eskapaden ihres Sohnes erfährt, reagiert sie entsetzt.

Der hier auch als Drehbuchautor tätige Kirill Serebrennikov nimmt sich keine Zeit für eine lange Exposition: Bereits in der aller ersten Szene etabliert er das Szenario eines rebellierenden Kreuzzüglers, der sich von jetzt auf gleich einer ganzen Religion verschworen hat. Dass Benjamin vor seinem Sinneswandel offenbar ein total lieber und netter Junge gewesen sein muss, entnimmt man als Zuschauer einzig und allein der Reaktion der Mutter (Yuliya Aug), die vollkommen damit überfordert scheint, dass ihr Junge plötzlich derart religionsvernarrt ist. Als Kommentar auf die immer mehr auf sich allein gestellte Jugend kann man das so stehen lassen, doch ein Bezug zur Figur ist nahezu unmöglich. „Der die Zeichen liest“ involviert den Zuschauer nur ungern ins Geschehen – und das Publikum bleibt stetig ein vollkommen passiver Betrachter. Anklingende Sympathien macht der zwischen Aggression und Naivität schwankende Benjamin konsequent zunichte; als einzigen Anhaltspunkt für die Entfremdung zwischen Mutter und Sohn liefert der Film allenfalls die Scheidung von Benjamins Eltern, doch auch diesen Punkt reißt Serebrennikov nur an. „Der die Zeichen liest“ ist daher kein Film für Zuschauer, die sich um eine Bindung zu handelnden Figuren bemühen. Während sich Benjamin vollständig davon entsagt, bleiben die Nebencharaktere auf ihren Status als Plot-Triebfeder reduziert. Das reicht, um die Handlung voran zu treiben und den Fokus nie vom Wesentlichen zu nehmen, doch ein emotionaler Zugang zu den Geschehnissen bleibt dem Zuschauer bis zuletzt verschlossen.

Allzu wichtig nimmt „Der die Zeichen liest“ die Figuren selbst also nicht. Stattdessen rückt Kirill Serebrennikov die Hilflosigkeit von Benjamins Umfeld in den Fokus, das sich erschreckend leichtfertig den mitunter obskuren Forderungen des Teenagers beugt. Mag es noch ein kleines bisschen nachvollziehbar sein, dass sich konservative Lehrerinnen davon beeindrucken lassen, wenn ein Jugendlicher die Bikini-Bekleidung seiner Mitschülerinnen als belästigend empfindet, nehmen die Reaktionen auf Benjamins Forderungen sukzessive immer groteskere Züge an. Als sich die Schulleiterin gar dazu durchringt, nicht bloß die Evolutionslehre, sondern auch die Theorie der Gott’schen Erdschöpfung im Unterricht lehren zu lassen, ist der satirische Wert von „Der die Zeichen liest“ enorm. Serebrennikov legt den Finger in die Wunder unser aller Verführbarkeit und trifft inszenatorisch noch klarere Aussagen, wenn er die zitierten Bibelverse Benjamins mithilfe von Einblendungen als tatsächlich existent entlarvt. Der Junge mag den Inhalt der Heiligen Schrift zwar für hanebüchenen Mummenschanz missbrauchen, mit dem er sich gezielt gegen wissenschaftliche Erkenntnisse stellt, doch vollkommen aus der Luft gegriffen, sind seine Aussagen nicht. So wird „Der die Zeichen liest“ von einer erschreckenden Klarheit umhüllt, die das Geschehen auf fast schon unangenehme Weise in der Realität verankert und den Zuschauer mehr als einmal denken lässt, dass dieses fiktive Szenario so auch an einer Schule um die Ecke stattfinden könnte.

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Der zurückhaltende Grischa (Aleksandr Girchilin) ist fasziniert vom Sinneswandel des willensstarken Benjamin (Pyotr Skvortsov).

In seiner Dramaturgie einer aus dem Ruder laufenden Lappalie erinnert „Der die Zeichen liest“ ein wenig an „Die Welle“; an die Qualitäten dieser Geschichte, insbesondere der aktuellsten aller Verfilmungen von Regisseur Dennis Gansel, kommt dieser Vertreter hier allerdings nicht heran. Dafür präsentiert sich das russische Drama nicht bloß zu emotionslos, auch der einen Tick zu deutlich formulierte Schlussakt und einige humoristische Einschübe wirken fehl am Platz. In beiden Fällen haben damit vor allem zwei Nebencharaktere zu tun: Da wäre auf der einen Seite Benjamins Kumpel Grischa (Aleksandr Gorchilin); ein von seinen Mitschülern gemobbter Außenseiter, der in Benjamin ein Vorbild sieht und sich durch sein Zutun die göttliche Heilung einer körperlichen Behinderung erhofft. Girchilin spielt seinen Grischa mit einer angenehmen Unbeholfenheit, findet in einigen schwarzhumorigen Momenten jedoch nicht das Fingerspitzengefühl, um sie komisch und nicht – wie nun – lächerlich wirken zu lassen. Auch die angedeuteten homoerotischen Tendenzen lässt das Skript vornehmlich Behauptung sein, dem Spiel des Darstellers fehlt es hier an Positionierung. Auf der anderen Seite ist da die sympathische (und offenbar als Einzige aufmerksame) Lehrerin Elena (Viktoriya Isakova), deren besonnene Wachsamkeit im letzten Drittel zu radikal in Hysterie abkippt. Auch das mag in gewisser Weise dem Szenario geschuldet sein – um die Authentizität der Geschichte zu unterstreichen, hätte jedoch ein gegenteiliger Kurs weitaus effektivere Arbeit geleistet.

Fazit: „Der die Zeichen liest“ ist eine erschreckend zeitgeistige Studie über religiösen Fanatismus, die noch einprägsamer wäre, wenn sich der Regisseur mehr um seine Figuren scheren und sie nicht bloß zum Spielball seiner gewiss cleveren Satire machen würde. Eine holprige Angelegenheit.

„Der die Zeichen liest“ ist ab dem 19. Januar in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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